MenuMENU

zurück

Stefan Fricke über die Anfänge der Internationalen Ferienkurse für Neue Musik Darmstadt (II)

Eine neue Generation gibt den Ton an

Stefan Fricke


Wolfgang Steinecke, Rudolf Kolisch und Theodor W. Adorno im Garten von Schloss Kranichstein. Signatur: IMD-B3000005. Datum: 1956

Im ersten Teil seines Vortrags über die Entstehung eines Festivals, das in aller Welt mit seiner Bestandsaufnahme des zeitgenössischen Komponierens auch richtungsweisend für die Entwicklung der Ernsten Musik gilt, hat der Musikjournalist und Rundfunkredakteur Stefan Fricke die ersten Jahre der Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik in den Blick genommen. Die Kurse boten in dichter Abfolge Instrumentalkurse, Vorträge, Konzerte und Analysen an. KomponistInnen brachten neu Geschriebenes oder Halbfertiges, das in Darmstadt mit jungen Musikern diskutiert, erarbeitet, geprobt und aufgeführt wurde. Hier ist der zweite Teil seines Vortrags.

 

Das Jahr 1952, der siebte Jahrgang der Ferienkurse, bedeutet eine kleine Zäsur in der Geschichte des Festivals, das bis dahin und in engstem Kontakt zur Stadt Darmstadt alle Hürden gekonnt aus dem Weg zu räumen wusste. 1952 erschien eine kleine Festschrift, in der sich viele der bisher aufgetretenen Protagonisten auf Bitte von Wolfgang Steinecke zu Wort meldeten: Man feiert Darmstadt, rühmt und lobt die großartige Unternehmung. Um Wortmeldungen hatte Steinecke auch sechs junge Komponisten gebeten, darunter Hans Werner Henze, der 1946 erstmals die Kurse besuchte, Luigi Nono, der zum ersten Mal 1950 zugegen war, und der Belgier Karel Goeyvaerts, dessen Darmstadt-Premiere ins Jahr 1951 fiel.


Pierre Boulez, Bruno Maderna und Karlheinz Stockhausen im Gespräch Signatur: IMD-B3003879. Datum: 1956

Die Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik, ihre Geschichte und ihre Geschichten, ihre Gründerjahre wie auch alle weiteren Jahrgänge, die mit Darmstadt eng verbundenen Musikbegriffe, die bahnbrechenden Vorträge und Werkanalysen, die ästhetischen Statements aus Komponist:innen- und Interpret:innenhand, die nur zum Teil überlieferten persönlichen Auseinandersetzungen, Konflikte und Freundschaften, die Aufführungen, das internationale Klima, die weltweite Ausstrahlung dieser Institution, der Mythos … – Die Ferienkurse bildeten und bilden noch heute ein riesiges Netz von Ereignissen, Episoden, kleineren musikgeschichtlichen Epochen der jüngeren und jüngsten Zeit. Nahezu jede musikalische Entwicklung, fast jede Strömung, beinahe jede Stilistik der emphatischen Neuen Musik seit 1945 lässt sich in Darmstadt verankern oder an Darmstadt exemplifizieren. Aber – und das ist eine grundsätzliche Frage, die man (und der man sich) auch stellen muss: Ist Darmstadt der Ort musikalischer Erfindungen gewesen?

Wohl kaum, und wenn doch, so doch nur äußerst selten. Das ist vielleicht bitter für all die, die in Darmstadt so etwas wie die wahre Innovationsschmiede sehen wollen. Ein Blick in die Wirklichkeit klärt auf. Darmstadt war bis 1970 der alljährliche, seither dann der zweijährliche Treffpunkt der Neuen Musik-Szene, eine Austauschbörse von Ideen sowie fertigen und in Arbeit befindlichen Konzepten, von Spieltechniken und Aufführungsmöglichkeiten. Darmstadt war und ist ein Präsentationsraum auch von Fundstücken und Archivalien, von vergessenen und wiedergefundenen Komponist:innen (die Thematik „Rückkehr aus dem Exil“ spielte eine sehr große Rolle in Darmstadt bis in die 1950er Jahre hinein). Aber reichen zehn bis vierzehn Tage pro Jahr (und dann biennal) aus, um komplett neue Ideen zu ersinnen, sie in Klang und Form zu bringen und sie sodann als Werk freizulassen? Wohl nur äußerst selten. Erfunden, angedacht und durchdacht hat man anderswo – in Köln, in Paris, in Venedig, in Athen oder wo auch immer die Komponisten lebten, Musik dort reflektierten und Musik dachten, innerlich hörten und daran arbeiteten. Die Resultate, die Notate wurden dann aber in Darmstadt gezeigt und teils dort auch aufgeführt, sie wurden im Kranichsteiner Klima, aber eben nicht nur ausschließlich hier, zur klingenden Musik. Was indes Darmstadt – im Jargon der Musikakteur:innen längst Synonym für die Ferienkurse – zweifellos gewesen ist und heute immer noch ist: Es ist die Drehscheibe der Neuen Musik. Von hier aus gingen – lange Zeit sogar nahezu exklusiv – musikalische Novitäten in die Welt. Und das eben nicht nur als gehörter Klang, mitgenommen als Partitur in die entlegensten Orte, sondern das Gehörte war beinahe stetig theoretisch untermauert, analytisches Wissen, ästhetisches Wissen wurde ebenfalls mittransportiert. Das führte bisweilen, auch in der offiziellen Musikgeschichtsschreibung, dazu, dass die Diskussionen über eine Komposition, über eine ästhetische Frage höher und nachhaltiger eingestuft wurden als die Musikwerke selbst. Oder man neigte dazu, die Musikstücke anhand der theoretischen Flankierung als etwas Unikates anzusehen, was sie womöglich ohne den Begleittext gar nicht wären. Es führte auch dazu, dass die Forschung gerne den Fokus auf die sogenannte „Darmstädter Schule“ richtete und richtet – also auf Boulez, Nono, Stockhausen –, sich aber weniger darum kümmerte, was es sonst noch während der Ferienkurse gab, wer die Außenseiter waren und warum. In diesem Feld kann man noch viele Entdeckungen machen. Ohne dieser gebotenen Abenteuerlust und ihren Erkundungen vorgreifen zu wollen: Das Ergebnis wird sein, dass Darmstadt nicht nur in der Gründerzeit, sondern auch danach weitaus bunter, schillernder und ästhetisch vielseitiger war, als man es gemeinhin vermeint. Und: Eine „Darmstädter Schule“ gab es nie, genauso wenig, wie es eine „Kölner Schule“ gab oder – um kurz die nähere Vergangenheit zu streifen – ein Zusammenschluss von Komponist:innen in den 1970er Jahren existierte, der sich „Neue Einfachheit“ nannte oder der unter diesem Label eine solche zu etablieren gesucht hätte. Auch die jüngere Geschichte kennt und produziert ihre Mythen.


Luigi Nono und Karlheinz Stockhausen in Darmstadt, Sommer 1957. Foto: Seppo Heikinheimo. Wikipedia

 

Was es allerdings gab – und wir befinden uns jetzt im Jahrgang 1953 der Ferienkurse –, war eine Retrospektive zum 70. Geburtstag von Anton Webern. Dessen Würdigung beinhaltete auch ein Gespräch über die Relevanz seiner Reihentechnik. Es diskutierten damals Nono, Stockhausen und Herbert Eimert, Redakteur beim damals noch so heißenden Nordwestdeutschen Rundfunk Köln (NWDR; später WDR) und Gründer des dortigen Studios für Elektronische Musik. Verlesen wurden zudem Texte von Goeyvaerts und Boulez. Die Beschäftigung mit Webern hinterließ deutliche Spuren. Anders gesagt: Die Komponist:innen bewegten sich schon in Weberns Pfaden, die sie fortan verfeinerten. Der Serialismus stand schon nicht mehr nur vor der Tür, sondern kurz hinter der Schwelle, was auch die Kurse und die Werke von Olivier Messiaen mit beförderten, ebenso die Diskussionen und Präsentationen elektronischer Musik, die seit den ersten Versuchen im Jahr 1950 ein fester Bestandteil der Ferienkurse wurde und die sich um das Innen- und Außenleben der Töne kümmerte.

Serialismus meint das kompositorische Prinzip, das die musikalischen Bausteine (oder Parameter) in Reihen ordnet: Tonhöhen (darauf beschränkte sich Schönberg), Tondauern, Lautstärken, Klangfarben und verschiedene Arten der Klangerzeugung. Auf der Basis von Zahlenreihen, mehr oder weniger komplexen mathematischen Prozessen und Permutationen lassen sich so mehr oder weniger Zahlengerüste erstellen, die dann in mehr oder weniger komplexe, aussagestarke oder auch aussageschwache Musikstücke münden. Jedenfalls ist die Operation mit vorabentworfenen Reihen und Modellen für alles in der Musik Vorab-Determinierbare ab Anfang der 1950er Jahre en vogue. 1952 proklamierte Pierre Boulez: „Wir wollen keine lächerliche Verteuflung betreiben, sondern nur den einfachsten Sinn für Realität sprechen lassen, wenn wir sagen, dass nach Entdeckungen der Wiener Schule jeder Komponist unnütz ist, der sich außerhalb der seriellen Bestrebungen stellt. (Was aber wiederum nicht heißen soll, dass im gegenteiligen Fall jeder Komponist nützlich ist.)“(12)

Der Ort, wo Boulez diese These publizierte, war übrigens nicht, wie so oft und bis heute fälschlicherweise angenommen, Darmstadt – er besuchte in jenem Jahr gar nicht die Ferienkurse –;der Aufsatz mit dem Titel „Schoenberg is dead!“ erschien in der englischen Musikzeitschrift The Score und artikulierte die geschichtsphilosophische Absage an den geistigen Vater, der dieses Denken in Bewegung gesetzt hatte. Anders gesagt, in den Worten von Heinz-Klaus Metzger: „Schönberg starb 1951, wenige Tage, nachdem der ‚Tanz um das goldene Kalb‘ aus ‚Moses und Aaron‘ von Scherchen in Darmstadt uraufgeführt worden war […]: ein unvergessliches Konzert. Ein paar Tage danach war Schönberg tot. Also wenn die Jüngeren das weitergedacht haben und darüber hinausgingen, – das ist natürlich so eine schöne, unblutige Generationenablösung, wenn die Vorgänger sowieso gestorben sind. Dann hat man die Stafette nicht entrissen.“(13)

Serialismus ist vielleicht, so mutmaßt die Musikologin Lydia Jeschke, das Reizwort der jüngeren Musikgeschichte.(14) Denn hierin begegnen sich höchste Ansprüche und größte Widersprüche. Einerseits die Idee einer Neuordnung der Musik, einer neuen gültigen Grammatik, objektiv und zeitlos. Andererseits der Vorwurf einer Geheimlehre, die zugleich noch sinnenfeindlich ist. Weder das eine noch das andere greift. Was indes gegriffen hat, ist, dass Darmstadt zum Hauptaustrageort für Diskussionen und Präsentationen serieller Musik wurde. Kaum ein anderes Thema wurde so ausdauernd und mithin auch spannend behandelt wie dieses, kaum ein anderes Kompositionsprinzip wurde von so vielen langweiligen und noch langweiligeren Musikstücken eingelöst wie von diesem. Gleichwohl gibt es auch ganz exquisite Kostbarkeiten, musikalische Edel- und Meilensteine, die sich dem seriellen Denken verdanken. Interessant ist, dass bis heute Komponist:innen ihre eigenen ästhetischen Positionen in Abgrenzung oder in Fortführung des Serialismus finden. Diejenigen, die den Serialismus ablehnen, sind meist auch Gegner der Ferienkurse. Bis heute – und das in munterer Unkenntnis, dass Darmstadt eben weitaus mehr Facetten besaß und besitzt als die der nie existiert habenden Darmstädter Schule. Und deren vermeintliche Protagonisten nahmen für sich gar nicht in Anspruch, jedenfalls nicht jederzeit, die einzig wahren musikalischen Allheilmittel zu kennen.

„Die Kranichsteiner Ferienkurse sind eine Notwendigkeit unserer Zeit. Begegnung von jungen Menschen in der Problematik der heutigen musikalischen Situation. Um das heutige Bewusstsein mitzuteilen, zu diskutieren und klarzumachen. Jeder teilt seine Geschichte, seine Herkunft, seine Sensibilität mit. Und die oft kontrastierende Verschiedenheit von musikalischen Erfahrungen trägt bei, zu einer Klärung in jedem von uns. Es gibt keine dogmatischen Wahrheiten, keine Nachschlagbücher für Formeln. Keine Schlüssel für Patentlösungen. Niemand hat die göttliche Offenbarung. Aber Grundlage ist ein strenges Studium, eine harte Disziplin in der Arbeit. Ein Bewusstsein, das Gedanken und Vernunft erobert haben und die Gefühlskraft. Notwendig ist immer und vor allem, die Vernunft zu benutzen, um das Warum und das Wieso der musikalischen Entwicklung und jeder Erfahrungen sachlich in ihrer Ursache, Herkunft und Tendenz zu verstehen. Notwendig ist, sich selbst zu erkennen; eine klare und präzise Verantwortung für das eigene Tun zu haben. Man lebt nicht zufällig, man tut nichts zufällig, sondern immer in einer bestimmten und bestimmenden Situation. Notwendig ist vor allem, die neue Gefühlskraft zu wecken, die allein Neue Musik zum Leben bringen kann.“(15)

Erstellungsdatum: 21.09.2026