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Ruthard Stäblein über Natur und Kunst des Südens

Elektrifizierte Lichtfülle

Ruthard Stäblein


Nizza, Platanenallee. Foto: Eva K. wikimedia commons

Die blaue Küste Frankreichs war in der 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts weithin noch zugänglich, bezaubernd und das Leben bezahlbar. Man hatte zwar Industriebauten im Rücken, aber noch nicht die destruktive Wirkung des Tourismus vor der Nase. Dass sich das grundlegend geändert hat, ist bekannt. Dennoch gibt es südprovençalische Landstriche, deren Kulturgeschichten in den herkömmlichen Urlaubsphantasien nicht vorkommen. Ruthard Stäblein hat einige ausfindig gemacht.

 

„Wir wollen nicht im morschen Baku,/ nein, in Nizza, dem hellen,/ mit den Mittelmeerwellen tanzen und tollen!“ – Von der Sehnsucht nach Nizza war schon der sowjetische Revolutionsdichter Wladimir Majakowski erfasst. Die mediterrane Welle, der Drang in den Süden, war vor Majakowski von den Malern van Gogh und Gauguin ausgelöst worden. Sie trafen in der Provence auf Licht und Freiheit.

Auguste Renoir, der mit Pastellfarben die runden Formen des Weiblichen, nach seinem „Urteil des Paris“, suchte, fand sein sonniges Glück an der Cote d‘Azur, der Blauen Küste. Er baute sich sein Domizil in Cagnes-sur-Mer, mit Olivenhain und Rosen und Blick aufs Meer. Heute wurde es sein Museum.


Pierre-Auguste Renoir: Landschaft in Südfrankreich (Cagnes-sur-Mer) 1911. Nationalmuseum in Warschau. wikimedia commons

 

Den Malern und Entdeckern folgten die Reichen, auch russische Kosmopoliten sowie Großfürsten und andere europäische Herrscher. Seit den 1880er Jahren trafen sie sich jeweils im Winter im Seebad von Nizza und begründeten das Renommee der Cote d‘Azur. Mit den ersten Schlafwagen erreichten die Küste jährlich schon zwanzigtausend Besucher. Seit den 2000er Jahren überschreiten sie die Dezimillion. Die Cote d‘Azur ist eine Beton- und Bettenburg geworden. Am Hafen von Saint-Tropez tanken flüchtige russische Milliardäre kistenweise Ruinart-Champagner und lassen Dieselauspuffgestank zurück. Am Kieselstrand von Nizza, an der „Promenade des Anglais“, brausen die Autos vorbei. Trotzdem kann man ab Mai dort baden. Besser man flüchtet sich auf den Schlossberg, wo schon die römischen Siedler die Invasion der Barbaren aus dem Norden überdauerten.

Nur außerhalb der Zentren, im Hinterland der Meeralpen, findet man noch die stille Heiterkeit von Landschaften, die Philosophen wie Friedrich Nietzsche und Maler wie Henri Matisse zu ihren reifsten Werken inspirierten. Nur wenn man den entlegenen Pfaden der Dichter und Künstler folgt, kann sich noch Besinnung und Gelassenheit einstellen. Zum Beispiel in dem Dorf Eze.

Nicht im Dorf selbst, in das die Touristenbusse angekarrt werden. Eze ist zu einem Freilichtmuseum mit Luxussuiten aufgestiegen und heruntergekommen. Alles wirkt gestellt und gestelzt. Ruhe gibt es dort nur noch auf dem Friedhof, der Modergeruch verbreitet.

Aber ich brauchte nur das Dorf zu verlassen, den „chemin de Friedrich-Nietzsche“ zu suchen, und ich war nach ein paar Minuten auf einem alten Maultierpfad, der von 423 Metern über dem Meeresspiegel direkt hinab an die Küste führt. Es war eine einzige Kniebreche, aber nach wenigen Minuten war ich alle kläffenden Köter und keifenden Gaffer los. „Fliehe, mein Freund in die Einsamkeit: ich sehe dich von giftigen Fliegen zerstochen. Fliehe dorthin, wo rauhe, starke Luft weht!“; schrieb Friedrich Nietzsche im „Zarathustra“. Beflügelt wurde er zu jenem Zarathustra auch auf eben diesem steinigen Weg von Eze, auf dem der alternde und mürbe gewordene Professor wieder eine jugendliche Spannkraft fühlte. Fünf Winter verbrachte Nietzsche in Nizza, wo ihn die „Lichtfülle elektrifizierte“:

„Das weiße Meer liegt eingeschlafen,

Und purpurn steht ein Segel drauf.

Fels, Feigenbäume, Turm und Hafen,

Idylle rings, Geblök von Schafen,-

Unschuld des Südens, nimm mich auf!“

Im hohen Süden suchte der „ängstliche Adler“, wie sein Biograph Werner Ross Nietzsche nannte, seine ständigen Krankheitsanfälle und Depressionen, sein „Hundeleben“ zu lindern: „Nizza übt genau wie im vorigen Winter einen überraschend-schnell-wohltätigen Einfluß – und ich begreife nunmehr, daß es die Lufttrockenheit ist, welche mich Nizza … lieben läßt: ich meine der lufttrockenste Ort der Riviera … thut meinem Kopf am wohlsten. … auch eine große Menge heller und reiner Tage… Es geht besser, die Anfälle sind hier viel seltener. An sich ist mir die Stadt Nizza gräßlich, ich verhalte mich defensiv und wie als ob sie nicht da wäre: mir liegt an der Luft und dem Himmel von Nizza.“ Schreibt er an seinen Freund Overbeck am 22.12. 1884.

Und an den plötzlich einbrechenden, scharfen Wind der Provence, „An den Mistral“ dichtete er folgendes „Tanzlied“:

 

„Mistral-Wind, du Wolken-Jäger,

Trübsal-Mörder, Himmels-Feger,

Brausender, wie lieb ich dich!

Sind wir zwei nicht eines Schoßes

Erstlingsgabe eines Loses

Vorbestimmte ewiglich?

 

Hier auf glatten Felsenwegen

Lauf ich tanzend dir entgegen,

Tanzend, wie du pfeifst und singst:

Der du ohne Schiff und Ruder

Als der Freiheit freister Bruder

Über wilde Meere springst.

 

Tanze nun auf tausend Rücken,

Wellen-Rücken, Wellen-Tücken –

Heil wer neue Tänze schafft !

Tanzen wir in tausend Weisen,

Frei – sei unsre Kunst geheißen,

Fröhlich – unsre Wissenschaft!“

 

„La gaya scienza“ – „Die fröhliche Wissenschaft“ beendet er im Oktober 1886 in Nizza. Sie gründet auf einer Religion der Kunst, die dem Leben zugewandt ist. „Ich könnte nur an einen Gott glauben, der tanzen kann“, bekennt Nietzsche.


Schloss Grimaldi in Cagnes-sur-Mer. Foto: Abxbay. Wikipedia


Wenn Picasso auf der Terrasse des Grimaldi-Schlosses von Antibes steht, so bewegt er sich auf antikem Grund, auf den Überresten einer griechischen Antipolis, eines römischen castrum über den französischen Festungsmauern von Vauban. Mythen der Vergangenheit vereint er mit der Gegenwart. Seine Bilder im Schloss von Antibes wimmeln von Faunen, die mit Doppelflöten nackten, schwerbusigen  Frauen zum Tanz aufspielen, wie in „La Joie de Vivre“ von 1946. Der Titel des Freskos auf Asbest-Zement fasst Picassos damalige „Lebensfreude“ nach der grauen Kriegsatmosphäre am Pariser „Quai des Grands Augustins“ zusammen. Seine damals 23-jährige Freundin erwartet ein Kind von ihm.

Ein Triptychon zeigt einen Satyr, einen Faun und einen Zentauren mit einem Dreizack als lustige Gesellen, wohl als Selbstbespiegelung zu verstehen. Am nahen Strand, so glaubt und malt er, begegnet Picasso der frischen Antike des Mittelmeers, der immerjungen Mythologie von Europa und dem Stier. Dort fotografiert ihn auch Robert Capa, wie er hinter seiner jungen Geliebten stolziert und sie mit einem riesigen Sonnenschirm beschützt.

Antike Mythen, das gegenwärtige, einfache Leben der Fischer, das Bestiarium des Mittelmeers, wie Fische, Ziegen oder eine Eule, die ihm einmal zufliegt, köstliche Meeresfrüchte wie Seeigel, die er in einem nahen, einfachen Strandcafé verspeist, werden zu Motiven seiner Werke von Antibes, die er mit einfachen Strichen und simplen Farben auf ein wesentliches Maß zurückführt. Alle verbindet eine Freude an der Fülle des Lebens, eine erotische Lust am Erzeugen. Erstrahlend durch das helle Licht am Mittelmeer.

Nur wer sich auf den Spuren der Künstler und Dichter dieser Südkunst bewegt, kann noch etwas von den Lichtstreifen der Cote d´Azur, der blauen Küste, erahnen, die sich hinter die Küstenmauer aus röstenden Körpern, Autobahnen und Hotelbunkern zurückgezogen hat.

 

 

Erstellungsdatum: 30.06.2026