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Die blaue Küste Frankreichs war in der 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts weithin noch zugänglich, bezaubernd und das Leben bezahlbar. Man hatte zwar Industriebauten im Rücken, aber noch nicht die destruktive Wirkung des Tourismus vor der Nase. Dass sich das grundlegend geändert hat, ist bekannt. Dennoch gibt es südprovençalische Landstriche, deren Kulturgeschichten in den herkömmlichen Urlaubsphantasien nicht vorkommen. Ruthard Stäblein hat einige ausfindig gemacht.
„Wir wollen nicht im morschen Baku,/ nein, in Nizza, dem hellen,/ mit den Mittelmeerwellen tanzen und tollen!“ – Von der Sehnsucht nach Nizza war schon der sowjetische Revolutionsdichter Wladimir Majakowski erfasst. Die mediterrane Welle, der Drang in den Süden, war vor Majakowski von den Malern van Gogh und Gauguin ausgelöst worden. Sie trafen in der Provence auf Licht und Freiheit.
Auguste Renoir, der mit Pastellfarben die runden Formen des Weiblichen, nach seinem „Urteil des Paris“, suchte, fand sein sonniges Glück an der Cote d‘Azur, der Blauen Küste. Er baute sich sein Domizil in Cagnes-sur-Mer, mit Olivenhain und Rosen und Blick aufs Meer. Heute wurde es sein Museum.

Den Malern und Entdeckern folgten die Reichen, auch russische Kosmopoliten sowie Großfürsten und andere europäische Herrscher. Seit den 1880er Jahren trafen sie sich jeweils im Winter im Seebad von Nizza und begründeten das Renommee der Cote d‘Azur. Mit den ersten Schlafwagen erreichten die Küste jährlich schon zwanzigtausend Besucher. Seit den 2000er Jahren überschreiten sie die Dezimillion. Die Cote d‘Azur ist eine Beton- und Bettenburg geworden. Am Hafen von Saint-Tropez tanken flüchtige russische Milliardäre kistenweise Ruinart-Champagner und lassen Dieselauspuffgestank zurück. Am Kieselstrand von Nizza, an der „Promenade des Anglais“, brausen die Autos vorbei. Trotzdem kann man ab Mai dort baden. Besser man flüchtet sich auf den Schlossberg, wo schon die römischen Siedler die Invasion der Barbaren aus dem Norden überdauerten.
Nur außerhalb der Zentren, im Hinterland der Meeralpen, findet man noch die stille Heiterkeit von Landschaften, die Philosophen wie Friedrich Nietzsche und Maler wie Henri Matisse zu ihren reifsten Werken inspirierten. Nur wenn man den entlegenen Pfaden der Dichter und Künstler folgt, kann sich noch Besinnung und Gelassenheit einstellen. Zum Beispiel in dem Dorf Eze.
Nicht im Dorf selbst, in das die Touristenbusse angekarrt werden. Eze ist zu einem Freilichtmuseum mit Luxussuiten aufgestiegen und heruntergekommen. Alles wirkt gestellt und gestelzt. Ruhe gibt es dort nur noch auf dem Friedhof, der Modergeruch verbreitet.
Aber ich brauchte nur das Dorf zu verlassen, den „chemin de Friedrich-Nietzsche“ zu suchen, und ich war nach ein paar Minuten auf einem alten Maultierpfad, der von 423 Metern über dem Meeresspiegel direkt hinab an die Küste führt. Es war eine einzige Kniebreche, aber nach wenigen Minuten war ich alle kläffenden Köter und keifenden Gaffer los. „Fliehe, mein Freund in die Einsamkeit: ich sehe dich von giftigen Fliegen zerstochen. Fliehe dorthin, wo rauhe, starke Luft weht!“; schrieb Friedrich Nietzsche im „Zarathustra“. Beflügelt wurde er zu jenem Zarathustra auch auf eben diesem steinigen Weg von Eze, auf dem der alternde und mürbe gewordene Professor wieder eine jugendliche Spannkraft fühlte. Fünf Winter verbrachte Nietzsche in Nizza, wo ihn die „Lichtfülle elektrifizierte“:
„Das weiße Meer liegt eingeschlafen,
Und purpurn steht ein Segel drauf.
Fels, Feigenbäume, Turm und Hafen,
Idylle rings, Geblök von Schafen,-
Unschuld des Südens, nimm mich auf!“
Im hohen Süden suchte der „ängstliche Adler“, wie sein Biograph Werner Ross Nietzsche nannte, seine ständigen Krankheitsanfälle und Depressionen, sein „Hundeleben“ zu lindern: „Nizza übt genau wie im vorigen Winter einen überraschend-schnell-wohltätigen Einfluß – und ich begreife nunmehr, daß es die Lufttrockenheit ist, welche mich Nizza … lieben läßt: ich meine der lufttrockenste Ort der Riviera … thut meinem Kopf am wohlsten. … auch eine große Menge heller und reiner Tage… Es geht besser, die Anfälle sind hier viel seltener. An sich ist mir die Stadt Nizza gräßlich, ich verhalte mich defensiv und wie als ob sie nicht da wäre: mir liegt an der Luft und dem Himmel von Nizza.“ Schreibt er an seinen Freund Overbeck am 22.12. 1884.
Und an den plötzlich einbrechenden, scharfen Wind der Provence, „An den Mistral“ dichtete er folgendes „Tanzlied“:
„Mistral-Wind, du Wolken-Jäger,
Trübsal-Mörder, Himmels-Feger,
Brausender, wie lieb ich dich!
Sind wir zwei nicht eines Schoßes
Erstlingsgabe eines Loses
Vorbestimmte ewiglich?
Hier auf glatten Felsenwegen
Lauf ich tanzend dir entgegen,
Tanzend, wie du pfeifst und singst:
Der du ohne Schiff und Ruder
Als der Freiheit freister Bruder
Über wilde Meere springst.
Tanze nun auf tausend Rücken,
Wellen-Rücken, Wellen-Tücken –
Heil wer neue Tänze schafft !
Tanzen wir in tausend Weisen,
Frei – sei unsre Kunst geheißen,
Fröhlich – unsre Wissenschaft!“
„La gaya scienza“ – „Die fröhliche Wissenschaft“ beendet er im Oktober 1886 in Nizza. Sie gründet auf einer Religion der Kunst, die dem Leben zugewandt ist. „Ich könnte nur an einen Gott glauben, der tanzen kann“, bekennt Nietzsche.

Eine Aufbruchsstimmung spürt auch der kranke Maler Henri Matisse, als er aus Dankbarkeit für die Pflege durch die Dominikanerschwester Monique Bourgeois die Kapelle von Vence so licht und leicht konstruierte und mit Glasmalereien ausschmückt, dass die Sonne des Südens den Raum zum Strahlen bringt. „Matisse liebte diese Klarheit, die es an Tagen mit Mistral wie heute an der Cote d´Azur gibt. Und in der Kapelle wollte Matisse das Licht und die Natur ehren.“ – So erzählt es eine heutige Schwester aus der angeschlossenen Dominikanerabtei. Vier Jahre lang arbeitet Matisse an der „Rosenkranzkapelle“ von Vence. Der Altar führt seitlich zu zwei Glasfenstern aus gelben, schaufelförmigen Blättern mit grünen Stängeln auf strahlend blauem Grund. „Ich strebe nach einer Kunst des Gleichgewichts, der Reinheit – einer Kunst, die weder beunruhigt noch verwirrt. Ich möchte, daß der müde, überlastete, gebrochene Mensch vor meinen Bildern Frieden und Ruhe findet“; kommentiert Matisse sein Kunstschaffen. Zu spüren ist diese Schwerelosigkeit in dieser Kapelle von Vence, wenn man Glück hat und einen Tag erwischt, an dem einen nicht Zuschauermassen erdrücken.
Nicht weit entfernt von Vence, an der Felsenküste von Antibes, findet Pablo Picasso ein altes Schloss, das der 65-jährige Künstler als Atelier und Zuflucht für seine junge Geliebte, die Schweizer Malerin Françoise Gilot, benutzt. Er bemalt die Wände des Grimaldi-Schlosses mit Fresken, die aber wegen ihrer Feuchtigkeit nicht hielten. Also verwendet er Asbestzement aus einer nahen Fabrik. Für seine Bilder nimmt er die Fabrikfarben, mit denen die Fischer ihre Boote anmalten, die ebenfalls der Feuchtigkeit standhalten.

Wenn Picasso auf der Terrasse des Grimaldi-Schlosses von Antibes steht, so bewegt er sich auf antikem Grund, auf den Überresten einer griechischen Antipolis, eines römischen castrum über den französischen Festungsmauern von Vauban. Mythen der Vergangenheit vereint er mit der Gegenwart. Seine Bilder im Schloss von Antibes wimmeln von Faunen, die mit Doppelflöten nackten, schwerbusigen Frauen zum Tanz aufspielen, wie in „La Joie de Vivre“ von 1946. Der Titel des Freskos auf Asbest-Zement fasst Picassos damalige „Lebensfreude“ nach der grauen Kriegsatmosphäre am Pariser „Quai des Grands Augustins“ zusammen. Seine damals 23-jährige Freundin erwartet ein Kind von ihm.
Ein Triptychon zeigt einen Satyr, einen Faun und einen Zentauren mit einem Dreizack als lustige Gesellen, wohl als Selbstbespiegelung zu verstehen. Am nahen Strand, so glaubt und malt er, begegnet Picasso der frischen Antike des Mittelmeers, der immerjungen Mythologie von Europa und dem Stier. Dort fotografiert ihn auch Robert Capa, wie er hinter seiner jungen Geliebten stolziert und sie mit einem riesigen Sonnenschirm beschützt.
Antike Mythen, das gegenwärtige, einfache Leben der Fischer, das Bestiarium des Mittelmeers, wie Fische, Ziegen oder eine Eule, die ihm einmal zufliegt, köstliche Meeresfrüchte wie Seeigel, die er in einem nahen, einfachen Strandcafé verspeist, werden zu Motiven seiner Werke von Antibes, die er mit einfachen Strichen und simplen Farben auf ein wesentliches Maß zurückführt. Alle verbindet eine Freude an der Fülle des Lebens, eine erotische Lust am Erzeugen. Erstrahlend durch das helle Licht am Mittelmeer.
Nur wer sich auf den Spuren der Künstler und Dichter dieser Südkunst bewegt, kann noch etwas von den Lichtstreifen der Cote d´Azur, der blauen Küste, erahnen, die sich hinter die Küstenmauer aus röstenden Körpern, Autobahnen und Hotelbunkern zurückgezogen hat.
Erstellungsdatum: 30.06.2026