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Marko Martin über Iwan Heilbuts Exilroman „Zugvögel“

Es ist noch nicht zu Ende

Marko Martin


Foto: Alexander Paul Englert

Wie alle deutschstämmigen Ausländer wurde Iwan Heilbut in Frankreich bei Beginn des Zweiten Weltkriegs zum feindlichen Ausländer erklärt und interniert. Zusammen mit seiner Frau und beider Kleinkind gelang dem Journalisten und Schriftsteller die Flucht über die Pyrenäen nach Lissabon, von da 1941 in die USA. Als der Erfolgsautor der 20er- und ersten 30er-Jahre 1950 nach Berlin zurückkommt, kennt ihn niemand mehr. 1943 hatte er in New York seinen Roman Birds of Passage veröffentlicht, der jetzt mit dem Titel Zugvögel von Peter Graf herausgegeben wurde. Marko Martin schreibt über den Exilroman.


Für das bedrohte Frankreich kämpfen? „Unsere Männer würden doch nur für England sterben, und den möchte ich sehen, der mir diese Behauptung widerlegen kann.“

Nicht allein der aus Nazideutschland geflohene Roman-Protagonist Edvard hört im Pariser Exil und in der nervenzehrenden Zwischenzeit nach Weltkriegsbeginn 1939 häufig solche Aussagen. Auch der 1898 in Hamburg in einer jüdischen Familie geborene Schriftsteller Iwan Heilbut hatte erleben müssen, wie sich in „la douce France“ bereits vor dem deutschen Einmarsch im Mai 1940 die Stimmung ins Aggressive gewendet hatte: von Seiten der Ultrarechten gegen die vermeintlich „linke Republik“, in der Propaganda der zu diesem Zeitpunkt noch stramm dem Hitler-Stalin-Pakt treuen Kommunisten gegen die „Kriegshetze der französischen Bourgeoisie“ und im Alltagsleben in all den Bemerkungen gegen die Flüchtlinge, denen man vorwarf, die ganze Malaise mitverursacht zu haben.    

Danach zuerst als „feindliche Ausländer“ interniert und nach dem deutschen Blitzsieg  den Nazis ausgeliefert, sofern ihnen nicht die Flucht in die unbesetzte Zone gelungen war: Eine  Schändlichkeit, die sich beschrieben findet etwa in Lion Feuchtwangers „Unholdes Frankreich“ und in Alfred Döblins „Schicksalsreise“, in den Büchern und Erinnerungen von Hans Sahl, Soma Morgenstern, Arthur Koestler, Manés Sperber oder in dem ebenfalls erst vor einigen Jahren wiederentdeckten Roman „Planet ohne Visum“ von Jean Malaquais. Nicht zu vergessen Anna Seghers` in Paris und Marseille spielender Roman „Transit“, ihr wohl bester, da die konkrete Jahrhunderterfahrung des Ausgeliefertseins in lakonischer Sprache gleichsam ins universell Existentielle überführend.

Auf seine Weise gelingt dies auch in Iwan Heilbuts Roman „Zugvögel“, der – 83 Jahre nach der amerikanischen Ausgabe in New York – jetzt erstmals im deutschen Original erscheint. Zu verdanken ist dies Peter Graf, seit Jahren unermüdlicher Spurensucher vergessener Autoren und verschollener Texte, der den unter dem Dach von Ullstein tätigen Claassen Verlag für eine Veröffentlichung dieses immerhin mehr als sechshundert Seiten umfassenden Exil-Epos gewinnen konnte. Was Sinn ergibt, denn Iwan Heilbut – darüber informiert Grafs ebenso verdienstvoller Nachwort-Essay – war zu Zeiten der Weimarer Republik ein erfolgreicher Autor in Publikumsverlagen und bei den großen Zeitungen jener Jahre gewesen, ehe dann mit Verhaftung und nachfolgender Flucht die vielversprechende Karriere brutal abgebrochen wurde. Und auch späterhin, als der 1941 zusammen mit Frau und Kleinkind über die Pyrenäen und Lissabon in die Vereinigten Staaten Entkommene ins Nachkriegs-Westdeutschland zurückkehrte, war an den frühen Erfolg nicht mehr anzuknüpfen. Als Iwan Heilbut 1972 in Bonn starb, war er längst zu einem literarischen no name geworden.

Und doch ist die späte Veröffentlichung dieses Buchs keineswegs nur ein Akt nachholender Gerechtigkeit. In Zukunft wird man „Zugvögel“ nämlich zu einem der wichtigsten deutschsprachigen Exilromane zählen müssen. Die Geschichte, die wie ein atmosphärisch dichter Marcel Carné-Film aus der Zwischenkriegszeit beginnt – ein Mann streift durch die ärmlicheren Straßen hinter dem Odéon, seine Frau erwartet ein Kind, in der Concierge-Loge krächzt das Radio, dunkel sind die Hofdurchgänge und schrill das Lachen einer ehrbar gewordenen  Kokotte – wird schon bald zum realen Albtraum. Kaum dass das Kind geboren ist, das seine Eltern voll liebender Sorge erwartet hatten, marschiert die Wehrmacht ein, wird die Familie durch die französische Bürokratie getrennt, kommt Edvard in ein Internierungslager. Bereits zuvor hatte er erfahren, mit seinen Warnungen vor Hitler nicht durchzudringen. Besonders prägnant das Gespräch mit einem feinsinnigen germanophilen Franzosen, quasi einer Art Vorab-Collabo. Ob das ganze Gerede von sozialer Gerechtigkeit und Freiheit nicht ohnehin nur eine eitle Selbsttäuschung sei, klügelt dieser – quasi in einer Melange aus Peter-Thiel-Diktion und Linkspartei-Rabulistik avant la lettre. Edvard, obwohl keineswegs als Thesenritter gezeichnet, weiß sogleich die Antwort: „Wehe uns, wenn wir uns von Nutznießern solcher Behauptung aufschwätzen ließen, es gäbe die Freiheit nicht,  weil wir zurzeit immer nur einen Teil des Ganzen zu halten vermögen. Wenn wir vergessen, dass wir Freiheiten haben, sind wir unterm Joch des Tyrannen.“

Auch deshalb wurde „die seltsame Niederlage“ (Marc Bloch) dann von vielen Franzosen gar nicht als solche empfunden. Doch selbst unter den Bürokraten, die sich nach dem Waffenstillstand sofort Nazideutschland andienten, gab es den einen oder anderen, der von seiner Wahlfreiheit Gebrauch machte und so etwa Edward half, dem Lager zu entkommen, auf dass er im Südwesten des von Flüchtlingstrecks durchzogenen Landes seine Frau samt dem Baby wiedertreffen konnte. Iwan Heilbutt aber widersteht zum Besten des Romans jeglicher melodramatischen Süßlich- und aufgesetzten Parabelhaftigkeit, lässt die drei alsdann durch Marseille irren und schließlich die gefährliche Fluchtroute über die Pyrenäen wagen.
(Auch Heilbutt selbst war, Dank der Papiere des legendären amerikanischen Fluchthelfers Varian Fry, zusammen mit Frau und Kind auf diesem Weg entkommen – via Spanien und Lissabon. Im sogenannt wirklichen Leben hatten die Heilbuts kurz im Grenzort Portbou im Hotel „Francia“ Station gemacht – eine Woche bevor dort der unendlich erschöpfte Walter Benjamin angelangt war und sich aus Panik, von den Grenzsoldaten zurückgeschickt zu werden, das Leben genommen hatte.)

Die nahe - und wie sich im erneuten Bürokraten-Gestrüpp in Lissabon zeigen sollte - noch keineswegs garantierte Rettung hatten jedoch weder den Autor noch seinen Protagonisten blind gemacht für das entsetzliche Leid der Anderen. „Vergiss nie, was du sahst, als du durchs Land der Entrechteten fuhrst: In Barcelona gefesselte Männer, Brust und Rücken mit Lasten behängt, zwischen den düstren, schwer bewaffneten Karabinierie. Und in Cerbère an der Grenze, eine Herde Volk, katalanische Réfugiés, von Frankreich nach Spanien zurückgeliefert, an den Kerkermeister, ans Messer. Vergiss nie diese Augen!“


Der Herausgeber Peter Graf mit der Lektorin Miryam Schellbach bei der Buchpremiere in der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt am Main. Foto: Alexander Paul Englert

Das überladende Schiff, dass die drei schließlich von Lissabon ins freie und sichere New York bringt, symbolisiert deshalb auch keineswegs das Ende der Geschichte. Schon gar nicht in einer Zeit, in der Donald Trumps ICE-Schergen Jagd machen auf Migranten ganz unabhängig  von deren Aufenthaltsstatus und bestallte Richter dies auch noch gutheißen. Während andere Richter – und nicht nur diese – kraftvoll Einspruch wagen. So dass der in den „Zugvögeln“ häufig wiederkehrende Satz in all seiner warnenden und fordernden Ambivalenz hoch aktuell geblieben ist: „Es ist noch nicht zu Ende.“

 

Erstveröffentlichung in „LITERARISCHE WELT"

Iwan Heilbut
Zugvögel
Roman
Herausgeber Peter Graf
Hardcover mit Schutzumschlag
656 Seiten
ISBN: 9783546101592
Claassen Verlag 2026

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Erstellungsdatum: 05.09.2026