MENU
Volker Breidecker über die Wiederentdeckung der Schriftstellerin Elsa Asenijeff

Elsa Asenijeff, Schriftstellerin, gebürtige Wienerin, Lebensgefährtin Max Klingers – eine schillernde Persönlichkeit. Alle literarischen Gattungen, Lyrik wie Prosa, Essay und Feuilleton bedienend, hinterließ sie ein überaus vielstimmiges Werk. Heute wird sie wiederentdeckt: als radikale Stimme weiblicher Autonomie, als unbehauste Exotin, als sprachmächtige Autorin, die mit poetischer Wucht Tabus brach. Ihr Werk – zwischen Jugendstil und Expressionismus – , feiert die sinnliche Liebe und fordert bis heute heraus. Eine Frau, die mit Worten und ihrem Leben Grenzen sprengte. Volker Breidecker hat sich auf die Suche gemacht.
„Elsa Asenijeff; keine zuverlässigen biographischen Angaben vorhanden, wahrscheinlich um 1870
im alten Österreich-Ungarn geboren, kämpfte für die Emanzipation der Frau, Lebensgefährtin des
um die Jahrhundertwende sehr berühmten Bildhauers, Malers und Radierers Max Klinger in
Leipzig, angeblich ca. 1925 in einer sächsischen Landesirrenanstalt gestorben. – Erzählungen und
Gedichte. – ‚Tagebuchblätter einer Emanzipierten‘, 1901, Der Kuss der Maja, E, 1904; ‚Das
Hohelied an den Ungenannten, lyrischer Roman‘, G 1913; ‚Aufschrei‘, G 1920.“
Diese Kurzbiographie aus der Feder von Elsa Asenijeffs literarischem Weggefährten Kurt Pinthus findet sich in der Jubiläumsausgabe von 1963 und allen Nachdrucken von Pinthus’ legendärer Anthologie Das Kinobuch. Beteiligt an diesem Gemeinschaftswerk literarischer Filmerzählungen des frühen Expressionismus, erschienen 1914 im Leipziger Verlag von Kurt Wolff, war eine prominente Versammlung von Dichtern und Schriftstellern, darunter Franz Blei und Max Brod, Walter Hasenclever und Arthur Höllriegel, Else Lasker-Schüler und Elsa Asenijeff, die – anders als Pinthus’ annahm – noch bis 1941 lebte, wenn nicht dahinsiechte. Ihr erzählerischer Beitrag zum Kinobuch, ein veritables Melodrama, wurde dem bewegten Medium Film und seinem damals noch illegitimen Status unter den Künsten trotz manchem Schmock und Kitsch nur um so gerechter, insofern Asenijeff der ausgeprägten Bildlichkeit und hochgradigen Musikalität ihrer literarischen Äußerungen hier einmal ungehindert freien Lauf lassen konnte. Mit ersten lyrischen Produktionen präsent war sie in einem weiteren programmatischen Werk der um Pinthus versammelten jungen Literaturbewegung, dem Neuen Leipziger Parnaß von 1912.
Bis zu ihrem Verschwinden und Verstummen hatte Elsa Asenijeff die Register aller literarischen Gattungen, Lyrik wie Prosa, Erzählung und Essay, Streitschrift und Abhandlung, Kurzgeschichte und Feuilleton, auf sämtlichen Stilhöhen sprachmächtig bedient. Die Prominenz und Anziehungskraft, die von ihrer schillernden Persönlichkeit und ihrem vielseitigen Werk einst ausgingen, reichten weit über den Wirkungsort Leipzig und die Liaison mit dem Großkünstler Max Klinger hinaus. Gleichwohl blieb das triviale Klischee von der ‚Frau des berühmten Mannes‘ als beinahe einziger Erinnerungsmarke an eine zu Unrecht vergessene Schriftstellerin am längsten erhalten, was gerade den Zugang zu ihrem Werk verstellen und verzerren musste. Ganz anders hatte noch das Feuilleton der „Frankfurter Zeitung“ im März 1913 einen öffentlichen Auftritt der Asenijeff gefeiert:
„Frau Elsa Asenijeff, die bekannte Leipziger Schriftstellerin, veranstaltete (…) einen Lyrischen Abend, an dem sie Lyrik, realistische Gedichte und Balladen, sowie Gedichte in Prosa zum Vortrag brachte. Ihr helles, dünnes Organ (…) hätte allein kaum die starke Wirkung auslösen können, die Frau Asenijeff mit ihren Darbietungen erzielte. Es kam die persönliche, an sich undefinierbare geistige Atmosphäre hinzu, die von ihrer Individualität ausging. Diesen persönlichen Charakter tragen nun auch ihre Dichtungen.“
Seit Asenijeffs – von Pinthus um bald zwei Jahrzehnte vorverlegten – Tod in der Isolation und Vergessenheit einer „Korrektionsanstalt für asoziale und arbeitsunwillige Erwachsene“, der letzten Station mehrerer Zwangsaufenthalte in geschlossenen psychiatrischen Einrichtungen unter der Diagnose vermeintlich pathologischer „Queruliersucht“ – was damals ausdrücklich Person und Werk charakterisieren sollte –, verging ein weiteres halbes Jahrhundert, bis Peter Nürnberg, einer ihrer Wiederentdecker der 1990er Jahre, zu dem ernüchternden Befund kam: „Der Versuch, Informationen über Leben und Werk Elsa Asenijeffs zu erhalten, erweist sich als schwieriger als vermutet, weil sich selbst Lexika, sogar literaturwissenschaftliche Nachschlagewerke über sie ausschweigen.“
Es folgte die Wiederentdeckung einer exponierten Persönlichkeit des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens der wilhelminischen Epoche, einer Vorkämpferin weiblicher Emanzipation und sexueller Autonomie, obendrein einer exotisch anmutenden und dafür nicht selten geschmähten mitteleuropäischen Migrantin von unbestimmter Staatsangehörigkeit – und schließlich der Autorin eines vielstimmigen literarischen und essayistischen, wenn auch verstreuten Werks. Vorläufig greifbar ist es allerdings nur zersplittert und parzelliert in von wenigen Eingeweihten und passionierten Verfechterinnen einer spezifisch weiblichen Schreibweise besorgten Neu- und Teilausgaben, Reprints und Anthologien in Kleinst- und Privatverlagen.
Ihren Höhepunkt scheint die allmähliche Renaissance des Werks der Elsa Asenijeff allerdings noch nicht erreicht zu haben. Von einer wachsenden Fangemeinde zeugen öffentliche Lesungen wie aus ihrem letzten zu Lebzeiten erschienenem Gedichtzyklus’ „Aufschrei“ beim „feministischen Kampftag“, abgehalten am 8. März 2025 im Staatstheater Darmstadt und am Deutschen Theater in Berlin. Mit Asenijeff unterwegs ist auch die akademische Tagungsindustrie: Unter dem Titel „Zwischen Jugendstil und Expressionismus. Weibliches Schreiben und literarisches Selbstverständnis bei Elsa Asenijeff“ fand zuletzt eine viertägige Konferenz in Leipzig statt. Künftigen Konferenzschriften voraus gingen bereits zahlreiche literaturwissenschaftliche Studien zu Einzelaspekten ihres Werks, maßgeblich unter dem Aspekt einer écriture feminine, für die in Asenijeff eine dezidiert „autonomistisch“ orientierte Galionsfigur neu zu entdecken war: Die originelle Stoßrichtung ihrer Kritik war eine mehrfache, gleichermaßen auf die Desavouierung dominanter männlicher Sexualität und auf die Subversion einer zugehörigen, von entsinnlichten Begriffen dominierten Wissenschaft gerichtet, um in poetisch-poetologischer Hinsicht die darunter verlustig gegangene Körperlichkeit der Sprache wiederherzustellen.
Im Vordergrund ihrer Wiederaneignung standen bislang Asenijeffs frühe Streitschriften und Manifeste neben solch exemplarischen Erzählungen, Novellen und Kurzgeschichten, die ebenso anschaulich wie kunstvoll – der Literaturbewegung Jung-Wiens durchaus verbunden – das lebensgeschichtliche Elend tabuisierter wie unterdrückter weiblicher Sinnlichkeit und Sexualität in schicksalshaften Varianten schilderten. Dieser ersten Werkphase, die unter dem polemischen Motto hätte stehen können: 'Das Ewig-Männliche zieht uns hinunter' (Aufruhr der Weiber, 1898) – poetischer ausgedrückt: „Sie sahen einander und verstanden sich nicht“ (Ist das die Liebe?, 1896) – schlossen sich in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg zwei große, episch zusammenhängende lyrische Zyklen an, die einen gewandelten Ton setzten: Mit Worten der österreichischen Literaturwissenschaftlerin Brigitte Spreitzer überraschten sie „durch die unverhüllte Artikulation des leiblich sinnlichen Begehrens“ und feierten in hymnischen Versen die poetische Wiedereroberung einer sinnenhaften weiblichen Liebeslust, wie sie daneben wohl nur bei Else Lasker-Schüler zu finden war – oder wie vier Jahrhunderte zuvor bei der legendären Lyoneser „Seilerin“ Louise Labé.
In freilich diametraler Umkehrung der überkommenen Rollenverteilung eines sich vor Liebe verzehrenden Mannes hier und einer unnahbar-unerreichbaren Frau dort bringen Asenijeffs Verse einen subtil modernisierten Petrarkismus, wie er die europäischer Liebeslyrik nachhaltig prägte, mit neuplatonischer Mystik und den erotisch-floralen Motiven des Jugendstils in Einklang – bis hin zum elegischen Schmerz, zur Trauer, Verzweiflung und Melancholie einer unglücklich Liebenden, wenn von dem angebeteten großen „Einen“, dem nietzscheanisch vergötterten „Über-Mann“ als dem vermeintlichen Ausnahmemann schlechthin, am Ende doch nur die unerfüllte und sich verzehrende Sehnsucht einer verlassenen Frau zurückbleibt.

Im realen Leben ereilte Elsa Asenijeff ausgerechnet während jener mittleren Werkphase, die zeitgleich mit der Mitte ihres Lebens und dem Ersten Weltkrieg zusammenfiel, der persönliche Schiffbruch – markiert zunächst durch den einseitigen Bruch der über fünfzehn Jahr währenden Lebenspartnerschaft mit Max Klinger. Die verlassene Frau mit fremdländischen Pass schlitterte allmählich in die ökonomische Misere, gefolgt von öffentlichem Ansehensverlust und – unter dem grassierenden völkischen Nationalismus – gesellschaftlicher, ethnischer, sogar rassistischer Ausgrenzung, geschmäht mitunter als ausländische Jüdin, die sie nicht einmal war. Dem starken Gefühl von Fremdheit und Unbehaustheit, das sie zeitlebens, unterschwellig aber auch noch auf den Höhepunkten literarischen Erfolgs und gesellschaftlicher Anerkennung begleitete, folgte die reale Obdachlosigkeit auf den Fersen: Asenijeff wurde quasi von der Straße weg aufgegriffen, entmündigt, interniert und ihr Hab und Gut samt den Papieren, Briefen, Manuskripten konfisziert. Einiges davon tauchte danach im Auktionshandel wieder auf, sachkundig angepriesen als „Erzeugnisse einer genialen Frau, einer geistreichen Leipziger Schriftstellerin, die, mit einem seltenen Fonds von Bildung und Kenntnissen, die schwierigsten Probleme des Gegenwartslebens behandelt und künstlerisch darstellt“.
Um eine klare Sicht auf das Werk der Elsa Asenijeff zu gewinnen und dem lastenden Übergewicht einer allzu exzentrisch schillernden, in teilweise bizarre Legenden verpackten Biographie zu begegnen – am hartnäckigsten hielt sich jene, wonach sie sich männlicher Zudringlichkeiten seit einem denkwürdigen tête-à-tête mit Frank Wedekind „stets mit gezücktem Dolch“ (Detlev von Liliencron) erwehrt habe –, empfiehlt es sich, ihre verschlungenen Lebenswege aus der Mitte ihres Werks und von der kritischen Mitte ihrer Biographie her aufzurollen. Dazu liegt jetzt die – selbst für Skeptiker und Verächter des Genres – kluge und luzide Biographie von Margret Greiner vor, auch trotz eines ziemlich schrillen, doch leider zur Verlagsmode gewordenen Titelzitats. Neben manchen Legenden wird vor allem das Klischee von ‚Muse und Modell‘ eines übermächtigen Großkünstlers hier zurechtgerückt: Max Klinger war mitnichten das exklusive lebende Vorbild für den angebeteten „Einen“ und „Einzigen“ im Zentrum der beiden großen lyrisch-epischen Zyklen Die neue Scheherazade (1913) und Hohelied an den Ungenannten (1914).
Geboren 1868 in Wien unter dem Namen Elsa Maria Packeny, absolvierte die Tochter aus großbürgerlicher Beamtenfamilie eines der für höhere Töchter vorgesehenen Mädchenlyzeen, deren Matura gewöhnlich nur zum frühzeitigen Eintritt in eine konventionelle Versorgungsehe qualifizierte – es sei denn, man schloß, wie Elsa es tat, eine Lehrerinnenausbildung daran an, die es erlaubte, an ausgewählten Universitäten als Gasthörerin zu studieren. Lange widersteht sie dem Druck, blutjung einen womöglich ungeliebten älteren, aber gut situierten Mann zu heiraten und aufgrund mangelnder sexueller Aufklärung bereits die Hochzeitsnacht als dauerhaft traumatisierende Vergewaltigung erfahren zu müssen – eines der tabuisierten Stoffe und Motive vom Unglück junger Mädchen, die die künftige Schriftstellerin in ihren Erzählungen aufgreifen wird. Der vorzeitige Tod des Vaters und Ernährers zwingt sie schließlich doch, der arrangierten Ehe mit einem um zwölf Jahre älteren bulgarischen Ministerialbeamten namens Ivan Johannis Nestoroff zuzustimmen, samt Umzug nach Sofia, in eine für die junge Wienerin völlig fremde Welt.
Die Ehe, aus der einen frühen Kindstod erleidender Knabe Asen hervorgeht, dessen Name die Mutter zum künftigen Pseudonym wählt, scheitert in kürzester Frist, und Elsa wählt 1896/97 als möglichst fernen Ort, um den für eine alleinstehende Frau damals ungewöhnlichen Wunsch nach einem Studium zu verwirklichen, die Universität Leipzig. Ohne Zugang zu höheren Seminaren hört sie regelmäßig bei den Koryphäen Wilhelm Wundt, Johannes Volkelt und Karl Lamprecht in den Fächern Geschichte, Nationalökonomie, Psychologie und Philosophie und erwarb sich das Ansehen ihrer Lehrer. Ästhetischen Sinn und eine mehrsprachig fundierte literarische Bildung hatte sie von der Seite ihrer künstlerisch tätigen Mutter mitgebracht. Hölderlin und Novalis, Rilke und Nietzsche – in Metrik, Klang und Geist unüberhörbar präsent in den Dichtungen – waren ihre Lieblingspoeten, und Nietzsche, der im nahen Naumburg dahinsiechte und den sie vergeblich zu besuchen trachtete, verehrte sie geradezu abgöttisch.

Die Liaison mit Klinger, dem sie 1898 auf öffentlichem Parkett begegnet war und der ihr Gesicht zu einer Ikone des Fin-de-siècle machte, war ganz eine Beziehung auf Augenhöhe, von der beide Seiten künstlerisch wie intellektuell profitierten. Davon zeugt das Gemeinschaftswerk „Epithalamia“ (1907) eines mit enormer Musikalität und Sprachmächtigkeit ausgefeilten und auf den einzelnen Blättern von Klingers Hand mit mythologisierenden Federzeichnungen umrahmten traumwandlerischen „Hochzeitslieds“ antiken Vorbilds (wörtlich „Bett-“ bzw. „Beischlafgesänge“), inspiriert vom Stoff der Erzählungen von Amor und Psyche und sicher auch auch von der „Hypnerotomachia Poliphili“ aus der venezianischen Werkstatt des Aldus Manutius.
Passend zu ihren sonst unerfüllbaren wissenschaftlichen Ambitionen und dem Antrieb zur Durchdringung aller schriftstellerischen Sparten, verfasst sie eine noch heute zur kunstwissenschaftlichen Standardliteratur zählende Monografie über Max Klingers Beethoven. Eine kunst-technische Studie (1902). Als großformatiges Tafelwerk erscheint es im renommierten Leipziger Kunstverlag E.A. Seemann, und während die Autorin im Vorwort ostentativ und auch ein wenig scheinheilig bekennt, dass der gebotenen Klarheit und Nüchternheit der Darstellung wegen „alles, was WORTKUNST [sic! ] ist, leider abgelegt werden musste“, schildert sie auf dem Höhepunkt ihrer Darstellung die risikoreichen Abläufe bei der Erstellung des entscheidenden Bronze-Gusses in beinahe atemlosen Sätzen von epischer Dramatik.
Indirekten Aufschluss über die Poetik ihrer Wortkünste gibt ein Essay aus dem Jahr 1905, betitelt Das Musikalische in Max Klinger’s Schaffen. Darin legt sie ein ästhetisches Bekenntnis zu Austausch und Grenzüberschreitung innerhalb der Künste ab: Von den kompositorischen Prinzipien der Musik ausgehend – diese ganz im Geiste Nietzsches als „vertonte Philosophie“ begriffen –, erlauben ihre Thesen Rückschlüsse auf ein grundsätzlich neu exploriertes Verhältnis von Literatur zu den anderen Künsten, auch wenn die einhergehenden Implikationen einer modernistischer Ästhetik zunächst psychologisch begründet werden: „die ersten Ausgangspunkte der Anregungen bei verschiedenen Künstlern“ lägen durchweg „nicht in ihren eigenen, sondern in der andern Kunst“, wohingegen alle Selbstbespiegelungen der Einzelkünste, außer Langeweile, nichts Originelles und keine Innovationen hervorbrächten.
Zu diesem Credo passte gut, dass in kurzer Folge sowohl ihre Sammlung von Erzählungen und Kurzgeschichten Unschuld (1901) das seinen aufklärerisch-pädagogischen Impetus im Untertitel Ein modernes Mädchenbuch führt, als auch die autofiktionalen Tagebuchblätter einer Emancipierten (1902) im Seemann’schen Leipziger Kunstverlag erschienen sind. Mehr noch als der Feuilletonjournalismus, den Asenijeff in Wiener und Leipziger Blättern bediente, bot ihr die freie Form des Essays ein emanzipatorisches Parkett und Experimentierfeld für ein anderes, spezifisch weibliches und zugleich modernistisches Schreiben: Sich von überkommenen Gattungen, die Frauen ohnehin weitgehend verschlossen waren, freimachend, ohne dennoch darauf zu verzichten, sich souverän und spielerisch aus dem Gesamtkatalog tradierter literarischer Gattungen zu bedienen und die konventionellen Grenzen derselben nach Belieben zu ignorieren und nachhaltig zu verwischen. In diesem Sinne hebt Asenijeff die Grenzen zwischen Lyrik und Prosa auch innerhalb der Gattungen selbst auf, wenn sie ihre beiden großen Gedichtbände – über den selbstbewussten Rekurs auf das für Die neue Scheherazade epische und für das Hohelied an den Unbekannten biblische Vorbild hinaus – durch demonstrative Untertitel auch nominell zum „Roman in Gefühlen“ hier und zum ‚Lyrischen Roman“ dort erklärt und mit prosaisch erzählenden „Intermezzi“ untermalt.
Schon ihr erzählerisches Debüt mit Ist das die Liebe? (1896) suchte, den traurigen Inhalten und Exempeln angemessen, die vermeintliche Schöngeistigkeit der belles lettres qua Untertitelung als Kleine psychologische Erzählungen und Betrachtungen essayistisch zu öffnen. Mit sardonischem Witz fiktionalisierte sie ihre „Daseinsschilderungen und Episoden aus dem Weibesleben“ zu vermeintlichen Übersetzungen „aus dem Bulgarischen“. – Im nächsten Coup rekurrierten die Tagebuchblätter einer Emancipierten auf das altbewährte Genre Tagebuchroman. Die Diaristin, eine fiktive Doppelgängerin der Autorin, die anders als diese an der Leipziger Universität ordentlich immatrikuliert ist, zerlegt sich ihrerseits in eine Vielheit unterschiedlicher Stimmen und wechselnder Perspektiven: Komponiert als Collage von „Blättern“, die noch im Wort ihre Abkunft aus dem Feuilleton (frz. „feuilles“ = Blättchen) zu erkennen gibt, reihen sich da Prosaskizzen und Mikroerzählungen an fragmentarische Beobachtungen, Dialogfetzen und Charakterstudien, durchwirkt von Sentenzen, Maximen, Nachrichten, Reflexionen, Polemiken, Aphorismen zur genuin modernen Form eines polyphonen Romans.
Ihre eigensinnige und streitlustige Haltung zur Frauenfrage prägt bereits den Tenor vieler ihrer Zeitungsfeuilletons, mit denen sie den direkten Schlagabtausch sucht mit den Positionen der um weibliche Gleichstellung ringenden offiziellen Frauenbewegung. Für die auf die unbedingte Autonomie alles Weiblichen und auf die Geschlechterdifferenz in Abgrenzung von den Werten und Eigenschaften der Männerwelt pochende Asenijeff lief Emanzipation im Sinne bloßer Gleichstellung von Mann und Frau auf nichts anderes hinaus als auf die Kapitulation, Unterwerfung und Assimilation an die patriarchalische Vormachtstellung des Mannes – und auf die „Amputation der Sinnlichkeit“ als Preisgabe weiblicher Identität und Alterität. Theoretische Formulierung finden ihre dezidiert antifeministischen Positionen in der Streitschrift Aufruhr der Weiber und das Dritte Geschlecht (1898), einer Melange aus politischem Pamphlet, soziologischem Essay und Aphoristischem über weibliche Sinnlichkeit und Sexualität.
Elsa Asenijeff verstand sich nicht als „schreibende Frau“, sondern explizit, wie auf ihren persönlichen Briefköpfen direkt unter dem Namen zu lesen war, als „Schriftstellerin“. Sprachmächtig, wie sie war, ließ sie kein Wortspiel und keine Gelegenheit zur Wortschöpfung aus: Ihre Figuren lässt sie „liebeln“ und „herumliebeln“, Männer erscheinen als „Tändelinge“ und „Courmacher“, dem „Décadent“ entspricht – hier pocht sie nun doch auf Gleichstellung – die „Décadentin“ so wie die „Menschin“ dem Menschen als „Mann“, dem so manche „Rührmamsel“ zu ihrem eigenen Unglück auch dann noch auf den Leim ginge, wenn jener sich als „hodensäckig verdummt“ entpuppe. Und selbst die in höchsten und – wie vielerorts in ihrem lyrischen Werk – exaltiertesten Tönen („Evoé Leben!!!“) aus der gesuchten Antike der Moderne stammenden Epithalamia kommen nicht ohne die selbstironische Persiflage auf den poetischen Kunstgriff der Alliteration in ungereimten Versen aus, wenn es da einmal erwartungsvoll heißt: „Schlappe Schritte schlürfen heran.“

Margret Greiner
In mir tobt und brodelt stets etwas Gefährliches
Das Leben der Elsa Asenijeff
Hardcover, 320 Seiten
ISBN:978-3-442-76272-9
Verlag: btb 2025

Elsa Asenijeff
Die neue Scheherazade
Ein Roman in Gefühlen und Gedichten
Taschenbuch, 100 Seiten
ISBN 978-3-7437-5375-4
Herausgeber: Karl-Maria Guth
Verlag Henricus - Edition Deutsche Klassik 2025
Erstellungsdatum: 08.10.2026