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Der Autor, Filmemacher, Medienpädagoge Bernhard Bauser, der auch Co-Vorsitzender des Hessischen Schriftstellerverbandes VS war, verdiente sein Geld als Lehrer und Medienpädagoge. Seine Aktivitäten im alternativen Literaturbetrieb, als Performer auf der Bühne und als Videokünstler überblendeten fast seine stillere Kunst, den Dichter Bernhard Bauser. An ihn, der im Dezember des letzten Jahres unerwartet gestorben ist, erinnert Dirk Hülstrunk.
„Fu“ ist der Titel eines legendären Sprechtextes und Videopoems von Bernhard Bauser: ein kleiner Text, der anhebt, etwas Großes, Tiefes und Philosophisches zu sagen, sich aber im Gestrüpp der Phrasen verfängt. Das Eigentliche liegt in der Pause, im wiederholten „Fu“ – einer Ausatmung, die jeden Satz unterbricht, bevor er zum Punkt kommt. Diese Pause ist zugleich Störung und Hoffnung, Ausdruck von Erschöpfung und Verzweiflung im Kampf mit der Sprache und Versuch eines Neustarts. Für mich ist „Fu“ einer der existenziellsten Texte Bernhards: radikal knapp, ein Universum öffnend, ein Aufbegehren gegen sprachliche Konventionen und die Unzulänglichkeit des Sagbaren.
Was ist unsagbarer und unbeschreiblicher als der Tod? Ein winziges Wort für maximale Tragik.
Bernhard Bauser, Autor, Filmemacher, Medienpädagoge, Kulturaktivist und Co-Vorsitzender des Hessischen Schriftstellerverbandes VS, verstarb am 14.12.2025 völlig unerwartet. Eben war er noch da – und jetzt? Von einem auf den anderen Moment – kein Weiteratmen, sondern finale Pause, die nicht zu überbrücken ist. Alles Sprechen über ihn wird nun Erinnern: subjektiv, fragmentarisch, verschwommen.
Ich erinnere mich undeutlich an die erste Begegnung in einer studentischen Schreibgruppe an der Uni Frankfurt, an unsere „Wohnzimmer“-Lesegruppe, an Diskussionen, Experimente und gemeinsame Inspirationen. Jazz, Dada, Wortspiel und kurze Formen verbanden uns. Über Hadayatullah Hübsch fanden wir den Weg in den VS. Zwischen 1989 und 1991 spielten wir gemeinsam in der Band „Man Ray“, eine Episode, die Bernhard noch lange beschäftigte.
Ab den späten 1980er Jahren traten wir gemeinsam in der Romanfabrik, im Club Voltaire, im Jazzkeller, in der Klosterpresse, im Gallustheater und bei Festivals auf. 1988 gaben wir mit unserer Literaturgruppe das Magazin „Ölflimmern“ heraus und experimentierten dabei mit Computersatz und Grafik. Mitte der 1990er entdeckten wir Poetry Slam und fuhren 1998 gemeinsam mit Hadayatullah Hübsch als erstes hessisches Team zur Slam-Meisterschaft nach München. Auch wenn Bernhard später seltener auf Slam-Bühnen stand, prägte ihn die Ästhetik des Spoken Word, der gesprochenen Poesie.
2002 erschien im Verlag der Klosterpresse sein erster Gedichtband „Das Gedächtnis ist ein struppiger Wurm“ mit Illustrationen von Sigrid Palmer. Hier finden bereits sich bereits einige seiner stärksten Texte. Sprechstücke wie „Fu“ – rhythmisch, spielerisch, sprachreflexiv, auf Slambühnen erprobt und verwurzelt in Konkreter Poesie, Dada und Nonsense-Traditionen. Daneben kurze, surreale Prosa und absurde Dialoge und Monologe. Es entstehen gemeinsame Videos und Performances mit Sigrid und dem Musiker Werner Smolinski.
Kaum zu unterschätzen: der Einfluss der experimentellen Wort-Musik-Bild-Theater-Projekte von Brigitte Bee und Wolfgang Klee aus der Frankfurter Klosterpresse. Über viele Jahre dokumentierte Bernhard diese Projekte filmisch. Gemeinsame Projekte gab es auch immer wieder mit dem Wortkabarettisten Hans-Jürgen Lenhart.
Der Film wurde bald zu seinem zentralen Medium. Beruflich fand er ein Standbein als Lehrer und Medienpädagoge. Bernhard drehte Videopoems und schuf ein einzigartiges Archiv der freien Kulturszene im Rhein-Main-Gebiet. Beruf und Familie rückten die Literatur zeitweise in den Hintergrund. Mit seiner langjährigen Partnerin Katja hatte er die Söhne Bela und Felix. Seine Verpflichtungen als Familienmensch und Vater nahm Bernhard sehr ernst. Erst 2019 folgte daher im Größenwahn-Verlag der zweite Gedichtband Tätowiertes Herz, der sein vielfältiges lyrisches Werk bündelte. In den letzten Jahren war er wieder stark präsent: als Autor, Performer, Organisator, Mitgründer literarischer Gruppen wie „Kulturnetz Frankfurt“, „Main-Reim“ in Aschaffenburg oder des Skriptorium Seligenstadt und Co-Vorsitzender des Hessischen VS. Fast im Alleingang stemmte er 2021 für den VS die Seligenstädter Literaturtage. Seine aktuelle Partnerin Katharina Eismann wurde wichtige Inspiratorin und Kollaborationspartnerin.
2025 veröffentlichte Bernhard den autofiktionalen Roman Dada im Kul-ja Verlag. Ein langjähriges Herzensprojekt über Kindheit, Jugend und den frühen Tod des Vaters – dicht, poetisch, zwischen Traum und Realität. Wenige Wochen vor seinem Tod trafen wir uns anlässlich eines Vortrags über „autofiktionales Schreiben“ im Frankfurter Club Voltaire, tauschten unsere neu erschienenen Bücher und nahmen uns ein Wiedersehen vor. Ich hatte seinen Roman gerade beendet und wollte ihm zu dem gelungenen Text gratulieren, als mich die Todesnachricht erreichte.
Besonders tragisch, dass im Herbst 2025 bereits unser gemeinsamer Freund Joachim Durrang gestorben war. Dessen exzessive, chaotische Energie hatte Bernhard immer magisch angezogen, in zahlreichen Videos dokumentiert. Noch zwei Wochen vor seinem Tod lud Bernhard ein neues Video zu einem Text von Joachim Durrang auf seinem YouTube-Kanal hoch.
Dass uns nun auch Bernhard verlassen hat, fühlt sich unwirklich und unfair an. Sein Tod reißt eine enorme Lücke. Bernhard fehlt als Autor, als Dokumentar der Literaturszene, als Medienpädagoge, Kultur- und Demokratieaktivist, als verlässlicher Pol im Strudel des Alltags, als Freund, als Mensch, als Partner, als Vater. Nicht zuletzt seine klare, aufrechte Haltung, seine Besonnenheit, sein Humor, seine Sprache, seine Texte, seine Genauigkeit, seine Stimme werden uns fehlen. Aber seine Texte, seine Filme, seine Inspirationen bleiben.
Bernhard Bauser (1961–2025)
https://bernhardbauser.de/
Publikationen zuletzt:
Dada, Roman, kul-ja! publishing, 2025
Tätowiertes Herz, Lyrik, Größenwahn Verlag, 2019
Erstellungsdatum: 07.01.2026