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Jutta Roitsch über einen öffentlichen Aufruf in Frankreich

Für ein neues Jean Zay-Gesetz

Jutta Roitsch


Jean Zay, ca. 1936. Foto: wikimedia commons

Der Protest weitet sich aus. Wenn ein Plutokrat und Parteigänger der extremen Rechten beginnt, die ungeschriebenen gesellschaftlichen Regeln zu missachten, unabhängige Medien zu Propagandainstrumenten umzuformen und Verlagen die Handlungsfreiheit zu nehmen, verlassen in Frankreich Hunderte Autoren ihr Stammhaus. Nun, berichtet Jutta Roitsch, kommt der Widerstand auch aus anderen europäischen Ländern.

 

In Paris geht es kulturell und intellektuell zur Sache: Über 600 Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Wissenschaftler, Künstlerinnen und Künstler aller Sparten bäumen sich auf gegen die kapitalistische Machtergreifung des rechtsextremen Milliardärs Vincent Bolloré mit Printmedien, privaten Fernsehsendern, Buchverlagen, Bahnhofsläden wie Relay. Sie fordern von der französischen Regierung ein Gesetz zum künstlerischen und sozialen Schutz ihrer Berufe und ihrer individuellen Rechte: 55 Prozent der hauptberuflichen Schriftstellerinnen und Schriftsteller verdienten nicht einmal den Mindestlohn („Smic“), 37 Prozent lebten unterhalb der Armutsgrenze, die Rechte an ihren Werken verloren sie häufig mit einer Vertragsunterzeichnung.

In einem öffentlichen Aufruf (Le Monde vom 8./9. Mai) erinnern sie jetzt an den legendären Bildungsminister Jean Zay (1904-1944), der vor neunzig Jahren mit einem neuen Urheberrecht die „professionelle Würde“ von Künstlern, Wissenschaftlern und Schriftstellern sichern wollte. Der Vorstoß dieses linken (und jüdischen) Ministers, der in Schulen und Universitäten Kantinen einführte und die Filmfestspiele in Cannes begründete, scheiterte an einer massiven, rechtsextremen Verleumdungskampagne. Das Gesetz, das die 617 „artistes-auteurs“ im Namen von rund 350 000 Betroffenen fordern, soll den Namen dieses Mannes tragen, der nach Beginn des zweiten Weltkrieges am 2. September 1939 von seinem Amt als nationaler Bildungsminister zurücktrat, Soldat wurde, gegen die deutsche Besatzung und die Vichy-Regierung kämpfte, von deren Miliz er wegen angeblicher Fahnenflucht in Marokko verhaftet und am 20. Juni 1944 erschossen wurde. Seit 2015 rehabilitiert, ruht er jetzt im Panthéon.

Es ist die spannungsgeladene Geschichte Frankreichs von der oft beschworenen Volksfrontregierung unter Léon Blum (1936), den NS-Kollaborateuren in Vichy bis zu den Rechtsextremen von heute, an die die Initiative der 617 bewusst und herausfordernd erinnert. Sie antwortet damit auf die Provokation des Vincent Bolloré, der ihre Solidarität mit dem plötzlichen Rauswurf des charismatischen Grasset-Verlegers Olivier Nora am 14. April höhnisch kommentiert hatte: Eine „kleine Kaste, die sich über alle und alles erhebt“, mache Lärm. Die „kleine Kaste“ bewegt jetzt mit diesem Aufruf zu einem neuen Jean Zay-Gesetz die künstlerische und intellektuelle Klasse in Frankreich und fordert die Regierung heraus. Ein außerordentliches Signal ein Jahr vor den Präsidentenwahlen, in denen Vincent Bolloré den rechtsextremen Rassemblement National und dessen Präsidenten Jordan Bardella mit allen Mitteln unterstützt.

 

Anmerkung der Redaktion: Der Film „L'Abandon“  (Der Verlassene) läuft nach dem Start in Cannes seit Mitte Mai in den französischen Kinos.


Offizieller Trailer

Der Beitrag wurde zuerst in den „bruchstücken“ veröffentlicht.

Erstellungsdatum: 21.05.2026