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Ausstellung „Jardiner, les sciences cachées du jardin.“

Gärtnern, von Paris aus gesehen

Ruthard Stäblein


„Jardiner, les sciences cachées du jardin“. Foto: Ruthard Stäblein

„Narren hasten, Kluge warten, Weise gehen in den Garten“, soll Rabindranath Tagore gesagt haben. Auch wer dieses unbedachte Ranking bedenklich findet, kann doch kaum das wundersame Verhältnis des Menschen zum Garten leugnen. In Paris ist nun die Ausstellung „Die versteckten Wissenschaften des Gartens“ zu erleben, die mit idealtypischen Gartenprojekten Aspekte des Gärtnerns thematisiert, an die man nicht sogleich denkt. Ruthard Stäblein war dort und berichtet.

 

„Paris ändert sich schneller, ach, als die Stimmung eines Sterblichen“, klagte der Dichter Charles Baudelaire in seinem Schwanengesang „Le cygne“, als der Präfekt Haussmann ab der Mitte des 19. Jahrhunderts reihenweise alte Viertel planierte und so den Barrikadenbau der Revolutionäre in den einst engen und gewundenen Gassen behinderte.

Noch vor wenigen Jahren verstopften Autos die Boulevards von Haussmann und verpesteten die Luft von Paris.

In jüngster Zeit verändert sich Paris wieder einmal, aber dieses Mal zum Besseren hin. Auf der Ringautobahn wurde Tempolimit 50 eingeführt, und der Verkehr fließt besser als vorher. Viele der alten Boulevards aus Haussmann-Zeiten sind jetzt Bussen und Radfahrern vorbehalten, und man muss sich inzwischen eher vor zu schnellen Radlern hüten als vor Autos. Wo einst die Schlachthöfe von Paris standen, im Viertel „La Villette“, wurde ein Park und die „Cité des Sciences et de l‘Industrie“ eingerichtet, ein Technologiezentrum, das für Klimaschutz ebenso wie für Raumfahrttechnik wirbt und jetzt auch für verschiedene Arten des Gärtnerns. In diesen „Wissenschaftspark“ kann man jetzt mit der Tram Nr. T 3b fahren, denn die alte Ringstraßenbahn wurde wieder installiert und führt nun wieder parallel zur Stadtautobahn auf der „ceinture“ rings um Paris, verbindet so die Außenviertel wieder miteinander.

„Die versteckten Wissenschaften des Gartens“ nennt sich die Ausstellung, für die ein wissenschaftliches Komitee sechs idealtypische Gärten und sechs besondere GärtnerInnen in Europa ausgesucht hat. Es sind keine Geheimwissenschaften und doch gewisse Geheimnisse der Gartenbaukunst, die anhand von Nachbauten, interaktiven Spielen, von Künstlern designten Naturobjekten vermittelt werden. Einleuchtend sind auch die Portraits der Akteure, die mit ihren jeweiligen Gärten vorgestellt werden.

Von einem Gemüsegarten aus Dresden berichtet die Hobbygärtnerin Anke Hennig, im Originalton, wie sie dort mit 120 Personen aus 15 Ländern diese „Internationalen Gärten Dresden“ in der Holbeinstraße mitten im Zentrum der Stadt bepflanzt, – und es trotz Sprach- und Mentalitätsunterschieden über das Gärtnern zur Verständigung kommen kann: „Eines Tages hat eine arabische Frau die Blätter des Rebstocks eingesammelt. Wir waren sauer, weil so die Rebe nicht wachsen kann. Aber dann sagte sie, das ergebe ein köstliches Gericht. Und so bereiteten wir gemeinsam dieses Mahl vor und genossen es.“ – Die Triebe des Rebstocks, die keine Trauben tragen, müssen eh „ausgebrochen“ werden, und so einigte man sich für das gemeinsame Essen auf einen dafür im Sommer geeigneten Termin.

Auch Pflanzen können sich verstehen, wenn sie in bestimmter Weise zusammen wachsen. So zerstört das Basilikum gewisse Schädlinge der Tomaten. Brennnesseln helfen mit ihrem Säuregehalt, Insekten und Schnecken zu vertreiben, ohne sie zu vernichten. Der Igel kann so die Schnecken fressen und gut verdauen. Das nennt sich biologische Verteidigung.

Insekten nehmen anders wahr als Menschen. Wo wir gelb sehen, sehen sie ultraviolett. Nur ein Künstler hatte diese visuelle Gabe der Bestäuber: Claude Monet mit seinen Seerosengärten. Beispiele aus dieser Gartenschau, die auf Wissenschaft und Kunst baut.

Auch verschiedene Strategien der Fortpflanzung werden demonstriert. Geschlechtlich getrennt oder durch unterirdische Vernetzung, über Wurzeln, durch Rhizome: Die Erdbeere ist besonders schlau. Sie macht beides. Dann gibt es noch die Selbstbefruchtung; Zwitterwesen, usw. usf.

Die Natur ist erfinderisch. Sie weiß sich zu helfen. Und der Mensch hilft mit, kann mithelfen: „Il faut cultiver notre jardin“, schrieb der französische Aufklärer Jean Diderot. Wir müssen unseren Garten beackern, bepflanzen, kultivieren und kultivieren uns dabei selbst. Das Pariser Ausstellungsexemplar dafür ist, wie sollte es anders sein, ein Blumengarten aus England, der „Avalon garden“ von Violet Croll in Dunkirk /Kent. Sie behauptet: „Die Pflanzen sprechen miteinander, ich verstehe sie, sie verstehen mich.“ Wenn sie nicht richtig gedeihen, setzt sie sie um. Ihr unorthodoxes Heilmittel gegen Unkraut: so dicht wie möglich anpflanzen. Zu ihren Lieblingen gehören Bodendecker wie Elfenspiegel und Orientalischer Rauling, die horstig wachsende rot blühende Maiapfel-Staude „Spotty dotty“, Salbei und Akelei. Die Gärtnerin mit Wurzeln in Jamaika verrät ihr Geheimnis für die Zucht ihrer Dahlien, mit der sie in England schon 13 Preise gewonnen hat: Schon beim Überwintern düngt sie im Februar die Knollen mit Algenextrakt, pflanzt sie im April oder Mai ins Freie auf ein Bett von Holzasche. „Dann fangen sie an, für mich zu singen“. Sie empfiehlt noch, möglichst wenig umzugraben. Also weniger tun, mehr lassen.

Dieses Prinzip gilt nicht für den „Schrebergarten“, auf Französisch „jardin ouvrier“. Hier wird umgegraben, gesät, gepflanzt, gejätet, ausgemerzt, gegossen, geerntet, geschwitzt und alles auf Linie gebracht. Früher konnten sich Proletarier und der untere Mittelstand häufig so über die Runden retten. Heute übernehmen auch Migranten die Schrebergärten.

Die Idee der Selbstversorgung und der Selbstbehauptung hat sich mit dem Aufkommen des „urban gardening“ und der Gemeinschaftsgärten weiterentwickelt. Als New York 1973 am Rand der Pleite war und im Zentrum immer mehr Gebäude zerfielen und Ödland entstand, hatte die Künstlerin Liz Christy die Idee, dorthin „Saatbomben“ zu werfen. Gärtnern kann seitdem auch zum politischen Akt werden wie im Pariser Vorort Aubervilliers, wo engagierte Einwohner das von Bodenspekulanten aufgekaufte Terrain besetzten, dort Gemüse und Rosen „kultivieren“; das Ganze überwacht von einem Turm, gebastelt aus Holzpfählen.

Überall in Paris gedeihen inzwischen solche Kollektivgärten, im 20. Arrondissement in der rue de Justice wie in Hinterhöfen am Kanal St-Martin. Selbst im noblen 7. Viertel gießen Aristokratinnen Blumen an Straßenrändern. Paris verändert sich, inzwischen langsam, nach dem Gießkannenprinzip, auch stetig, ist zu hoffen.

Ergänzt wird die Pariser Gartentypologie noch durch das Modell eines Heilkräutergartens des Bauers Boris Presseq aus Okzitanien sowie des Experimentiergartens „Sparoza“ bei Athen gelegen, wo auch Neophyten aus Mexiko und Südafrika, die dem Klimawandel standhalten können, getestet werden.

Zu den resilienten Arten gehören auch empfohlene Beispiele wie der Chinesische Judasbaum, der ohne Dünger und mit wenig Wasser gedeihen kann, dessen rosa Blüten direkt am Stamm wachsen. Oder die weiß-gelblich oder hellrosa bis purpurfarben blühenden Zistrosen aus den Kanaren und trockenen Mittelmeergegenden. Auch die hängende, weidenblättrige Wildbirne kann Trockenheit vertragen und zudem Vögel anlocken.

Gekrönt aber wird die Gartenschau durch den des von ihm selbst so genannten „Punkgarten“ von Eric Lenoir. Der Landschaftsgärtner kaufte im Burgund ein Brachland mit 1,7 ha, beobachtete ein Jahr lang die Vegetation. Durch die frühere intensive Landwirtschaft war der Boden ausgemergelt und verhärtet. Es wuchsen nur noch Disteln und Sauerampfer, die aber den Vorteil haben, den Boden zu lockern und in tieferen Schichten Wasser zu speichern. Eric Lenoir verstreute Samen von Weiden und Eichen. Dann grub er noch mit dem Spaten Drainagen, an denen entlang er aus einer befreundeten Baumschule alte, unverkäufliche Obstbäume wie Teeapfel, Sauerkirsche und Lotuspflaume umsetzte. Sein erstes Gebot lautete: Du wirst nicht gießen. Nur für besondere Lieblinge setzte er sein Gebot außer Kraft. Ein Drittel der Bäume vertrug die Radikalkur nicht. Manche Bäume brauchten 3 Jahre, bis sie wieder grünten. Er pflanzte noch ein paar Büsche und wilde Rosen. Und setzt die Disteln seither um, bevor sie samen. Inzwischen braucht der Punk-Gärtner nur noch ca. 5 Tage zur Pflege seines Baumgartens. Sehet hin, er sät nicht mehr und erntet doch.

Erstellungsdatum: 18.01.2026