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Jonathan Landgrebe würdigt Jürgen Habermas' Einfluss auf den Suhrkamp Verlag

Wer an der gerühmten Suhrkamp-Kultur teilnehmen wollte, brauchte die Zustimmung oft nicht vom Verleger, sondern von Jürgen Habermas. Es ist erstaunlich, in welchem Maße der Verleger Siegfried Unseld die ihm wichtigen Autoren in bedeutenden Fragen zu seinem Beratergremium machte. Habermas aber übte eine das Programm prägende Funktion aus. Er gab ihm das Profil. Jonathan Landgrebe, amtierender Verleger des Hauses Suhrkamp, beschrieb in seinem Grußwort zur Gedenkstunde für Jürgen Habermas dessen entscheidende Position.
Es gehört zum Gedenken an Jürgen Habermas, zum Gesamtbild der Würdigung seines Werks und seiner öffentlichen Wirkung, an die besondere Beziehung zwischen Jürgen Habermas und seinem Verlag, dem Suhrkamp Verlag, zu erinnern. In dieser weit mehr als ein halbes Jahrhundert umfassenden Verbindung liegt ein Schlüssel zum Verständnis sowohl der öffentlichen Wirksamkeit Jürgen Habermas’ als auch seines zentralen Konzepts der Öffentlichkeit. Zugleich erklärt sich von hier aus das Zusammenspiel von philosophisch-sozialwissenschaftlicher Theorie und Literatur, wie es im Suhrkamp Verlag entstanden ist.
Alles begann damit, so hat es Jürgen Habermas selbst geschildert, dass sich im Frühsommer 1963 Siegfried Unseld und seine Frau Hilde Unseld bei Ute und Jürgen Habermas zu einem Besuch anmeldeten. Vier Jahre nachdem Peter Suhrkamp die Verlagsleitung in die Hände Siegfried Unselds gelegt hatte, wollte Siegfried Unseld eine „Theorie“-Reihe begründen. Für das von Peter Suhrkamp im Jahr 1950 als rein literarisch gedachte Haus war dies neu; einen Programmbereich für Philosophie und Gesellschaftstheorie, für politische Bücher gar, hatte es bislang nicht gegeben. Aber Siegfried Unseld hatte die gesellschaftspolitischen Umbrüche seiner Zeit und die zunehmende Nachfrage der jüngeren Generation nach theoretischen Schriften bemerkt. Es war seine Absicht, Jürgen Habermas als Berater für sein Vorhaben zu gewinnen.

Die ersten Bücher der „Theorie“-Reihe erschienen 1966 in der Absicht, einerseits den Verlag für die Wissenschaft zu öffnen und andererseits die wissenschaftliche Theorie einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Herausgeber der richtungsweisenden Reihe waren Hans Blumenberg, Dieter Henrich, Jacob Taubes und eben Jürgen Habermas, der von Beginn an einer ihrer wichtigsten intellektuellen Architekten war.
So konnte die bereits angesprochene, für das Programm des Suhrkamp Verlags identitätsbildende Mischung aus literarischen, wissenschaftlichen und politischen Titeln entstehen, die das geistige Leben und intellektuelle Klima der Bundesrepublik Deutschland maßgeblich prägen sollte und nicht wenige Debatten von historischer Bedeutung anstieß.
Viele der gemeinsam auf den Weg gebrachten Publikationen knüpften an die durch die Nazi-Herrschaft jäh unterbrochene Geistestradition der deutsch-jüdischen Autoren an: So erschienen unter anderem die Werke von Adorno, Scholem, Kracauer, Bloch und Marcuse im Programm des Suhrkamp Verlags.

Wie bedeutend das gleichsam verlegerische Mitwirken Habermas’ an der inhaltlichen Gestaltung des Programms in jenen Jahren war, verdeutlicht ein Eintrag aus dem Tagebuch Siegfried Unselds: „[I]ch dachte laut mit Habermas und im Übrigen brauchte er nur zu hauchen und ein Manuskript wird angenommen oder abgelehnt. Niemand bestimmt so ausschließlich das wissenschaftliche Programm wie Habermas.“
Ohne Jürgen Habermas also wäre der Suhrkamp Verlag nicht das geworden, was er wurde. Aber auch Jürgen Habermas’ eigene Entwicklung und die seines Werks wären ohne den Suhrkamp Verlag wohl anders verlaufen.
Jürgen Habermas hat sich immer darum bemüht, akademische Lehre und politisches Handeln zu verknüpfen, und er hat kontinuierlich daran gearbeitet, die gesellschaftliche Nützlichkeit der Philosophie unter Beweis zu stellen. Dies wäre in dem geleisteten Umfang kaum möglich gewesen ohne die Unterstützung eines Verlegers und die Plattform eines Verlags, der seine wissenschaftlichen Schriften im Stil eines Publikums- und eben nicht eines Fachverlags ausdrücklich einer breiteren und nicht nur der Fachöffentlichkeit zugänglich machte.
Jürgen Habermas’ Werk erscheint seit 1968 im Suhrkamp Verlag. Der Band Erkenntnis und Interesse war die erste monographische Schrift, die der Verlag von ihm publizierte. Es folgten über 60 Buchveröffentlichungen, lizenziert in über 40 Sprachen, begleitet von einer umfangreichen, auch internationalen Rezeption.
Die Verbindung zwischen dem Suhrkamp Verlag, dem Philosophen Jürgen Habermas – und der Öffentlichkeit – währte ganze 63 Jahre lang. Sie wurde die längste Zeit zusammengehalten durch die Freundschaft zwischen Jürgen Habermas und Siegfried Unseld. Wesentlich dabei war, wie Jürgen Habermas selbst es einmal beschrieb, „dass Freundschaft, Produktion und Absatz, Geselliges und Geschäftliches, Privates und Berufliches wie in prästabilierter Harmonie ineinandergreifen“.

Bis zuletzt hat sich Jürgen Habermas für die Geschicke des Verlags interessiert und sie begleitet, immer ansprechbar, immer hellwach. 2013, in einer für den Verlag turbulenten und schwierigen Zeit, galten meine ersten Anrufe Alexander Kluge und Jürgen Habermas, die ich um Rat und Unterstützung bat – welche ich von beiden auch erhielt. Ich selbst kann mich an kein Treffen mit Jürgen Habermas erinnern, an dem er sich nicht nach den Inhalten der jeweiligen Programme erkundigte, den literarischen wie den wissenschaftlichen, kein Treffen, an dem er nicht von den eigenen Lektüren berichtete. Er konnte, zusammen mit seiner Frau Ute, den Abend füllen mit Anekdoten und Geschichten über seinen Verlag, aus Jahrzehnten.
Er sei dankbar, dass dieser Verlag und viele seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihn durch sein Leben begleitet hätten, sagte er. Zu danken hat aber vor allem der Suhrkamp Verlag – ihm und, das möchte ich ausdrücklich sagen, seiner Frau Ute Habermas, die im letzten Jahr verstorben ist.
Danke, Ute Habermas, danke, Jürgen Habermas, für die vergangenen sechs Jahrzehnte.
Siehe auch:
Enno Rudolph über Jürgen Habermas' Philosophiegeschichte
Rolf Wiggershaus über Jürgen Habermas

Foto: Petra Kammann
Am 19. Juni 2026 fand in der Paulskirche zu Frankfurt am Main eine Gedenkstunde für den in diesem Jahr verstorbenen Philosophen Jürgen Habermas statt. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (Foto) hielt eine Gedenkrede. In Vorträgen würdigten der Historiker Norbert Frei und die Philosophin Cristina Lafont Werk und Wirkung des Philosophen.
Erstellungsdatum: 22.06.2026