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Die Sonnenseite des Lebens, die wir einzig in der romantischen Literatur aufzufinden glaubten, erhellt überraschenderweise die Buchseiten des sechsten Romans der Autorin Anna Katharina Fröhlich aus dem Jahr 2025. Sie, jung und schön, trifft ihn, den rund 30 Jahre älteren Roberto Calasso, Schriftsteller, Essayist und vor allem, seit 1971, geschäftsführender Direktor der Mailänder Adelphi Edizioni. Calasso stirbt 2021, und Fröhlich schildert ihre Liebesbeziehung über ein Vierteljahrhundert hinweg. Wolfgang Rüger hat sich in die Geschichte hineinbegeben.
„Wie Leni in Kafkas Prozess wollte ich so schnell wie möglich seine Geliebte werden …“ Das ist der alles beherrschende Gedanke von Anna Katharina Fröhlich, als sie 1995 auf der Frankfurter Buchmesse in Halle 4 am Stand von Matthes & Seitz den italienischen Autor und Verleger Roberto Calasso zum ersten Mal trifft. Sie ist dreiundzwanzig, er dreißig Jahre älter und mit der Schriftstellerin Fleur Jaeggy verheiratet. Trotz ihres jugendlichen Alters ist sie nicht mehr grün hinter den Ohren und setzt mit aller Raffinesse ihr Vorhaben in die Tat um. „Natürlich war ich kokett und verstand die Kunst, einen Mann zu faszinieren …“ Bis zu seinem Tod 2021 wird sie Calassos Geliebte bleiben und zwei Kinder mit ihm haben.
Pünktlich zum dreißigjährigen Jubiläum ihrer Liaison präsentiert sie dem deutschen Leser das schmale Bändchen „Roberto und Ich“, in dem sie die Anfänge dieser außerordentlichen Liebesgeschichte nochmals lebendig werden läßt. „Ich glaube, dass ich damals alle Eigenschaften besaß, um Roberto zu gefallen. Ich war schön, ging nicht zur Wahl, las keine Zeitung, interessierte mich nicht für die Moden und Marotten der Gegenwart, war Tochter eines Schriftstellers und Beute eines Heißhungers nach Büchern. Meine kurze Biographie schien wie gemacht, um einen Mann wie ihn anzuziehen, den ‚abenteuerliche Frauen‘ ins Träumen versetzten.“ Sie, die Tochter von „Hans Jürgen Fröhlich, den ich seit seinem frühen Tod wie eine Heiligenfigur in meiner Erinnerung herumtrug und zu immer neuem Leben erweckte, wenn ich von ihm sprach“, findet in Calasso einen Vaterersatz. Die Formel Schönheit paart sich mit Intellekt wird hier Realität. Vom ersten Moment an idealisiert sie ihn. „In Roberto stieß ich auf Eleganz, Belesenheit, Weltläufigkeit, Ernsthaftigkeit, Kindlichkeit und Großzügigkeit.“ Sein Ruf als großer Gelehrter läßt die junge Frau alle Schranken vergessen. „War es schwer, einen Mann faszinierend zu finden, hinter dessen Gestalt sich Bibliotheken und Verlagsräume auftaten?“

Der Mailänder Verlag Adelphi gilt als das intellektuelle Kraftzentrum Italiens. Hier wird nur das Beste vom Besten verlegt. Der „Verlag war so etwas wie eine Praxis, in der geistige Präparate gegen die Verrohung des Geistes angeboten wurden, denn es gibt sie, die kathartische Wirkung guter Lektüre …“ „Was die Verlagsgründer von Anfang an verband, war die Sicherheit des Geschmacks, die außer einem Gespür für literarische Qualität auch ein haptisches Gefühl für die Qualität von Papier und typographische Eleganz beinhaltete.“ Calasso, von Anfang an dabei und seit 1999 Verlagsleiter, ist die Verkörperung all dessen, nach was Fröhlich sucht: „gelehrter Intellektueller vornehmsten Schlags und prominenter Buchautor, sachkundiger Herausgeber, unermüdlicher Leser“. (NZZ)
Mit bewundernswerter Konsequenz folgt die total Verliebte ihren Überzeugungen. „Auch wenn ich inzwischen die unüberwindbar scheinenden Hindernisse unserer Verbindung erkannt hatte, ging ich stur auf dem im Restaurant Francais in Frankfurt eingeschlagenen Weg weiter, von dem sicheren Gefühl getragen, dass es keinen zweiten Weg für mich gab.“ Sie bricht ihr Philosophie-Studium ab und setzt alles auf den Unterricht, „den ihr ein genialer Mann erteilen kann“, an seiner Seite schlägt sie „den Weg der Autodidaktin“ ein.
„Dass unsere Liebesgeschichte unter dem Stern des Reisens stehen würde, hatte von Anfang an in der Luft gelegen. Es interessierte mich jedoch nicht so sehr, die Welt zu sehen, als vielmehr die Welt an Calassos Seite zu sehen, eines Mannes aus besonderem Stoff.“ An ausgewählten Wochenenden nimmt er sie mit nach London, Rom, Neapel, Venedig. Sie steigen in exquisiten Hotels ab, treffen extravagante Persönlichkeiten und besuchen die herausragendsten Museen und Restaurants. In ihrer Phantasie inszeniert sie diese Wochenenden wie Settings aus Visconti- oder Fellinifilmen. Die Kurztrips sind ein permanenter Sinnesrausch. „Die Reisen mit Roberto waren zu unwiderstehlichen Versuchungen für mich geworden.“ Aber nach jedem Rausch folgt die Ernüchterung. „Die Trennung von ihm hieß die Rückkehr in eine wenn auch nicht triviale, so doch plötzlich ärmere, leblosere Wirklichkeit.“ Sie kehrt alleine zurück in ihr Domizil am Gardasee, er fliegt heim zu Ehefrau und Verlag.
Man muß entweder ein riesiges oder gar kein Selbstwertgefühl haben, um sich über fünfundzwanzig Jahre lang mit der Rolle in der zweiten Reihe zufrieden zu geben. Gerade in Affären sorgen die negativen Emotionen doch meist für Dramatik. Fröhlich ist anfangs davon auch nicht gefeit, hockt oft schmollend allein in ihrer Luxussuite, aber „sobald ich erfahren hatte, dass Roberto schon eingetroffen war, zogen sich die Gefühle der Eifersucht und des Neids aus meinem Körper zurück und brachten alles in mir ins Moussieren, als hätte sich ein Korken aus der Brust gelöst und wären mir die Blasen des Leichtsinns zu Kopf gestiegen“. In ihren Erinnerungen ist sie bis zu Calassos Tod die Geliebte, die keine Probleme machen will.
Ausgespart bleiben die Jahre nach der Geburt der gemeinsamen Kinder. Der Leser erfährt nur, daß sie regelmäßig im Sommer zu viert fünf Wochen Urlaub in Griechenland gemacht haben. Wie oft der Vater im Jahr seine Kinder gesehen hat, wie die Erziehung geregelt war, wann und wie die Ehefrau in das Doppelleben ihres Gatten eingeweiht wurde, darüber wird der Leser im Unklaren gelassen.
Fröhlich geht es in ihrem Memoir nicht um die Banalitäten einer Ménage-à-trois, sondern nur um die Besonderheiten dieser amour intellectuel. Hier trifft ein „sivaitisches Temperament“ auf die Harmonie aus „Askese und Eros“. Das Zusammensein mit Calasso gewährt ihr ein hohes intellektuelles Niveau, ein dauerndes Lernen, es ist, wie es im Untertitel heißt, „ein Bund mit den Büchern“. Diese Zweisamkeit blieb über eine so lange Zeit vermutlich deshalb eine glückliche Konstellation, weil beiden das Geistige mehr galt, als das Profane. „Ich brauchte seine Gegenwart, weil er mir eine Freiheit des Denkens schenkte, die ich so vorher nie kennengelernt hatte, und ich brauchte seine Bewunderung, um mich in meiner Wesensart bestärkt zu fühlen. Sicher, er hatte einige schwerwiegende Fehler wie seine Arroganz, seine Verschlossenheit oder seine Härte im Urteil. Einen Fehler aber besaß er nicht: er war nie langweilig. Ich wusste, dass unsere Liebe vielleicht schwere Zeiten durchmachen, doch niemals abstumpfen würde, da wir beide die Fähigkeit besaßen, von einem Moment auf den anderen unsere irdischen Angelegenheiten hinter uns zu lassen und uns über die andere Welt mit ihren Göttern, Nymphen, Dichtern, Schlangen, Propheten oder Geschichtenerzählern zu unterhalten, Gespräche, die immer wieder von neuem die Überzeugung in mir schürten, dass die Welt des Geistes wirklicher war als die Realität.“
Jahre nach Calassos Tod räsoniert sie an seinem Grab, daß sie „die modernen Nachfolger von Pluto und Proserpina, Venus und Zeit, Venus und Vulkan (für Tiepolo die idealen Paare)“ waren. Eine Beziehung, die wider jede Vernunft und Statistik, sechsundzwanzig Jahre gehalten hat: „er dunkelhaarig und eher klein, ich blond und eher groß gewachsen, er alt, ich jung, doch wir fühlten diese Unterschiede nicht, in dem berauschenden Gefühl, so etwas wie eine Sekte à deux zu bilden, die denselben Göttern nachhing“.
„Roberto und Ich“ ist das Zeugnis einer großen Liebe, vor allem aber auch eine Liebeserklärung an das gedruckte Buch. „Robertos Glaube an das ‚gute‘ Buch stärkte auch mich, gab mir Mut, unter Büchern nach den ‚besten‘ zu suchen, nach jenen, die, wie Eisen in Feuer, durch Jahrtausende, Jahrhunderte oder Jahrzehnte dem Feuer der Zeit standgehalten haben, ja, in ihm gehärtet worden sind.“ Mit den Erwähnungen und kurzen Zitaten ihrer Lieblingsschriftsteller weckt sie beim Leser die Lust, diese auch (wieder) zu lesen: Proust, Balzac, Kafka, Tschechow, Cioran, Jünger, Ceronetti, Baudelaire, Kavafis, Brodsky und natürlich den bedeutenden Kulturhistoriker Calasso. „Im Laufe der Jahrzehnte hatten sich Robertos Lektüren wie geologische Schichten in ihm abgesetzt, von den mesopotamischen Schicksalstafeln bis zu den Mythen der Griechen, von Giordano Bruno bis Baudelaire, von Swedenborg bis Stirner, von Pascal bis Proust. Schon als junger Mann hatte er seine literarische Neugierde in alle Himmelsrichtungen gerichtet, unermüdlich auf der Suche nach etwas, das sich im Alten Testament genauso gut wie in einem Brief von Keats finden konnte.“
Nach der Lektüre dieses Buches kennt der Leser nur eine Seite der Geschichte; von Fröhlichs Warte aus gesehen hat Calasso ein beneidenswertes Leben geführt.

Anna Katharina Fröhlich
Roberto und Ich
Ein Bund mit den Büchern
208 S., geb.
Friedenauer Presse, Berlin 2025
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Erstellungsdatum: 22.01.2026