Ein alternatives Herz und ein zupackender Wille – ein Punker in Leitungsfunktionen: Der Filmemacher, Filmproduzent, Musikverleger, Manager, Regisseur, Autor und Weltenbummler Klaus Maeck hat jetzt eine Art Autobiografie vorgelegt. Wolfgang Rüger hat „Volle Pulle ins Verderben“ gelesen.
Das Buch geht schon auf der ersten Seite in die Vollen. 2022 entgeht Klaus Maeck auf einer Reise zu den Dias de los Muertos in Mexiko beim Aussteigen aus dem Bus nur um Haaresbreite dem Tod. Und eine Seite später reißt sich Maecks kleiner Bruder von seiner Hand und wird von einem Laster zu Tode gefahren. Da war Maeck fünf Jahre alt. Früh lernt er eine erste Lektion: „Zumindest verstand ich da zum ersten Mal, was das Gegenteil von Glück ist. Und dass es keine Garantien auf Erden gibt.“
Jetzt als Siebzigjähriger, der sich gerade von seiner Ehefrau getrennt hat, resümiert er in „Volle Pulle ins Verderben“ sein Leben. Was ist die Quintessenz eines erfüllten Lebens? Wie geht man würdig dem Ende entgegen? Maeck kommt für sich zu klugen Einsichten. Als Leser folgt man gern seinen Geschichten, begleitet ihn auf seinen Reisen und freut sich mit ihm an seinen Erfolgen.
Es ist der typische Werdegang eines Unangepaßten: Rebellion gegen die autoritären Nazi-Eltern, antiautoritäre Sozialisation in WGs, Tramptouren in die weite Welt, alternative Lebensentwürfe mittels Kunst. Im Gegensatz zu den meisten dieser Aussteiger hat es Maeck allerdings zu gewissem Ruhm vor allem außerhalb des Rampenlichts gebracht. Er gehört zu den unersetzlichen Machern im Hintergrund.
1979 gründet er den legendären Plattenladen Rip Off, in den 80ern dreht er seine ersten eigenen Filme, wird Mitgründer und langjähriger Geschäftsführer des Freibank-Musikverlags, 2004 gründet er zusammen mit Fatih Akin die Produktionsfirma corazon international. Innerhalb der Alternativszene ist er ein geschätzter Ideengeber.
Wer wissen will, wie deutsche Gegenkultur in den 70ern und 80ern funktioniert hat, der erfährt es in „Cooly Lully“. Am Beispiel Hamburgs und seinen autobiografischen Erlebnissen erzählt Maeck anschaulich, wie eine kleine Gruppe von Leuten mit außergewöhnlichen Ideen eine ganze Großstadt politisch und kulturell aufgemischt hat. „Die Konzerte waren gepackt voll, aus allen Ecken meldeten sich neue Bands und neue kleine Labels mit mutiger, innovativer Musik. Die wöchentlichen Neuerscheinungen waren heiß begehrt, die Fans und Journalisten rannten uns die Bude ein, dabei machten wir nicht mal Werbung dafür.“
Im Kapitel „Decoder“ erzählt er die Entstehungsgeschichte seines ersten Langfilms. Ein Film, den in Deutschland praktisch kaum einer gesehen hat, in dem aber alle Mitwirkenden berühmt (geworden) sind (u.a. FM Einheit, Christiane F, William S. Burroughs, Genesis P-Orridge, Dave Ball, Matt Johnson, Johanna Heer, Ralf Richter), der seit wenigen Jahren eine Art Kultstatus genießt, weil er vieles vorweggenommen hat, was heute Alltag ist. „Seine Aussage über die Macht von Information ist die herausragendste, deutlichste Botschaft des Films und wird heute besser als früher verstanden: 40 Jahre später ist der Kampf um Daten in vollem Gange …“
Es rührt einen fast, wenn man liest, wie alles angefangen hat: „Die Sponti-Szene rief auf zu Tunix, die frühen Hacker etwas konkreter zu Tuwat, und alle meinten das Gleiche: alles Etablierte zu hinterfragen und sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Musikalisch führte das zu einer überraschenden Revolution, der Punk war geboren!“ Euphorie, Naivität und Dilettantismus gepaart mit der Lektüre von Burroughs‘ Die elektrische Revolution: „Worte und Bilder sind die mächtigsten Kontrollinstrumente. Wenn man sie zerschneidet und neu anordnet, zerstört man das Kontrollsystem, das immer Furcht und Vorurteil diktiert.“ So wenig braucht es manchmal, um etwas Großes zu schaffen.
Maeck ist gerne unterwegs. Der Großteil seines Buches sind Reisegeschichten (Mexiko, USA, Marokko, China). Paul Bowles unterscheidet zwischen Touristen und Reisenden. Der Reisende ist meist ziellos und will vor allem in die fremde Kultur eintauchen, aufsaugen, was um ihn herum ist. Maeck ist ein genauer Beobachter, beschreibt kenntnisreich und detailliert, was er erlebt. Oft ist er mit Einheimischen unterwegs und bewegt sich abseits der Touristenpfade. Das gewährt dem Leser Einblicke, die spannend und lehrreich sind. In seinen Reisestories nimmt sich Maeck aber auch die Freiheit, Wirklichkeit und Fantasie zu verweben. Man muß schon sehr genau lesen, um die Übergänge mitzubekommen. Reisen sind für ihn Trips der Selbsterkenntnis. „… nirgendwo kann ich mich so gut auf mich selbst besinnen wie allein in der Ferne.“
Zwei Autoren spielten in Maecks Leben eine große Rolle: William S. Burroughs und Brion Gysin. Das Lebensgefühl der Beat-Generation hat seinen eigenen Werdegang maßgeblich beeinflußt, auch wenn in seinem Leben die Musik und der Film die stärkeren Akzente setzten. Aber das eine ist ohne das andere nicht denkbar. Wie alles miteinander verwoben ist, kann man selbst aus den langen Interviews mit Einstürzende Neubauten und Burroughs herauslesen.
Das Buch ist nicht nur für altgewordene Beat-Nostalgiker ein Lesegenuss, für die Jungen könnte es eine Wegbeschreibung ins Leben sein. „Es zog mich in die wilde Welt mit reichlich hedonistischer und anarchistischer Energie, so zu leben wie nie wieder – und wie Recht ich damit hatte, begreife ich heute erst richtig. Die Jahrzehnte vergingen, mit wachsender Geduld für das Leben, mit Lust und Wut, mit Liebe und Verzweiflung und meistens mit dem glücklichen Gefühl, meine Zeit auf Erden nicht sinnlos zu verplempern.“
Klaus Maeck
Volle Pulle ins Verderben
236 S., brosch.
ISBN: 978-3-910431-29-4
Moloko Print, Schönebeck 2024
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Erstellungsdatum: 25.03.2025