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Nicht nur die Oper war für Alexander Kluge ein Kraftwerk der Gefühle. Die leitende, planende und gestaltende Vernunft erkannte er stets vom Antirealismus des Gefühls verschoben und verrückt. So wie er als Jurist, der er ja auch war, eine formale Stärke ins Spiel brachte, so ließ er als Poet ohne lyrische Ambitionen die Disziplinen des Films, des Gesprächs, der Musik, des Essays und der Erzählung durchlässig werden. Die Weltliteratur war ihm ein Gespräch über die Jahrhunderte hinweg, und er wurde nicht müde, daran teilzunehmen. Volker Breidecker erinnert an die Frankfurter Poetikvorlesung des universalen Intellektuellen und Künstlers.
„Auf viel Sympathie gestoßen“, sei er mit dem Vorschlag, den Nachwuchsautor Alexander Kluge in die engere Auswahl für die Poetik-Dozentur zu nehmen. Und er „zweifle nicht daran“, teilte Theodor W. Adorno dem jungen Freund und Vertrauten brieflich weiter mit, „dass sich Deine Berufung für eine der nächsten Semester realisieren wird“. Das war im Februar 1965, drei Jahre nach dem weithin beachteten Erscheinen einer ersten Sammlung „Lebensläufe“, die – wie es im knappen Vorwort hieß – „teils erfunden, teils nicht erfunden“ seien und zusammengenommen „eine traurige Geschichte“ ergäben.
Ein halbes Jahrhundert ist seither vergangen; zerstoben sind alle Hoffnungen, das neue Jahrhundert könnte sich gegenüber dem vorigen friedlicher und katastrophenärmer ausnehmen, doch Alexander Kluge hört nicht auf, Geschichten zu erzählen, Lebensläufe von Menschen, von Dingen und von Orten: „Die Geschichten“ – so heißt es auch wieder in der als „Das fünfte Buch“ (Suhrkamp 2012) erschienenen Sammlung „Neue(r) Lebensläufe“ – seien „teils erfunden, teils nicht erfunden“; sie stünden im Dialog „mit den vorangegangen“ – nur fehlt diesmal die eine „traurige Geschichte“, zu der sie sich zusammenfügten. Das könnte bedeuten, dass Kluges Erzählungen auch andere, glücklichere Ausgänge – oder Auswege – zuließen als die von der „großen“, für die Menschen zumeist tragisch verlaufenden Geschichte vorgezeichneten.
Doch tritt hier kein billiger Zweckoptimismus an die Stelle intellektueller Skepsis, sondern etwas, das Kluge im Rückgriff auf die altgriechische Grammatik als den „Optativ“ auffasst, im Sinne einer gegenüber allen Konjunktiven ganz eigenständigen Form. Ästhetisch ausgedrückt, ist der vermeintliche Optimismus ein solcher des Verfahrens und des autonomen Machens – was die alten Griechen wiederum unter „poiesis“ verstanden. Und was der unablässige Projektemacher Alexander Kluge – bald fünfzig Jahre nach Adornos Berufungsvorschlag – vor einem von Woche zu Woche wachsenden, zuletzt fast zweitausendköpfigen Publikum bot, das waren Sternstunden sowohl der Gattung als auch jener volksuniversitären Einrichtung, die am Ort der nachkriegsdeutschen – noch so ein Klugescher „Optativ“ – „Beinahe-Hauptstadt“ Frankfurt längst genauso alt ist wie die übrige Republik.
Es war eine Art Heimkehr: In Frankfurt hatte Kluge Jurisprudenz studiert; im Verlag von Vittorio Klostermann war 1958 seine Dissertation „Die Universitäts-Selbstverwaltung“ erschienen, die – schon damals in Klugescher Manier – im Blick auf die Gegenwart sogleich in die Historie, ins zwölfte, elfte und zehnte Jahrhundert abschweifte; in den sechziger Jahren wirkte er als Justitiar am Hort der Frankfurter Schule, dem Institut für Sozialforschung; und in den siebziger Jahren hielt er an der Goethe-Universität Filmseminare, deren einstige Teilnehmer davon noch heute schwärmen: „Ich bin sozusagen der Hofpoet der Kritischen Theorie“ – der charmante Humor, mit dem sich Kluge in Frankfurt neuerlich vorstellte und den er bis zuletzt durchhielt, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass es ihm mit dieser Selbstaussage ernst war. Zu verstehen nicht nur als loyale Anbindung, sondern auch im Sinne einer notwendigen Revision.
So stringent und kompakt wie in seinen Frankfurter Vorlesungen hat Kluge seine ganze persönliche Poetik, die ungeschieden sein schriftliches ebenso wie filmisches Werk umfasst, selten zuvor präsentiert. Die „Theorie der Erzählung“, über die zu lesen er sich vorgenommen hatte, kam in Wort und Bild so überaus anschaulich und eindringlich herüber, wie nur Poesie es ermöglicht, die mit dem Denken und mit der Wissenschaft eins wird. Mit Kants Maxime, wonach Begriffe ohne Anschauungen leer, Anschauungen ohne Begriffe aber blind sind, sorgte Kluge für „Orientierung“ (wiederum im Sinne von Kant unter Berufung auf dessen Schrift „Was heißt: sich im Denken orientieren?“). Ausgehend vom Ort der Versammlung, dem Campus der Universität mit den benachbarten Stadtteilen, die Kluge mit Filmszenen – aus „Abschied von Gestern“ und „In Gefahr und höchster Tot bringt der Mittelweg den Tod“ – ausleuchten ließ, bis hin zum weiten Erdenrund, den er mit immer wieder auch rhythmisch in die Vorlesungen eingestreuten Erzählungen ausmaß.
Der Orientierung und dem genauen Hinsehen wegen. „Hinsehen“ überhaupt, „Ansehen“, „Anschauen“, „Beleuchten“, und „Belichten“ sind Kluges Lieblingsworte. In der weiten Spanne vom wörtlichen bis zu ihrem metaphorischen Gebrauch tritt darin der theoretische wie sinnliche Kern seiner Poetik zu Tage. Mit einer Denkfigur Adornos könnte man vom umfassenden Programm einer „zweiten Reflexion“ sprechen als dem inneren Antrieb von Kluges Poetik, seines Lebens-, Arbeits- und Erzählprogramms: Die Dinge gründlich zu beleuchten und zu belichten, sie auch in den „toten Winkel der Wahrnehmung“ so lange auszuleuchten, bis sie endlich zurückschauen und ihre Geheimnisse preisgeben.
An einer Stelle fand Kluge dafür ein wunderschönes Bild: Des nachts, wenn die Regisseure endlich aus den Studios und Ateliers verschwunden sind, dann beginnen die Lampen und Scheinwerfer, die man in Filmen sonst nie zu sehen bekommt, von ihrem zweiten Leben zu träumen. Ähnlich tun es auch die Menschen in den Äußerungen ihrer Gefühle und ihrer Subjektivität. Gegen die kalte Objektivität erstarrter Verhältnisse schaffen sie sich eine andere Wirklichkeit: „Subjektivität ist objektiv!“, erklärte schon Woody Allen in „Die letzte Nacht des Boris Gruschenko“.

Dem Hunger nach Erzählungen nachgeben, heißt für Alexander Kluge: undenkbare Dinge zusammenzubringen, heißt Hingabe an die Zufälle des Lebens, heißt „Antirealismus des Gefühls“ – gewappnet mit dem Bewusstsein, dass sich Geschichten auch umkehren lassen, dass jede und dass alle Geschichte immer auch anders ausgehen könnte. Dazu bedarf es nur der großen staunenden Augen wie jenen von Alexandra Kluge, seiner Schwester, in der Rolle der Anita G. in „Abschied von Gestern“, und des unablässigen Schweifens und Durchstreifens von Seiten-, Neben- und anderen Auswegen. Alias Aufklärung. Alias Poesie. Bis an die Grenzen des Erzählbaren und darüber hinaus, auch wenn es dann vorläufig heißen muss ,wie Kluge „frei nach Mozart“ formulierte: „Wovon ich nicht sprechen kann, davon muss ich singen.“
Erstellungsdatum: 27.03.2026