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Walter Krämer über Marina Abramovićs Katalog, Ausstellung und Performance

Die Performancekünstlerin Marina Abramović hat, was einer emphatischen Kunsterwartung entspricht, stets die Grenzen ihrer Kunst verschoben. Mit einer Unbedingtheit geht es ihr darum, das Bewusstsein des Menschen zu verändern, dass sie ihn, geht er darauf ein, auf seine eigenen Tabus stößt, seine eigenen, uneingestehbaren Wünsche. Dabei forscht sie die Herausforderungen der Intimität aus und setzt ihren eigenen Körper aufs ernste Spiel. Walter H. Krämer schreibt über ihre Berliner Ausstellung und Performance und den dazugehörenden Katalog.
„Ich bin eine Performance-Künstlerin, ich möchte etwas schaffen, mit dem das Publikum interagieren kann, das es fühlen kann, mit dem es eine persönliche Erfahrung mit seiner eigenen Art von Energie machen kann.“ (Marina Abramović)
Marina Abramović geboren 1946 in Belgrad, lebt in New York und gehört zu den international bedeutendsten Künstler:innen der Gegenwart. Abramović interessierte sich ursprünglich für die Malerei und schrieb sich an der Akademie der Schönen Künste in Belgrad für diese Kunstrichtung ein, um schon kurz darauf dieses Genre zu verlassen und ihren Körper sowohl als Medium als auch als Thema in der Performance-Kunst zu erforschen.
Bekannt ist Marina Abramović für ihre radikalen Performances, in denen ihr der Körper als Material und Werkzeug dient. In den Performances geht die Künstlerin oft an die Grenzen körperlicher Belastbarkeit und setzt sich dabei selber dem Risiko einer Verletzung sowie von Schmerzen aus.
2026 ist ihr neustes Werk Balkan Erotic Epic in Berlin und bei der Ruhrtriennale 2026 zu sehen und zu erleben. Mit Balkan Erotic Epic. The Exhibition im Gropius Bau Berlin präsentiert sie ihre erste große Einzelausstellung in Berlin seit den 1990er Jahren. Die Ausstellung vereint historische Werke und neue Arbeiten der Performance-Künstlerin und zeichnet ihr anhaltendes Interesse an Ritualen, Erotik, Tod und dem Körper als Ort politischen Widerstands nach.


Ausgehend von der Folklore des Balkans – der Region, in der Marina Abramović aufgewachsen ist – verwebt Balkan Erotic Epic. The Exhibition filmische und skulpturale Installationen mit Live-Performances. Durchsetzt mit humorvollen Zuspitzungen entwirft die Ausstellung ein imaginäres Bild dieser Region: Hier soll erotische Energie Gemeinschaften dabei helfen, dem Tod zu begegnen, Fruchtbarkeit zu fördern und das Gleichgewicht der Natur wiederherzustellen.
Nach der Ausstellung im Gropius Bau eröffnet im Oktober 2026 die neue mehrstündige Bühnenproduktion Balkan Erotic Epic. The Stage Version die Performing Arts Season im Haus der Berliner Festspiele. Diese Performance ist ebenfalls bei der Ruhrtriennale 2026 zu sehen.
Dieses monumentale Werk der Performancekünstlerin Marina Abramović ist Anlass und eröffnet die Möglichkeit sich mittels eines Kataloges aus dem Hirmer Verlag umfassend über den Werdegang und die künstlerischen Arbeiten zu informieren und tiefer in ihre Arbeiten einzutauchen. Der Katalog bietet mit 280 Seiten und 327 Farbabbildungen einen umfassenden Überblick über das mehr als fünfzigjährige Schaffen von Marina Abramović und wurde in enger Zusammenarbeit mit der Künstlerin erarbeitet.

Besonders hervorzuheben ist die Vielzahl der Beiträge internationaler Autorinnen und Autoren. Essays von u.a. Karen Archey, Adrian Heathfield, Svetlana Racanović, Andrea Tarsia, M. Varadinis und Devin Zuber beleuchten unterschiedliche Aspekte von Abramovićs Werk: ihre frühen Aktionen in den 1970er Jahren, die Zusammenarbeit mit Ulay, Fragen von Körperlichkeit, Schmerz, Ausdauer, Spiritualität und die Entwicklung ihrer späteren Langzeitperformances.
Mit ihren Performances brachte sie sich und die Zuschauer:innen immer wieder an ihre Grenzen. Ob sie sich mit einem Messer verletzt oder Besuchern die Gelegenheit gibt, sie zu erschießen – Schmerz und Leiden sind Gegenstand ihrer Kunst.
Die zahlreichen Fotografien im Katalog dokumentieren beispielsweise die berühmte Serie Rhythm 0 (1973), bei der das Publikum über Abramovićs Körper verfügen konnte. Die Künstlerin stand hierbei sechs Stunden lang unbeweglich in einem Raum, zusammen mit 72 Objekten, die von einer Rose über Peitschen und Mausefallen bis hin zu einer geladenen Pistole reichten. Das Publikum war eingeladen, diese Gegenstände nach Belieben an ihr zu benutzen – was sich einige der Besucher:innen auch nicht nehmen ließen. Die Künstlerin trägt noch heute Narben davon.
„The House with the Ocean View“ aus dem Jahre 2002 wird ebenfalls ausführlich dokumentiert: Zwölf Tage lang verbrachte Abramović in drei schwebenden Räumen. Das Publikum konnte ihr dabei beim Schlafen, Meditieren, Duschen oder beim Toilettengang zusehen – getrennt durch Leitern mit Messersprossen. Weiterhin die frühen Rhythm-Performances der 1970er Jahre; Arbeiten mit Ulay wie Imponderabilia, Rest Energy oder Relation in Time; Dokumentationen von Aktionen, in denen sie ihre physischen und psychischen Grenzen testete.
Zwischen 1976 und 1988 arbeitete Abramović mit dem Performance-Künstler Ulay zusammen. In dieser Zeit führten sie gemeinsam verschiedene provokante und überraschende Stücke auf. So saßen sie beispielsweise 17 Stunden lang bewegungslos Rücken an Rücken mit zusammengebundenen Haaren. Bei einer anderen Gelegenheit schrien sie sich gegenseitig in den offenen Mund, bis sie heiser waren. Oder beide standen sich nackt in einem engen Museumseingang gegenüber (Imponderabilia, 1977) und zwangen die Besucher, sich zwischen sie zu drängen und zu wählen, wem von beiden sie ins Gesicht sehen wollten, und stellten damit Fragen des Geschlechts in Frage.
Die Fotografien sind dabei nicht bloß illustratives Material, sondern machen sichtbar, wie stark Abramovićs Werk von Präsenz, Risiko und der Beziehung zwischen Künstlerin und Publikum geprägt ist. Gerade bei Performancekunst, die ursprünglich vergänglich ist, besitzen diese Dokumente einen hohen kunsthistorischen Wert.
Der Band verfolgt dabei keinen rein chronologischen Ansatz. Stattdessen verbinden die Beiträge historische Einordnung, theoretische Reflexion und reiches Bildmaterial. Dadurch entsteht ein vielschichtiges Porträt einer Künstlerin, die die Performancekunst nachhaltig geprägt hat.

Neben den bekannten Aktionen werden auch Zeichnungen, Objekte, Videoarbeiten und neuere Projekte behandelt. Internationale Autor:innen führen in Abramović’ gesamtes OEuvre ein, beleuchten Hintergründe und Kontroversen, die ihre einzigartige Kunst begleiten – von Re-Performances berühmter Stücke über Zeichnungen, Objekte und Video - Installationen bis zu aktuellen Arbeiten. Mit exklusivem Zugang zu ursprünglichen Aufführungen in einer Augmented-Reality-App für iOS und Android.
Die Publikation versucht außerdem Antworten auf folgende Fragen zu finden / zu geben: Wie weit sollte Performance-Kunst gehen? Welche Rolle spielt das Publikum dabei? Kann Performance den Moment überdauern?
Performances seien eine immaterielle Kunstform, sagt Marina Abramović. Die Frage dabei sei, wie sie das Bewusstsein verändern könnten und wie man die Welt dadurch anders wahrnehmen könne.
Die Arbeiten von Marina Abramović sind ein immersives Gesamterlebnis und erzeugen dabei eine Spannung zwischen ihr und dem Publikum und gerade das macht das Besondere an ihren Arbeiten aus. Ein Beispiel, das dies besonders deutlich zeigt, war ihre Retrospektive "The Artist is Present" 2010 im Museum of Modern Art (MoMA) in New York. Damals kamen 750.000 Menschen, um zu sehen, wie Marina Abramović 79 Tage lang auf einem Stuhl sitzt, ihr gegenüber jeweils eine Person aus dem Publikum. Nach einem kurzen Moment der Konzentration, öffnete sie ihre Augen und schaute der Person, die ihr gerade gegenüber saß tief in die Augen. Das war das berührende und anstrengende und erzeugte bei vielen ihrer Gegenüber. starke Emotionen. Und das acht Stunden täglich, ohne zu essen und ohne auf die Toilette zu gehen.
"Ich bereue gar nichts", sagte die Künstlerin. "Jede einzelne Arbeit war eine Erfahrung, die wieder zu einer neuen Arbeit geführt hat. Das ist eine gerade Linie bis hier ins Jetzt hinein.“
In der Welt der Performance-Kunst haben die Werke in der Regel keine Lebensdauer über ihre ursprüngliche Inszenierung hinaus. An verschiedenen Punkten ihrer Karriere hat Abramović versucht, dem entgegenzuwirken. So hat sie beispielsweise in ihren Seven Easy Pieces eine Reihe von „Reperformances“ bahnbrechender Werke wiederaufgeführt. Eine weitere Möglichkeit, ihre Performancekunst über die jeweilige Dauer einer Perfomance hinaus sichtbar und teilweise auch erlebbar zu machen, ist dieser Katalog.
Neben ihrer Kunst interessiert sie sich auch für Meditation, Schamanismus, Kristalle, Hellseher und Sternzeichen. Auch diese Seite Ihres Schaffens ist in dem Katalog ausführlich dokumentiert.
Der Katalog enthält außerdem eine Chronologie von Leben und Wirken (bis 2024) der Künstlerin – zusammengestellt von Rebecca Bray - mit weiterem Bildmaterial, darunter auch etliche Familienfotos.
Ergänzt am Ende durch Anmerkungen zu den einzelnen Kapiteln und einem hilfreichen Index.
Umfassender kann man sich derzeit kaum über Leben und Werk dieser Performancekünstlerin informieren und in ihr Werk eintauchen. Sehen sie selbst und lassen sie sich auf dieses Abenteuer ein.
Marina Abramović Publikation Hirmer Verlag
Marina Abramović Berliner Festspiele Performances
Marina Abramović Ausstellung Gropius-Bau

Marina Abramović
280 Seiten, 327 Abbildungen in Farbe
28.9 x 22 cm Hardcover
ISBN: 978-3-7774-4412-3
Hirmer Verlag
Zürcher Kunstgesellschaft / Kunsthaus Zürich (Hrsg.)
Beiträge von K. Archey, R. Bray, B. M. Busse, A. Heathfield, S. Racanovic, A. Tarsia, M. Varadinis, D. Zuber
Erstellungsdatum: 16.06.2026