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Walter H. Krämer über den Katalog zur Ausstellung Yayoi Kusama

Punkte ohne Ende. Der Minimalismus in der bildenden Kunst, der sich in Amerika mit Reduktion, Übersichtlichkeit und serieller Fertigung von den künstlerischen Entwicklungen europäischer Provenienz absetzte, sollte sich selbst vom gestaltenden Menschen emanzipieren. Yayoi Kusama, in Japan geboren, nach den USA ausgewandert und mittlerweile 97 Jahre alt, gehört seit den 1960er-Jahren zur New Yorker Avantgarde. Die Retrospektive ihrer Werke, die noch bis zum 11. September in Europa zu sehen sind, ist im Ausstellungskatalog zusammengefasst, den Walter H. Krämer vorstellt.
„Meine Hauptaufgabe ist, meine Visionen zu erhaschen.“
„Von klein auf habe ich Punkte (polka dots) gezeichnet. Die Erde, der Mond, die Sonne, die Menschen – alle sind Punkte im Kosmos. Einzelne Partikel unter Billionen.“ Yayoi Kusama
Der Ausstellungskatalog zur Retrospektive von Yayoi Kusama, die in Basel, Köln – noch bis zum 2. August und ab dem 11. September in Amsterdam gezeigt wird –, ist weit mehr als ein Begleitbuch. Er bietet einen umfassenden Überblick über mehr als sieben Jahrzehnte ihres Schaffens und dokumentiert eine der bedeutendsten Künstlerinnen der Gegenwart. Er zeigt neben berühmten Werken auch frühe Arbeiten, die erstmals in Europa präsentiert werden.
Deutlich erfahrbar in der Ausstellung und nachvollziehbar im Katalog wird das breite Spektrum an Medien, mit denen sich die Künstlerin im Laufe der Jahre beschäftigt hat: Malerei, Skulptur, Installation, Zeichnung, Collage, Happening, Live-Performance, Mode und Literatur.
Der gestanzte, bedruckte und auf der Innenseite mit Spiegelfolie versehene amerikanische Schutzumschlag ist auffaltbar und als Poster verwendbar. Eventuell auftretende Wellen und Bläschen auf der Folie sind der Effekt der aktiven Beschaffenheit des Materials, das auf seine Umwelt reagiert.
Die Ausstellung und der Katalog wurden in enger Zusammenarbeit mit der Künstlerin und ihrem Studio organisiert und beweisen eindrücklich, warum Yayoi Kusama heute als eine der bedeutendsten lebenden Künstlerinnen gilt.

Ihre Kunst verbindet Pop Art, Minimalismus, Performancekunst und immersive Installationen zu einer einzigartigen Bildsprache. Mit ihren Spiegelräumen und Punktwelten hat sie die zeitgenössische Kunst nachhaltig geprägt und ein breites Publikum weit über die Kunstwelt hinaus erreicht.
Kunst ist für sie nicht Beruf, sondern Lebensform. Ihre Werke verwandeln persönliche Erfahrungen von Angst, Einsamkeit und Halluzinationen in universelle Bilder von Unendlichkeit und Verbundenheit.
Yayoi Kusama ist eine der bekanntesten japanischen Künstlerinnen und für ihre raumgreifenden Installationen, Polka Dots und Infinity Mirror Rooms bekannt.
Kusamas Kunst widmet sich Themen wie Wiederholung, Besessenheit und dem Unendlichen. Als Pionierin der zeitgenössischen Kunst hat sie weltweite Anerkennung erlangt und beeinflusst weiterhin Generationen von Künstler:innen. Durch ihre Auseinandersetzung mit sich wiederholenden Mustern und Strukturen hat sie Kultstatus erreicht. Berühmt sind ihre charakteristischen Polka Dots (Punkte auf einfarbigem Grund) und Spiegelräume, die die Betrachter:innen in scheinbar unendliche Welten eintauchen lassen.
Yayoi Kusama wurde 1929 in Matsumoto (Japan) geboren. Bereits als Kind litt sie unter Halluzinationen und Zwangsvorstellungen, die ihr gesamtes späteres Werk prägen sollten.
Die sich wiederholenden Muster, Punkte und Netze, die sie in ihren Visionen sah, wurden später zum zentralen Motiv ihrer Kunst.
1957 zog sie in die USA und lebte vor allem in New York. Dort entwickelte sie ihre berühmten „Infinity Nets“ (Unendlichkeitsnetze), organisierte Happenings und Performances und gehörte zur Avantgarde der 1960er-Jahre. Trotz ihres Einflusses wurde ihr Beitrag lange von männlichen Künstlerkollegen überschattet.
Nach psychischen Krisen kehrte sie Anfang der 1970er-Jahre nach Japan zurück. Dort lebt und arbeitet sie freiwillig in einer psychiatrischen Klinik und schafft bis heute täglich neue Werke. Diese können verstanden werden als Versuch, persönliche psychische Erfahrungen in Bilder der Unendlichkeit zu verwandeln und den Menschen als Teil eines größeren kosmischen Ganzen sichtbar zu machen.

Das Denken von Yayoi Kusama ist einerseits stark beeinflusst von disharmonischen Familienverhältnissen, in denen sich die Doppelmoral der Gesellschaft in Bezug auf die Rollen von Frauen und Männern und deren sexuelles Verhalten spiegelte, und andererseits von der Erfahrung kriegerischer Auseinandersetzungen, die mit dem Abwurf zweier Atombomben auf die Städte Hiroshima und Nagasaki ihren dramatischen Höhepunkt mit Tausenden von Toten erreichten.
Der Tod spielt daher im Denken und Schaffen von Kusama immer wieder eine bedeutende Rolle, und sie setzt sich damit in zahlreichen ihrer Bilder, Gedichte und Texte auseinander. In ihrer Autobiografie beschreibt sie ihre Kunst als eine, „die an der Grenze zwischen Leben und Tod kämpft und in der es darum geht, was Menschen eigentlich sind und was Leben und Sterben bedeutet.“
Ihre Arbeiten verbinden persönliche Erfahrungen mit universellen Themen wie Einsamkeit, Natur, Kosmos und menschlicher Existenz. Gerade die begehbaren Installationen machen Kunst zu einem sinnlichen Erlebnis.
Der Katalog ist klar strukturiert und gegliedert mit vielen Textbeiträgen und Abbildungen ihrer Werke – zum Teil mit Erläuterungen.
Der Beitrag „Footprints of the Universe“ ist eine ausgezeichnete Einführung in Leben und Werk der Künstlerin. Verschiedene Essays – u. a. „Wie eine Pflanze“, „Ich habe den Urknall gesehen. Er sieht aus wie Polka Dots“ und „Portraits der Künstlerin“ – beleuchten unterschiedliche Facetten ihres Lebens und Schaffens. Aufschlussreich sind auch die Beiträge über Yayoi Kusamas gesellschaftspolitische Happenings, die die Künstlerin 1968 an politisch aufgeladenen Orten veranstaltete, und über Kusama als Modedesignerin – „Yayoi Kusama oder Die Metamorphose der Mode“.
Auch Texte und Gedichte der Künstlerin sind im Katalog abgedruckt. Und natürlich ihre Werke – die sehr übersichtlich nach Orten und Zeiten abgebildet sind: 1934–1957 Japan, 1958–1969 Vereinigte Staaten und Europa, 1972–2008 Japan, 2009 bis heute Japan.
Alles in allem ein wahrhaft überzeugend gestalteter und informativer Katalog mit aufschlussreichen Texten und Abbildungen ihrer Werke. Der Katalog erlaubt ein tiefes Eintauchen in das Werk und die Gedankenwelt der Künstlerin.
Ganz sicher lohnt ein Besuch der Ausstellung – den ich ohne Wenn und Aber empfehlen kann –, und doch hat der Katalog gegenüber dem Ausstellungsbesuch mehrere Vorteile: Die Ausstellung ist zeitlich begrenzt, der Katalog bleibt als Referenzwerk erhalten. Mit rund 280 Abbildungen ermöglicht er eine intensive Beschäftigung mit den Werken auch nach dem Ausstellungsbesuch. Der Katalog zeigt Werke aus allen Schaffensphasen und erläutert deren kunsthistorischen Kontext. Fachaufsätze und Essays beleuchten Kusamas Einfluss auf die zeitgenössische Kunst und ihre künstlerische Entwicklung.
Der Ausstellungskatalog ist daher nicht nur Erinnerungsstück, sondern ein wissenschaftlich fundiertes Standardwerk über Yayoi Kusama. Wer ihre Kunst verstehen möchte, erhält darin Einblicke in ihre Biografie, ihre außergewöhnliche Bildsprache und ihren enormen Einfluss auf die internationale Kunstszene.

Yayoi Kusama
Herausgegeben von: Leontine Coelewij, Stephan Diederich, Mouna Mekouar
Gestaltet von: Teo Schifferli
Texte von: Emanuele Coccia, Leontine Coelewij, Stephan Diederich, SooJin Lee, Katie Mack, Stefano Mancuso, Ralph McCarthy, Mouna Mekouar, Charlotte Sarrazin, Agata Marta Soccini, Helen Westgeest
268 Seiten, 280 Abbildungen
Schutzumschlag, amerikanisch, Broschur
210 mm × 260 mm
Hatje Cantz Verlag
ISBN: 978-3-7757-6032-4
Erstellungsdatum: 05.07.2026