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Walter H. Krämer über den Katalog zur Ausstellung Yayoi Kusama

Ich habe den Urknall gesehen

Walter H. Krämer


Yayoi Kusama Every Day I Pray for Love, 2022 Acryl und Markerstift auf Leinwand 100 x 100 cm Sammlung der Künstlerin © YAYOI KUSAMA Courtesy of Ota Fine Arts

Punkte ohne Ende. Der Minimalismus in der bildenden Kunst, der sich in Amerika mit Reduktion, Übersichtlichkeit und serieller Fertigung von den künstlerischen Entwicklungen europäischer Provenienz absetzte, sollte sich selbst vom gestaltenden Menschen emanzipieren. Yayoi Kusama, in Japan geboren, nach den USA ausgewandert und mittlerweile 97 Jahre alt, gehört seit den 1960er-Jahren zur New Yorker Avantgarde. Die Retrospektive ihrer Werke, die noch bis zum 11. September in Europa zu sehen sind, ist im Ausstellungskatalog zusammengefasst, den Walter H. Krämer vorstellt.

 

„Meine Hauptaufgabe ist, meine Visionen zu erhaschen.“
„Von klein auf habe ich Punkte (polka dots) gezeichnet. Die Erde, der Mond, die Sonne, die Menschen – alle sind Punkte im Kosmos. Einzelne Partikel unter Billionen.“ Yayoi Kusama

Der Ausstellungskatalog zur Retrospektive von Yayoi Kusama, die in Basel, Köln – noch bis zum 2. August und ab dem 11. September in Amsterdam gezeigt wird –, ist weit mehr als ein Begleitbuch. Er bietet einen umfassenden Überblick über mehr als sieben Jahrzehnte ihres Schaffens und dokumentiert eine der bedeutendsten Künstlerinnen der Gegenwart. Er zeigt neben berühmten Werken auch frühe Arbeiten, die erstmals in Europa präsentiert werden.

Deutlich erfahrbar in der Ausstellung und nachvollziehbar im Katalog wird das breite Spektrum an Medien, mit denen sich die Künstlerin im Laufe der Jahre beschäftigt hat: Malerei, Skulptur, Installation, Zeichnung, Collage, Happening, Live-Performance, Mode und Literatur.
Der gestanzte, bedruckte und auf der Innenseite mit Spiegelfolie versehene amerikanische Schutzumschlag ist auffaltbar und als Poster verwendbar. Eventuell auftretende Wellen und Bläschen auf der Folie sind der Effekt der aktiven Beschaffenheit des Materials, das auf seine Umwelt reagiert.

Die Ausstellung und der Katalog wurden in enger Zusammenarbeit mit der Künstlerin und ihrem Studio organisiert und beweisen eindrücklich, warum Yayoi Kusama heute als eine der bedeutendsten lebenden Künstlerinnen gilt.


Yayoi Kusama The Pacific Ocean, 1958, Öl auf Leinwand, 122,9 × 175,9 cm © YAYOI KUSAMA Courtesy of Ota Fine Arts

 

Ihre Kunst verbindet Pop Art, Minimalismus, Performancekunst und immersive Installationen zu einer einzigartigen Bildsprache. Mit ihren Spiegelräumen und Punktwelten hat sie die zeitgenössische Kunst nachhaltig geprägt und ein breites Publikum weit über die Kunstwelt hinaus erreicht.

Kunst ist für sie nicht Beruf, sondern Lebensform. Ihre Werke verwandeln persönliche Erfahrungen von Angst, Einsamkeit und Halluzinationen in universelle Bilder von Unendlichkeit und Verbundenheit.

Yayoi Kusama ist eine der bekanntesten japanischen Künstlerinnen und für ihre raumgreifenden Installationen, Polka Dots und Infinity Mirror Rooms bekannt.

Kusamas Kunst widmet sich Themen wie Wiederholung, Besessenheit und dem Unendlichen. Als Pionierin der zeitgenössischen Kunst hat sie weltweite Anerkennung erlangt und beeinflusst weiterhin Generationen von Künstler:innen. Durch ihre Auseinandersetzung mit sich wiederholenden Mustern und Strukturen hat sie Kultstatus erreicht. Berühmt sind ihre charakteristischen Polka Dots (Punkte auf einfarbigem Grund) und Spiegelräume, die die Betrachter:innen in scheinbar unendliche Welten eintauchen lassen.
Yayoi Kusama wurde 1929 in Matsumoto (Japan) geboren. Bereits als Kind litt sie unter Halluzinationen und Zwangsvorstellungen, die ihr gesamtes späteres Werk prägen sollten.

Die sich wiederholenden Muster, Punkte und Netze, die sie in ihren Visionen sah, wurden später zum zentralen Motiv ihrer Kunst.
1957 zog sie in die USA und lebte vor allem in New York. Dort entwickelte sie ihre berühmten „Infinity Nets“ (Unendlichkeitsnetze), organisierte Happenings und Performances und gehörte zur Avantgarde der 1960er-Jahre. Trotz ihres Einflusses wurde ihr Beitrag lange von männlichen Künstlerkollegen überschattet.

Nach psychischen Krisen kehrte sie Anfang der 1970er-Jahre nach Japan zurück. Dort lebt und arbeitet sie freiwillig in einer psychiatrischen Klinik und schafft bis heute täglich neue Werke. Diese können verstanden werden als Versuch, persönliche psychische Erfahrungen in Bilder der Unendlichkeit zu verwandeln und den Menschen als Teil eines größeren kosmischen Ganzen sichtbar zu machen.

Yayoi Kusama
Herausgegeben von: Leontine Coelewij, Stephan Diederich, Mouna Mekouar
Gestaltet von: Teo Schifferli
Texte von: Emanuele Coccia, Leontine Coelewij, Stephan Diederich, SooJin Lee, Katie Mack, Stefano Mancuso, Ralph McCarthy, Mouna Mekouar, Charlotte Sarrazin, Agata Marta Soccini, Helen Westgeest
268 Seiten, 280 Abbildungen
Schutzumschlag, amerikanisch, Broschur
210 mm × 260 mm
Hatje Cantz Verlag
ISBN: 978-3-7757-6032-4

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Erstellungsdatum: 05.07.2026