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Volker Breidecker auf den Spuren von George Sand

Im Schwarzen Tal des Indre

Volker Breidecker


George Sand, auf einem Pastell von Charles Louis Gratia, um 1835. Foto: wikimedia commons

Die französische Schriftstellerin George Sand, deren Todestag sich zum 150. Male jährt, lebte so frei, wie es ihr nur möglich war; sie rauchte Zigarren und trug auch mal Hosen, was im 19. Jahrhundert unüblich war. Die große Liebende und unermüdlich Schreibende – etwa 180 Werke soll sie verfasst haben – war umfassend gebildet und wissbegierig, zugewandt nicht nur den Lebenden, sondern auch dem Personal ihrer Romane und dem Ambiente, das sie realen Vorbildern entnahm. Volker Breidecker erzählt von George Sand und benennt einige Orte im Leben der Autorin und Schauplätze ihrer Romane.

 

Wie von der Geschichte vergessen, liegt in Frankreichs geographischer Mitte die Provinz Berry. Sie ist das Herzstück der Vieille France, des alten ländlichen Frankreich aus der Zeit vor der Herausbildung des Zentralstaats. Im Süden von den Hügeln der Auvergne, im Norden und im Osten vom Bogen der Loire umsäumt, fällt der Berry aus dem Gürtel der berühmten Renaissanceschlösser heraus. Über Schlösser, Burgen und Bergfriede verfügt diese Region, die unter Napoleon I. in die Départements Indre und Cher zweigeteilt wurde, gleichwohl in Hülle und Fülle, doch stammen sie nicht aus dem Zeitalter der Renaissance, sondern aus dem späten Mittelalter. 

Die historische Glanzzeit des Berry mitsamt seinem städtischen Zentrum, der zeitweiligen Krönungsstadt Bourges mit der grandiosen romanischen Kathedrale Saint-Etienne und dem spätgotischen Palast des reichen Kaufmanns und königlichen Schatzmeisters Jacques Coeur war um das Jahr 1500 bereits abgelaufen. Seither liegt dieser dünn besiedelte, kaum industrialisierte und wenig urbanisierte Landstrich mit seinen üppig grünen, leicht gewellten Hügeln in einem verträumten Dämmerschlaf, der bis heute anhält. Das alte Frankreich, das hier konserviert ist, ist daneben nur noch in der Bretagne zu finden. Man kennt es aus den Filmen von Jacques Tati, der sein Meisterwerk „Tatis Schützenfest“ tatsächlich im südlichen Berry, auf dem alten Marktplatz des mittelalterlichen Fleckens Sainte-Sévère-sur-Indre drehte.

Der Berry und seine Berrichons

Der Name des Berry ist fremden Besuchern und auch den meisten Franzosen am ehesten noch von den weltberühmten Stundenbüchern des Herzogs von Berry mit ihren bezaubernden Monatsbildern von Landschaften und jahreszeitlich bedingten Arbeiten und Gebräuchen her geläufig. Entstanden sind sie am Hof des Jean Duc de Berry in Bourges, der wie ein Magnet die Künstler aus den Nachbarländern anzog. In den zwanziger Jahren des 15. Jahrhunderts war Bourges vorübergehend sogar die Hauptstadt Frankreichs. Von hier aus plante der unter die Obhut seines herzoglichen Oheims geflohene Karl VII. die Wiedereroberung seines Königreichs.

Zu neuem Ruhm auf anderem, literarischen Gebiet gelangte die Landschaft des Berry erst im 19. Jahrhundert: Auf der schnurgeraden Landstraße, die von dem am Ufer des Indre gelegenen Landstädtchen La Châtre nordwestlich in Richtung Chateauroux verläuft, stößt man nach wenigen Kilometern auf eine Wegmarke, einen alten Gedenkstein mit der Inschrift: Ici commence La Vallée Noire celebrée par les romans de George Sand („Hier beginnt das in den Romanen von George Sand besungene Schwarze Tal“). Selbst den Zeitgenossen der erfolgreichen Schriftstellern war die von ihr nach dem violetten und fast schwarzen Anblick des Horizonts an stürmischen Tagen „Schwarzes Tal“ getaufte Landschaft als ein fiktives Reich bukolischer Idyllen erschienen. Doch es gab und gibt sie wirklich, die Schauplätze von George Sands Dorfromanen, die zu ihrer Zeit neue und ungewohnte ländliche Typen und bäuerische Figuren in die Literatur einführte.

An diesem Teilstück des Flusslaufs des Indre war George Sand, die unter dem Namen Lucie Amantine Aurore Dupin de Francueil vor zweihundert Jahren, am 1. Juli 1804, in Paris geboren wurde, seit ihrer Kindheit und bis zu ihrem Tod im Jahre 1876 die meiste Zeit zu Hause. Der kleine, auf der Landstraße nach La Châtre gelegene Flecken Nohant, der eigentlich nur aus einem Herrenhaus mit einem Park und einem privaten Familienfriedhof, wenigen Anbauten, ein paar Bauernhäusern sowie einer uralten Dorfkirche mit Vorplatz besteht, war ihr permanentes Refugium: Ort des Schreibens, Ort der Musen und auch die bevorzugte Stätte, an der sie jede neue Liaison feierte. Ihr Haus war ein Anziehungspunkt für Schriftsteller, Intellektuelle und Künstler aus Paris und aus ganz Europa: Frédéric Chopin verbrachte hier sechs Jahre an ihrer Seite und komponierte einen Großteil seiner Werke; Franz Liszt und Eugène Delacroix, Honoré de Balzac und Gustave Flaubert, Iwan Turgenjew, Théophile Gautier und der jüngere Alexandre Dumas führten die Prominentenliste einer kleinen Künstlerkolonie an, die sich in wechselnder Besetzung beinahe ständig im geräumigen Haus der Herrin von Nohant eingefunden hatte.

Zu einem Zeitpunkt, als der mit der Eisenbahn eine Tagesreise von Paris entlegene Ort (Chateauroux war die Station zum Umsteigen auf die Postkutsche) nur beschwerlich zu erreichen war, kam die Reise nach Nohant einer „Pilgerfahrt“ gleich, wie Balzac es nannte. Von  sich selbst sagte die Gastgeberin, daß sie in Nohant „wie im Kloster aufging“ – einem sehr geselligen und musischen Kloster, ähnlich dem der Englischen Augustinerinnen in Paris, wo sie zwei Jahre lang als Schülerin zugebracht hatte, allerdings ungleich amouröser. Im Lebensroman der George Sand, die ihren pseudonymen männlichen Vornamen – wider allen Klischees vom „Mannweib“ – von dem Wort „georgiques“ („ländlich“) ableitete, nimmt Nohant dieselbe Stelle paradiesischer Unschuld ein, die in ihren Dorfromanen in vorgetäuschter Schlichtheit und sublimer Naivität von rousseauesken Idealen des einfachen ländlichen und natürlichen Lebens vertreten wird. Ihr geistiger Taufpate – vielleicht unterstützt von dem als „zauberhaft“ bewunderten Dörfchen Lys-Saint Georges sowie von der besonderen Verehrung des heiligen Georg in dieser Region – dürfte jedoch Vergil gewesen sein: Der Mantovaner zählte zu ihren Lieblingsautoren, und das epische Gedicht „Georgica“ (Vom Landbau) war klösterliche Schullektüre, aus der sie gerne zitierte, vor allem den berühmten Ausruf „O fortunatos agricolas!“ („Überglücklich die Bauern ...“).


Domaine de Nohant, Wohnsitz der Großmutter und später George Sands selbst. Foto: wikimedia commons

Hier führten wir wilde Tänze auf

Die Relikte dieses regen häuslichen Betriebs, in dem von früh bis spät gewerkelt wurde –Romane wurden in der Nacht geschrieben –, füllen zusammen mit den Ikonen einer unerschöpflichen, bereits zu Lebzeiten entstandenen Imagerie gleich mehrere Museen: Neben dem Wohngebäude selbst auch die alte Mühle von Montpouret als Schauplatz des Romans „Der Müller von Angibault“, sowie das „Museum von George Sand und des Schwarzen Tals“ in La Châtre. Letzteres wurde bei der Stadtmauer dieses pittoresken Städtchens mit seinen Giebelhäusern, die sich entlang der engen Straßen ziehen, in den Bergfried eines ehemaligen Schlosses eingerichtet, das früher als Gefängnis diente und im Roman „Mauprat“ geschildert wurde. Im Nachbargebäude hatte die Schriftstellerin selbst zeitweise logiert, um den Verhandlungen ihres Scheidungsprozesses zu folgen. Das Leben, die Sitten und auch die Intrigen der Einwohner wurden in dem Roman „André“ geschildert: Nicht immer freundlich, denn an diesem Ort, der zeitlebens das bevorzugte Ziel ihrer nächtlichen Ausritte war, musste sie manche Schmähungen erdulden, auch aus politischen Gründen: „Vieh brüllt“, war ihr lakonischer Kommentar. Späterhin suchten die Bewohner die Versöhnung: Als Statue aus der Hand des Bildhauers Aimé Millet errichteten sie ihr ein Denkmal im Stadtpark.

Von Bourges im Zentrum des Berry, in dessen Altstadt es auch heute noch an manchen Stellen so ruhig ist, dass man ständig darauf gefasst ist, Jacques Tati könnte im nächsten Augenblick als Postbote auf dem Fahrrad um die Ecke kommen, bis nach Sainte-Sévère im Süden und zum Künstlerdorf Gargilesse im Südosten lassen sich die Dorfromane der George Sand noch heute als Wegweiser durch die Landschaft lesen: Vorbei an dem nahegelegenen Schloss St-Chartier, dem Schauplatz des Romans „Der Dudelsackpfeifer“ (Dudelsackpfeifer aus aller Welt finden sich hier alljährlich zu einem Wettbewerb ein), und an dem „Teufelsteich“ des gleichnamigen Romans, dem man sich nicht nähern sollte, „ohne mit der linken Hand drei Steine hineinzuwerfen“, um das Unglück fernzuhalten. In dem in malerischer Lage, oberhalb des wilden Tals der Creuze – einem El Dorado der impressionistischen Freiluftmaler – gelegenen Gargilesse, das George Sand auf einem ihrer Ausflüge mit Frédéric Chopin entdeckt hatte, kam sie den Hütten am nächsten: Zusammen mit ihrem letzten Lebensgefährten, dem Kupferstecher und Bildhauer Alexandre Manceau, bezog sie dort ein schlichtes, aus nur zwei Räumen bestehendes Bauernhaus, das mit seinem vollständig erhaltenen Inventar heute ebenfalls ein Museum ist.

Auf dem Friedhof ihres Landsitzes in Nohant liegt George Sand im Kreise ihrer Familienangehörigen begraben. Aus Anlass des Feierlichkeiten zu ihrem 200. Geburtstag im Jahr 2004 sollten die sterblichen Überreste der unsterblichen Dichterin nach dem Willen ihrer Pariser Verehrer nach der Ruhmeshalle des Pantheons überführt werden. Dagegen allerdings hatten die Bewohner der Region mit Petitionen an den Staatspräsidenten erfolgreich Einspruch erhoben. Diesmal, zum 150. Todestag am 8. Juni, soll auf Initiative eines landesweiten Zusammenschlusses von Unterstützern aus Politik, Kunst und Kultur, mit der Schauspielerin Juliette Binoche an der Spitze, ein noch zu errichtendes Kenoptaph, also ein leeres Grab als symbolische Ehrenmal, die leibhaftige George Sand für alle Zeiten dort vertreten. Mit dieser Kompromisslösung wäre mithin auch dem Aberglauben vieler alteingesessener Berrichons Genüge getan, wonach man im Schwarzen Tal des Indre um Himmels Willen bloß nichts verrücken sollte, schon gar keine Gräber und keine Toten.

 

 

 

Erstellungsdatum: 04.06.2026