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Wie männliche Machteliten allzeit mit sich selbst schwanger gehen, und was sie sich dabei alles zu tun erlauben. Volker Breidecker wirft einen Blick hinter die Fassaden der Macht: Wie einflussreiche Eliten in Deutschland über Jahrzehnte hinweg Netzwerke knüpfen, sich gegenseitig schützen und selbst schwerste Vergehen relativieren. Von NS-Verbrechen bis zu zeitgenössischen Missbrauchsskandalen zieht sich ein roter Faden aus Korpsgeist, Loyalität, Schweigen und Selbstgerechtigkeit – und wirft Fragen nach Schuld und Mitschuld auf, nach Verantwortung und Mitverantwortung.
Will man etwas verbergen – von gewöhnlichen sittlichen Verfehlungen bis hin zu monströsen Verbrechen – empfiehlt es sich, seine Taten vor aller Augen zu begehen. Wo die einen diskret wegschauen und weghören, werden die anderen zu Mitwissern und Komplizen. Groß war hierzulande die Verwunderung über die illustre Camarilla von Prominenz aus allen nur denkbaren Sparten, die der Sexualstraftäter und Investmentbanker Jeffrey Epstein jahrzehntelang, auch nach seiner erstmaligen Verurteilung, um sich versammelte. Dass die Bande um Donald Trump, Elon Musk, Peter Thiel & Co. mit im Boot saß, erstaunte noch am wenigsten. Schwerer stieß da schon auf, dass neben Steve Bannon, Mick Jagger und Woody Allen auch altlinke Ikonen wie Noam Chomsky und Jack Lang Gäste auf dem „Lolita Express“ nach Epstein-Island waren – dem im übrigen auch der in Deutschland seit mehr als zwei Jahrzehnten bestens untervernetzte New Yorker Literaturagent John Brockman allerhand Vertreter aus Wissenschaft, Kultur und Medien zuführte. Elite steht sich demnach mental, habituell und soziologisch, bis hin zu ihren sexuellen Vorlieben, weitaus näher, als Ideologien und Weltanschauungen die Akteure und deren Mischpoke voneinander trennen könnte.
Dabei besaß auch Deutschland lange Zeit eine ruhige Insel der Seligen abseits des Lärms der Städte in Gestalt des reformpädagogischen Landschulheims Odenwaldschule (OSO). Im März 2010 plante es den hundertsten Jahrestag seiner Gründung feierlich zu begehen, als die Enthüllungen eines dort jahrzehntelang vertuschten Systems sexuellen Missbrauchs an Schutzbefohlenen in die Jubiläumsvorbereitungen hineinplatzten. Die Vorwürfe gegen den langjährigen Schulleiter Gerold Becker und gegen weitere Angehörige des Lehrkörpers waren – wie ähnlich im Fall Epstein – nicht einmal neu. Zehn Jahre zuvor waren sie in einer ganzseitigen Reportage der „Frankfurter Rundschau“ zu lesen gewesen. Die Veröffentlichung blieb folgenlos, weil sich die FR-Redaktion ihrerseits des Themas wieder verweigerte und auch kein anderes Medium den Fall aufgreifen wollte. Missbrauch als Tabu geschlossener Anstalten sollte Anathema, der Glanz der Odenwaldschule bewahrt bleiben. Gerold Beckers Lobby stand mit der Autorität prominenter Namen und empörten Anrufen in den Redaktionen dafür ein.
Es fielen die Namen Hartmut von Hentigs, des Doyens der Reformpädagogik und Lebensgefährten von Gerold Becker, derer von Weizsäcker, von Dohnanyi und weiterer Eltern von Zöglingen aus der Elite des Landes. Und es fiel der Name des Bildungspolitikers Hellmut Becker, der Gerold Becker – beide weder verwandt noch verschwägert – an die OSO geholt, dort zum Schulleiter gemacht und selbst dann noch gedeckt hatte, als ihm der eigene Patensohn die sexuelle Übergriffigkeit des Pädagogen schilderte.
Hellmut Becker (1913-1993) – Sohn des preußischen Kultusministers Carl Heinrich Becker, Gründungsdirektor des Max-Planck-Instituts (MPI) für Bildungsforschung, Mitbegründer des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, Justiziar der Odenwaldschule, der Eliteschulen Birklehof und Salem, des Frankfurter Instituts für Sozialforschung und des Sigmund Freud Instituts für Psychoanalyse – agierte seit der Nachkriegszeit als omnipräsenter Organisator verzweigter kulturpolitischer wie wissenschaftlicher Netzwerke. Als einer der Akteure der „zweiten Gründung“ dieser Republik zählte der Freund und Gesprächspartner von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, von Carl Friedrich und Richard von Weizsäcker, von Marion Gräfin Dönhoff und Hartmut von Hentig mit eigenen Worten zu jener „kleine(n) Anzahl von Leuten, die sich alle irgendwoher kannten“, um etwaige Probleme notfalls durch einen „Anruf beim Minister“ zu lösen.
Auf dem Stuttgarter Killesberg, im noblen Seniorenstift Augustinum, Tür an Tür zu den Apartments pensionierter Staatsanwälte, Wirtschaftsbosse und Hochschullehrer, verstarb im März desselben Jahrs 2010 im Alter von 98 Jahren der ranghöchste noch lebende Massenmörder aus Himmlers Reichssicherheitshauptamt (RSHA), SS-Standartenführer Dr. Martin Sandberger. Die NS-Karriere des promovierten Juristen hatte als militanter Studentenfunktionär begonnen, der im Frühjahr 1933 die Hakenkreuzfahne über der Aula der Tübinger Universität gehisst hatte. Die ehrwürdige Kaderschmiede der württembergischen Funktionselite war schon vor 1933 eine Hochburg des Nationalsozialismus und des völkischen Antisemitismus in Deutschland.
Sandberger, Mitglied der Sängerschaft „Alt Straßburg“, hatte sich 1931 dem Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund angeschlossen und nach der Machtübernahme in dessen Reichsleitung emporgearbeitet. Reichsstudentenführer Gustav Adolf Scheel war sein persönlicher Mentor, der ihn an der Seite einer auserlesenen Gruppe junger Akademiker für den höheren Sicherheitsdienst (SD) der SS rekrutierte. Aus dieser schwäbischen Seilschaft gingen gleich mehrere Kommandeure von Einsatzgruppen im Osten hervor.
Die Einsatzgruppenleiter agierten in Personalunion als Vordenker, Planer und Organisatoren der Vernichtung der europäischen Juden. Sie waren keine „Schreibtischtäter“, sondern Intellektuelle der Tat: Zu allem entschlossene Weltanschauungskrieger aus völkisch-rassistischer Überzeugung, die – wie Sandberger in einem Schulungstext schrieb – der „Überfremdung des deutschen Volkes“ (mit fernen Grüßen bereits an die AFD!) den Kampf angesagt hatten. Ihre Einsatzkommandos nahmen beim Vormarsch der Wehrmacht im Osten systematische Massenerschießungen vor. Das von Sandberger befehligte Sonderkommando 1a operierte seit der ersten Stunde des „Unternehmens Barbarossa“ im Rücken der 8. Armee als Teil der Einsatzgruppe A unter dem Tübinger Jus-Kommilitonen Dr. Walter Stahlecker. Aufgrund von Sandbergers Einsatz, zugleich als Kommandeur der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes (KdS) für Estland, wurde Ende 1941 das erste europäische Land als „judenfrei“ nach Berlin gemeldet.
Als Mitverantwortlicher für die Ermordung von 250.000 Juden allein im Baltikum wurde Sandberger in einem der Nürnberger Nachfolgeprozesse im April 1948 zum Tode verurteilt. Drei Jahre darauf wurde die Strafe in lebenslängliche Festungshaft umgewandelt, und 1958 wurde der damals 46-Jährige begnadigt und freigelassen. Zuvor konnte er im Landsberger Kriegsverbrechergefängnis die als Schulungsleiter im RSHA entwickelte Begabung zur Erwachsenenbildung einbringen. Unter den Häftlingen war eine selbstorganisierte Art Führungsakademie entstanden: Sandberger hielt staatspolitische Vorträge und gab Vorlesungen und Übungen in Verfassungs- und Verwaltungsrecht. Wenigstens einem prominenten Mithäftling – Himmlers Adjutanten Joachim Peiper – wurde die Teilnahme an Sandbergers Lehrveranstaltungen von der künftigen Universität mit mehreren Semestern angerechnet.
Die Begnadigung hatte Sandberger einer Kampagne Hellmut Beckers zu verdanken. Die dazu dirigierten Batterien von Politikern, Kirchenmännern und Publizisten hatte Becker bereits im Nürnberger „Wilhelmstraßenprozess“ von 1948/49 als Verteidiger Ernst von Weizsäckers in Stellung gebracht: Der vormalige Staatssekretär des Auswärtigen Amts im Rang eines SS-Brigadeführers wurde verurteilt wegen der Gegenzeichnung von Befehlen zur Deportation französischer Juden nach Auschwitz.
Der frommen Legende nach war es der leibliche Sohn, der den Vater verteidigte: Richard von Weizsäcker assistierte freilich nur dem Hauptanwalt Hellmut Becker, der eine breite Kampagne zur Entlastung seines Mandanten entfacht hatte: Unter Einsatz eines Netzwerks finanzstarker Familien aus dem In- und Ausland, evangelischer Kirchenfürsten und prominenter Entlastungszeugen, begleitet von einem medialen Trommelfeuer, bei dem sich die gemeinsame Freundin Gräfin Dönhoff in der „Zeit“ besonders hervortat, zielten die in einem organisierten „Heidelberger Kreis“ vereinigten Nürnberger Verteidiger auf die systematische Delegitimierung der alliierten Gerichtsbarkeit durch ihre Denunziation als „politischer“ Prozesse.
Die generationsübergreifende Familien- und Klan-Solidarität deutscher Eliten hatte auch Sandberger die Freiheit gebracht. Mit ihm entstammten auffällig viele Kommandeure von Einsatzgruppen angesehenen württembergischen Familien, zumeist mit Pfarrhaushintergrund: Sandbergers Vater, Pastorensohn, vormals Werksleiter der IG Farben, und die Schwester waren bekannt mit Carl Friedrich von Weizsäcker, der wiederum seinen Freund Becker darum bat, bei Staatsmännern wie Theodor Heuß und Carlo Schmid und Kirchenfürsten wie dem Evangelischen Landesbischof Theophil Wurm zugunsten Sandbergers zu intervenieren. Schmid, in dessen Kanzlei der Tübinger Einserjurist 1933/34 das Referendariat absolviert hatte, stellte ihm einen „Persilschein“ erster Güte aus: „Er war ein fleißiger, intelligenter und begabter Jurist, der auf der einen Seite dem geistigen Nihilismus der Zeit verfallen war, auf der anderen Seite aber sich krampfhaft an der Formenwelt der Bürgerlichkeit festklammerte, die die Tradition seiner Familie ausmachte.“
Der liberale Staatsrechtler Schmid ignorierte freilich die Rolle des rechtskräftig verurteilten Massenmörders, den auch die gutbürgerliche Provenienz von keinem seiner Verbrechen abgehalten hatte. Und auch nach Öffnung der sowjetischen Archive und im Gefolge neuer Erkenntnisse der in den 1980/90er Jahren endlich aufgenommenen Erforschung der Mordpraxis der Einsatzgruppen nahmen die nunmehr allein zuständigen deutschen Strafbehörden keine weiteren Ermittlungen mehr gegen Sandberger auf.
Begnadigt worden war Sandberger allein für jene Taten, deren man ihn in Nürnberg überführt hatte. Schon dort war ein weiterer verbrecherischer Einsatz unberührt geblieben: Im Herbst 1943 war Sandberger nach Verona versetzt worden, um an der Seite von Eichmanns „Judenreferent“ Theodor Dannecker – einem weiteren Tübinger Kampfgenossen – auch Italiens Juden der Vernichtung zuzuführen. Als Experte des Genozids baute Sandberger die Befehlszentrale der Gestapo für Norditalien auf, bis deren Razzien so reibungslos funktionierten, dass ihr Operateur an seinen Berliner Amtssitz zurückkehren konnte. Wie schon vor dem Einsatz im Osten war er dort zuständig für die weltanschauliche Schulung des SS-Nachwuchses. Kern derselben war die Gleichsetzung von Judentum und Bolschewismus und die Ausbildung zum Massenmord – „ohne Objektivitäts-und Humanitätsduselei“, wie Sandberger im März 1943 anlässlich von Maßnahmen zur „Sonderbehandlung“ von Kommunisten befohlen hatte.
„Was, der lebt noch?“, soll die Sprecherin der Stuttgarter Staatsanwaltschaft ausgerufen haben, nachdem „Spiegel“-Reporter den Pensionär an seinem Alterssitz aufgespürt hatten. Dabei war es kein Geheimnis, in welch unauffällige bürgerliche Mitte sich der völkische Revolutionär von 1933 wie ein umgestülpter Lederhandschuh zurückgezogen hatte: Verschwunden war Sandberger wie nur jener „entwendete Brief“ Edgar Allan Poes, der vor aller Augen dalag – „die Adresse obenauf“, wie auf dem Türschild zu Sandbergers Apartment der volle Name samt Doktortitel prangte. Man musste nur „googeln“, um auf den im hohen Alter noch in einschlägigen Periodika publizierenden Wappenkundler und Erforscher württembergischer Stammbäume zu stoßen. Doch noch bevor der „Spiegel“ Anfang April 2010 mit der online bereits gemeldeten Wiederentdeckung eines Massenmörders die Kioske erreicht hatte, hatte sich jener bereits geräuschlos verabschiedet und war unter dem seelsorgerischen Beistand einer Pastorin aus dem vormaligen Einsatzgebiet Lettland verschieden.
Württembergischen Familienbanden hatte Sandberger auch die Wiedereingliederung in die bürgerliche Gesellschaft verdankt: Dieselbe Truppe Tübinger Karrierejuristen, die sich in die Führungsgarde des SS-Staats hochgeseilt hatte, seilte sich in der Nachkriegszeit ebenso steil wieder „hinab“ in verantwortungsvolle Positionen vornehmlich schwäbischer Familienbetriebe. Das weltweit operierende Industrieunternehmen, für das Sandberger als Justiziar tätig wurde, war eng mit der Evangelischen Landeskirche verbunden.
Bleibt die Frage, was den in den sechziger Jahren zur linksliberalen Elite des Landes konvertierten Juristen Hellmut Becker dazu motiviert hatte, sich außergerichtlich für einen notorischen Kriegsverbrecher einzusetzen? Was verband, neben der Jurisprudenz, der Expertise in Erwachsenenbildung, gemeinsamen protestantischen Wurzeln und der Herkunft aus „besseren“ Familien den gleichaltrigen Kulturpolitiker mit jenem aalglatten, kaltblütig handelnden Weltanschauungskrieger? Beide Fragen führen zurück zu den Gespenstern des Frühlingsmonats 2010, zurück auch in die „pädagogische“, alias „platonische Provinz“, wie Ulrich Raulff sie nennt in seiner preisgekrönten Studie „Kreis ohne Meister“ über das Nachleben des geheimen Staats von Stefan George – dem elitären Bunde eines durch geistige Bande gestifteten generationsübergreifenden Netzwerks.
Hellmut Becker, den heimlichen Bildungsminister dieser Republik, machte Raulff als Schlüsselfigur und „Strippenzieher“ dieses Netzwerks aus – und mit ihm den einschlägigen Kreis um die Namen Weizsäcker, Hentig, Dönhoff und Picht, die der Soziologe Ralf Dahrendorf einmal ironisch Deutschlands „protestantische Mafia“ genannt hatte. Härter zeichnete ihn der vormalige Nürnberger Ankläger Robert Kempner als „Freundeskreis der Kriegsverbrecher“, mit letzteren als den „besseren Mördern“. Unter die Schattenzonen der Biographie Hellmut Beckers verbuchte auch Raulff neben der konsequent verschwiegenen NSDAP-Mitgliedschaft das Engagement für die Kriegsverbrecher Otto Ohlendorf und Martin Sandberger.
Nach den Gründen dieses Engagements fragend, geht auch der Ideenhistoriker den Exkulpations- und Verteidigungsstrategien jener Nazi-Zwillinge in die Falle: „Mag sein“, schreibt Raulff, „dass er (Hellmut Becker) in den Wahlen, die sie (Ohlendorf und Sandberger) getroffen hatten, Abzweigungen erkannte, die auch an seinem Weg möglich gewesen wären. Ein gnädiges Geschick, eine familiäre Bindung, eine psychologische Disposition hatten ihn davor bewahrt, die falsche Richtung einzuschlagen. Der Fall des Otto Ohlendorf, Einsatzgruppenleiter auf der Krim, der in eine Position geschickt worden war, in der er sich die Hände dreckig machen musste, zeigte für Becker, wie viel und wie schnell in einem Leben schief gehen konnte.“
Schmock der Einfühlung. Kein Einsatzgruppenkommandeur und auch keiner seiner Untergebenen „musste“ jemals Männer, Frauen und Kinder abschlachten, wenn er sich nicht dazu imstande sah; und keiner dieser freiwilligen Exekutoren der „Endlösung“ wurde je „in eine Position geschickt“, die er nicht aus freiem Antrieb gewählt hatte. Andere Behauptungen beruhen auf der Legende, die der in Nürnberg als Chef der Einsatzgruppe C hingerichtete Massenschlächter Otto Ohlendorf daselbst in die Welt gesetzt hatte und von Sandberger, dem Zeugen im Ulmer Einsatzgruppenprozess von 1958, wiederholt wurde: Dem Märchen vom „Führerbefehl“, dem Gehorsam zu leisten war. Der deutschen Justiz geriet dieses Lügengespinst zur Grundlage für die kollektive Entlastung sämtlicher Angehörigen des SS-Führungskorps, die Massenerschießungen befehligten oder das Kommando über Vernichtungslager innehatten.
Mehr Aufschluss über Beckers Motivation birgt Raulffs Hinweis auf dessen Zugehörigkeit zum Gebirgsjägerregiment 99 der 1. Gebirgsdivision, alias „Edelweiß“, Hitlers Lieblingskorps. Diese Elitetruppe der Wehrmacht, die schon im Herbst 1939 nach Galizien vorgedrungen war, zog seit dem Jugoslawienfeldzug des Frühjahrs 1941 eine zunehmend breiter werdende Blutspur hinter sich her – bis nach Griechenland, wo die Edelweißträger im September 1943 das Massaker von Kefalonia an Tausenden entwaffneter italienischer Soldaten verübten.
Hellmut Becker war nach einer im Herbst 1941 erlittenen Verwundung die Gnade des frühen Kriegsaustritts zuteil geworden. Allerdings haben weder Raulff noch die Kuratoren der Gedenkausstellung „100 Jahre Hellmut Becker“ danach gefragt, wo dessen Einheit vor dem Herbst 1941 kämpfte und wo sie in den entscheidenden Sommertagen unmittelbar nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion lag. In ihrer Dokumentation fehlen zwar nicht Fotos, die Becker in der Uniform der Gebirgsjäger mit dem „Edelweiß“-Emblem am Oberarm zeigen, doch die spärlichen Ausführungen ergehen sich in Frontsoldatenklischees: „Mit 27 Jahren musste der Soldat Hellmut Becker an die Front, zunächst im Westen, dann im Osten. Später führte er seine Fähigkeit im Umgang mit Menschen auf den Krieg zurück, der ihn lehrte, unter Stress mit anderen zu kooperieren. Feldpostbriefe erzählen von Alltagsproblemen und Neugierde auf das, was die zunächst siegreiche Wehrmacht zu sehen bekam.“
Was Becker im Sommer 1941 sah: In den Morgenstunden des 30. Juni war sein Regiment in Lemberg, dem heute ukrainischen Lwiw, einmarschiert, und noch bevor die Gebirgsjäger am 2. Juli weiterzogen, wurden sie zu Zeugen eines grauenhaften Pogroms: Was sich auf Lembergs Straßen seit dem Vormittag des 30. Juni abspielte, ist durch Fotografien, Filme und andere Zeugnisse verbürgt: Die Ermordung ukrainischer Gefangenen durch Truppen des sowjetischen Geheimdienstes NKWD bei ihrem übereilten Abzug lieferte den nachfolgenden deutschen Besatzern den willkommenen Anlass für das Entfachen antijüdischer Pogrome, wie sie nach einer telegrafischen Order Reinhard Heydrichs vom 29. Juni 1941 „spurenlos auszulösen, zu intensivieren“ waren. Der von der Jägerdivision gestellte Stadtkommandant ließ den Mob gewähren, der in einem tagelang andauernden Gewaltrausch mehrere Tausend Juden niedermetzelte: Mord und Vergewaltigung tobten unter den neugierigen Blicken fotografierender und filmender Wehrmachtsoldaten. Mitten in das Pogrom stieß am 1. und 2. Juli die Einsatzgruppe C dazu und nahm erste Massenerschießungen vor: „500 Juden standen zum Erschießen angetreten“, hielt der SS-Hauptscharführer Felix Landau nach Ankunft in Lemberg in seinem Tagebuch fest.
Über diese Kriegserlebnisse hüllte sich Hellmut Becker zeitlebens in Schweigen. Wie sein Mandant Ernst von Weizsäcker behauptete auch er, von den Gräueltaten der Einsatzgruppen erst in Nürnberg erfahren zu haben: „Die Massenvernichtung und ihre Organisation war mir unbekannt“, gab Becker in dem autobiographischen Band „Aufklärung als Beruf“ (1992) zu Protokoll. Doch undenkbar, dass der Soldat des 99. Gebirgsjägerregiments von den Lemberger Ereignissen der ersten Julitage 1941 nichts mitbekommen hätte. War es aus schlechtem Gewissen, dass Becker zur Feier seines Abschieds vom Berliner MPI ein Ensemble polnischer Klezmer-Musiker aufspielen ließ?
Auch Beckers Vorleben war seit 1933 mit einer juristischen Prägestätte des NS-Staats verbunden: Von Freiburg war der Student an die dem Regime in vorauseilender Treue ergebene „Kieler Schule“ unter dem Staatsrechtler und künftigen Kronjuristen des Dritten Reichs Ernst Rudolf Huber gewechselt. Der Schüler von Carl Schmitt, hatte Hitlers Diktatur die staatsrechtlichen Weihen verliehen mit dem Grundsatz: „Der Führer steht über dem positiven Recht.“ Als Huber 1937 nach Leipzig wechselte, folgte ihm Becker als Assistent.
Vier Jahre später ließ sich Huber an die neueröffnete „Reichsuniversität“ Straßburg berufen. Bei deren Einweihung im November 1941 hielt der völkisch bewegte einstige Mitbegründer der Nerother Wandervögel die Festrede. 1943 nahm Hellmut Becker seine Assistenz bei Huber wieder auf. In Straßburg lebte er im Hause Carl Friedrich von Weizsäckers, der seit 1942 den dortigen Lehrstuhl für Theoretische Physik bekleidete. Glaubt man dem Bericht, den Gundulena von Weizäcker in der von Gerold (!) Becker und Jürgen Zimmer zu Hellmut Beckers 80. Geburtstag 1993 unter dem Titel Lust (!) und Last der Aufklärung herausgegebenen Festschrift über die gemeinsamen Straßburger Jahre gibt, so war in diesem Haus ein romantisches Wohngemeinschaftsidyll entstanden, als hätte es keine Nazis gegeben, weil es gelungen sei, „unser Leben an ihnen vorbei zu führen“.
Dies stimmt nicht einmal für die Biographie der Hausherrin, die die Tochter des dort selbst zeitweise präsenten Schweizer ehemaligen Armeeoberst Ulrich Wille jun. war, der mitsamt der ebenfalls angeheirateten Schwarzenbach-Dynastie zu Hitlers frühesten und glühendsten Schweizer Verehrern und Finanziers zählte. Aufgrund seiner reichsfreundlichen Neigungen, die nahe am Hochverrat waren, wurde Wille 1942 aus der Armee entlassen. Nüchtern ist der Bericht, den der Publizist Erich Kuby in seinem Diarium „Mein Krieg“ (1975) vom Snobismus jenes Straßburger Freundeskreises zeichnet: „privilegierte(n) Intellektuelle(n), die meinen, sie nutzen die Nazis schlau aus, während es in Wahrheit umgekehrt ist.“
Die große Selbsttäuschung, das Rechtfertigungstheorem dieses elitären Kreises, fand seine Verdichtung in jener Formel, mit der sich Ernst von Weizsäcker in Nürnberg verteidigen sollte: „Widerstand durch Mitwirkung“, um vermeintlich „Schlimmeres zu verhüten“. Doch was hätte Schlimmeres noch kommen können, als was durch Weizsäckers und anderer Mitwirkung längst geschehen war? Es sei denn, diese Kreise betrachteten das Jahrhundertverbrechen der Vernichtung der europäischen Juden als nur ‚halb so schlimm’. Tatsächlich dünkte man sich in diesem Kreis als viel zu elitär, um sich vorbehaltlos zu Hitler und „gewöhnlichen“ Nazis zu bekennen, gleichwohl man lange genug die Kriegsziele mit ihnen teilte.
Kokett hatte Huber die Sache auf den Begriff gebracht, als Becker seinen vormaligen Dienstherrn im Juli 1948 um eine Expertise zur Frage nach historischen Präzedenzen für „Widerstand in der Mitwirkung“ bat. Am Ende seiner Stellungnahme berührt Huber mit sicherem Instinkt den zynischen Kern und die Crux jener Formel: „Wenn ich recht sehe, worauf Sie hinauswollen, so ist die Frage die, ob Herr v. W(eizsäcker). berechtigt war, Straftaten sozusagen zweiten Ranges hinzunehmen. Er konnte seine Hauptaufgabe nicht gefährden, indem er es über eine Frage sekundären Ranges zum Konflikt mit den Machthabern kommen ließ.“ Mit anderen Worten: Weizsäckers paraphierte Zustimmung zur Deportation von Juden in den sicheren Tod war in Hubers Augen rechtens.
Nach dieser Logik war das Schicksal der europäischen Juden eine „Frage sekundären Ranges“, über die sich elegant hinwegsehen und hinweggehen ließ. Dass Hellmut Becker darüber lange Zeit nicht anders dachte, beweist seine unfassbare Apologie auf Otto Abetz, Hitlers Statthalter im besetzten Frankreich und einer der Drahtzieher für die Verfolgung und Deportation der französischen Juden in die Vernichtungslager. Im 1951 im Merkur publizierten Aufsatz Jugendbewegung und Diplomatie, den er noch Ende der 1960 Jahre nachdrucken ließ, spricht Becker den in Frankreich verurteilten Kriegsverbrecher von aller Schuld frei und romantisiert ihn als von den Idealen der bündischen Jugend bewegten „Wandervogel“, der „immer ein Abenteurer auf Fahrt“ geblieben sei, voller Idealismus und beseelt von den Werten „Deutschtum und Treue“.
Beckers seltsame intellektuelle Slalomläufe änderten sich auch nicht, als jener sich politisch allmählich nach links bewegte: Noch 1961 schreibt er im Vorwort zum Wiederabdruck seines Plädoyers im Nürnberger Weizsäcker-Prozess, angeklagt sei ein Mann, „der versucht hat, mit der Vernunft einer Einzelperson gegen den Terror einer Massenbewegung anzuleben“. Einer elitär-konservativen Dichotomie von Individuum versus Masse verhaftet, hielt dies Becker Jahre später nicht davon ab, sich linker Faschismustheorien zu bedienen: In einem Vortrag über „Stefan George und die Bildung“ setzt er den Nationalsozialismus mit der „irrationalen Verschwommenheit des zur Macht gelangenden Kleinbürgertums“ gleich. Becker spannt das auf Leo Trotzki zurückgehende Theorem allerdings nur wieder für sein altes Motiv ein, die großbürgerliche deutsche Elite und deren – vermeintlich vom „Nihilismus der Zeit“ verführten – Nachwuchs zu entlasten und von aller Mitschuld an den Verbrechen des Nationalsozialismus freizusprechen: so wie Ernst von Weizsäcker, Martin Sandberger, Erich Ohlendorf, Otto Abetz, Ernst Rudolf Huber – oder wie der von ihm freundschaftlich verehrte „Reichspuppenspieler“ Harro Siegel. Auffallend viele unter ihnen hatten Wurzeln in der bündischen Jugendbewegung, was sich in Hellmut Beckers Faible für den Alt-„Nerother“ Wandervogel Gerold Becker wiederholt, der mit Werner Helwig Auf der Knabenfährte war (so der Titel von Helwigs Autobiografie).
Aus der notwendigen Umerziehung der Masse des Kleinbürgertums resultiert für Becker als Bildungsauftrag die Entgiftung vom „Faschismus“ und die Erziehung zur Demokratie. Zwar nähert er sich Positionen wie denjenigen der „Frankfurter Schule“ an, doch darf auch dies über eins nicht täuschen: Vormals kriegsgestützte männerbündische Strukturen blieben als Prägestätten für die Leitbilder elitepolitischen Handelns weiterhin intakt, auch über weltanschauliche Gräben hinweg. Nicht anders als in Platons Republik sollte es auch in der „Platonischen Provinz“ zugehen.
Zum Teufel mit dem Begriff „Platonischer Eros“ in all seinen Duftmarken. Da jeder neue Platonismus den zugehörigen Leib-Seele-Dualismus anders justiert, wird auch unter allen Priestern und Proselyten des Konzepts niemals deutlich, was bloße Kopfgeburt und was dagegen tatsächlich greifbar ist, anders gesagt, zudringlich wird. Da spukt seit alters die abstruse Idee männlicher Selbstzeugung, die sich ritualisierter Ersatzhandlungen der männerbündischen Auslese und anderer Fetische bedient. Dergleichen mag den Kreis von Stefan George umgetrieben haben, wobei es doch eher unwahrscheinlich ist, daß es in Georges Gegenwart jemals zu sexuellen Handlungen gleich welcher Art gekommen sein sollte. Plausibler als alles, was an Gerüchten über George und seine Georginen umherläuft, ist hingegen, daß „der Meister“ bis zur gelebten Asexualität auf jede sexuelle Äußerung und jedes erotische Signal geradezu phobisch reagierte. Was seine Jünger und Adepten allerdings ohne sein Wissen trieben, ist eine andere Sache, die allerdings auch kein einheitliches Bild zulässt, da im Reich des Eros und Sexus der gelebten wie ungelebten Möglichkeiten bekanntlich viele sind.
Im anderen Extrem – und das ist der Fall Odenwaldschule in Ober-Hambach unter Gerold Becker und Komplizen – diente das Konzept des „Platonischen Eros“ der Kaschierung pädosexuellen Tuns, also krimineller Praktiken, die eines sublimen Konzepts gar nicht bedürfen. Desto schwerer lasten hier die Systeme und Syndrome des Schweigens und Beschweigens, wie sie eben auch in anderen zeitgeschichtlichen Zusammenhängen, obendrein unter demselben elitären Personal virulent gewesen sind. Damit im Bunde sind auch wiederum ähnliche Mechanismen der Schuldabwehr.
Eine im Landsberger Kriegsverbrechergefängnis grassierende „Psychose der Schuldlosigkeit“ registrierte ein dort wirkender Gefängnispastor. Als schuldig vor Gott, aber nicht vor den Menschen und der irdischer Gerichtsbarkeit hatte sich der gläubige Protestant Ernst von Weizsäcker in Nürnberg bekannt. Sein Verteidiger Hellmut Becker hat noch Jahrzehnte danach diesen Punkt geradezu obsessiv hervorgehoben, ging allerdings noch einen Schritt weiter und behauptete die kategorische „Unmöglichkeit der Verstrickung von Schuld im politischen Zusammenhang“. Dem verbrecherischen System des Nationalsozialismus und seinen Exponenten stellte er damit die Generalabsolution aus, und im Rückblick auf seine Aufgabe vor Gericht rückte Becker die Probleme ins beinahe Anthropologische: „Wie bringe ich unschuldigen und ehrlichen Amerikanern bei, dass es Schuldlosigkeit nicht gibt?“
Bemerkenswert an dieser urprotestantischen, wenn auch ziemlich arroganten Position ist ihre Wiederkehr in der Debatte um die Missbrauchspraxis an der OSO: Bei dem Wenigen, das er vor seinem Tod im Juli 2010 noch preiszugeben bereit war, dachte der protestantische Theologe Gerold Becker über sich und seine Handlungen offenbar nicht anders – und Hartmut von Hentig schloss sich derselben Position zur Verteidigung seines Freundes an. Dies erinnert an einen historischen Präzedenzfall in einem vergleichbaren Milieu: Gustav Wyneken, Pastorensohn, charismatischer Gründer der Freien Schule Wickersdorf und einer der Köpfe der deutschen Jugendbewegung, war ein Hohepriester des „Platonischen Eros“ und rechtskräftig verurteilter Päderast. Die Zuständigkeit irdischer Gerichte für die an seinen Schutzbefohlenen begangenen sexuellen Vergehen bestritt freilich auch er zugunsten alleiniger Verhandlungen vor dem Gerichtshof seines protestantischen Gewissens. Und wie im Fall Gerold Becker pflichteten ihm weite Teile der Kulturprominenz der Weimarer Republik bei: Ein Netzwerk verwandter Geister und prominenter Intellektueller nahm Wyneken gegen den Vorwurf der Unzucht mit Abhängigen in Schutz.
Und wenn Hellmut Becker im Blick auf die Menschheitsverbrechen des Dritten Reichs Täter- und Opferperspektiven beinahe bis zur Umkehrung miteinander vermengte – „das Teuflische“ an den Konzentrationslagern sei gewesen, „daß auch die Verfolgten in die Schuld verstrickt, daß sie in die KZ-Verwaltung einbezogen waren“ –, so beschließt auch Hartmut von Hentig die 1400 Seiten des dritten Bandes seiner Autobiographie (2016) mit einem ähnlichen Refrain und der Generalabsolution, wonach Täter wie Opfer von sexuellem Missbrauch allesamt Opfer ihrer Triebe seien, weil unterschiedslos der „Großmacht Sexualität“ ausgeliefert.
Nochmals zurück in das Jahr 1948, diesmal mit dem noch jungen Hartmut von Hentig, der an der Seite der Gräfin Dönhoff nach Nürnberg zum Prozess gegen den Vater seines Freundes Richard von Weizsäcker pilgerte. Für den Sommermonat August hatten die Freunde eine gemeinsame Wanderung rund um den Bodensee geplant, doch ließ der Prozessverlauf keinen Freiraum. Also machte sich Hentig alleine auf den Weg und berichtet davon in schwärmerischen Briefen, die er späterhin in sein noch immer jugendbewegtes Reisebuch Fahrten und Gefährten (2000) aufgenommen hat. In einer Anmerkung erwähnt Hentig, dass er damals auch als Emissär unterwegs war: „Irgendwelche Papiere in Sachen Verteidigung waren in die Schweiz zu verbringen.“
In Kressbronn am Bodensee besucht Hentig die damals dort lebende Familie von Hellmut Becker und schildert diesem die Eindrücke von unterwegs in einem schwärmerischen Brief, darin der Wanderer wie Eichendorffs „Taugenichts“ deklamiert: „Ich habe lauthals gesungen vor Lust.“ Dem Vater schildert er die häusliche Begegnung mit den zwei- und vierjährigen Knaben: Man tauscht Küsschen und Gesten der Zuneigung miteinander aus, bis eine Rangelei unter den Kindern bei „Köchin, Kindermädchen und Mutter“ übertriebene Aufsichtsmaßregeln erweckt. Ziemlich unvermittelt beschließt Hentig die Schilderung mit einem merkwürdigen Vergleich in Parenthese: „Immer wieder sollten wir doch von den Kindern lernen (auch in Nürnberg!), dass wir nur nach Maßgabe unseres eigenen Gewissens schuldig werden können.“ Damit hat Hentig Ernst von Weizsäckers Formel „Schuldig vor Gott, aber vor keinem irdischen Gericht“ in einer Weise ins Allgemein-unschuldig-kindlich-Menschliche gewendet, die den Nürnberger Angeklagten von aller irdischen Schuld freispricht.
Während derselbe Hentig Jahrzehnte später mit ähnlichen Argumenten dem Triebtäter Gerold Becker die Absolution erteilt, hatte er in einer autobiographischen Schrift aus dem Jahr 1979 über das „’steinerne(n) Schweigen’“ seiner Landsleute in Sachen Judenverfolgung nach 1933 noch streng geurteilt: „Später haben Deutsche behauptet; sie hätten ‚nichts gewusst. (...) es entschuldigt sie nicht. Im Gegenteil, nicht gewusst zu haben, ist die Schuld, denn es bedeutet: nicht gefragt zu haben.“ Auch in Ober-Hambach. Und anderswo.
Erstellungsdatum: 02.04.2026