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Rudolf Proskes Gedichtbuch „Dem Pulver seine Zeit“

Wer aus eigener Erfahrung die Schattenseiten des Lebens kennt, aber vom Dichten beseelt ist, wird keine Troubadour-Lyrik schreiben. Rudolf Proskes Gedichte sind getragen von bodenständigem Selbstverständnis. Das hieß früher einmal Haltung. Die grenzt sich implizit auch ab gegen die ignorante Gesinnung derer, die sich darüber erheben. Wolfgang Rüger hat sich Proskes aktuellen Gedichtband angesehen.
Manche ereilt das Glück hinterrücks. Als Rudi Proske ein junger Mann war, wollte er auf Teufel komm raus Schriftsteller werden. Er schrieb und schrieb. Romane, Erzählungen und vor allem Gedichte. Nebenher musste er malochen. Von irgendwo her musste das Geld ja kommen. Wenn’s Bukowski nicht schon gegeben hätte, wäre Proske ein Unikum gewesen. Zwei Kleinverlage publizierten Bücher von ihm, vier Titel verlegte er im Selbstverlag. Es war nicht so, dass er leergeschrieben gewesen wäre, aber er war verheiratet, hatte einen Sohn und wollte Geld verdienen. Nach den Knochenjobs machte er Karriere mit einer eigenen Zeitmessfirma. Viele Jahre war er damit fast monopolistisch in der Läuferszene zu Gange. Die Schriftstellerkarriere hatte er sich abgeschminkt. Und jetzt, kurz vor dem Renteneintritt, wird er wiederentdeckt. Aus heiterem Himmel und ohne eigenes Zutun. Und das zu einer Zeit, in der Gendern und Wokeness en vogue sind, und er dazu passt wie die Faust aufs Auge. Seinen Verlegern kann man zu dieser Entscheidung nur gratulieren.
Endlich mal wieder ein Gedichtband, in dem der Autor nicht vor sich hinschwurbelt. Ein Buch für Männer, die man heute gerne als alt und weiß schmäht, auch wenn sie den Müll trennen und ihre Frauen auf Händen tragen. In diesen Gedichten wird Tacheles geredet. Das lyrische Ich quatscht sich kein Gender-Sternchen in die Zunge. Der Ich-Erzähler bezeichnet sich selbst als Rumtreiber, Gelegenheitsarbeiter, Knasti, Bauhelfer, Tellerwäscher. Es ist „von endlosen Nächten/ Gefüllt mit Whisky und Bier“ die Rede, geschlafen wird in „schäbigen Absteigen“, im Mittelpunkt stehen Menschen, die „jeden Morgen aufstehen/ Einem Job nachgehen/ Den wir eigentlich nicht möchten/ Um all den Unrat und Müll zu produzieren/ Über den wir hier stolpern“.
Das sind Gedichte für Frauen, die noch Frauen sein wollen und sich über einen coolen Minnesänger freuen. „Sie trugen kurze Miniröcke oder knallenge Jeans/ Dünne Trägerhemdchen und knappe T-Shirts/ Die ihre straffen Brüste betonten/ Götter/ Was für ein hoher Besuch“. Für Dumpfbacken, die ein Gomringer-Gedicht von der Wand holen lassen, sind sie explizit nicht. Hier dichtet ein Ich, das seine Chancen im Leben genau kennt. Der Dichter bekommt überraschend Besuch von zwei weiblichen Fans, er ist ganz aufgeregt, mit einem „Blick wie ein aufgedrehter Kampfhund“ ob der knisternden Erotik, die in der Luft liegt, aber der schreibende „Akkordarbeiter“ ist kein Träumer: „War mir wieder mal bewusst/ Dass diese Mädchen eine gute Ausbildung bekamen/ Und in nicht allzu langer Zeit für mich/ Unerreichbar sein würden“.
Herkunft spielt eine große Rolle in diesen Gedichten. Sie füllen die Aussage, Abstammung entscheidet über Aufstiegschancen, mit Leben. Wie sieht die Zukunft eines Arbeiterkindes aus, das in den sechziger Jahren aufgewachsen ist? „… Auf dessen Grund heute/ Eine in Konkurs gegangene Fabrik steht/ Von der aus Mutter/ Nach der Schicht/ Im Sommer/ Noch Rüben hacken ging/ …/ Ich mußte dann für einige Zeit/ In den Kindergarten/ Und sie schickten mich für einige Zeit/ In die Schule/ Danach mußte ich in die Fabrik“. Es ist die klassische Arbeiterbiografie: Die Eltern schuften Tag und Nacht, haben keine Zeit für die Weiterbildung der Kinder, diese fangen dann nach kurzer Schulzeit auch einen Malocherjob an. „Mit 15 stand ich in der Eisengießerei/ Und hab mit den Türken Motorblöcke gegossen …“
Was einer, der schon in der Pubertät mit harter Arbeit konfrontiert wurde, keine profunde Schulbildung genossen und trotzdem eine erfolgreiche Berufslaufbahn hinter sich gebracht hat, alles erleben kann, steht in diesem Auswahlband. „Dem Pulver seine Zeit“ ist eine lyrische Autobiografie, die Proskes Werdegang als Fliesenleger, Gebäudereiniger, Lagerarbeiter, Trucker, IT-Selfmade-Man dokumentiert. Vom Sklaven in der „Tretmühle“ zum gemachten Firmenchef. „Und/ heute 45 Jahre später/ Im Lockdown/ Während der Kirschblüte/ Werde ich mich auf meine Bank/ Unter dem Kirschbaum setzen/ Einen Apfel essen/ Den Bienen zuhören/ Und/ Im weißen Blütenregen/ Einen kurzen Augenblick/ Abtauchen“.
Das Erstaunliche an dieser Biografie ist, dass es diesen jungen Mann („Als ich dem Wahnsinn näher war/ Als dem nächsten Morgen“) an eine Olympia getrieben hat, auf der er Text um Text, Gedicht um Gedicht in die Tasten gehackt hat. Diese legendäre Schreibmaschine „mit dem gnadenlosen O“ ist nicht nur seine Lebensrettung, sondern zeitweise auch das einzig materiell Wertvolle, das er besitzt und das so etwas wie ein Pfand für die unbezahlte Miete darstellt.
Proske schreibt Gedichte, die eine Geschichte erzählen, die hierzulande in der Tradition eines Wolf Wondratschek oder Jörg Fauser oder Ludwig Fels stehen. Sie kommen ganz einfach daher und sind doch fintenreich wie die Dribblings von Selma Bacha und haben die Wucht der Bläser von Feine Sahne Fischfilet. „Keinen Finger rühren/ Keinen Streit riskieren/ Nichts Aufregendes erleben/ Einfach mit von der Partie sein/ Ganz relaxed/ Bevor die Bomben/ Wieder einschlagen“.
Die Gedichte lesen sich wie aus der Zeit gefallen, erzählen von einer archaischen Welt, die die wenigsten von uns kennen dürften, und wo noch nach Regeln gelebt wird, die die allermeisten für längst überholt halten. „… Sich Frauen übers Wochenende aus Angst/ Vor ihren Männern/ In den Keller einsperren/ In den Kohlekübel pissen/ Aber sich nie beklagen/ Wieder aus der Deckung kriechen/ Um den Kindern ihre Margarinebrote/ Zu schmieren/ In dem Glauben/ Dass es denen mal/ Besser geht“.
Der Blick des Dichters ist schonungslos. Proske zeigt uns das Leben des Prekariats. Wir schauen in kleine Sozialwohnungen, in denen Familien mit „vier bis acht Kindern“ hausen und ums tägliche Dasein kämpfen, auf dem Tisch „Kartoffelgulasch“, eine Flasche Bier und eine Schachtel Zigaretten. Für die Jungen geht es darum „sich aus dem Bündel Nieten/ Die Herzdame zu fischen“, und die Alten hocken in ihrer Parterrewohnung, „in der es nach Päckchensauce/ Kaltem Rauch und Urin roch“, und wo sie schon „am Nachmittag/ Am Tisch vor einer halbleeren Flasche Mariacron sitzen“ und „von einem Urlaub am Meer/ Träumen“, den sie nie erleben werden. In solch illusionslosen Lebensumständen gehen die meisten den einfachsten Weg: „Ich trinke einen/ Auf die guten Jobs/ Die in weiter Ferne liegen/ Ich trinke einen/ Auf die unbezahlbaren Flittchen“.
Selbstverständlich gibt es in jedem Leben so etwas wie Idylle. Proske findet auch für die schönen Momente die richtigen Worte. Die große Herausforderung besteht doch darin, gegen alle Widrigkeiten den besonderen Augenblick genießen zu können. „Das Thermometer ist/ Auf dreißig Grad geklettert“, ein arbeitsloser Mann und seine Freundin liegen im Bett, „wir hatten genug Bier im Eisschrank/ Tabak/ Der einige Tage reichen würde/ Und wir hatten ein Bett/ Das Genügte/ Alles hatte seine Ordnung“. Die beiden verbummeln den Tag in der Wohnung, lassen es sich unterm Sonnenschirm auf dem Balkon gutgehen, beobachten die Action auf der Straße, scheren sich einen Dreck um das Angebergehabe der „Jungs aus dem Haus“. Abends schauen sie Derrick und schlafen dabei ein. Ein Sommertag in der Stadt. Das Leben kann so einfach sein.
„Dem Pulver seine Zeit“ ist echte Gebrauchslyrik, so wie sie Erich Kästner definiert hat: „Ihre Verse kann das Publikum lesen und hören, ohne einzuschlafen; denn sie sind seelisch verwendbar. Sie wurden im Umgang mit den Freuden und Schmerzen der Gegenwart notiert; und für jeden, der mit der Gegenwart geschäftlich zu tun hat, sind sie bestimmt.“
Von Kenneth Patchen stammt der Satz: „Es ist meine feste Überzeugung, dass Leute, die behaupten, sie mögen Lyrik, aber nie welche kaufen, ein Haufen schäbiger Mistkerle sind.“ Wenn Sie nicht zu diesem Haufen dazugehören wollen, wissen Sie jetzt, was Sie zu tun haben.

Rudolf Proske
Dem Pulver seine Zeit
Gedichte
112 S., geb.
ISBN: 978-3-86337-236-1
Weissbooks Verlagsges.mbH, Berlin 2026
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Erstellungsdatum: 13.04.2026