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Das subversive Potenzial naiver Frauenfiguren. Teil 4 und Fazit

Kimmy Schmidt: I have hope! 

Leonie Englert


Unbreakable Kimmy Schmidt: Season 1 DVD Cover

Die als Kind entführte Kimmy holt sich in der Netflix-Serie Unbreakable Kimmy Schmidt ihr Leben zurück. Tina Fey und Robert Carlock erzählen in dieser Sitcom die Geschichte einer Frau, die trotz traumatischer Erfahrungen hartnäckig an das Gute im Menschen glaubt, an Solidarität appelliert und Optimismus zu ihrer Überlebensstrategie in einer brutalen Realität erklärt. Leonie Englert analysiert im letzten Teil ihrer Reihe über das subversive Potenzial naiver Frauenfiguren im Film, wie Kimmys Naivität im Sinne eines radikalen Optimismus das pessimistische Menschenbild des Neoliberalismus dekonstruiert und einen Möglichkeitsraum für solidarische Zukunftsentwürfe öffnet.

 

Unbreakable Kimmy Schmidt wurde von Tina Fey und Robert Carlock entwickelt, die gebeten worden waren, eine Serie extra für Ellie Kemper (Kimmy Schmidt) zu schreiben. Die erste Staffel wurde 2025 auf Netflix ausgestrahlt, Kimmy Schmidt ist somit die älteste der drei analysierten Figuren. Ich konzentriere mich hier auf die ersten beiden Staffeln. Die Serie ist, anders als Barbie und Poor Things, die eher als intellektuell anmutende Satire einzuordnen sind, eine klare Sitcom, mit einer erstaunlich hohen Witzedichte. Die Witze überschlagen sich in einem Tempo, dass es schwer ist, alle zu begreifen. Es geht um die 30-jährige Kimmy Schmidt, die 15 Jahre lang in einem unterirdischen Bunker von einem Pfarrer, der einen Weltuntergangskult betrieb, eingesperrt wurde. Nach ihrer Befreiung beschließt sie, ein neues Leben in New York City zu beginnen. Kimmy als Figur unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von Bella Baxter und Barbie, doch vor allem unterscheidet sich die Welt von den anderen beiden Filmen. Kimmy bewegt sich in der gegenwärtigen Wirklichkeit und nicht in einer stilisierten Science-Fiction-Welt. Diese Wirklichkeit zeichnet sich durch die ungewöhnliche Darstellung einer New Yorker Normalität aus. Es ist weder das High-Society, oder Boheme-New York, das wir aus Serien wie Sex and the City kennen, noch ist es das Gangster-New York aus zum Beispiel Taxi Driver, es ist das „normale“ New York. Da Kimmy mit 15 Jahren eingesperrt wurde und damit einen Großteil ihrer Teenager-Phase verpasst hat, genießt sie jeden Moment ihrer Freiheit. Sie isst Gummibärchen zum Mittagessen, macht einen Full Circle mit der Schaukel, fährt mit der U-Bahn als wäre es eine Achterbahn, und rennt neben einem Jogger her, dem sie mitteilt, wie glücklich sie ist, einfach nur auf der Straße rennen zu können (Unbreakable Kimmy Schmidt 2015, S1E1). Sie zieht ironischerweise wieder in einen Keller, aber ihr Zimmer hat ein Fenster und eine Schiebetür. Das Zimmer, das für ihren neuen Mitbewohner Titus (Tituss Burgess), einen erfolglosen Sänger, ein Kleiderschrank war, bedeutet für sie kostbare Privatsphäre mit dem Luxus von Tageslicht. Voll Optimismus und Wertschätzung nimmt sie ihr neues Leben in Prekarität in Angriff und wird immer wieder von dessen Brutalität eingeholt. Wie auch Barbie und Bella äußert Kimmy alle ihre Gedanken laut. Bei ihrem Charakter wird dieses Merkmal jedoch noch verstärkt, indem sie laut ihre inneren Konflikte in Selbstgesprächen verhandelt. Diese Transparenz der Selbstreflexion erlaubt es uns als Publikum, sie so zu beobachten, wie sie sich selbst sieht, und trotzdem, durch den Verfremdungseffekt dieses ungewohnten Verhaltens, auf Distanz zu bleiben. Ihre Naivität beruht auf einem Wissensdefizit darüber, was in den letzten 15 Jahren in der Welt passiert ist und wie sich die Gesellschaft entwickelt hat. Sie kennt also neue Normen, popkulturelle und realpoetische Referenzen und technische Entwicklungen nicht. Anders als Bella und Barbie ist sie sich dieses Wissensdefizits bewusst und versucht es zu verstecken, weil sie sich weigert, als Opfer gesehen zu werden. Als ihr auf einer Party ihr ganzes Geld gestohlen wird, beichtet sie Titus, dass sie eine der „Mole Women“ aus Indiana sei. Als er sie fragt, warum sie nichts gesagt habe, antwortet sie: „I just want to be a normal person and I can’t. I don’t know anything. I can’t tell phones from cameras. Even policemen have tatoos.“ (Unbreakable Kimmy Schmidt 2015, S1E1 17:35) Außerdem erklärt sich ihre Naivität auch dadurch, dass sie mit fünfzehn noch ein Teenager war, als sie in den Bunker kam, und nun versucht das Teenagerdasein nachzuholen. Aufgrund der Zeit im Bunker zeigt sie große Wertschätzung für alles, obwohl sie, anders als Barbie und Bella, in sehr prekären Verhältnissen lebt. 

Dieses Narrativ, die Geschichte einer Frau, die Missbrauch erfahren hat, aber nicht als Opfer dargestellt, sondern dabei gezeigt wird, wie sie sich ihr Leben zurückholt, ist sehr ungewöhnlich und vor allem, weil sie hier als Komödie erzählt wird, sehr gewagt. Der Missbrauch und das Trauma, das sie von der Entführung davongetragen hat, werden in der Serie aber auch nicht verschwiegen. Wenn sie sich bedroht fühlt, reagiert Kimmy immer wieder reflexhaft mit Schlägen oder Schmerzgriffen. Das macht es für sie sehr schwer intime Beziehungen mit Männern einzugehen, da sie diese sofort angreift, wenn sie ihr zu nahe kommen, auch wenn sie in der Situation eigentlich einverstanden ist mit der Nähe. Hier wird, ähnlich wie bei Barbie, die ihren Angreifer schlägt, die latente Gefahr, die von Männern in unser gegenwärtigen Gesellschaft ausgeht, als strukturelle Bedrohung offenbart; auch wenn von den individuellen Männern scheinbar keine Gefahr ausgeht, bleibt die Angst. Hier werden die Konsequenzen einer patriarchalen Ideologie deutlich gemacht, denn wenn die Dominanz von Männern über Frauen gesellschaftlich internalisiert ist, geht damit die von Männern ausgehende strukturelle Gewalt einher. Die Serie schafft es außerdem, im Gegensatz zu Poor Things, die sexualisierte und objektifizierte Darstellung von Frauen zu kritisieren, ohne sie selber formal oder inhaltlich zu reproduzieren. So sehen wir in der Serie durchaus, wie Kimmy Sexualisierung und auch Übergriffigkeit durch die Gesellschaft erfährt, doch wird sie selber nie sexualisiert inszeniert. Um genauer darauf einzugehen, inwiefern hier ihre Naivität es schafft, diesen Aspekt subversiv wirksam zu machen, möchte ich an dieser Stelle beispielhaft eine Szene aus Unbreakable Kimmy Schmidt und Barbie vergleichen, bevor ich mich wieder auf Kimmy konzentriere. 

Sowohl in Unbreakable Kimmy Schmidt, als auch in Barbie kommt eine Szene vor, in der die Protagonistinnen von Bauarbeitern gecatcallt werden. Die Szenen lassen sich gut miteinander  vergleichen, da sie sich sehr ähneln, sich aber im Umgang der Protagonistinnen mit dieser Form der sexuellen Belästigung doch stark unterscheiden. Außerdem lässt sich an dem Vergleich gut beleuchten, was es bedeutet, das subversive Potenzial dieser Figuren auszuschöpfen oder eben nicht. 

Kurz nachdem Barbie und Ken in der „echten Welt“ angekommen sind, und Barbie äußert, dass sie sich unwohl fühle, entdecken die zwei eine Baustelle (Barbie 2023, 0:28:27-0:29:00). Sie nähern sich der Baustelle, von der Barbie eine Comfort Zone erwartet: „Oh, look, a construction site. We need that good feminine energy.“ Wir als Publikum wissen in diesem Moment schon, dass diese Baustelle ihr nicht die guten Gefühle bereiten wird, nach denen sie sich sehnt. Der Film setzt hier also auf ein Klischee, dass eine Baustelle gerade das Gegenteil eines Ortes ist, an dem „good feminine energy“ verbreitet wird, und appelliert damit an die Erwartungshaltung des Publikums. Barbie, in ihrer Naivität, weiß weniger als wir und es tritt das ein, was wir erwarten: Catcalling. Nachdem Barbie voller Vorfreude die Männer mit einem „Ladies!“ begrüßt hat, prasseln doppeldeutige Pick-Up-Lines auf sie ein: „You got fries with that shake? If I said you had a hot body, would you hold it against me? Have I died and gone to heaven? Baby, you are an angel. Is that a mirror in your pocket? I can see myself in your shorts.“  Diese Pick-Up-Lines werden von den Bauarbeitern nur so heruntergespult, als würden sie die ganz automatisch rauslassen, sobald eine Frau vorbeiläuft. Es wird hier also eine gewisse Catcalling-Routine angedeutet, eine patriarchale Normalität. Barbie, die in Barbieland nur mit ihrem eigenen Namen „gecatcallt“ wird, reagiert irritiert auf diese Sprüche, da sie diese Normalität nicht zu kennen scheint. Hier eröffnet sich also das subversive Potenzial: Die Normalität, die das Patriarchat als Ideologie kennzeichnet, wird aufgrund ihrer Naivität erfasst. Sie antwortet: „I don’t know exactly what you meant with all of those little quips, but I’m picking up on some sort of entendre, which appears to be double, and I would just like to inform you, I do not have a vagina. And he does not have a penis. We don’t have genitals.“ Die Tatsache, dass Barbie hier eine Doppeldeutigkeit und damit eine Sexualisierung ihrer Person identifizieren kann, zeigt, dass sie trotz der Illusion, die mit Barbieland beschrieben wird, und der Tatsache, dass jegliche Form von Sexualität in Barbieland inexistent ist — in einer Szene mit Ken wird klar, dass beide überhaupt nicht wissen was Sex ist —, eine gewisse Ahnung davon hat, was die Bauarbeiter meinen, und folglich um die Funktionen des Patriarchats weiß. Somit hinterlässt sie die Bauarbeiter zwar irritiert aufgrund der Aussage, dass sie keine Genitalien habe, aber ihre Naivität entfaltet hier nicht den Impact, den sie haben könnte. Das liegt daran, dass sich ihre Naivität als performativ entpuppt. Wenn sie doch Bescheid weiß, dass Frauen objektifiziert und sexualisiert werden, warum ist sie dann so überrascht über die „echte Welt“? Sie spielt also zu einem gewissen Maße diese Naivität nur, die dadurch an subversiver Stärke verliert. Ein anderer Aspekt, durch den der Moment die Subversion verfehlt, ist, dass sie das Catcalling an sich nicht ablehnt, sondern den Bauarbeitern klarmacht, dass das Catcalling an sie (Barbie) fehlgerichtet ist, da sie das, was sie in diesem Moment fordern, also Sex, gar nicht einlösen kann. Das ignoriert die Tatsache, dass Catcalling eher ein Mittel der Machtausübung ist, als eine tatsächliche Aufforderung zum Sex. 

An der vergleichbaren Szene in Unbreakable Kimmy Schmidt lässt sich zeigen, wie ein subversives Potenzial tatsächlich subversiv wirksam werden kann (Unbreakable Kimmy Schmidt 2015, S1E1 00:00-00:50). Die Szene beginnt mit einer Totalen und zeigt wie Kimmy an einer Baustelle vorbeiläuft. Direkt zu Beginn spricht der Bauarbeiter Mikey (Mike Carlsen) sie an, worauf die Kamera in eine POV von Kimmy switcht. Er sagt: „Hey, Red. You're making me wish I was those jeans.“ Sie antwortet: „Well, I wish I was your yellow hat!“ Ihr breites, genuines Lächeln dabei macht deutlich, dass sie das in keinster Weise ironisch, sondern ernst meint. Er antwortet irritiert: „What?“ Worauf sie nochmals stehen bleibt und fröhlich sagt: „It's my favorite color.“ Als er mit einem niedergeschlagenen Gesicht reagiert, wird auch sie ernst, nähert sich dem Bauzaun und fragt: „Did I say something wrong?“ Er antwortet etwas defensiv: „Okay, uh, I'm sorry about the jeans thing. You made your point!.“  Als sie irritiert nachfragt, was er denn meine, was ihr Punkt sei, erklärt er ihr patzig, als würde sie ihn auf die Probe stellen: „That I say these things to women even though I got a mother that I love and three beautiful sisters, okay? Are you happy?“ Kimmy freut sich sichtlich darüber, dass er eine Mutter hat, die er liebt, und schöne Schwestern und antwortet auf seine letzte Frage: „Happy but nervous. My friend from Indiana is coming to visit.“ Sie versteht hier offensichtlich nicht, dass seine Frage ironisch gemeint war und auf Bestätigung seiner Einsicht abzielte. Ungeachtet ihrer ehrlichen Beantwortung seiner Frage kommt er schließlich, ohne ihre Bestätigung weiter einzufordern, zu einer wahren Erkenntnis in Form von Grundsatzfragen: „Why do I talk to women like that? What are we doing here, guys? I mean, big picture! Does the world really need another bank?“ Kimmy geht, ohne den Grund dieser Erkenntnis verstanden zu haben, fröhlich weiter ihrer Wege. Dadurch, dass sie Mikey nicht versteht, versteht er, was er da eigentlich tut, und beginnt zu zweifeln. Sein Weltbild gerät ins Wanken und die Zweifel schlagen ein Brücke von der patriarchalen Unterdrückung zur Unterdrückung durch das Kapital. Er stellt somit eine Verbindung zwischen den Unterdrückungsmechanismen her. Kimmys Unwissen über die sozialen Codes seiner Aktion, über die gesellschaftliche Norm, löst in ihm also eine Erkenntnis auf mehreren Ebenen aus. Später in der Folge outet er sich dann als homosexuell und führt dieses Outing logisch auf die Gedanken zurück, die er sich aufgrund dieser Begegnung machte. Es wird gezeigt, welchen Impact Kimmys Naivität auf ihr Umfeld hat. Ihre naive Reaktion macht eine vorherrschende patriarchale Ideologie sichtbar, die in diesem Fall sich selbst dekonstruiert — wenn man Mikey als Metapher für diese Ideologie versteht —, und öffnet sogar einen Möglichkeitstraum dafür, dass sich Menschen ändern können. In dieser kurzen Szene wird die Naturalisierung des patriarchalen Neoliberalismus aufgehoben. 

Die Subversion wirkt hier noch auf einer weiteren Ebene, denn die Szene spielt mit unseren Erwartungen und Vorurteilen, die gegenüber Bauarbeitern in unserer Gesellschaft existieren. Während in Barbie das Vorurteil, dass Männer aus dem Arbeiter:innenmilieu sexistische Kommentare gegenüber Frauen auf der Straße äußern, bedient und eingelöst wird, wird in Unbreakable Kimmy Schmidt mit dieser Erwartung gebrochen. Es wird ein sich reflektierender Mann gezeigt, der durch Kimmy motiviert wird, sich und das System zu verändern. Der catcallende Bauarbeiter Mikey, erkennt sein eigenes unterdrückerisches Verhalten, versteht die strukturellen Machtverhältnisse dahinter und stellt auf Basis dieser Erkenntnis den Bau einer Bank in Frage, die ihm seine Arbeit verschafft. Dies ist ein sehr ungewöhnliches Narrativ, das überrascht. Dadurch, dass es nicht unseren Erwartungen entspricht, was in der Szene passiert, verstehen wir unsere Erwartungen, werden uns unserer Vorurteile bewusst und können somit die Ideologie, die ihnen zugrunde liegt, erkennen. 

Aus diesem Beispiel lässt sich noch eine weitere wichtige Erkenntnis ableiten: Die Naivität der Figuren muss genuin und glaubhaft sein, um subversiv wirksam zu werden; sobald sie sich als performativ entpuppt, wie bei Barbie, verliert sie ihre Stärke. 

Dass Kimmy, trotz ihres cartoonischen Charakters, eine solche Glaubhaftigkeit ausstrahlt ist auch darauf zurückzuführen, dass ihre Naivität nicht nur auf der Prämisse ihrer Entführung beruht, sondern noch auf anderen Charakterzügen, die sich nicht kausal auf ihre traumatischen Erlebnisse zurückführen lassen, sondern einfach Teil ihrer Persönlichkeit sind. Sie beweist ein unerschütterliches Grundvertrauen in das Gute im Menschen, hilft deswegen gerne anderen (auch schon im Bunker) und ist darin sehr lösungsorientiert. Auch wenn sie mit ihrer bedingungslosen Hilfsbereitschaft manchmal an ihre Grenzen gerät und verzweifelt, verliert sie nie ihr Grundvertrauen. Sie resigniert nicht. Ihre Hoffnung ist eine Überlebensstrategie: „I have hope. Hope that got me through 15 years in a bunker.“ (Unbreakable Kimmy Schmidt 2016, S2E5) 

Kimmys Hilfsbereitschaft ist genuin, sie fordert nie eine Gegenleistung. Somit steht sie im Kontrast zu dem neoliberalen System, das sie umgibt und auf einer Marktlogik des Tauschverhältnisses aufbaut. Als Kimmy versucht, ihre Arbeitgeberin Jacqueline (Jane Krakowski) davon zu überzeugen, sich von ihrem superreichen Mann zu trennen, indem sie ihr vorrechnet, dass sie genug Geld habe, um über die Runden zu kommen, antwortet Jacqueline: „I’m scared Kimmy […] All my friends are people I pay: trainers, stylists, beauticians. And I doubt they say: ‚Wow, your anus really responds to the laser‘ because they want to. […] You don’t understand how hard the world can be.“ Kimmy ist natürlich die letzte Person, die nicht weiß, wie hart die Welt sein kann. Sie outet sich in diesem Moment als eine der gekidnappten Frauen und macht Jacqueline klar, dass sie sehr wohl versteht, wie die Welt funktioniert: 

„I was kept in a bunker for 15 years by an insane preacher. I thought the world had ended. I thought I would die there. But I survived, because that’s what women do. We eat a lot of dirt, pass it in a kiddie pool and move on. […] I came to New York with nothing, but I met Titus and Lillian and you. I got a room and a job and a temporary tattoo that says ’you’re grape’ […] I do understand the world, Mrs. Vorhees, its tough, but so are we.“ (Unbreakable Kimmy Schmidt 2015, S1E8) 

Als Jacqueline daraufhin nur antwortet: „Oh Kimmy, why didn’t I do a backround check before hiring you“, lässt sich Kimmy davon nicht irritieren, sondern führt ihre Motivationsrede fort: „I’d be your friend even if you didn’t pay me.“ Dieser Moment könnte kitschig sein, aber es ist Ellie Kempers sehr glaubwürdigem Spiel und natürlich der Komik des Dialogs zu verdanken, dass uns der Kitsch hier nicht emotional einlullt, sondern wir auf Distanz gehalten werden und dadurch Raum bleibt zu verstehen, was dieser Moment bedeutet. Kimmy macht hier deutlich, dass sie sich durchaus der menschlichen Abgründe bewusst ist und diese am eigenen Leib erfahren musste, und trotzdem entscheidet sie sich, an das Gute und die Solidarität zu glauben und daran, dass sich die Verhältnisse verändern lassen. Ihre Naivität ist in diesem Sinne Widerstand gegen die Gewalt, die sie erfahren hat. Kimmy weigert sich, vor einer zynischen Ideologie einzuknicken. Sie bietet außerdem Solidarität, Freundschaft, und Vertrauen in das Kollektiv als eine Alternative an zum kapitalistischen Realismus, für den Jacqueline als Figur steht. Es wird immer wieder gezeigt, dass ihre Hoffnung und ihr liebevoller, hilfsbereiter Charakter entscheidend waren für die geistige Gesundheit der Frauen, die mit ihr im Bunker gefangen waren.

Kimmys Einstellung hat einen Impact auf die Menschen um sie herum. Sie lernt Menschen kennen, die sich sehr um sich und ihre eigene Misere drehen, und bringt sie durch ihre naive Art dazu, sich solidarisch zu verhalten, auch wenn sie sich anfangs sträuben, denn sie zeigt ihnen, was es bedeutet, eine gute Freundin zu sein. Sie steckt in diesem Sinne Leute an. Bregman erwähnt in seinem Buch „Im Grunde gut“ eine psychologische Studie, die nachgewiesen hat, „dass das Gute ansteckend sein kann“. Er schreibt: „Freundlichkeit ist ansteckend wie die Pest. Oder eigentlich ist sie noch ansteckender, denn sie kann auch Menschen infizieren, die aus einiger Entfernung zusehen.“ In der Studie, die er zitiert, offenbart sich, dass Menschen wenn sie „Gesten der Gutherzigkeit“ beobachten, häufig überrascht und gerührt reagieren: 

„Der Mensch ist so verdrahtet, dass uns ein einfacher Ausdruck von Güte bereits Schauer über den Rücken laufen lassen kann. Und das Faszinierende ist: Dieser Effekt kann sogar dann noch auftreten, wenn wir solche Geschichten aus zweiter Hand hören. Dann ist es fast so, als würde eine mentale Reset-Taste gedrückt, wodurch sich unsere Gefühle des Zynismus verflüchtigen und wir wieder heiter auf die Welt blicken können.“ (Bregman 2020, Kap. IX) 

Außerdem löse diese Erfahrung einen „unwiderstehlichen Drang“ aus, selber jemandem zu helfen oder etwas Gutes zu tun (ebd.) Kimmy hat diesen Effekt auf ihr Umfeld. Auch wenn es natürlich etwas anderes ist, eine Serie zu schauen, von der man weiß, dass sie fiktional ist, als im echten Leben eine Geste der Gutherzigkeit zu beobachten oder davon zu hören, so kann eine solche Wirkung durchaus zu einem gewissen Grad auch beim Publikum eintreten. Bregman beschreibt in seinem Buch auch den Effekt von Medien auf das Weltbild, an das eine Gesellschaft glaubt. Er beobachtet in unserer gegenwärtigen Gesellschaft einen sogenannten Nocebo-Effekt, der durch übermäßigen Konsum von Medieninhalten, die ein pessimistisches Weltbild abbilden, ausgelöst wird. Er argumentiert anhand von Studien, dass Menschen die immer wieder hören, dass andere egoistisch, faul oder gewalttätig sind, sich auch eher so verhalten. Somit provozieren die aktuellen Medien, dass ein negatives Menschenbild zur selbsterfüllenden Prophezeiung wird. 

Wenn es also eine mediale Darstellung von Gutherzigkeit gibt und diese sogar ansteckend wirkt, könnte sich das möglicherweise auch auf das Menschenbild des Publikums auswirken und sogar aktivierend wirken. In diesem Sinne können Kimmys radikaler Optimismus und ihre Gutherzigkeit nicht nur ihr Umfeld innerhalb der Erzählung, sondern auch für das Publikum ansteckend sein. Darin liegt die subversive Kraft ihres naiven Charakters. Kimmy stellt in der Serie so etwas wie einen Schlüssel zu einem anderen, einem optimistischen Menschenbild dar. Das zeigt sich schon in ihrem Gesichtsausdruck, sie geht mit einem ständigen breiten Lächeln durch die Welt, welches nicht fake wirkt, aber auch nicht entspannt: Es ist eine Kampfansage. Sie zeigt mit ihrem Lächeln der Welt und all der Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Gewalt, die darin stattfinden ihre Zähne. Ihr Lächeln, als Ausdruck ihres Optimismus, wird zu einer Waffe. Die Liebe, die sie ihren Freund:innen und der Welt gibt, birgt eine „transformative Kraft“ (hooks 2001, S. xix). Die Serie beleuchtet in diesem Sinne sowohl die vorherrschende Ideologie des Zynismus, als auch wie sie durch Kimmys naiven Charakter attackiert und dekonstruiert wird und macht alternative gesellschaftliche Zukunftsentwürfe in Form eines solidarischen Miteinanders vorstellbar. 

 


Fazit

Die Analyse von Barbie, Poor Things und Unbreakable Kimmy Schmidt zeigt, dass naive Frauenfiguren, wie eingangs in meiner Hypothese formuliert, ein subversives Potenzial bergen können, unter der Voraussetzung, dass ihre Naivität die gesellschaftliche Ordnung als historisch und damit veränderbar markiert und damit vorherrschende Ideologien sichtbar macht und attackiert. Die Unwissenheit von Barbie, Bella Baxter und Kimmy Schmidt über gesellschaftliche Normen und Konventionen verleiht ihnen die Kraft, das Gewohnte fragwürdig erscheinen zu lassen. Ihre Naivität funktioniert dann als kritisches Werkzeug, wenn sie nicht bloß etwas zu erkennen gibt, sondern als ein dramaturgisches Mittel zur Dekonstruktion einer vermeintlich natürlichen gesellschaftlichen Ordnung eingesetzt wird.

Die Figuren müssen dafür zunächst mit dem klassischen patriarchalen Trope der naiven Frau brechen. Dieser Bruch lässt sich bei allen drei Protagonistinnen beobachten. Sie treten als Agentinnen ihrer eigenen Geschichte auf. Ein gemeinsames Merkmal der drei Figuren ist ihre transparente Selbstreflexion, mit der sie sich und ihr Handeln kommentieren. Dadurch entdecken wir mit ihnen die Welt, in der sie sich bewegen, und es eröffnet sich uns als Publikum die Möglichkeit, die scheinbare Normalität dieser Welt als Ideologie des kapitalistischen Realismus und somit nicht als natürlich, sondern als veränderbar zu erkennen. Damit ist bei allen Protagonistinnen die Basis für ein subversives Potenzial gelegt. Dennoch offenbart sich ein qualitativer Unterschied in der Art und Weise, wie ihre Naivität als subversive Kraft wirksam wird.

In Barbie wird das subversive Potenzial letztlich nicht ausgenutzt. Zwar wird der neoliberale Feminismus kritisch kommentiert und sichtbar gemacht, doch Barbies Naivität grenzt sich nicht stark genug von der vorherrschenden Ideologie des kapitalistischen Realismus ab, da sie auf dem Glauben an die Illusion des neoliberalen Feminismus beruht. Ihr Charakterzug ist zu performativ und deswegen nicht radikal genug, um dem kapitalistischen Realismus zu schaden und eine echte Alternative aufzuzeigen. Die Figur bleibt gefangen in der Logik ihrer eigenen Vermarktbarkeit, was eine tiefgreifende Subversion verhindert. Die Inszenierung ihres Bruchs mit patriarchalen Strukturen endet an der Oberfläche, denn die dem Film inhärente Kritik wird, durch Barbies ökonomische Funktion als Produkt, neutralisiert. Das Narrativ des Films ist darauf angelegt, dass Barbie ihre Naivität überwindet, da sie ihr schadet und nicht vor den Gefahren des Patriarchats schützt.

Im Gegensatz dazu tritt sowohl bei Bella Baxter als auch bei Kimmy Schmidt Naivität als deren Stärke und Waffe gegen gesellschaftliche Konventionen in Erscheinung. Bella kämpft sich durch das Patriarchat und den Zynismus und hinterlässt auf ihrem Weg die Ruinen dieser Ideologien. Duncan als Sinnbild für das bürgerliche Patriarchat geht an ihr zugrunde und sie entwaffnet den Zynismus des kapitalistischen Realismus, indem sie Harry mit ihrer naiven Gutgläubigkeit konfrontiert. Bellas Ihre Naivität wird gefährlich für die vorherrschende gesellschaftliche Ordnung und somit subversiv wirksam. Ihre Neugier und Weltoffenheit, ihr Glaube an Fortschritt und Veränderbarkeit, sowie ihr späterer Beitritt zur sozialistischen Partei markieren eine Gegenposition zur vorherrschenden Ideologie. Formal konterkariert Poor Things jedoch mit der sexualisierten Darstellung Bellas die inhaltliche Subversion durch die Reproduktion einer patriarchalen Ästhetik.

Sowohl Bellas als auch Kimmys Naivität ist glaubhaft und nicht performativ, wodurch sich ihre subversive Kraft stärker entfalten kann. Ihre Naivität basiert auf einem Wissensdefizit, welches bei Bella aufgrund ihres Kindergehirns zu Beginn wesentlich ausgeprägter ist. Kimmy kennt die Welt durchaus, nur nicht, wie sie sich in den letzten 15 Jahren entwickelt hat. Sie ist die einzige der drei Figuren, die von Anfang an weiß, wie hart das Leben sein kann aufgrund der traumatischen Entführung, die sie überlebte. Sie ist nicht weltfremd und verkörpert trotzdem am radikalsten ein optimistisches Menschenbild, welches sich in einer bedingungslosen Hilfsbereitschaft ausdrückt. Ihre Hoffnung ist eine Widerstandsgeste gegen das dominierende Bild des egoistischen Individuums. Kimmys optimistische Gutherzigkeit beeinflusst ihr Umfeld nachhaltig, wirkt ansteckend und gefährdet somit die gesellschaftliche Ordnung nicht nur, sondern eröffnet auch den Möglichkeitsraum für solidarische Zukunftsentwürfe.

Sowohl Kimmy als auch Bella werden zur Bedrohung für die Ideologie der patriarchalen Identität und des kapitalistischen Realismus und das vor allem aufgrund ihres optimistischen Menschenbildes, denn: „Wer sich für den Menschen einsetzt, tritt auch gegen die Mächtigen der Erde an. Für sie ist ein hoffnungsvolles Menschenbild rundherum bedrohlich. Staatsgefährdend. Autoritätsuntergrabend. Schließlich bedeutet es immer, dass wir keine egoistischen Tiere sind, die von oben herab kontrolliert, reguliert und dressiert werden müssen.“ (Bregman 2020, Kap. 1.4) Bella mit ihrer optimistischen, wissenschaftlich anmutenden Überzeugung, dass die Welt verbessert werden kann, und Kimmy mit ihrem Vertrauen in das Gute im Menschen setzen sich beide für ein positives Menschenbild ein und greifen somit das vorherrschende Menschenbild, der zynischen Ideologie des kapitalistischen Realismus an. Beide provozieren einen Wandel der gesellschaftlichen Ordnung. In diesem Sinne ist die Erzählung und mediale Darstellung solcher optimistischer Figuren, die bedingungslos an das Gute im Menschen und eine alternative solidarische Gesellschaft glauben und dafür eintreten, eine subversive Praxis. Ihre Naivität offenbart den Konflikt zwischen dem, was ist, und dem, was sein sollte.

 

Quellenverzeichnis Literatur

Bregman, Rutger (2020): Im Grunde gut: Eine neue Geschichte der Menschheit. [E-Book] Hamburg: Rowohlt Verlag.
hooks, bell (2001): All About Love: New Visions. New York: William Morrow.
Barbie (2023), Spielfilm von Greta Gerwig, Drehbuch: Greta Gerwig & Noah Baumbach, USA/UK: Warner Bros. Pictures, Laufzeit: 114 Min, gestreamt auf Amazon Prime
Poor Things (2023), Spielfilm von Yorgos Lanthimos, Drehbuch: Tony McNamara (nach dem Roman von Alasdair Gray), Irland/UK/USA: Searchlight Pictures, Laufzeit: 141 Min., gestreamt auf Disney+
Unbreakable Kimmy Schmidt (2015–2019): Comedy-Serie von Tina Fey & Robert Carlock, 4 Staffeln, USA: Universal Television, gestreamt auf Netflix. 45

 

Siehe weitere Beiträge der Reihe:

Das Comeback der Naivität

Barbie: Can I meet the woman in charge? (Barbie)

Bella Baxter: If I know the world, I can improve it! (Poor Things)

 

 

 

Erstellungsdatum: 17.03.2026