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Thomas Rothschild kommentiert Aussagen zum Wert von Kultur

Kulturförderung rentiert sich – Einschneidende Kürzungen

Thomas Rothschild


Auf Augenhöhe. Wandmalerei in Porto. Foto: Bernd Leukert

Es geht um die Indienstnahme all dessen, was wir unter dem Begriff Kultur zusammenfassen. Es scheint für Politiker, die ja wieder gewählt werden wollen, nicht möglich zu sein, Kultur anders als unter politischem oder pekuniärem Aspekt zu begreifen. Kulturförderung lässt sich deshalb, wie in Berlin, mit dem Zugewinn für die Stadt wertschätzen. Aber auch Symbolpolitik wie die Verleihung einer Bürgermedaille für Kultur auf Augenhöhe sieht nach Verdinglichung aus. Thomas Rothschild hat zwei Zitate bereitgestellt, die verraten, wie die unnütze Kultur genutzt wird.


Auszug aus der Studie: Standortfaktor Kultur in Berlin:


Studiendesign

Welche Wirkungen hat öffentliche Kulturförderung über den Kultursektor hinaus? Mit der Studie „Kultur als Standortfaktor in Berlin. Ein Gesamtbild ökonomischer, gesellschaftlicher und stadtgestaltender Effekte“ legt das Institut für Kulturelle Teilhabeforschung (IKTf) erstmals eine datenbasierte Antwort auf diese Frage vor. Die Studie wurde von der Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt gefördert.

Kultur ist für Berlin ein zentraler Standortfaktor mit vielfältigen ökonomischen, gesellschaftlichen und stadtgestaltenden Effekten, doch fehlt bisher ein integriertes Modell, das diese Wirkungsebenen zusammenführt. Die rund 70 vorliegenden deutschen Studien konzentrieren sich vor allem auf ökonomische Effekte wie Umwegrentabilität einzelner Einrichtungen oder Bruttowertschöpfung der Kultur- und Kreativwirtschaft. Die IKTf-Studie schließt diese Lücke: Sie erhebt erstmals ökonomische, soziale, gesundheitliche und touristische Effekte des Berliner Kultursektors gemeinsam. Ausgangspunkt ist die Umwegrentabilität im gesamtstädtischen Maßstab, ergänzt um Kapitel zur Bruttowertschöpfung der künstlerisch-kulturellen Teilmärkte, zu Effekten Kultureller Teilhabe auf Lebenszufriedenheit und Gesundheit, zu Kultur als Standortfaktor für Unternehmen und zu touristischen Effekten. Die Datenbasis ist dank KulturMonitoring, der Bevölkerungsbefragung „Kulturelle Teilhabe in Berlin“ sowie einer Unternehmensbefragung besonders belastbar.

Die von September 2025 bis Mai 2026 durchgeführte Untersuchung zeigt ein breites Wirkungsspektrum. Da die tatsächliche Wirkung von Kultur darüber hinausgeht, ergänzen Spotlights zwischen den Kapiteln die Analyse um Kulturelle Bildung, soziale Räume, Amateurkultur und Stadtentwicklung.

 

Ergebnisse im Überblick

Kulturförderung rentiert sich: Das 3,5‑fache des Fördervolumens fließt in die Stadt zurück

Die öffentliche Kulturförderung des Landes Berlin wirkt weit über den Kultursektor hinaus: Jeder investierte Euro erzeugt im Durchschnitt mehr als 3,50 Euro an wirtschaftlichen Rückflüssen – bei Museen und Gedenkstätten sogar bis zu rund 7 Euro. Diese Rückflüsse entstehen durch die Ausgaben der Kultureinrichtungen selbst, durch Aufträge an Unternehmen und über Ausgaben in der Stadt durch das eigene Personal. Der größte Teil der wirtschaftlichen Effekte geht dabei aber auf das Publikum zurück: Rund 63 Prozent der Rückflüsse entstehen durch Ausgaben von Kulturbesucher*innen – wobei der größte Anteil auf Tourist*innen entfällt.

Konkret stehen rund 528 Millionen Euro Fördermitteln Gesamtrückflüsse von etwa 1,88 Milliarden Euro gegenüber – ein Überschuss von über 1,35 Milliarden Euro jährlich. Nicht einberechnet wurden hierbei die Stiftungen Berliner Mauer, Topographie des Terrors und Gedenkstätte Hohenschönhausen. Aufgrund ihrer enormen Besuchszahl und des überdurchschnittlich hohen Anteils touristischer Besucher*innen wurden sie gesondert ausgewertet, um die mittlere Umwegrentabilität der Einrichtungen nicht zu verzerren. Werden diese Einrichtungen in die Berechnung einbezogen, ergibt sich sogar ein Gesamtrückfluss von rund 4,65 Milliarden Euro jährlich.

Kultur steigert das Wohlbefinden – messbarer Effekt in Milliardenhöhe

Auch für das Well-Being der Berliner Bevölkerung ist eine ökonomische Wirkung messbar: Vier oder mehr Besuche im Jahr steigern das individuelle Wohlbefinden und die Gesundheit etwa so stark wie ein bis zu 2 700 Euro erhöhtes Jahreseinkommen. Hochgerechnet auf ganz Berlin bewirken Besuche von klassischen Kulturangeboten eine Steigerung im Gegenwert von rund 8,09 Milliarden Euro pro Jahr.

Berlin ist Spitzenstandort der Kultur- und Kreativwirtschaft – maßgeblich geprägt durch die Freie Szene

Kultur ist ein eigenständiger Wirtschaftszweig: Mit einer Bruttowertschöpfung von 12 bis 15 Milliarden Euro, rund 195 000 Beschäftigten und einem Umsatz von 41,1 Milliarden Euro übertrifft die Kultur- und Kreativwirtschaft in Berlin klassische Industriebranchen, wie beispielsweise Pharma- oder Maschinenbau. Tragende Säule dieses Systems ist die Freie Szene: Allein in den klassischen Teilmärkten Bildende Kunst, Musik und Darstellende Künste erwirtschaften 32 420 Solo-Selbstständige zusammen rund 614 Millionen Euro Einkommen. Gleichzeitig liegt rund drei Viertel von ihnen unter einem individuellen Jahreseinkommen von 22 000 Euro.

Für Berliner Unternehmen ist Kultur ein entscheidender Standortfaktor

Rund 90 Prozent der befragten Unternehmen halten das Kulturangebot für die Gewinnung neuer Mitarbeitender für wichtig, fast 85 Prozent betonen seinen Einfluss auf die Bindung von Mitarbeitenden. Rund die Hälfte der Unternehmen nutzt das Berliner Kulturangebot zudem aktiv beim Gewinnen von Fachkräften. 

Kultur als Reisegrund: Berlin zieht mit London und Paris gleich

Allein 2024 kamen 12,7 Millionen Gäst*innen aus Deutschland und der Welt nach Berlin. Sehenswürdigkeiten (63 Prozent) und das Kunst- und Kulturangebot (61 Prozent) zählen zu den wichtigsten Motiven für ihre Reise. Kulturell motivierte Tourist*innen bleiben im Durchschnitt länger in der Stadt und geben mehr Geld aus. Berlin gehört damit zu den meistbesuchten Städtereisezielen Europas und bewegt sich auf einem Niveau mit Metropolen wie Paris und London.

Gesellschaftliche Wirkungen von Kultur im Überblick

Über ihre wirtschaftliche Funktion hinaus leisten Kulturangebote einen wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt: Kulturelle Bildung stärkt Weltoffenheit, Kreativität und Zukunftskompetenzen und legt früh den Grundstein für kulturelles Interesse. Kultureinrichtungen fungieren als niedrigschwellige „Dritte Orte“ der Begegnung und Integration, besonders ausgeprägt in Bibliotheken und soziokulturellen Zentren. Am Beispiel der Amateurmusik wird die Bedeutung der Breitenkultur deutlich: 38 Prozent der Berliner*innen musizieren aktiv, sie ist damit ein niedrigschwelliger Zugang zur Kultur für breite Bevölkerungsschichten auch jenseits klassischer Kulturangebote. Darüber hinaus zeigt sich die Wirkung von Kultur auch in der Stadtentwicklung: Sie trägt zur Entwicklung lebendiger Quartiere bei und fördert Teilhabe sowie soziale Integration vor Ort.

 

Zur Vervollständigung: Pressemeldung zur Verleihung der Bürgermedaille:


Liebe Journalistinnen und Journalisten,

„Ein deutliches Zeichen in Richtung Kultur“ (Werner Schretzmeier) setzte am Freitag, 17. Juli 2026 die Verleihung der Bürgermedaille der Landeshauptstadt Stuttgart an Theaterhaus-Chef Werner Schretzmeier und den Künstlerischen Leiter der beiden Theaterhaus-Tanz-Companies, Eric Gauthier. Beide erhielten die exklusivste Auszeichnung, die Stuttgart – nach der Ehrenbürgerwürde – zu vergeben hat, in Anerkennung ihres sozialen Engagements und ihrer Verdienste um das kulturelle Leben der Stadt. Als Oberbürgermeister Frank Nopper den Text der Urkunde verlas und die Medaillen überreichte, waren beide Geehrten sichtbar zufrieden. Das Publikum hielt es da schon nicht mehr auf den Sitzen. Für einen weiteren emotionalen Moment sorgte der Eintrag der beiden ins Goldene Buch der Stadt Stuttgart, in dem sich bereits Bundespräsidenten, Bundeskanzler oder Persönlichkeiten wie Königin Elisabeth II. verewigt haben.

Ganz klar also: Der Abend war ein Freudenfest, erfüllt von Stolz und viel Humor, bei dem Schretzmeier in seiner Rede allerdings deutlich machte, dass er den Preis nicht nur als Auszeichnung nur für ihn und seinen „Freund Eric Gauthier“ sehe, sondern als Ehrung für das Theaterhaus und seine Mannschaft. Er betonte daher ausdrücklich, dass er seine Auszeichnung mit seiner verstorbenen Frau Gudrun Schretzmeier und dem Theaterhaus-Mitgründer Peter Grohmann teile. „Des weiteren teile ich meine Auszeichnung mit der gesamten Belegschaft des Hauses, mit allen Helferinnen und Helfern, die dieses Haus immer wieder so freundlich und freudvoll erscheinen lassen, und mit allen Unterstützerinnen und Unterstützern, die dieses Haus immer wieder finanziell und ideell stützen und damit handlungsfähig halten.“

Die Lacher auf seiner Seite hatte nicht zuletzt Eric Gauthier, der sich an seine Enttäuschung erinnerte, als während seiner Zeit am Stuttgarter Ballett wieder mal ein anderer die Prinzenrolle bekam. Heute könne er sagen: „Ich bin cooler als der Prinz, ich hab die Bürgermedaille!“ Und selbstverständlich war das begleitende Bühnenprogramm vom Feinsten. Die Beiträge des Theaterhaus-Schauspiel-Ensembles, von Gauthier Dance und den Gauthier Dance JUNIORS sowie die musikalischen Einlagen des Trios Bebelaar/Beck/Kroll und aus der Theaterhaus-Produktion Me & Mr Cash ließen keine Wünsche offen. Vor allem lieferten sie alle zusammen den augenfälligen Beweis dafür, wie sehr Kultur einer Gesellschaft Sinn verleiht, sie zusammenhält und trägt. Dennoch war es in Zeiten wie diesen unvermeidbar, dass in dieser eigentlich uneingeschränkt positiven Veranstaltung teils ernstere Töne mit anklangen.

Schließlich warf der Abend auch eine Frage auf, die Werner Schretzmeier offen zur Sprache brachte: der Widerspruch zwischen der großen Wertschätzung, die diese Auszeichnungen zum Ausdruck bringen, und den einschneidenden finanziellen Kürzungen für die Kultureinrichtungen der Stadt. Schretzmeier leitete daraus einen eindringlich vorgebrachten Appell für ein Moratorium ab: „Lieber Herr Oberbürgermeister, liebe Stadträtinnen und Stadträte, geben Sie den Bereichen Kultur, Bildung und Soziales eine Atempause, denn diese drei Bereiche sind für eine gute Zukunft, für eine produktive Zukunft, von größter Bedeutung.“ Die Begründung lieferte Schretzmeier gleich mit: „Je besser und stärker der kulturelle Standard dieser Stadt ist, desto besser und stärker ist diese Stadt als Gemeinwesen!“

Dass an diesem Abend dennoch Zuversicht und das pure Glück mit Abstand überwogen, dafür sorgten tatsächlich die drei Begriffe „Kultur, Bildung und Soziales“. Sie bringen die Institution Theaterhaus ebenso auf den Punkt wie die Mission von Gauthier Dance. Darauf hob auch die Laudatio der Kulturjournalistin und Autorin Adrienne Braun ab: „Schaut man zurück, stellt man fest, wie erstaunlich visionär Werner Schretzmeier und sein Team waren. Man könnte viele Beispiele nennen, herausragend ist sicher das Schauspielensemble, mit dem er als Regisseur ein völlig neues Format innerhalb der Bühnenlandschaft entwickelte. Statt von oben herab zu dozieren oder ästhetische Pirouetten zu drehen, verhandelte man hier nun aktuelle, gesellschaftliche Themen, die nah an der Lebenswirklichkeit waren.“ Weiter betonte sie: „Heute erfüllt das Stadttheater einige der Visionen, mit denen das Dreiergespann damals antrat: ein Angebot, das den Menschen die Angst vor der befremdlichen Kultur nimmt. Keine ideologische Trennung zwischen E und U. Auch eine Aufweichung der starren Gattungsgrenzen – und Zusammenarbeit, formal wie organisatorisch.“ Braun beschrieb weiter, wie 40 Jahre Theaterhaus das kulturelle Leben der Stadt grundlegend verändert haben: „Eric Gauthier und seine Kompanie schaffen es immer wieder, in verschiedensten Kontexten Gemeinschaftsgefühl zu wecken. Mit dem Gauthier Dance Mobil zog auch in Stuttgart ein neues Kulturverständnis ein – dass Kultur mehr vermag, als nur ästhetischen Genuss zu bieten. Das Theaterhaus hat meine Werte und mein Verständnis von Kultur grundlegend geprägt, diese Vorstellung einer Kultur auf Augenhöhe, die nicht elitär ausschließt, sondern ihr Publikum mit offenem Herzen empfängt.“ Dieser Spirit – er war an diesem Abend in jeder Sekunde zu spüren.

Wir freuen uns sehr, wenn Sie das Thema Bürgermedaille in Ihren Medien aufgreifen. Den Kontakt zu Werner Schretzmeier und Eric Gauthier stelle ich gerne her.

Schöne Grüße
Kai Bliesener, Leiter Presse und Marketing Theaterhaus Stuttgart & Nicola Steller, Pressearbeit Gauthier Dance//Dance Company Theaterhaus Stuttgart"



Ein Eintrag der beiden ins Goldene Buch der Stadt Stuttgart, in dem sich bereits Bundespräsidenten, Bundeskanzler oder Persönlichkeiten wie Königin Elisabeth II. verewigt haben – das ist doch was. Wer hätte das geahnt, als das Theaterhaus 1984 in Stuttgart-Wangen als exemplarisches Kulturzentrum der 68er und der APO begann.

 

 

Erstellungsdatum: 02.08.2026