„Erfahren“ bedeutet im Wortsinn, die Welt fahrend kennenlernen. Man sollte also meinen, wer viel reist, kann ein erfahrener Mensch werden. In der Bedeutung von „klug, bewandert“ ist das Wort seit dem 15. Jahrhundert belegt. Also vor dem Zeitalter der Motorisierung. Wie damals aber ist die Reisezeit heute so flexibel, dass wir nicht wissen, ob wir, wie Eldad Stobezki in seiner Traumreise, das Ziel noch pünktlich erreichen oder es wechseln müssen.
Erst durch die Migrationsdebatten ist mir in den Sinn gekommen, dass ich ein Kind von Flüchtlingen bin. Die Reise meiner Eltern von Deutschland nach Palästina, im Jahr 1933, war eine Reise ins Unbekannte. Über ihre Flucht haben sie nur selten gesprochen und es geschafft, ihren Kindern eine behütete Kindheit zu schenken. Erst Jahrzehnte später verstand ich, was sie verloren haben und wie schmerzlich das gewesen sein muss. Daraus resultiert meine Verachtung für die populistischen Wahlsprüche einiger Politiker.
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„Ich war heute Nacht in einem jüdischen Dorf“, schrieb mir eine Freundin, „Die Häuser hatten keine Türen. Als ich fragte, warum kein Haus eine Tür hat, antwortete man mir, mit leichtem Vorwurf in der Stimme, ob ich nicht wüsste, dass 'jüdische Häuser' keine Türen haben. Und wer soll das nun deuten?“, fragte sie. Ich dachte sofort an den Anschlag auf die Synagoge in Halle im Oktober 2019. Anlässlich der jüdischen Feiertage hatten sich etwa achtzig Gläubige In der Synagoge versammelt. Der Attentäter konnte die verriegelte Sicherheitstür nicht überwinden. Das bedeutete die Rettung der Gemeinde. Auf der Straße vor der Synagoge erschoss der antisemitische Täter dann zwei Menschen und verletzte zwei weitere schwer.
Beim Überfall der Hamas am 23. Oktober 2023 boten die Schutzräume nur teilweise Sicherheit. Manche schafften es, die Tür verriegelt zu halten, bei anderen konnten die Terroristen einbrechen und haben die Menschen getötet oder verschleppt.
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In der Nacht reise ich durch meine Albträume. Ich befinde mich in fremden Bahnhöfen und U-Bahn-Schächten, muss einen Fahrschein lösen, aber wie macht man das hier? In welcher Stadt bin ich? Die Gegend sieht fremd aus, doch die alten Häuser kommen mir bekannt vor. Wer wohnt jetzt da? Wo ist die Bushaltestelle? Warum sind die Gärten so steil? Mein Ziel, werde ich es noch pünktlich erreichen?
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Als Sechsjähriger fuhr ich mit meinem Vater zum ersten Mal nach Jerusalem. Aus dem flachen Tel Aviv kommend, kamen mir die Hügel vor Jerusalem, in denen wilde Anemonen, Ranunkeln und Mohn blühten, wie hohe Berge vor. Anlass für die Fahrt war der Schnee, der über Nacht dort gefallen war. Den wollte mein Vater mir zeigen. Wir verließen den Bahnhof, tappten durch den bereits schmelzenden Schnee und fuhren mit nassen Schuhen gleich wieder zurück. Der Zweck einer Reise ist etwas Neues kennenzulernen, erklärte mir mein Vater. Auf Deutsch sagte er: „Reisen bildet.“
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Im Dezember 2024 waren wir in den Niederlanden, um in Naarden das Weihnachtsoratorium von J. S. Bach zu hören. In Utrecht, an einem der größten Bahnhöfe des Landes, stiegen wir um. Während wir auf den Anschlusszug warteten, hörte ich schrilles Vogelgezwitscher, sah aber keine Vögel und dachte, die niederländische Bahn berieselt ihre Fahrgäste mit Naturgeräuschen. Weit gefehlt. Ich wurde belehrt, dass man mit dieser Methode die Tauben abwehren kann. Besonders effektiv sind dabei die Rufe von Raubvögeln wie Falken oder Habichte, die von Tauben als natürliche Feinde gefürchtet werden. Diese Methode gehört zu den tierfreundlichsten Ansätzen, Tauben ohne Gewalt zu vertreiben.
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Beneidenswert sind Menschen, die Parahawking betreiben. So wird die Kombination von Gleitschirmfliegen und Falknerei bezeichnet. Dabei werden Greifvögel von einem Falkner dazu trainiert, Gleitschirmflieger zu begleiten. Beide nutzen die natürlichen thermischen Aufwinde. Beim Parahawking begleitet der Vogel „seinen“ Piloten oft über mehrere Stunden und fliegt mit einem Abstand von wenigen Metern neben ihm her.
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Ein israelischer Freund, der in San Francisco lebt, lud mich vor Jahren ein, ihn und seine Familie zu besuchen. Nach dem er mir erzählt hatte, dass er eine große Schlange besitzt, die sich frei im Haus bewegt, fuhr ich nicht. Sie war zwar nicht giftig, aber nein, Danke!
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Eine Bekannte überwintert in Asien. Täglich postet sie Fotos vom Sonnenuntergang am Strand, beim Aperol Spritz. Neulich wollte sie das Wort „Wissensstand“ benutzen. Sie vertippte sich und schrieb: Wissensstrand.“
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Nach vielen Europa-Reisen in den 70er Jahren kam ich 1979 auf die Idee, die Richtung zu wechseln. Ich wollte Teheran erkunden. Zu spät, die Revolution war ausgebrochen. Stattdessen flog ich nach Frankfurt, besuchte Freunde und entschied mich, in Deutschland zu bleiben.
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Neulich bin ich auf ein altes, englisches Wort gestoßen - „Dustsceawung“ und fand keine adäquate Übersetzung. Das Wort stammt von dūst („Staub“) und sċēawung („Inspektion, Betrachtung“). Dustsceawung ist die Betrachtung der Tatsache, dass Staub aus dem Zerfall festen Materials entsteht: Den Mauern einer Stadt, einem Buch, einem großen Baum. Staub ist immer das endgültige Ergebnis. Solche Betrachtung kann die weltlichen Begierden mäßigen, die uns im Griff haben. „Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub“. Der Gedanke hinter dieser Formel ist, dass der Mensch dorthin zurückkehrt, wo er hergekommen ist. Die Schöpfungsgeschichte ist der Ursprung des Gedankens, dass der Verstorbene wieder zu Erde, Asche und Staub wird. Das ist die letzte Reise.
Eldad Stobezki
Rutschfeste Badematten und koschere Mangos
Gebunden, 150 Seiten
ISBN 9783949671159
Edition-W, Frankfurt, Frankfurt 2024
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Erstellungsdatum: 22.02.2025