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Thomas Bernhard war nicht der erste Schriftsteller, der gerne im Bauernkostüm auftrat. Die Tracht rechtfertigte sich durch den Besitz eines Traktors und mehrerer Bauernhöfe. Diese soziale Selbstbehauptung, abgetrotzt seinem Verleger, erscheint wie ein stilisierter Gegenentwurf zum Leben derjenigen, die er nicht müde wurde zu schmähen. Ruthart Stäblein hat die Immobilien des Österreichers aufgesucht.
„In den Himbeerschlägen hackt schon der Specht…Bienen tummeln über die Halme… Irgendwo dengelt einer die Sense vorm Haus…Wir denken, wie schön es ist hier zu bauen – ein Häuschen mit einem Garten.“ Davon schwärmte der junge Thomas Bernhard, als er noch als Journalist schrieb und zu seinem Großvater nach Henndorf wanderte. Seinen Jugendtraum erfüllte er sich, als er 1965 mit dem Geld seines ersten Literaturpreises sowie einem Vorschuß, dem er seinem neuen Verleger Siegfried Unseld abluchste. Er kaufte einen Vierkanthof im oberösterreichischen Kleindorf Obernathal, nahe gelegen bei Gmunden am Traunsee. Vermittelt durch den gewieften Immobilienmakler Karl Ignaz Hennetmair. Dazu passend legte er sich später noch einen Traktor zu, versehen mit dem Schild des stolzen Besitzers: „Bauer zu Nathal“.
Und er wurde sogar Mitglied im „Österreichischen Bauernbund“.
Rund um den Vierkanthof wurde ein Wanderweg eingerichtet, mit 15 stilisierten Ohrensesseln aus Metall ohne Armstützen und mit eingravierten Zitaten aus den Werken von Bernhard. Bei der ersten Station kurz vor dem Weiler Traich ziehen Hochspannungsdrähte durch zwei Waldstücke. Zwischen Baumwipfeln spitzt ein Kirchturm hervor. Darüber erhebt sich gewaltig das Traunsteinmassiv.
Endlich der Ausblick auf einen Talkessel, in dem ein großer Bauernhof stehen soll. „Das Objekt ist jahrhundertealt, vor dem Höllengebirge gelegen, in einer Gegend, die ich, der Herkunft und Vorliebe nach, schon immer als meine engere Heimat betrachtet habe.“ Wer hätte das gedacht, Thomas Bernhard kann auch als Heimatdichter und Wanderführer dienen. Nur heute will sich das Höllengebirge nicht zeigen. Nebel und graue Wolken verschleiern die Aussicht. Es fängt an zu regnen. In der Dorfmitte von Ohlsdorf gegenüber dem Geldautomaten der Raiffeisenbank ist das „Mezzi“ geschlossen. Das Dorfgemeinschaftshaus erinnert in der Eingangshalle mit drei großen Fotos, die wir durch die Scheibe erkennen, an den einstmals hier ansässigen Dichter. Darunter Fläschchen mit verwelkten Blumen.
Ab Peiskam geht es abwärts auf einem Forstweg aus Kieselsteinen, rechts an einer Klamm entlang. Die Bäume tröpfeln so vor sich hin. Springt doch glatt ein Reh über den knirschenden Kiesweg. An einer Lichtung angekommen – es regnet ohne Unterlass – zeichnen sich blass die Konturen der Papierfabrik von Steyrermühl ab. Endlich hört es auf zu regnen. Die Berge dampfen. Nebelwolken ziehen darüber hinweg. In Hildprechting riecht es nach Schweinemast. Was für ein weiter schöner Blick am Ortseingang von Weinberg zwischen zwei Birnbäumen hindurch auf die Wellen der Felder und Wälder, hinter denen die Gipfel der Gebirge ziehen.
Vor der Hildprechtinger Str. 6 steht kein Bernhard-Sessel. Und doch wohnte hier Karl-Ignaz Hennetmair. Er hat als Makler Thomas Bernhard den Vierkanthof in Obernathal und zwei weitere Höfe vermittelt. Aber dann ist Hennetmair in Ungnade gefallen, weil er Bernhards Hof unerlaubt in Abwesenheit betreten haben soll. Vor dreizehn Jahren konnten wir ihn noch besuchen. Er war schon leicht verwirrt und stark paranoid. In seinem Schlafzimmer stapelten sich gebügelte Wäsche und Aktenordner mit Dokumenten, die in Bezug zu Bernhard stehen sollten. Er zeigte seine Schallplatten. Die 5. Sinfonie von Beethoven habe man zusammen beim Abendessen gehört. Danach habe sie sich Bernhard auch gekauft. Der Bernhard habe sich ja in seinem Vierkanthof verschanzt: „‚Ich mache nie auf!‘, hat er gesagt. Dann hob I gsogt, müss mer a Klopfzeichen ausmochn: Dum-Dum-Dum – Bomm! [imitierte Anfang von Beethovens 5. Sinfonie] Und drei Mal klopft ja ein jeder. Aber erscht wann I das vierte „Bomm!“ – dann hat er erscht aufg’mocht.“
Nach 15 Stationen auf dem Bernhard „Gehen-Denken“-Weg – eine mehr als der Kreuzweg Christi – kommen wir durchnäßt endlich am Ausgangspunkt, am Vierkanthof in Obernathal an, wo uns Peter Fabjan, Thomas Bernhards Halbbruder und Erbe, sowie seine französische Frau erwarten. Als Medizinstudent besuchte Fabjan das Gehöft. Da war es noch eine Ruine. Aber die Mauern der Einfriedung waren intakt. Er führt uns durch das Haus. Im Eingang steht die eiserne Garderobe, die Thomas nach seinen Plänen schmieden ließ, wie auch die Vorhangstangen, Deckenleuchten, Schlösser. An der Garderobe hängt noch das Jagdgewehr, ein Schlagstock – „den hat mein Vater mitgebracht“ – das Festgeschirr für Pferde aus Messing, die Taschenlampe – „sie geht noch“ – die schwere Lederjacke. „Martialisch. Mit der konnte er als Bauer auftreten.“ Durch den ehemaligen Pferdestall mit dem Kreuzgewölbe. „Die Bauern haben das selbst gebaut. Im 14. Jahrhundert. Thomas war fasziniert davon.“ Thomas gestaltete den Stall in eine high-tech-Küche um, die so gut wie nie benutzt wurde. Servietten mit Silberring liegen auf dem Frühstücksplatz.
In der Diele hebt Peter Fabjan den Deckel zur Kellertreppe an und entdeckt eine Spinne, die mit einer Art weißem Schaum umgeben ist. „So etwas habe ich noch nie gesehen. Die liegt vielleicht in Todesstarre.“ Sagt der Arzt Fabjan und nennt sie „Bernhards Hausspinne“.
Im ersten Stock sind auch hier die Zimmer wie Schauräume von Schlössern hergerichtet. Seile zwischen Pflöcken hindern die Besucher, näher heranzutreten. Nur wir dürfen das, ausnahmsweise. Als hätte Thomas Bernhard sich hier ein Museum für posthume Besucher eingerichtet, sein Mausoleum. Auf einem Schreibtisch liegt Le Monde aus. In einer Vitrine steht eine französische Ausgabe von Montaigne. Thomas Bernhard konnte kaum Französisch, zitierte Montaigne – falsch – nach einer Rowohlt-Monographie. So viel Inszenierung, so viel als ob.
Fabjans Frau öffnet für uns die vielen Schränke und Kommoden, Stilmöbel aus der Zeit des Biedermeier und Empire. Lederhandschuhe, Ledergürtel, aufgerollt, reihen sich aneinander. Gebügelte und gefaltete Hemden stapeln sich aufeinander, nach Farben geordnet. Daneben hängen Hosen aus Flanell und Filz an Hosenträgern, Sakkos aus Harry‘s Tweed. An Schranktüren überlagern sich seidene Krawatten von Piatelli aus der Via Condotti in Rom, von Camisaria in Lissabon, Seidentücher von Dschulnigg in Salzburg. Und dann erst die unzähligen Hüte: Jagdhüte aus Hasenfilz mit Vogelfedern, Fedoras in graugrünen und blauschwarzen Tönen mit breitem Hutband, Strohhüte, Baskenmützen. Fabjans Frau pflegt sie, damit sie nicht die Motten befallen, putzt 70 Schuhpaare, wird ihrer nicht mehr Herr, sortiert manches aus.
„Einmal allerdings kam ein französischer Schriftsteller vorbei“, erzählt Frau Fabjan, der, weil er so berühmt sei und damit in Paris auftreten wolle, ein Paar besonderer Haferlschuhe aus Goisern mitnehmen wollte. Da protestierte Bernhards Schwägerin, die dem Pariser die Schatzkammern von Bernhard geöffnet hatte. „Mon ami – das geht zu weit“, erzählt die amüsierte Schwägerin. Und nennt endlich den Namen: Michel Houellebecq. Der musste mit einem Trachtenjanker abziehen. Mit besonderem Stolz betastet sie einen langen Lammfellmantel. Den soll er in Belgrad erworben haben, sagt sie, und krault die gekräuselten Lammfelllocken des breiten Kragens.
Was für ein zur Schau gestellter Luxus eines endlich erfolgreichen Schriftstellers als Bauer und Dandy, der als junger Journalist in seiner Salzburger Zeit im löchrigen Pullover herumlaufen musste, weil er sich kein Jackett leisten konnte! Fabjans französische Frau, die früher Lehrerin war, stellt einen verblüffenden Vergleich an: „Wie in seinen Werken die Sätze wuchern, wuchern hier die Kleider. Wo andere Autoren eine Seite für eine Schilderung benötigen, braucht Bernhard zwanzig, dreißig Seiten.“ – Sind nicht seine Sätze wie seine Kleidung in den Schränken reiner Luxus, fragen wir uns. Und was ist Luxus anderes als Lust am Überfluß, an Übertreibung und Übermaß? Erst durch die Wiederholung des Ähnlichen, Variationen des Immergleichen wird seine Prosa reiner Rhythmus; absolute Musik. Der Dandy Baudelaire brachte seine Vorstellung vom Paradies auf folgenden Vers: „Là, tout n´est qu´ordre et beauté,/ Luxe, calme et volupté“. Thomas Bernhard hätte seinen Luxus in der Ruhe und Abgeschlossenheit seines Vierkanthofes genießen können, wenn er nicht von innerer Unruhe und Krankheiten getrieben worden wäre, wenn da nicht dieser Nachbar gewesen wäre, der ihm drohte, einen Schweinestall vor seine empfindliche Nase zu bauen. Wenn da nicht die aufdringlichen Besucher, Journalisten, Fans, gelegentlich auch Frauen gewesen wären, die ungebeten an der Tür geklopft hatten.
Also kaufte Bernhard mit Hilfe des auf Österreichisch so genannten „Realitätenvermittlers“ Karl-Ignaz Hennetmair die „Krucka“, einen noch abgelegeneren Bauernhof, den man nur mit Traktor erreichen konnte. Den hatte sich Bernhard als „Bauer zu Nathal“ längst zugelegt. Es geht durch einen Wald steil bergauf. Vor dem Haus blüht eine hohe Blumenwiese. Daneben weiden – eingezäunt – Kühe und Pferde. Hinter dem Haus wachsen am Steilhang Johannisbeeren, von der uns Frau Fabjan kosten lässt. Hier ist vieles bäuerlich eingerichtet geblieben. Niedrige Decken, kleine Fenster, mit Kiefernholz getäfelte Wände.
Fehlt noch das dritte Haus, das Bernhard kaufte, das „Quirchtenhaus“ mit dem Blick auf Schloss Wolfsegg, über das Bernhard sein letztes Buch „Auslöschung“ geschrieben hatte. Es wurde seine Abrechnung mit der österreichischen Nazi-Vergangenheit. Das Quirchtenhaus am Waldrand bei Ottnang gelegen, aus rotem Ziegelstein erbaut, diente vor Bernhard einer 10-köpfigen Bergarbeiterfamilie.
Bevor wir es zum Abschluss besuchen, gehen wir noch in Wolfsegg essen. Der „Brandlhof“ in dem der Wirtshausgeher Bernhard gerne einkehrte, ist geschlossen. Wir setzen uns in die „Schlosstaverne Obrist“ gegenüber auf die Terrasse. „Moizeit“ wünscht die nette Kellnerin. Zum „Zipfer“-Bier im Seidl schmeckt sogar die „Fritattensuppe“ und die „Geschnittne Bäurin“, eine Speckjause. Die Aussicht reicht hinunter ins Tal, über rote Dächer von Bauernhöfen, grüne Wiesen, gewellte Felder hinan zu bewaldeten Hügeln, hinüber zu den Bergen. „Von Wolfsegg aus hat man den allerweitesten Blick auf die Alpen, in einem ist es möglich, das ganze Gebiet zwischen den Tiroler und den östlichen, niederösterreichischen Bergen zu überblicken“, schrieb der Heimatdichter Thomas Bernhard, ausgerechnet in „Auslöschung“, seiner schärfsten Kritik an seiner Heimat.
Neben seinem literarischen Werk hinterlässt Thomas Bernhard auch ein bäuerliches und architektonisches Erbe. In seinen Höfen ist seine „Handschrift“ präsent. Am glücklichsten wirkt Bernhard, wenn er mit seinen Dachdeckern auf einer Bank vor der „Krucka“ sitzt. Alle mit nacktem Oberkörper. Der Mostkrug wird herumgereicht. Oder wenn er im Innenhof seines Landguts in Obernathal in kurzer Lederhose auf seiner selbst entworfenen Bank mit Freunden sitzt, einfach nur sitzt. „Dichterisch wohnet der Mensch“, wünschte Friedrich Hölderlin. Diesen Wunschtraum kann sich auch der Besucher von Thomas Bernhards Nachlass erfüllen.
Erstellungsdatum: 16.03.2026