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Wer einen Menschen verliert, mit dem er glaubte, sein ganzes Leben zu verbringen, dem fehlt plötzlich ein Teil seines Selbsts. Er fühlt sich in seiner Identität beschädigt. Dass der Tod ein Skandal ist, leuchtet jedem ein, der ein andauerndes Leben lebt. Das kann man alles wissen; und dennoch ist es kaum möglich, sich in die trostlose Situation eines Trauernden einzufinden, es sei denn, man befände sich in ähnlicher Lage. Ingrid Mylo hat sich der Bücher zweier Autorinnen angenommen, die mit dem Tod konfrontiert wurden.
„My dear, these things are life.” (George Meredith)
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Dreiundvierzig, hält sie den anderen immer wieder entgegen, ein Flehen, eine Beschwörung, eine Zahl, die ihre Endlichkeit erreicht, ein Beleg, der seinen Wert verloren hat. Und doch beharrt sie darauf, als würde es etwas ändern: hört mir zu, dreiundvierzig, sie sagt: „Verstehen Sie, dreiundvierzig Jahre waren wir zusammen". Wir: Paul Auster und Siri Hustvedt, dreiundvierzig Jahre lang haben sie miteinander gelebt, das heißt doch etwas, das kann doch nicht nichts mehr bedeuten.
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Daß sie den Tod nicht versteht, läßt Penelope Lively ihre Heldin Frances in Perfect ‚Happiness‘ nach dem Tod ihres Mannes sagen. Und dieses Nichtverstehen ist keine Frage von mangelnder Akzeptanz, Wüten gegen das Schicksal, Verdrängung oder Leugnung: Frances kann schlicht nicht verstehen, wie ein Mensch, den man gekannt, mit dem man gelebt hat, einfach weg sein kann, verschwunden, vollständig und für immer.
Ich kann das ebenso wenig: seinen Tod verstehen. Vierunddreißig Jahre Gemeinsamkeit, innig, ausschließlich, ein ineinandergewachsenes Wir: und dann gibt es uns nicht mehr. Das, was uns ausgemacht hat, der Teil von mir, der er war, ist zertrümmert, zerfetzt, nein, nichts davon: wahr ist, er ist ausgelöscht. Mein Hirn weiß: er ist tot. Mein Körper, mein Blut, meine Haut, meine Knochen, unzählige Zellen warten, auch nach Monaten noch, vielleicht noch Jahre später, warten darauf, daß er wiederkommt, sehnen sich brennend nach ihm, nach uns. „Sehnsucht“, hat er in einem seiner frühen Briefe vor vierunddreißig Jahren an mich geschrieben, „Sehnsucht – gütiger Gott“.
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Bücher lesen, wie besessen, Bücher von Menschen, die nach dem Tod ihrer Geliebten ums Überleben kämpfen, Zurückgelassene, übrig geblieben, wovon der Rest. Bücher, schwarz vor Verlust, vor Trauer und Schmerz, vor Verzweiflung, was sucht man in ihren erschütternden Sätzen: Beistand, Unterstützung, Verständnis. Einen Hinweis, wie man mit der Zerstörtheit umgehen kann, mit einer Tatsache, die sich jedem Begreifen entzieht. Siri Hustvedts hat es getan, sie hat solche Bücher an ihre Seite geholt, an der Paul Auster nicht länger ist. Trost suchen bei denen, die das gleiche erfahren, erlitten, überstanden haben, vielleicht. Aber es ist ja nie das gleiche. Jeder Mensch, jede Liebe, jedes Zusammenleben ist anders, und jeder stirbt, wie Rilke wußte, seinen eigenen Tod, also trägt jede Trauer darüber ein anderes Gesicht. Manchmal ist es eine bösartige Fratze. Und nichts und niemand kann einen darauf vorbereiten. Selbst wenn einem Herzen schon einmal „das Liebste genommen“ wurde (W. Iwanow), ist das kein Schutz, keine Einübung in den nächsten Tod: er wird auf noch unbekannte Weise erneut unerträglich sein.
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Es ist, nach so vielen miteinander verbrachten Jahren, das Alleinsein, das einem zusetzt, das einen zersetzt. Und man ist allein. Jeder Heimweg führt in eine leere Wohnung, endet in einem Zimmer, in dem niemand mehr auf frische Himbeeren wartet, auf die Fortsetzung des vor einer Weile begonnenen Gesprächs, darauf, den Abend anzufangen mit einer Umarmung. Keine Freundin, die ihren Beistand offeriert, kein Freund, der davon spricht, für einen da zu sein, kann das: da sein, dauernd, wer sollte auch das Gewohnte, das weggebrochen ist, ersetzen. Die eingespielten Belanglosigkeiten, die zum Alltag gehörten, die Alltag waren, Teil des intimen Miteinanders. Das Weinglas aus Venedig, aus dem wir gemeinsam getrunken, die verbeulte Aluminiumpfanne, aus der wir gemeinsam gegessen haben. Die Platten von Ron Kavana, die wir in London gefunden und so oft gehört haben. Zusammen. All die Dinge, von denen er wußte, daß ich sie wollte, all die Dinge, von denen ich wußte, daß er sie wollte: und dann waren sie unser. Die langen Stunden am Frühstückstisch, die Vorbereitungen auf Lesungen, Reisen, die Worte, die Blicke, die Zärtlichkeiten: vorbei.
Es ist der Alltag, der fehlt, entsetzlich fehlt: und nichts an seiner Stelle. Siri Hustvedt hat das vorhergesehen. Sie werde, sagt sie vor Austers Tod zu ihrer Tochter, mit ihm auch ihren „Alltag verlieren“. Und den Halt.
Das Schlimmste sind nicht die Nächte, sie bestehen aus Schreiben, sind Versuche zu schreiben, Versuche zu schlafen, Erschöpfung, halbgare Träume. Das Schlimmste ist: aufzuwachen in die totale Abwesenheit des Geliebten, das Wissen, daß jede Sekunde, jede einzelne der noch vor mir liegenden Sekunden eine Sekunde ist ohne ihn.
„Dachten wir, als die Trauben // reiften, in einem anderen Sommer, // und wir lagen im Gras, dachte da // einer von uns an den Tod: daß ich // aufwachen würde neben ihm, Morgen // für Morgen“, heißt es in dem Gedicht ‚Nichtmal dein Schatten‘.
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Hilft es, sich zu erinnern, wie es war: als es ihn noch gab. Oder erlebt man durch die Erinnerung an die gemeinsame Zeit den Verlust umso schneidender, schärfer, dieses nicht aus der Welt zu schaffende Nie Mehr, das Begreifen, was man mit ihm verloren hat. Unwiederbringlich.
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„Wie folgt man einem geliebten Menschen in den Tod, ohne das Leben zu verlieren?“ fragt Anna Mitgutsch in ‚Wenn du wiederkommst‘.
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Bei all ihrer Liebe zu Paul, bei all ihrer Trauer um ihn, der einst zu ihr sagte, sie würden irgendwann auf eine Person hinauslaufen, bei all dem Pochen auf Gemeinsamkeit und Wir, grenzt Hustvedt sich, was geistiges Eigentum betrifft, klar von ihm ab. Sie, und darauf besteht sie mit Nachdruck, sie ist diejenige, die unzählige philosophische Werke liest, soziologische, wissenschaftliche, psychoanalytische (wie übrigens auch Austers erste Frau, die Autorin Lydia Davis, die wie Hustvedt einen Hang zu den französischen Strukturalisten hat), sie ist, der öffentlichen Wahrnehmung zum Trotz, die Intellektuelle, nicht Auster, sie ist der Ausgangspunkt. Was ihres ist, soll ihres bleiben. Und als er, schon sehr krank, schon sehr gegen Ende und nach einem Zustand umfassender Verwirrtheit, eine Bemerkung von ihr als seine eigene ausgibt, weist sie ihn zurecht: „Aber Paul, das habe ich dir gesagt!“
Hustvedt hält mit ihren Ängsten, ihrem Kummer nicht hinterm Berg, sie gibt einiges preis, ist von großer Offenheit. Und doch. Ihre Sätze sind, wie Beete, von sichernden Randsteinen umgeben, nicht wenige davon sind Steine selbst, Trockenmauern, die in abschüssigem Gelände einen Erdrutsch verhindern sollen. Daß sie schreit, glaube ich ihr: aber ich höre sie nicht schreien, daß sie blutet, glaube ich ihr: aber ich sehe sie nicht bluten. Seltsam eingefaßter Schmerz. Was erwartest du, sagt eine Freundin, Hustvedt ist Essayistin, keine Poetin. Sie geht anders zur Sache.
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Und wenn die Auseinandersetzung mit dem Tod nicht einem anderen Menschen gilt, wenn der Tod der eigene ist, wenn man ihn, anders als Wittgenstein behauptet, eben doch erlebt, am eigenen Leib, wenn die Seele draufgeht, noch während man atmet. ‚Da wohnt ein junges Mädchen in mir, das nicht sterben will‘, heißt die Gedichtsammlung von Tove Ditlevsen, aber gestorben ist sie, ein Leben lang, immer wieder, immer noch einmal. „Ich starb // augenscheinlich // durch eigene Hand“, läßt sie eine sagen, die sie ‚Lola‘ nennt, in ‚Zum letzten Mal‘, stellt sie sich, da ist sie Dreißig, ihren eigenen Tod vor und die Würmer, die ihr im Grab unter die Haare kriechen. Sie lernt, als Kind schon, „jedes Ding loszulassen“, sobald sie „es allzu lieb gewann“.
Und später die Fotos, auf denen ein Kätzchen in einer Brotmaschine in Scheiben geschnitten wird „wie ein Roggenbrot“ oder ein mit Napalm bombardiertes Mädchen mit ausgebreiteten Armen um sein Leben rennt: Und Ditlevsen starrt auf die Fotos, „ohne das Geringste zu empfinden“. Sie hält fern, was sie enttäuschen könnte, verletzen könnte, schlägt zu, bevor sie geschlagen wird. „Das Leid, das ich anderen zufügte, // war nichts gegen meine eigene // Verzweiflung über // die unerfüllbaren Ansprüche, // die sie an mich stellten“. Ihre Träume, von der Realität zur Strecke gebracht, ihre Angst: unzählige Male zückt sie das Wort, Stiche ins Herz, ins Bewußtsein. Angst sagt sie, fast so oft, wie sie Tod sagt, sterben, und dennoch die Sehnsucht nach Glück, von dem sie weiß, es wird sie höchstens streifen: und wächst die Sehnsucht danach nicht umso mehr. Und muß betäubt werden. Alkohol, Drogen, Tabletten, Anstalten, das nimmt, bis zum Ende, kein Ende.
Sie haut sich selbst in die Pfanne, ihre Verse sind Hohngelächter, über sich, die Zustände, die Gesellschaft, sie ist geübt darin, kein Mitleid mit sich zu haben, also hat sie auch keins mit den anderen. „Sterben heißt“, schreibt sie drei Jahre, bevor sie am 8. März 1976 mit einer Überdosis Schlaftabletten den Schlußpunkt setzt, „die Lust // an der Zerstörung von Dingen zu verlieren, // die anderen etwas bedeuten.“
Für Tove Ditlevsen gab es kein ernstzunehmendes Wir. Es gab nur ihr Ich und seine lebenslange Zerstörung, den Kampf gegen diese Zerstörung und den bösen Trotz eines Kindes, das der Welt diese Zerstörung unerbittlich präzise vor Augen führt.
Wie nimmt man Abschied von sich selbst.
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Noch einmal die Bücher, die Worte anderer Dichter, „I will but love thee better after death“ (Elizabeth Barrett-Browning), Worte, immer wieder gedacht, gesagt, „will ich dich besser lieben nach dem Tod“ (in der Übersetzung von Rilke), Rettungsleinen, nach denen man greift, die man um sich schlingt, um nicht in die Tiefe zu stürzen, ins Dunkle, ins Nichtvorhandene, alles ist Abgrund, selbst das Herz gibt nach, und man fällt. Manchmal hat man keine Ahnung, wie einem die Zeilen geschehen, wer sie geschrieben hat, woher man sie kennt: sie kommen aus dem Blauen, sind da, wenn man nicht weiter weiß, wenn man denkt, nicht anders zu können als aufzugeben, weil der Schmerz vernichtend ist: „und ich glaubt’, ich trüg es nie, // und ich hab es doch getragen“, also trägt man es, weil es offensichtlich andere gab, die eben das getan haben. Und dann: die Komik davon, später: wenn man darauf stößt, wer die Zeilen geschrieben hat und warum, wenn man hört, es ging um die Schuhe, die neuen, ungetragenen Schuhe, die Heinrich Heine auf einem Ball so fürchterlich drückten, daß er seiner Qual mit dem Gedicht ‚Junge Leiden‘ Luft machen mußte.
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Die ewige Frage: Wo bist du. Andere haben sie gestellt, Joan Didion, Joyce Carol Oates, C. S. Lewis. „Komm endlich zurück“, hat Patti Smith noch Jahre später ihrem verstorbenen Fred hinterhergerufen, „du warst lange genug fort.“ Er kommt nicht wieder. Was hilft es, wenn Julian Barnes sagt, daß jemand tot ist, heiße nicht, „daß es ihn nicht mehr gibt“. Wahr genug: aber es gibt ihn nicht in der Form, in der man ihn will und braucht. Und je länger er fehlt, desto mehr vermißt man ihn. Nach einem halben Jahr, schreibt Hustvedt, habe sie stärker unter Pauls Abwesenheit gelitten als drei Monate nach seinem Tod. Entzugserscheinungen. Viel von dem, was sie teilten, hat er mit ins Grab genommen. Und sie sagt: „Ich bin auch dort unten.“
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Wie läßt sich, was nicht auszuhalten ist, dennoch aushalten, wie lebt man weiter, trotzdem. Es ist hart, elend und hart und es dauert, nach dem Wir wieder ein vereinzeltes Ich zu werden. Es gibt eine weitere Möglichkeit, den Versuch: Wir zu bleiben, auf vollkommen andere Art.

Siri Hustvedt
Ghost Stories
Ein Buch der Erinnerung
Aus dem Amerkanischen von Uli Aumüller und Grete Osterwald
400 S., geb.
ISBN: 978-3-498-00788-1
Rowohlt, Hamburg 2026

Tove Ditlevsen
Da wohnt ein junges Mädchen in mir, das nicht sterben will
Gedichte
Aus dem Dänischen übersetzt von Ursel Allenstein
188 S., geb.
ISBN: 978-3-351-03953-0
Aufbau Verlag, Berlin 2026
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Erstellungsdatum: 02.05.2026