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Gedanken zum Nouruz-Fest

Neuer Tag

Barbara Englert


Foto: Alexander Paul Englert

Zum Frühlingsanfang um den 20. März wird in vielen Teilen der Welt, vor allem im iranischen Kulturraum, das Nouruz-Fest gefeiert. Das Fest geht auf einen dreitausend Jahre alten Ritus zurück, der das neue Jahr sowie den Frühling einläutet. Wörtlich übersetzt heißt Nouruz „Neuer Tag". Der Frühlingsbeginn symbolisiert den Triumph des Guten über das Böse und der Freude über den Kummer. Barbara Englert machte sich folgende Gedanken über den Frühling.

 

Der Frühling kommt, jedes Jahr, es kümmert ihn nicht, was in der Welt passiert, es kümmert ihn nicht, dass Frauen von Männern ermordet werden, weil ihre Haare unter dem Kopftuch zu sehen sind, er trauert nicht um die vielen Frauen, die von Männern ermordet, vergewaltigt und misshandelt werden. Er kommt einfach und duftet und bringt die Farben zurück und auf unsere Gesichter ein Lächeln, obgleich wir doch weinen müssten über den Zustand der Welt.

Der Frühling hat kein Gewissen, er macht uns ein schlechtes, da wir nicht anders können, als unsere Mäntel offen zu tragen, das Gesicht in die Sonne zu halten und so etwas wie Glück zu spüren.

Er macht uns ein schlechtes Gewissen. Denn während unsere Körper die starre Maske des Winters ablegt haben und die Leichtigkeit in uns eindringt, sterben die Menschen im Krieg, ertrinken Geflüchtete im Mittelmeer, kämpfen Frauen um Gleichberechtigung und ums Überleben.

Dem Frühling ist das total egal, er zaubert durch sein Licht auf die Zerstörung einen goldenen Glanz, er lässt Blumen im Bombenkrater wachsen, zwischen den Trümmern erscheint sein helles Grün.

Der Frühling ist einfach ignorant. 

Und während Menschen ihr Leben opfern für die Freiheit, gehen wir in Scharen auf die Straßen und in die Parks und fühlen uns befreit von der Kälte des Winters, genießen die Freiheit im Freien. Der Frühling ist Schuld, er zwingt uns zu lachen.

Der Kopf sieht die Ermordeten, die zerrissenen Leiber, die Zerstörung der Welt, aber unser Körper füllt sich mit Frühling, als ginge es ums Überleben.

Der Frühling ist so verlässlich schön, dass es schmerzt, seine Luft ist so weich, dass wir versinken.

Die Dunkelheit in uns und um uns passte zu dem, was wir fühlen, denken und erleben. Jetzt kommt mit dem Frühling das Licht, es passt nicht und doch ist es schön.

Verdammter Frühling, du hast keine Empathie, aber du pflanzt die Hoffnung.

Erstellungsdatum: 19.03.2025