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Matthias Buth zu Reiner Kunzes 93. Geburtstag

Ohne Dichtung wäre Deutschland ein Irrtum

Matthias Buth


Reiner Kunze, 1998. Foto: Brigitte Friedrich

Im Jahr der „Machtergreifung“ kommt im Erzgebirge Reiner Kunze zur Welt. Totalitäre Staaten prägten das Leben des Dichters. Die Diktatur des Proletariats hatte kein Nachsehen mit den häretischen Ansichten des Arbeiterkinds. Spätestens nach der gewaltsamen Beendigung des Prager Frühlings und dem darauf folgenden Austritt Kunzes aus der SED legt das Ministerium für Staatssicherheit über ihn eine Akte mit dem Namen „Lyrik“ an. 1977 wurde er ausgebürgert und siedelte in die Bundesrepublik Deutschland über. Matthias Buth schlägt einen großen Bogen von der politischen Gegenwart zum Werk des Jubilars.

 

„Eine Vergangenheitsbewältigung, die das genaue Gegenteil von Bewältigung ist, nämlich die Verewigung eines Schuldkomplexes, hat mittlerweile dazu geführt, dass Nationalstolz grundsätzlich als anrüchig gilt, die Verteidigung der eigenen Interessen als unanständig wahrgenommen wird und Politiker jede positive Bezugnahme auf unsere reiche Geschichte vor 1933 vermeiden. Eine Tradition der Traditionsvernichtung hat, von der 68er-Bewegung in Westdeutschland ausgehend, unser kulturelles Erbe entkernt und damit Möglichkeiten einer stabilen nationalen Identitätsbildung verbaut. Seiner Selbstbehauptungskräfte beraubt, ist Deutschland dem Einfluss der Regenbogenideologie hilflos ausgeliefert.

Die AfD-Sachsen-Anhalt wird diese Identitätsstörung durch eine neue, patriotische Kulturpolitik heilen. Die Kulturpolitik muss den Deutschen ihr Selbstbewusstsein zurückgeben. Wir werden durch gezielte Maßnahmen und Bezugnahmen auf die guten Seiten der deutschen Geschichte eine unverkrampfte und auf gesunde Weise selbstbewusste deutsche Identität fördern. Dies ist die entscheidende Voraussetzung für eine patriotische Wende auf allen Gebieten, auch und insbesondere dafür, dass wir die infolge der ungezügelten Masseneinwanderung der letzten Jahrzehnte entstandenen Integrationsprobleme meistern. Angesichts der verkorksten und unattraktiven Identität, wie sie die Altparteien vorleben, kann man den Ausländern kaum verübeln, dass sie sich darin nicht integrieren wollen. Welcher vernünftige und stabile Türke oder Syrer will denn zu einem von Selbsthass geplagten, zerknirschten Regenbogen-Deutschen werden? Allein die AfD kann den Ausländern eine deutsche Identität vorleben, die attraktiv ist und Lust macht, daran Teil zu haben. Wir müssen mit uns selbst ins Reine kommen – erst dann können wir daran denken, Fremde zu integrieren.“

 

So was zu lesen, tut weh. Man könnte meinen, es sei eine Fiktion, ein Stück absurdes Theater. Aber es ist Realität, es ist ein Stück AfD-Deutschland, ein deutscher Herbst. Die Landtagswahlen im sogenannten Ostdeutschland beginnen am 6. September 2026 mit Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Es folgt das Land Berlin.

Dann haben wir ein anderes Deutschland, ein Begriff, den Bundespräsidenten, Kanzler und anderes Spitzenpersonal des politischen Berlins gern hinter die Surrogate wie „das Land“, „die Demokratie“ oder „die Gesellschaft“ verfriemeln.

„Deutschland? Aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden. / Wo das gelehrte beginnt, hört das politische auf.“ Diese bedrängende Frage wurde lange vor 1933 gestellt und zwar von den Großmeistern deutschen und europäischen Denkens. Diese Frage nach der Kulturnation stammt aus den Distichen „Das deutsche Reich“ und „Deutscher Nationalcharakter“, d.h. aus den „Xenien“, die sich Goethe und Schiller zugeworfen, d.h. hin -und hergeschrieben haben und angefügten: „Zur Nation euch zu bilden, ihr hoffet es, Deutsche, vergebens. / Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus.“

Das ist das eigentliche Kulturprogramm der deutschen Geistesgeschichte, fern von dem braun-blauen Gestammel aus Magdeburg.

Intellektuelles und politisches Deutschland sind nach diesen „Xenien“ nicht synonym: Nation im politischen Sinne können die Deutschen nicht sein, es gab damals keine einheitliche Sprachnation. Deshalb geben die Weimarer Goethe und Schiller den Deutschen eher eine allgemein-menschliche Mission.

Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts kam in den deutschen Ländern die Idee der Nation auf in engem Zusammenhang mit kosmopolitischen Vorstellungen. Nation wurde in erster Linie als kulturelles Phänomen gesehen. Die Überzeugung vom Universalberuf der deutschen Nation und dass sie die eigentliche „Menschheitsnation“ sei, verbindet der Begründer der Ideengeschichte Friedrich Meinecke (1862-1954) mit der Weimarer Klassik und der Frühromantik und nimmt dabei Bezug auf ein nachgelassenes Gedichtfragment Schillers aus dem Jahre 1801, das sich auf die politische Situation nach dem Frieden von Lunéville bezieht in eben diesem Jahr, welcher den Zerfall des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation einleitete.

Friedrich Meinecke sieht im Schiller’schen Text die klare Unterscheidung von Weltbürgertum und Nationalstaat. „Abgesondert von dem Politischen hat der Deutsche sich einen eigenen Wert gegründet, und wenn auch das Imperium unterginge, so bliebe die deutsche Würde unangefochten“, heißt es bei Schiller. Diese Würde aber ist ihm „eine sittliche Größe, sie wohnt in der Kultur und im Charakter der Nation, die von ihren politischen Schicksalen unabhängig ist“.

Dies alles liegt fern allem blau-politischen Denken und ist leider auch in den Berliner Amtsstuben nicht zur Hand. Oder ist schon einmal von Kanzler Merz oder von dessen Kulturbeauftragten Weimer auf die Gesetzeslage, auf eine Legaldefinition zu unserem nationalen Selbstverständnis, hingewiesen worden, wo es im 2005 novellierten Deutsche-Welle-Gesetz heißt:

„Die Angebote der Deutschen Welle sollen Deutschland als europäisch gewachsene Kulturnation und freiheitlich verfassten demokratischen Rechtsstaat verständlich machen. Sie sollen deutschen und anderen Sichtweisen zu wesentlichen Themen vor allem der Politik, Kultur und Wirtschaft sowohl in Europa wie in anderen Kontinenten ein Forum geben mit dem Ziel, das Verständnis und den Austausch der Kulturen und Völker zu fördern. Die Deutsche Welle fördert dabei insbesondere die deutsche Sprache.“

In der gesetzlichen Begründung wurde der Begriff der Kulturnation in den Bogen eines Freiheits- und Humanitätsideals eingefasst, welches sich in den Werken von Schiller, Goethe, Herder und Heine festmache. Der Deutsche Bundestag beschloss das so einstimmig, – aber folgenlos.

Den AfDisten sind Dichter fremd. Und so wurden auch all jene, die sich gegen die SED-Staatsmacht wandten und dafür misshandelt wurden, ausgegrenzt und verleumdet. Die Liste ist lang. Und in der Wikipedia-Liste sind fast alle erfasst, von Freya Klier, über Jürgen Fuchs und Lutz Rathenow bis Wolf Biermann, Erich Loest und Ernst Bloch. Aber einer fehlt. Und das kann kein Zufall sein, wo doch diese Liste immer wieder ergänzt und präzisiert wird, auch von der Bundestiftung „Aufarbeitung SED-Diktatur“ Es ist unglaublich aber wahr: Es fehlt der bedeutendste Dichter der Gegenwart, es fehlt der 1933 geborene Lyriker und Essayist Reiner Kunze.

Mit 3491 Blatt in zwölf Aktenordnern ist Kunze unter dem Codenamen „Deckname ‚Lyrik‘“ observiert und fast in den Tod getrieben worden. Erst 1977 konnte er sich retten zusammen mit seiner Frau Elisabeth und lebt seitdem in der Nähe von Passau, in Obernzell an der Donau. Was die Stasi mit Reiner Kunze unternahm, ist offensichtlich einerseits vergessen und wieder ausgegrenzt, zum anderen aber weiterhin ein Modell für die Machthaber ab September. Sprechend und zugleich entlarvend ist, was die Stasi-Spitzel zu Papier brachten. Kunze hat Auszüge aus den zwölf Bänden bei S. Fischer im Jahre 1990 publiziert. Unter dem Datum „Berlin, 23.5.69“ steht:
„Inoffiziell wurde bekannt: Der soeben erschienene Gedichtband „Sensible Wege“ von Reiner Kunze stellt eine politische Provokation gegenüber unserem Staat und seiner Politik dar. Die in diesen Gedichten bezogene Position des Autors muss als weit negativer als die bisher bekannte Position eingeschätzt werden. Aus den Gedichten werden im Wesentlichen drei Thesen sichtbar, die der Verfasser vertritt: 1. Die DDR ist ein großes Gefängnis, worunter nicht nur die Beschränkung der Bewegungsfreiheit, sondern auch die Einengung des geistigen Lebens und der Entwicklung der Persönlichkeit und des Talents verstanden wird. Charakteristisch sind dafür die Verse aus dem Gedicht mit dem bezeichnenden Titel „Kurzer Lehrgang“:

 

Dialektik

Unwissende damit ihr
unwissend bleibt

werden wir
euch schulen

Ethik

Im mittelpunkt steht
Der mensch

Nicht
der einzelne

 

Solche Auffassungen finden sich in den meisten Gedichten des Bandes wieder. 2. Die Kulturpolitik der DDR ist eng und dogmatisch. Sie ist gegen die Entwicklung der Kunst gerichtet. Beispiel „Lied vom Biermann“:

 

Biermann sei ihrmann?
Achwas!
Mann ist mann bier ist bier
Biermann kam von dort nach hier…“

Die Stasi-Schergen konnten aber noch deutlicher werden und die Schlinge enger ziehen. Unter dem Datum „Leipzig, den 10.6.1975“ steht einiges dazu, wie man Kunze zu korrumpieren versuchte mit der Inaussichtstellung einer „Komfortwohnung“ und eines „Wochenendgrundstücks in der Nähe von Berlin“, damit er die angetragene Mitgliedschaft der Bayerischen Akademie der Künste ablehne. Das tat er nicht, woraufhin vermerkt wurde:

„Als er... abgelehnt… und auf einer Mitgliedschaft bei der Akademie beharrt habe, hätte man ihm für seinen Besuch gedankt und – sinngemäß – gesagt: Dann können wir auch für eine unfallfreie Rückfahrt nach Greiz nicht garantieren – was er als Morddrohung verstanden hat… Ich hatte den Eindruck, dass sich R. Kunze in Folge dieses Erlebnisses nicht nur in seiner künstlerischen Arbeit bedroht fühlt, sondern auch in seiner physischen Existenz („H.“).“

So reden und handeln Machthaber. Dichter und alle, sich hinter die Okulare der Dichtung setzen und so ihrem Blick mehr Nähe geben wollen, wissen es besser. Kunze schrieb im Band „ein tag auf dieser erde“ im Jahre 1998:

 

VERS ZUR JAHRTAUSENDWENDE

Wir haben immer eine wahl,
und sei‘s, uns denen nicht zu beugen,
die sie uns nahmen

 

Das ist eine poetische Wahlempfehlung für Magdeburg und Schwerin, aber auch für Berlin und alle anderen Haltepunkte der Demokratie. Reiner Kunze lebt immer noch. Gott sei Dank. Und viele vergessen ihn nicht. Wenn wir an dem Deutschen, an Staat und Nation, noch nicht verzweifelt haben, verdanken wir es seinen Gedichten, dem Prosaband „Die wunderbaren Jahre“, seinen Kinder- und Jugendbüchern sowie seinen ebenso genialen Übertragungen aus dem Tschechischen und anderen Sprachen Europas.

In der vorzüglichen und nun aufgegebenen Edition Toni Pongratz hat Kunze 2018 ein Heft (Nr.128) publiziert unter dem Titel „Doch schade um das Volk“, das eine Äußerung einer Verfassungsrichterin aus Hessen mit poetischer Zuspitzung kommentiert:

 

„IM NAMEN DES VOLKES

      Prof. Dr. Ute Sacksofsky, Vizepräsidentin des Staatsgerichtshofes des Landes Hessen:

      Gehen wir davon aus, dass es um die Weitergabe des deutschen Erbgutes nach der national-

      sozialistischen Gewaltherrschaft nicht mehr gehen kann: Was wäre eigentlich so schlimm

      daran, wenn die Deutschen aussterben sollten“.

 

Es fände sich kein deutscher mehr,
der diese frage stellt

Nicht so schlimm

Doch schade um das volk,
das dann fehlte in der welt“

Am 16. August 2026 vollendet Reiner Kunze sein 93stes Lebensjahr.

Wir alle sollten wissen: Ohne Dichtung wäre Deutschland ein Irrtum.

 

 

Erstellungsdatum: 13.08.2026