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Aus dem Notizbuch

Paris, Leipzig und andere Reisen

Eldad Stobezki


In Büchern reisen. Foto: Bernd Leukert

Die Gefahren und Strapazen bei Hofe und im Kriege, von denen Blaise Pascal schreibt und deshalb rät, ruhig in einem Zimmer zu bleiben, um Streitigkeiten, Leidenschaften und unheilvolle Unternehmungen zu vermeiden, haben sich seit dem 17. Jahrhundert sehr verändert. Und Reisen bildet – nicht jeden Menschen. In einem Zimmer zu bleiben und in Büchern zu reisen, böte sich also an, um das Unglück der Menschen gar nicht erst entstehen zu lassen. Eldad Stobezki hat sich für mehrere Reisevarianten entschieden.

 

Gleichzeitig in beiden Städten zu sein, YouTube macht’s möglich! Im einen Film singt der Thomanerchor Motetten in der Leipziger Thomaskirche, und im anderen gehe ich über den großen Pariser Flohmarkt von Saint-Ouen. Berge von glänzendem Silberbesteck, auch Fisch- und Vorlegebestecke aller Art und aus allen Epochen werden angeboten. Wie viele Haushalte wurden wohl entrümpelt? Ich denke an die Großfamilien, die zerstreut sind, an die Hochzeiten, Taufen, Geburtstage, an Ostern und Weihnachten und auch an den Leichenschmaus, zu dem sie zusammengekommen sind. Wieso ist das Besteck nicht in der Familie verteilt worden? Während die zarten Stimmen der Thomaner die Choräle anstimmen, gehen japanische Touristen über den Flohmarkt und erkundigen sich, wofür das eine oder andere Geschirr und Besteck verwendet wird. Ich bin gleichzeitig in zwei Welten, die beide perfekter, aber auch gegensätzlicher nicht sein können. Die geistige Musik versus erlesenen Konsum oder Edeltrödel. Der graue Himmel kann mir nichts anhaben. Wohin geht die nächste Sesselreise?

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Englisch war die erste Fremdsprache im Gymnasium und ich war fest entschlossen, sie einmal zu beherrschen. Verliebt in die Sprache, verliebte ich mich bald auch in die Lehrerin. In der amerikanischen Botschaft in Tel Aviv habe ich Bücher ausgeliehen und das Oxford-Wörterbuch machte Überstunden. Unvergessen bleibt die haptische Wahrnehmung und der Geruch des hochwertigen Papiers. So riecht die große Welt, dachte ich. Die in Israel gedruckten Bücher waren auf dünnem, billigem Papier gedruckt und rochen nicht so gut. Damals konnte man ohne Sicherheitskontrolle in die Bücherei gehen und man konnte dort auch Schallplatten ausleihen. So lernte ich Charles Ives und Aaron Copland kennen. Auch das war eine Reise, ohne zu reisen.

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Diese Reise fand wirklich statt: An einem Montagmorgen fuhr ich mit der Bahn nach München. Kurz vor der Ankunft am Stuttgarter Hauptbahnhof verabschiedete sich der Lokführer von den Fahrgästen, die dort aussteigen wollten: „Ich wünsche Ihnen einen tüchtigen Arbeitstag.“ Vor der Weiterreise kam noch die Durchsage: „Bitte beachten Sie, dass die Türen jetzt zwanghaft geschlossen werden.“

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Im Zweiten Weltkrieg starben insgesamt etwa 5,5 Millionen deutsche Soldaten und 1,267 Millionen Zivilisten. Ohne Migration hätte man nach dem Krieg die deutsche Wirtschaft nicht wieder in Gang setzen können. So war es schon vor dem Krieg, und so ist es noch heute. Doch Migration und Flucht sind keine Reise.

Nach einer hitzigen Debatte hat der Bundestag einem Antrag der CDU zur Verschärfung der Migrationspolitik zugestimmt – auch mit Stimmen der AfD. Die „Brandmauer“ war gebrochen, SPD und Grüne sahen darin einen Tabubruch. Zum ersten Mal bekam ich Angst. Den Gesetzentwurf der Union zur Migration hat der Bundestag aber abgelehnt. Ich atmete auf. Und wie geht es weiter? Wann werden wir endlich ein vernünftiges Migrationsgesetz haben? Was muss noch geschehen, bis wir alle Städte nach dem Alphabet auf der Todes-Liste haben? Jetzt sind es schon Aschaffenburg, Berlin, Halle, Magdeburg und noch weitere. Auf diese Städtetour hätte ich gerne verzichtet.

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Die imaginäre Polenreise: Wenn ich die Nachrichten nicht ertrage und den Kopf leer haben möchte, höre ich im Netz das Alte Testament auf Polnisch. Mit Hilfe des hebräischen Textes folge ich den schauderhaften Geschichten von Verrat und Mord und bin froh, dass ich kein Wort Polnisch verstehe.

./. Zum Schluss noch zwei Zitate: „Reisen bedeutet, zu entdecken, dass sich alle über andere Länder irren.“ Aldous Huxley

„Es ist großartig, hier zu sein. Es ist großartig, überall zu sein.“ Keith Richards

Eldad Stobezki
Rutschfeste Badematten und koschere Mangos

Gebunden, 150 Seiten
ISBN 9783949671159
Edition-W, Frankfurt, Frankfurt 2024

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Erstellungsdatum: 15.02.2025