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Nicht alle Zeitungen, die von Obdachlosen Berlins ausgetragen werden, sind Obdachlosenzeitungen. Die Neue Berliner Illustrierte Zeitung, die im Januar 2024 vom Designer Johannes Beck gegründet wurde, setzt nicht nur die Tradition von ehemaligen Berliner Illustrierten fort. Sie setzt noch eins drauf: Mit ihren hohen Ansprüchen an Texte und Bildern, mit attraktiven Themen abseits des Mainstreams bekennt sie sich zum antizyklischen Vorgehen. Das ist eine gute Nachricht. Wolfgang Rüger hat sich mit dem Qualitätsblatt befasst.
Um Außergewöhnliches zu schaffen, braucht es Chuzpe. Johannes Beck scheint davon eine Menge zu haben. Vor zwei Jahren gründete er eine neue Zeitschrift und gab ihr einen Namen, der an zwei berühmte, sehr erfolgreiche Zeitschriften erinnert. Die Berliner Illustrirte Zeitung (BIZ) existierte von 1891-1945, hatte in ihrer Hochzeit fast 2 Millionen Auflage und war damit die zweitgrößte Illustrierte auf der Welt. Die Neue Berliner Illustrierte (NBI) erschien von 1945-1991 und gehörte zu den meist gelesenen Zeitschriften der DDR. Im Januar 2024 erschien die Nullnummer der Neue Berliner Illustrierte Zeitung (NBIZ).
In einer Zeit, in der die neue PISA-Studie deutschen Schülern attestiert, dass sie nur noch rudimentär lesen können, und die allermeisten Menschen in ihrer freien Zeit auf ein Display starren, ist es ziemlich vermessen, an die Zukunft eines Printmediums zu glauben. Beck und seine Mitstreiter tun das ganz selbstbewusst: „Weil wir an die anti-algorithmische Kraft des Papiers glauben, weil wir beim Lesen nicht digital vermessen werden und weil wir das Format der Zeitung lieben, gibt es die Neue Berliner illustrierte Zeitung nur an ausgewählten Kiosken, an Sonderpräsentationsstellen oder per Abonnement.“ Das ist im besten Sinn elitär. Hier schreiben Autoren mit Anspruch für Leser mit Grips. Das Selbstverständnis ist kurz und knackig: „Die Neue Berliner illustrierte Zeitung berichtet alle 3-4 Monate regelmäßig aus dem erweiterten Berliner Wohnzimmer des Diskurses, der Fotografie, der Kunst, der Literatur und der Musik. Im Wortsinn freie Autoren und Autorinnen erkunden in Gesprächen und Textbeiträgen die sich rasant verändernde Welt um uns herum und stellen Fragen, die wir alle haben. Die Neue Berliner illustrierte Zeitung ist eine Erkenntnisschnittstelle, die ihre Leserinnen und Leser nach der Lektüre als veränderte Menschen hinterlässt.“
Avantgarde ist immer antizyklisch. Wir leben in einer Zeit des totalen Umbruchs und der weitgehenden Orientierungslosigkeit, da kann eine Fokussierung auf Hirn und Tradition hilfreich sein. Das erfrischende Konzept der NBIZ ist ein wohltuender Kontrast zur Anbiederung der etablierten Medien, die im Einheitsbrei versinken und den Versprechungen des Digitalen hinterherhecheln. Wer noch auf den eigenen Verstand vertraut, ist hier gut aufgehoben. „Die NBIZ ist ein Pop-Produkt“, sagt Beck im taz-Gespräch mit Matthias Penzel. „Die Klammer ist Literatur – Kunst – Gesellschaft, also Philosophie. Alles ist Politik, das muss nicht draufstehen. Im Grunde ist alles politisch. Es geht darum, nicht das zu machen, was andere schon gebracht haben.“

Ins aktuelle Heft (Nr. 8, September – November 2026) führt ein Satz von Marc Aurel: „Oft tut auch der Unrecht, der nichts tut; wer das Unrecht nicht verbietet, wenn er kann, befiehlt es.“ und darunter listet Beck in seinem Editorial eine halbe Seite lang kommentarlos eine Verschwörungstheorie nach der anderen auf. Nach gesundem Menschenverstand eine abstruser als die andere. Aber ungezählte Vollpfosten glauben das. Und weil sie das tun, gibt es Präsidenten wie Trump, Putin, Erdogan und Xi Jinping. Die NBIZ hat sich das Gegenprogramm zur Volksverblödung auf die Fahne geschrieben.
Kaum hat man das Editorial etwas abschätzig lächelnd und sich überlegen fühlend gelesen, kommt ein Essay-Hammer über UFOs, die inzwischen UAPs heißen (unidentifizierte anomale Phänomene). Georg Boch referiert faktenreich und stichhaltig über folgende These: „eine nichtmenschliche intelligente Präsenz sei seit langer Zeit auf der Erde, mit Fluggeräten, deren Leistung weit jenseits der menschlichen Physik liege“. Verschwörungstheoretiker behaupten seit Jahrzehnten, dass US-amerikanische Behörden Tatsachenberichte über UFOs unter Verschluss halten. Im Zusammenhang mit dem Ukrainekrieg, in dem Drohnen eine große Rolle spielen, hat das Pentagon jetzt zugegeben, dass man sich mit NHI (non-human intelligence) beschäftige. „Die am meisten unterstützte Arbeitshypothese ist es“, so Boch, „dass jene UAPs, welche diese besonderen Flugeigenschaften aufweisen (die eine neue Physik erfordern) von einer nicht-menschlichen Intelligenz gesteuert und erschaffen werden.“
Laut Boch haben mittlerweile eine Reihe von Regierungen (neben den USA auch Frankreich, Japan und Brasilien) Behörden eingerichtet, die sich mit diesen Phänomenen beschäftigen. „Die deutsche Politik tut nichts …“ Boch ist sich mit vielen Experten weltweit einig: „Es existiert eine nichtmenschliche Intelligenz, sie verfügt über Fluggeräte jenseits der bekannten Physik, und sie wird seit achtzig Jahren beobachtet. … Durch diese achtzig Jahre Aktenlage zieht sich ein Muster: Die Objekte tauchen dort auf, wo nukleares Material lagert.“
Ich bin weiterhin weit davon entfernt, an Aliens zu glauben und die Superintelligenz der Tech-Milliardäre zu fürchten, nach Lektüre dieses Essays und vor allem der selbst gemachten Erfahrung, wie rasend schnell KI lernt, neige ich jetzt aber zu Brechts Bonmot: „Den Vorhang zu und alle Fragen offen“.
Das höchste Gut des Menschen sollte die Freiheit sein. Wie wenig sie im Westen geschätzt wird, kann man eigentlich jeden Tag sehen. Allessandro Tedesco geht in einem kleinen Essay der Frage nach, warum das so ist. Eine einfache Erklärung findet er in einem Buch von David Foster Wallace. Der „erzählt von zwei jungen Fischen, die gemächlich schwimmen. Ein älterer Fisch kommt vorbei und fragt: ‚Wie ist das Wasser heute, Jungs?‘ Die beiden schwimmen schweigend weiter, bis einer den anderen ansieht und fragt: ‚Was zum Teufel ist Wasser?‘“
Beängstigend und faszinierend zugleich ist das Interview, das die Filmemacherin Lucia Margarita Bauer anlässlich ihres Films Apocalipsis mit der KI Grok geführt hat. Dieses philosophisch-theologische Gespräch ist so profund, so kritisch, so erhellend, dass man gerne gewusst hätte, wessen Gedanken die KI da zusammengefasst, sprich geklaut hat und wirft die Frage auf, wem wir in Zukunft noch Glauben schenken können. Grok gehört zum Imperium von Elon Musk. Im X-Hilfe-Center steht, „dass Grok politisch unparteiisch bleibt und ausgewogene Antworten gibt“. Auf Bauers Frage, was ein Tech-Milliardär mit seinem immensen Reichtum macht, antwortet der Chatbot: „Was er damit tut, ist vor allem eines: Macht konzentrieren und absichern. Das Geld wird zum Instrument, um Märkte zu bewegen, Technologien zu lenken, politische Entscheidungen zu beeinflussen, Zukunftsvisionen zu finanzieren und sich gegen das zu schützen, was seinen Besitz bedroht. Er kauft Zeit, Einfluss und die Möglichkeit, die Welt nach seinen Vorstellungen zu formen …“
Buch 3 dieser NBIZ-Ausgabe ist harte Kost, zumindest für Leser mit Zukunftsängsten. Das sich anschließende Interview mit Heinrich Dubel, der sich seit Jahren mit Verschwörungen beschäftigt, sorgt auch nicht für Aufheiterung. „Zu Trump möchte ich nur sagen: Er mag nicht intelligent im klassisch-konservativen Sinn sein. Doch er ist bauernschlau. Er hat einen rhetorischen Stil etabliert, der es ihm erlaubt, Dinge auszusprechen, die – obwohl kompletter Unsinn – von seinen Fans als eine Art Gospel vernommen werden. Und das auf höchster politischer Ebene. Zu seinem Repertoire gehören auch Verschwörungstheorien.“

Die NBIZ ist stark geprägt von Porträtinterviews. In Max Dax‘ Interview mit der oscarprämierten isländischen Komponistin Hildur Guðnadottir geht es u.a. darum, wie man „radioaktive Musik erschaffen“ kann. Der Fotograf Ben de Biel gilt als Chronist der Berliner Rave- und Technoszene, im Gespräch mit Julius-Sebastian Führ erzählt er, warum Berlin seine „Schatzstadt“ ist. Beck führt ein Gespräch mit dem frisch gewählten Bürgermeister der sizilianischen Stadt Agrigent über Wassermangel und Korruption. Co-Chefredakteur Max Dax unterhält sich mit dem neapolitanischen Stargastronomen Giuseppe Scicchitano über dessen „volksnahen Geist“ und warum am Rezept der Zuppa di Cozze nichts verändert werden darf; und fragt Anna Normale, die Geschäftsführerin des weltbekannten Gran Caffè Gambrinus, warum sich der besondere Geschmack des neapolitanischen Kaffees über all die Jahre nicht verändert hat.
Berlin dient der NBIZ nur als Brennglas für das, was man vermutlich überall beobachten kann. Sabine Vogels Gedanken zum Beispiel über die Vegetation auf Berliner Brachflächen sind auch in jeder anderen (deutschen) Stadt relevant.
Das letzte Buch ist dem Künstler Philip Topolovac gewidmet, der auf Berliner Baustellen im Aushub nach, am liebsten deformierten, Artefakten aus der Vergangenheit sucht und daraus Kunstwerke macht. Auch Bunker haben es ihm angetan. Im luxemburgischen Esch werden jetzt erstmals alle seine Ruin Echoes ausgestellt (sein bekanntestes Bunker-Modell dürfte das Berghain sein). Begonnen hat er seine künstlerische Arbeit mit Fotografien, auf denen er „die dortigen Sand- und Erdhaufen als Landschaften“ inszenierte. Alexander Kluge z.B. begeisterte, dass Topolovac „die Sandberge des Aushubs fotografiert, als wären es die Dolomiten“.
Die im 30er-Format gedruckte Zeitschrift hat 72 Seiten, besteht aus 6 Büchern und kostet am Kiosk 4,80 Euro. Als Gegengewicht zu den oft langen Texten gibt es Fotostrecken, und die formatfüllenden Werbeseiten sind echte Hingucker. Jede Ausgabe enthält zudem mehrere doppelseitige Poster. Beck ist gelernter Grafiker, die NBIZ also ein Gesamtkunstwerk.
Alle Printmedien fahren heute zweigleisig, analog und digital, weil sie davon ausgehen, dass der klassische Zeitungsleser im Aussterben begriffen ist. Die NBIZ segelt auch hier gegen alle Trends: ihr digitaler Auftritt besteht aus einer Seite (https://nbiz.minus.de) mit ein paar hier wiedergegebenen Informationen zum Selbstverständnis. „Online werden wir in unregelmäßiger Folge Schlüsseltexte und -gespräche in englischer und italienischer Sprache zum Lesen zur Verfügung stellen. Die deutschsprachigen Texte gibt es nur in der Print-Ausgabe.“
Beck ist notorischer Zeitungsleser: „Ich finde es schade, dass viele Zeitungen eingehen oder dichtmachen. Denn online lesen möchte ich nicht, oder wenn, dann nur notgedrungen. Zum anderen findet man in der Zeitung – anders als online – eben auch Sachen, die man gar nicht gesucht hat“, antwortet er Matthias Penzel. „Auch mag ich die Haptik. Ich arbeite am Rechner, seit es Computer gibt, und in meiner Freizeit möchte ich Sachen in die Hand nehmen. Nicht mit dem Laptop auf dem Klo sitzen. Das ist ganz profan. Und was soll an Online besser sein?“ Dem habe ich absolut nichts hinzuzufügen.

Erstellungsdatum: 18.10.2026