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Aus dem Notizbuch

Quo vadis Israel?

Eldad Stobezki


Unklare Identität in Como. Foto: Bernd Leukert

Man könnte auf den Gedanken kommen, Identität sei ein Instrument des Erkennungsdienstes. Das betrifft aber nur die Äußerlichkeiten. Denn wie viele Menschen suchen verzweifelt nach ihrer Identität und forschen nach ihren eigenen Wurzeln! Doch es gibt auch Unverträglichkeiten im Wurzelreich der Identitäten. Die familiären, religiösen, landschaftlichen und politischen Wurzeln können ideologisch kontaminiert werden – wenn diese Metapher aus der Botanik bis dahin noch statthaft ist. In seinem Notizbuch hat Eldad Stobezki diverse Beispiele festgehalten.

 

„Du bist kein Israeli mehr“, schrieb mir ein Freund aus Tel Aviv. „Du bist zu lange weg und kennst die dynamischen Entwicklungen der letzten sechs Jahre nicht. Und du hast einen deutschen Pass.“ Er schrieb nicht, dass ich Deutscher bin. Oft macht er Kurzurlaube in verschiedenen europäischen Ländern und bemerkt jetzt, dass man nicht mit ihm sprechen will, wenn man erfährt, dass er Israeli ist. Seinen Wunsch, Gaza plattzumachen und seine Bewohner ermorden zu lassen, scheint für ihn kein Widerspruch zu sein.
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Neri Livneh, eine bekannte Journalistin der israelischen Zeitung Haaretz, verbringt immer wieder einige Wochen bei ihrem Sohn, der in Berlin lebt. Dort sucht sie nach den unterschiedlichen Mentalitäten der Deutschen und der Israelis. Gerne würde sie in Berlin bleiben, ist aber so sehr mit der hebräischen Sprache verbunden, dass sie glaubt, in ihrem Alter keinen Neuanfang wagen zu können. In Berlin erholt sie sich von den Spannungen in Israel und vom Unrecht, das den Palästinensern zugefügt wird. In Israel ist sie dann aber wieder zu Hause. So geht es immer hin und her. Auf was wartet sie?
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Herrn Schwarzmann, dem ehemaligen Nachbarn meiner Großeltern in Leipzig, gelang im Alter von 20 Jahren 1936 die Flucht in die USA. Dort nannte er sich Mr. Shvarzman. 1966 kehrte er nach Deutschland zurück. In der DDR wollte er nicht leben und entschied sich daher für Heidelberg. Ich kannte ihn nur aus Erzählungen meiner Mutter und weiß auch nicht, was er beruflich machte. Bei einem Besuch in Israel erzählte er ihr, dass er jetzt wieder „Schwarzmann“ heißt. Das „v“ war falsch, und das „c“ sowie das zweite „n“ in seinem Namen fehlten ihm die ganze Zeit.
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Nach vielen Jahren trafen wir Selim Alafenisch wieder. Alafenisch wurde als Sohn eines Beduinen-Scheichs geboren. Nach seiner Kindheit als Kamelhirte lernte er erst mit 14 Jahren lesen und schreiben und ging in Nazareth auf das Gymnasium. In London und in Heidelberg studierte er Soziologie, Ethnologie und Psychologie. Heute lebt Alafenisch als freier Schriftsteller und Geschichtenerzähler in Heidelberg. Seine Familie in Rahat, Israel, besucht er oft und erzählt: „Als Beduinen halten wir den Familienzusammenhalt für oberstes Gebot.“ Früher verlangte meine Familie, dass ich zurückkehre. Später akzeptierten sie mit Ach und Krach, dass ich in Deutschland lebe. Jetzt sagen sie mir, dass ich sie nach Deutschland mitnehmen soll.
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Als 2015 der Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo stattfand, solidarisierten sich viele Bürger weltweit mit den Opfern und trugen „Je suis Charlie Hebdo“-Transparente. Die Varianten waren: „Je suis Ahmed“, bezogen auf den beim Anschlag erschossenen muslimischen Polizisten Ahmed Merabet, oder „Je suis Juif“ – als Solidarität mit den jüdischen Opfern, nach dem Angriff auf einen koscheren Supermarkt in Paris. Es gibt noch viele weitere Beispiele. Nach der misslungenen „Stadtbild“-Äußerung von Friedrich Merz bekenne ich mich solidarisch mit „Ich bin Stadtbild“.

 

 

Eldad Stobezki
Rutschfeste Badematten und koschere Mangos

Gebunden, 150 Seiten
ISBN 9783949671159
Edition-W, Frankfurt, Frankfurt 2024

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Erstellungsdatum: 26.02.2026