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Volker Breidecker erinnert an den G8-Gipfel von Genua vor 25 Jahren

Ragazzi dell’Europa

Volker Breidecker


Angriff der Polizei auf dem Corso Torino, Genua 20. Juli 2001

Italien hat ein massives Gewaltproblem: Femizide geraten zur virilen Seuche, kaltblütig exekutierte Selbstjustiz wird von namhaften Politikern der Rechten gefeiert, exzessive, zuletzt tödliche Polizeigewalt von denselben Politikern gerechtfertigt, während ein neuer ultrarechter Shooting-Star KI-generierte Hinrichtungsphantasien verbreitet. – Wie an einen traumatischen Wendepunkt des Landes erinnerte sich die italienische Zivilgesellschaft in diesen Tagen an eine gespenstische, blutig verlaufene politische Veranstaltung vor genau 25 Jahren, im Jahr 1 der Ära des Trump-Vorläufers Berlusconi. Volker Breidecker war damals Zaungast.

 

 

Der G8-Gipfel von Genua 2001, die blutige Schlacht der Gleichaltrigen und die Wiederkehr der befestigten Grenzen – mit Barbara Honigmann von Italiens Rändern aus betrachtet


An allen Übergangen nach Italien wurde einmal mehr, einmal wieder Wert auf Grenze gelegt.  Es waren die Tage, die mit den Briefbomben und den falschen Alarmen begannen, mit dem kleinen Erdbeben in Südtirol und der großen Panik in den Straßen von Bozen, mit dem Ausbruch des Ätna auf Sizilien und dem Eisenbahnunglück auf der Strecke von Mailand nach Bologna. Die Alpen glühten nicht, aber sie dampften, und wie Bretter vorm Kopf versperrten sie die Sicht nach dem Süden. Grauschwarz verhangen war der Himmel über der Stazione Brennero schon in den Tagen vor der Schlacht von Genua, und auch der fliegende Höllenhändler mit der markerschütternden Stimme, der seit Jahrzehnten seine Pani-i-i-ni fre-e-e-schi-i und den überteuerten, lauwarmen Espresso in Pappbechern verkauft, war diesmal weit und breit nicht zu hören und auch nicht zu sehen. 

Aber eine blaue Wolke tummelte sich auf dem Bahnsteig, dehnte sich kurzzeitig aus und zog sich dann wieder zusammen: Die mediterranen Himmelsboten, mit denen eine unsichtbare Hand das Zugbegleitpersonal aufgerüstet hatte, waren junge Beamte von der paramilitärischen Staatspolizei der Carabinieri. Personale viaggiante heißt das auf Italienisch, was einfach schöner klingt und der Bestimmung des zu begleitenden Homo viator auch angemessener ist: „Folge mir einfach, und ich werde dich führen“, frei nach Matthäus 4:19.  Martialisch wirkten sie nicht, eher lässig, mellow & cool standen sie da, plauderten im Kreise und ließen ihre Helme an den Händen herunterbaumeln. Auch wussten sie noch nichts von dem tödlichen Schuss aus der Pistole eines ihrer Kollegen, eines jungen, kurz zuvor aus Sizilien eingezogenen und nach dem Norden verfrachteten Wehrpflichtigen, zwei Tage darauf auf einen fast gleichaltrigen Genueser ragazzo, der an diesem Sommertag ursprünglich zum Strand gehen wollte, es sich dann aber anders überlegte. „Der Tod“, schrieb Adriano Sofri, der stellvertretend für seine Generation die Jahre nach ’68 seit 1997 hinter Gefängnisgittern abbüßt, am Tag dazwischen in einem Plädoyer für Gewaltlosigkeit in der La Repubblica, stünde für die „Wasserscheide zwischen dem Davor und dem Danach“. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs, der in Italien gleich hinter Triest endete, wurden in so wenigen Tagen noch nie so viele Zäune und Schranken errichtet und so viele Grenzverletzungen und Grenzüberschreitungen registriert.

„Du sollst dir keine Illusionen machen.“

Aber was, zum Alpenteufel, führte einen in diesen Tagen ausgerechnet nach Toblach? Alle Welt schaute doch nach Genua, und nur eine Teilwelt, zuständig für die öffentliche Sicherheit und Ordnung, wollte gar nicht gerne sehen, dass außer den dort versammelten acht politischen Mandarinen samt Anhang noch viel anderes fahrendes Volk vorwiegend jüngeren Semesters  in die alte Hafenstadt, die Perle des Mittelmeeres und einstige Beherrscherin der Weltmeere pilgerte, die eigens für diesen Anlass jahrelang herausgeputzt worden, jetzt aber eine belagerte, weggesperrte und alsbald geschändete Stadt war. Ihr historischer Kern wurde von haushohen Käfigen umzäunt, die für die wenigen hier zugelassenen Passanten mit scharf bewachten Kontrollstellen verriegelt waren: Eine verbotene, in Geiselhaft genommene Stadt, deren zivile Umgangsformen und historisch gewachsene Strukturen vorübergehend außer Kraft gesetzt worden, deren Bewohner die Flucht ergriffen und die Straßen und Plätze fremden Besatzungstruppen, Kriegerstämmen und Marodeuren überlassen hatten. Das alles geschah für die Dauer jenes Gipfels namens G8, dessen italienische Aussprache mit dem legendären Namen jenes Malers aus dem toskanischen Mugello übereinstimmt, der auch den berühmten Campanile von Florenz erbaut hatte: il Campanile di Giotto, auf den die Kinder dort ihre Väter noch heute mit dem zarten Ausruf der Bewunderung vedi! („schau!“) hinweisen.

Just in diesen Tagen haben die Florentiner, die einstigen Rivalen von Genua, die peripheren Alpenprovinzen entdeckt: Zeitgleich mit den blutigen Tagen von Genua verlieh die Stiftung Palazzo al Bosco, die sonst im ehrwürdigen Florentiner Palazzo Vecchio alljährlich einen Literaturpreis für italienische Autoren vergibt, erstmals einen Prosapreis auch für deutschsprachige Literatur: Er wurde in Toblach, dem Grenzort gleich dreier Sprachen und Kulturen vergeben und ging an Barbara Honigmann, die aus Berlins Osten stammt, wo sie 1949 als Kind zurückgekehrter jüdischer Emigranten geboren worden war und das sie 1984 verlassen hatte, um weiter westwärts, ins zweisprachige Straßburg mit seiner großen jüdischen Gemeinde überzusiedeln. Die Jury begründete ihr Urteil mit Honigmanns Verdiensten um eine literarische „Grenzüberschreitung“, die das „Lebensgefühl einer eingezäunten Generation“ zum Ausdruck gebracht und sich im Rekurs aufs Judentum auf eine dezidiert universalistische Tradition besonnen hat, welche „keine Grenzen kennt“.

Das klang wohl doch ein wenig allzu euphemistisch, denn in ihrer kurzen Dankansprache bewies Barbara Honigmann außerordentliches Grenzbewusstsein: Sie zitierte den französischen Historiker Marc Bloch über die zur Geographie gewordene Geschichte, erinnerte daran, dass auch in Südtirol einmal Bomben explodiert waren, so wie man angesichts des israelisch-palästinensischen Konflikts abermals der europäischen Geschichte inne werden könne, deren Konfliktlagen allesamt erst nach der vollständigen Erschöpfung der gegnerischen Parteien eine halbwegs friedliche Regelung gefunden hätten, und sie berief sich dabei auf ein rabbinisches Gebot: „Du sollst dir keine Illusionen machen.“

Präsent in und um die Stätte der Preisverleihung, das einst mondäne Toblacher Grand Hotel, erbaut zu Zeiten als hier noch die legendäre Südbahn von Wien nach der anderen Hafenstadt Triest verkehrte, war auch der Schatten eines weiteren Grenzgängers: Gustav Mahler hatte in Toblach die letzten Sommerfrischen seines Lebens verbracht und war hier auf viele Grenzen gestoßen, Grenzen seines kranken Herzens, seiner verletzten Seele und seines allzu früh vollendeten Werks. Zwei Kilometer außerhalb des Orts, einem fließenden Bächlein nahe, hatte er sich ein hölzernes Komponierhäuschen errichten und es mit einem hohen und weiten Zaun umgeben lassen, um frei von allen Störungen am „Lied von der Erde“ und der Neunten Symphonie arbeiten zu können. Wandert man in Richtung Altschluderbach zu Mahlers Komponierhäuschen hinaus, so kommt man am Ortsausgang von Neu-Toblach jedoch zuerst am lokalen Stützpunkt der Carabinieri vorbei. Von  einem hohen Metallgitter umzäunt, steht dort in zwei Sprachen auf einem Schild geschrieben: LIMITE INVALICABILE / UNPASSIERBARE GRENZE. ZONA MILITARE.

Genua war nicht weit. Am Tage nach der Preisverleihung zogen Verwüstung und Tod dort ein. Da es in Toblach regnete und bitterkalt war, ließ sich die Zeit bis zum Abend, an dem das Bundesjugendorchester unter der Leitung von Roberto Paternostro Mahlers „Neunte“ zur Aufführung bringen sollte, vorm Fernsehschirm verbringen, und auf allen italienischen Kanälen sah man sich live in blutige Straßenkämpfe verwickelt. Während diese ihren Höhepunkt noch gar nicht erreicht hatten, kündigte die Vorschau auf das Abendprogramm von RAI 1 für den Abend bereits die beliebte Polit-Show des Starmoderators Bruno Vespa PORTA A PORTA an: Unter den in die Titelei eingeblendeten Gewaltszenen von Genuas Straßen und Plätzen wies die Ansage darauf hin, man werde sich alsdann „mit den Protagonisten eines historischen Tages unterhalten“. – Am Abend wird es schon ein historischer Tag gewesen sein: Verschiebungen entlang der Zeitgrenze, und Geschichte im Futur II angekündigt, gut zwei Stunden, bevor die tödlichen Schüsse fielen, von denen einer traf.

Wie ein Gekreuzigter lag Carlo Giuliani auf dem Rücken in einer Blutlache und wurde von den Kameras der verschiedenen Sendeanstalten restlos ausgeweidet, obgleich bald mehrere Reihen von Polizisten mit – freilich transparenten – Plastikschildern sich darum zum dichten Kreise schlossen, wo zuvor noch ein völlig verstörtes junges Mädchen mit Palästinensertuch um den Hals abwechselnd nach der Leiche und in die laufenden Kameras blickte. Ein kurzer Augenblick der Stille, unterbrochen nur von den Tritten der Stiefel und dem Klappern der Schilder, bis vom Rande des Platzes der einsame Ruf assassino! („Mörder!“) eines Weißmaskierten zu hören war. – Tu gli hai ucciso! („Du hast ihn getötet!“) rief einer der Polizisten zurück und machte sich mit seinen Kollegen auf die Jagd nach dem Rufer. Dann gingen die Kämpfe weiter, und hier wie dort waren es vorwiegend Gleichaltrige, Ragazzi dell’Europa, wie in dem berühmten Lied der Gianna Nannini.
Dem Betrachter beschlich Übelkeit, von der ihn am Abend erst das andere Jugendorchester wieder befreite: Das Ensemble der etwa Fünfzehn bis Fünfundzwanzigjährigen präsentierte die in ihren abgestuften Klangfolgen so überaus schwierige Neunte Symphonie des Gustav Mahler mit solcher Begeisterung und Verve, dass sie jede routinierte Beamtenphilharmonie an die Wand gespielt hätten. Ob die jungen Musiker in Gedanken bei Freunden waren, die in diesen Tagen in Scharen aus allen Ländern Europas nicht nach Toblach, sondern nach Genua gereist waren, wo für die Dauer zweier Tage und zweier Nächte ein Krieg ausgebrochen und die belagerte Stadt zum Abschuss freigegeben worden war?

Wieder am nächsten Tag flieht der Besucher aus den Alpen, schlägt sich mit Bussen und Lokalzügen quer durch die Dolomiten, durch Venetien und den Friaul – der Heimat des Poeten Pier Paolo Pasolini — weiter nach Osten einer anderen Grenze entgegen. Über die in blutigen Schlachten einst umkämpften weißen Flüsse Piave und Tagliamento,  durch Görz, alias Gorizia, dann der Karst mit Tricolorefähnchen in den Wäldern, und schon wieder ist man in einer anderen Welt, obgleich man deren zweien soeben erst hinter sich gelassen hat. Von den Karsthöhen aus kann man über die Bucht von Triest hinüber nach Istrien und beinahe bis hinunter nach Rijeka schauen, das die Italiener noch immer Fiume nennen. Über der Adria geht die Sonne unter und von Italien aus schaut man hinüber nach Italien, erkennt sogar die Umrisse der Berge in der Umgebung des Gardasees. Noch weiter dahinter liegt Genua, wo sich in einem Schlafquartier des Genua Social Forum, und auch wieder die Nacht darauf in den Zellen und auf den überfüllten Fluren einer Polizeikaserne, gerade etwas anbahnt, was die italienischen Zeitungen dann eine „chilenische Nacht“ nennen werden, ein Gewaltrausch, veranstaltet von dubiosen Sondereinheiten der Polizei. Dann aber wird es schwierig, in der Abenddämmerung das Morgengrauen zu erkennen und die verlorenen Horizonte. 

Anderntags aber erlebt Triest seine machtvollste Demonstration seit Jahren: Hinter einem großen Transparent und unter der Begleitung der Musik von Pink Floyd und den Liedern des verstorbenen genuesischen Cantautore Fabrizio de André ziehen Tausende von Einwohnern aller Altersgruppen, von Kindern bis zu Greisen, durch die Stadt. Auf dem Transparent stand nur ein Wort: Vergogna! („Schande!“) Mehr war jetzt auch nicht zu sagen.

 

In stark gekürzter Fassung war diese Reportage erstmals im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung vom 28. Juli 2001 erschienen.

 

 

Erstellungsdatum: 23.07.2026