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Volker Breidecker über Joseph Roths Suche nach der verlorenen Kindheit Europas (und der eigenen)

Rote Korallen, weiße Städte

Volker Breidecker


Joseph Roth im Jardin du Luxembourg in Paris 1925

Joseph Roth, der in seinen Romanen die Verfassung des modernen Menschen angesichts der Katastrophen und Verwerfungen seines Jahrhunderts so treffend schilderte wie kein anderer, weitete in seinen Essays, Reportagen und Feuilletons den Blick über die Straßen, Plätze und Winkel des europäischen Ostens wie Westens und zeigt sich (wie Patrick Modiano über ihn schreibt) „durch die verzehnfachte Aufmerksamkeit für die Umwelt, durch den Sinn für Detail und Atmosphäre“ als der „hellsichtigste aller Beobachter!“. Volker Breidecker schreibt über den großen Europäer Roth. 

 

 

„Hier findet man eine Kindheit, seine eigene und die Kindheit Europas.“


Das Friedensprojekt einer europäischen Föderation wurde nicht erst nach dem Zweiten Weltkrieg, sondern bereits als Lehre aus der Ersten Weltkriegskatastrophe geboren. Als Reaktion auf das Münchner Abkommen 1938 wurde es im vorerst noch freien Paris als Zusammenschluss übernational agierender Gegner von Nazismus, Faschismus und Stalinismus unter dem Dach der in Paris erscheinenden Zeitschrift „Die Zukunft“ (Untertitel: „Ein neues Deutschland. Ein neues Europa – Journal Antihitlèrien“) erneuert. Nach dem Zweiten Weltkrieg sollte es in Gestalt einer Europäischen Union endlich, zumindest schrittweise Wirklichkeit werden.

Während die Feiertagsreden der Politiker heute noch immer denen von vor bald einem Jahrhundert gleichen, ist das Projekt der Vereinigten Staaten von Europa in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten gleichwohl wenig vorangekommen. Daran änderte sich bislang auch nichts oder nach einem verzögerten Erwachen bislang nur wenig in Anbetracht der zweifachen Bedrohung, die einerseits von Russlands Vernichtungskrieg gegen die Ukraine als Europas östlichem Vorposten und andererseits von einer gegenwärtig dezidiert antieuropäisch agierenden US-Administration ausgeht. Unter dem gewaltigen Druck alter wie neuer Nationalismen, begleitet von grassierendem Populismus, Rechtsextremismus und wieder zunehmendem Antisemitismus, häufen sich nicht erst heute, sondern im Grunde schon seit den verheerenden Balkankriegen der neunziger Jahre die Rückschläge. Weitere werden nach den nächsten Wahlen in Frankreich, Großbritannien und dem Osten Deutschlands womöglich folgen.

Nüchterner in Anbetracht der europäischen Verhältnisse war zu seiner Zeit keiner: In seinem als Bericht aus dem Jahr 1926 fingierten Roman „Die Flucht ohne Ende“ lässt Joseph Roth eine ganze Reihe von Politikern, Diplomaten und Wirtschaftsführern  – allesamt sind sie engagiert in der „deutsch-französischen Verständigung“, dem Kern des europäischen Friedensprojekts – „in weihevollen Stunden von einer Gemeinsamkeit der europäischen Kultur“ parlieren. Roths erzähltes Alter ego, der sich aus sibirischer Kriegsgefangenschaft durch Mittelosteuropa und durch Deutschland bis nach Paris durchschlagende ehemalige österreichische Oberleutnant Franz Tunda, widerlegt das falsche Pathos solcher Rede mit einem trockenen Einwand, der heute noch so gültig ist wie vor hundert Jahren: „,Sie wollen’, sagte Tunda, „eine europäische Gemeinschaft erhalten, aber Sie müssen sie erst herstellen. Denn die Gemeinschaft ist ja nicht vorhanden, sonst würde sie sich selbst zu erhalten wissen.“ 

Roths geschärfter und skeptischer Blick auf Europa war gesättigt von traumatischen Fronterlebnissen in den Ebenen und Sümpfen seiner galizischen Heimat, wo nicht weniger grausam gestorben wurde als in Verdun, an den Ufern der Somme oder des Isonzo. Dazu kam der schmerzliche Verlust der Heimatstadt, dem als Frontstadt gleich mehrmals kriegszerstörten und entvölkerten Städtchen Brody, als „Jerusalem des Ostens“ einstige Handelsmetropole und wichtiger Verkehrsknotenpunkt an der äußersten Peripherie des untergegangenen Habsburgerreichs. Nach der Zerschlagung dieses letzten europäischen Vielvölkerstaats rührte sich in dem neuen, in Roths Augen „verrückten Europa der National-Staaten und der Nationalismen“ ein vielerorts mörderischer Antisemitismus, oder er war im Werden: Zuvorderst im östlichen Europa mit Pogromen, die vom flachen Land aus, wo sie wie vormals im Zarenreich schon länger wüteten, jetzt auch auf traditionell multiethnische und multireligiöse Städte wie die galizische Metropole Lemberg, das heute ukrainische Lviv, übergriffen und neue Auswanderungsschübe zur Folge hatten. Als anfangs Wiener, dann Berliner Journalist begleitete Roth den Exodus der osteuropäischen Juden und anderer Flüchtlinge – schon damals auch aus dem Mittelmeerraum – mit fortlaufenden Reportagen und Berichten unter Überschriften wie „Die Asyle der Heimatlosen“ (1922) oder „Das Schiff der Auswanderer“ (1923).

Zwischen den Zeilen verschränken sich dabei journalistischer Bericht mit Roths persönlichen geographischen Bewegungen, die ihn ebenfalls von Europas Osten nach Europas Westen führten und doch auch immer wieder zurückblicken, zurückträumen, genauer gesagt: zurückreisen ließen, wenn auch nur noch als temporären Beobachter und Zeitungskorrespondenten – nach Galizien und Polen (1924, 1937/38) in die Ukraine und nach Russland (1926) oder auf den Balkan, nach Albanien und nach Sarajevo (1927), also dahin, „Wo der Weltkrieg begann“, wie Roth titelte. Dem Bewegungsmodus von Ost nach West unter erinnerungsgesättigten, auch traumhaften  Rückspiegelungen in der Gegenrichtung folgen auch die meisten Protagonisten seiner Romane und Erzählungen, so wie der aus dem Krieg heimkehrende Ich-Erzähler von „Hotel Savoy“ (1924): „Zum ersten Mal nach fünf Jahren stehe ich wieder an den Toren Europas.“ Oder wie Franz Tunda, dessen Fluchtpunkt Paris ist, während es den „Hiob“ des gleichnamigen Romans (1930) über den Atlantik zieht, genauso wie die von Roth schon 1923 im Hamburger Hafen an Bord des Auswandererschiffs „Pittsburgh“ aufgesuchten jüdischen Flüchtlinge aus Mittelosteuropa: „Seit Jahrhunderten“, heißt es da, „wandert dieses Volk westwärts, Heimat verlassend, Heimat suchend (...) durch den  sterbenden, traurigen Westen Europas (...) nach Amerika (...) Europa entronnen, dem Festland der Pogrome.“


Europa, Festland der Pogrome

Die andere kritische Zone aber ist Deutschland, dessen vorhandene und kommende Abgründe kein zweiter Beobachter so frühzeitig, präzise und schonungslos im Blick hatte wie Joseph Roth. Der Hass auf die Republik, die politischen Morde, das Wüten der „Schwarzen Reichswehr“ waren längst im Bunde mit einem fanatischen Judenhass, der erste eliminatorische Züge trug, wie Roth es ins seinem Debütroman „Das Spinnennetz“ thematisierte: Seit Anfang Oktober 1923 als Fortsetzungsroman in der Wiener „Arbeiter-Zeitung“ erschienen, war der letzte Teil dieses prophetischen Werks am 6. November 1923 zu lesen – dem Vorabend des Münchner Hitler-Putsch. 

Im darauffolgenden Februar, mitten in der Faschingszeit, berichtete Roth unter der Überschrift „Geträumter Wochenbericht“ direkt aus dem Gerichtssaal, wo der Hauptangeklagte Adolf Hitler lang und breit davon erzählte, „wie er sich aus einem ‚Weltbürger’, der er noch im heimatlichen Braunau gewesen, zu einem ‚Antisemiten’ entwickelt“ habe. Vor Roths innerem Auge verwandelte sich die gespenstische Szenerie vor Gericht in einen makabren Totentanz, wie er ein Jahrzehnt darauf schon bittere Wirklichkeit werden sollte: „Ich träume einen Fastnachtstraum und der heißt: Deutschland“.

Schloss die Reportage vom Schiff der Auswanderer des Jahres 1924 noch mit dem resignierten Abgesang „Europa zum letzten Mal“, so wandelte sich im Zuge von Roths Abwendung von Deutschland sein skeptisches Europabild doch nochmal ins Positive. Diese persönliche Wende, die Roths literarisch produktivsten Jahre einleitete, war an den Grenzübertritt nach Frankreich gebunden: nach einer von Kindheit an erträumten Welt, „hinter dem Zaun“ gelegen, der Deutschland und Frankreich in Roths Augen trennte – dahinter lag für ihn Paris, Freiheit, Republik, Europäischer Humanismus, Aufklärung, Revolution, Religion, Schönheit, Geschmack, Eros, Midi und Mittelmeer. 

Joseph Roth
Rot und Weiß
Wanderer zwischen Städten

Mit einem Nachwort von
Volker Breidecker
336 Seiten, Extradruck
Band 446
ISBN 978-3-8477-0446-1
Die Andere Bibliothek, 2022

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Joseph Roth
Werke

2496 S., 4 Bände, Gebunden
Schutzumschlag, in Schmuckhülse
Format 12,5 x 21 cm
ISBN 978-3-8353-5785-3
Wallstein Verlag, Göttingen 2026

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Erstellungsdatum: 19.05.2026