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Tom Schulz‘ Gedichtband „Salz und Erinnern“

Salz der Erde

Alexandru Bulucz


Tom Schulz 2015. Foto: Harald Krichel. wikimedia commons

Tom Schulz, geboren in der Oberlausitz, wuchs in der DDR auf – in Ost-Berlin. Erfahrungen von Landschaft, Politik und Alltag haben sich dort früh eingeschrieben und prägen sein Schreiben bis heute. Sein Gedichtband geht diesen Einschreibungen nach: Er verbindet individuelle Erinnerung mit deutscher Geschichte, DDR-Kindheit mit literarischem Gedächtnis, körperliche Erkrankung mit historischer Erfahrung. Erinnerung erscheint dabei als Stoff – als etwas, das sich ablagert, wirkt und bleibt. „Salz und Erinnern“ ist ein Buch, weiß Alexandru Bulucz, in dem Zeit-, Körper- und Familiengeschichte in einem gemeinsamen Material zusammenfinden: im Salz.

 

Von Beginn an organisiert Salz den Gedichtband. Es ist Träger von Erinnerung und Stoff der Vergegenwärtigung. Zunächst erscheint es im Alltäglichen: als „Frost-Tausalz“. Als solches ziehe es sich auch „über Dinge, alte/ Sessel“, die das lyrische ich als „Abwesenheiten“ einordnet. Möbel werden so zu sedimentierter Zeit, zu Relikten gelebten Lebens.

Von hier aus weitet sich das Bedeutungsfeld. Salz tritt auch als körperliche Ausscheidung auf, in Form von Tränen. Mit „An einer Tränentankstelle“ widmet der Band ihnen ein eigenes Kapitel. Erinnerung haftet nun nicht mehr allein an Dingen, sondern zieht durch den Leib.

Zu diesem Kapitel gehört auch „Rue d’Ulm“, ein Gedicht zu Paul Celan, der als ein „Mann“ in einer „Mohn- und Gedächtnisschleife“ auftritt. „Mohn und Gedächtnis“ ist der berühmte Titel des zweiten Gedichtbands Celans, und „Rue d’Ulm“ heißt die Pariser Straße, in der dieser während seiner Lehrtätigkeit an der École normale supérieure lebte. Hier erscheint Salz als giftige Substanz: Blausalz, Blausäure mit ihrem Geruch nach Bittermandeln – eine Einzelheit, die in die Geschichte des Holocaust führt. Tom Schulz greift damit Celans Gedicht „Zähle die Mandeln“ auf und führt dessen Bildwelt fort:

„In Liedern stecken Mörder und die Heimat.
 Salz wie Erinnern. Blausalz, Bittermandeln.
 Der Tod ist gasförmig und farblos. Wie heißt
 der Hund, der eine Kapsel Zyankali zerbeißen
 kann?“

Die Bildfigur des gasförmigen Todes taucht auch an weiterer Stelle auf, nämlich in einem Gedicht zum Celan-Freund Peter Szondi. Dessen Biografie – Kindheit in Budapest, Internierung in Bergen-Belsen, Freikauf in die Schweiz, akademische Laufbahn als Literaturwissenschaftler und Suizid 1971, ein Jahr nach Celans – bleibt als schwebende Präsenz im Budapester Stadtraum wirksam. Das lyrische Du bewegt sich dabei zurück in die Zeit: „Du musst weiter zurückgehen“, heißt es: „Als die Panzer rollten.“ Geschichte erscheint als Gelände aus Schlamm, Narben und Leerstellen. In der Frage „Entkommen, so heißt es, wie weit und wohin?“ verdichtet sich bei Tom Schulz schließlich Szondis tragischer Lebenslauf.

„Salz und Erinnern“ arbeitet mit Chiffren. Deutsche Geschichte begegnet als Mosaik aus Namen, Orten und Begriffen. Die späte Weimarer Republik blitzt im Verweis auf ihren letzten Reichskanzler Kurt von Schleicher auf. Die NS-Zeit erscheint in Bildern wie dem versenkten Schiff „Wilhelm Gustloff“, in der Formel „Hinterbliebene/ mit Persilscheinen“ sowie in Hinweisen auf Landverschickung, den Bund deutscher Mädel und das Gefangenenlager des Großvaters.

Diese historischen Wegmarken führen weiter in den Erfahrungsraum der DDR. Fahnenappell, Parolen und propagandistisches Medienrauschen strukturieren hier den Alltag, ebenso industrielle Überformung und Umweltzerstörung, für die das Kombinat „Schwarze Pumpe“ mit seinem ganz eigenen „Schnee“ steht – dem Braunkohlenstaub nämlich. So entsteht das Bild eines Landes, das nicht vergangen ist, sondern nachwirkt. Das Ich spricht von einem „verjährten Land“, einem „Land in Gänsefüßchen“.

Diese Geschichtstraumen begleitet eine persönliche Krankheitsgeschichte der sprechenden, dichtenden Instanz. Die Krankheit bildet den Ort, von dem aus das Erinnern einsetzt. Das Ich lebt nach eigener Aussage „auf einem Hügel in einer Welt der Infusomaten“. Es spricht von „Tablettenbergen“ und „maliziösen Zellen“. Die Autonomie seines Körpers bricht weg:

„Die Maschine schließt mich
an ein Netz. Ich, ein Schatten eines
Schattens eines Hundes. Ich, ein Schatten

 eines Schattens eines Skeletts eines
Hundes – pflück die Taubnessel und
 spucke. Spucke aus. Eine Milz, die 
brauch ich nicht. Schneidet mich auf
 und holt sie raus.“

Hier öffnet sich nun aber ein ganz anderer Erinnerungsraum: die Kindheit, der Vater, eine Reise nach Bad Salzungen mit der Reichseisenbahn, der Besuch des Gradierwerks, wo „an der Sole“ gezüngelt wurde – Salz nun nicht mehr als Gift, sondern als Heilmittel. Die Gedanken wandern freilich weiter zum Obersalzberg, jenem symbolisch überfrachteten Ort deutscher Geschichte, „mit den Toten in der Mediathek“, wie es heißt.

So verbindet der Gedichtband Körper-, Familien- und Zeitgeschichte. Während in der Bergpredigt die Jünger Jesu mit dem kostbaren „Salz der Erde“ verglichen werden, erscheint das Salz der Erinnerung hier in Ortsnamen, in medizinischen Lösungen, in Tränen und Träumen. Es wirkt zugleich als Heil- und Giftstoff und weist auf Konservierung und Verletzung hin. Als Spur historischer Gewalt wie körperlicher Erkrankung wird es zum Medium des Innehaltens. Tom Schulz zeigt, wie Geschichte im Körper fortwirkt und Dichtung diese Wirkung erfahrbar macht. Er demonstriert damit noch einmal, warum er einer der bedeutendsten Lyriker im deutschsprachigen Raum ist.

 

 

Tom Schulz
Salz und Erinnern
Gedichte 
112 S., geb.
ISBN 978-3-948305-30-7
poetenladen, Leipzig 2026
 
 
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Erstellungsdatum: 23.03.2026