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„Praxis für Kunst und Politik“ in Darmstadt

Sand fürs Getriebe der Demokratie

Emil Dröll


„Praxis für Kunst und Politik“ 1. Foto: Emil Dröll

Die politische Kunst haben wir etwas aus den Augen verloren. Was in den siebziger Jahren noch auf Litfaßsäulen, wie etwa Klaus Staecks „Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen“, die Öffentlichkeit erreichte, findet heute in Galerien sein Refugium. Die beiden Künstler PH Gruner und EL EGO stellen ihre Objekte in der Darmstädter Farbraum Art Gallery aus, und Emil Dröll hat sie besucht.

 

Kunst muss nicht trösten. Sie kann stören, irritieren, widersprechen. Die Duo-Ausstellung „Praxis für Kunst und Politik“ von PH Gruner und EL EGO versteht Reibung als Methode.

Ein gelbes Bild aus Klemmbausteinen hängt an der Wand. Darauf steht: „Sand fürs Getriebe“. Das ist kein Unfall, sondern Absicht. In der Duo-Ausstellung von Paul-Hermann Gruner und EL EGO in der Darmstädter „Farbraum Art Gallery“ geht es genau darum: zu stören, zu reiben, Denkabläufe aus dem gewohnten Takt zu bringen.

Die Zeit, in der ihre Kunst entsteht, ist für beide Künstler eindeutig: politisch aufgeheizt, medial überdreht, demokratisch unter Druck. Und so wird die Galerie zur „Praxis für Kunst und Politik“, in der gesellschaftliche Symptome sichtbar gemacht werden sollen. Statt Öffnungszeiten gibt es „Sprechzeiten“, angekündigt an der Tür – eine bewusst ironische Anleihe an ein Arztpraxisschild. Beide Künstler sind promoviert, und so wird das Bild der Praxis doppelt lesbar: als spielerische Geste, aber auch als ernst gemeinte Einladung. Wer kommt, soll nicht nur schauen, sondern ins Gespräch treten, Symptome benennen, Fragen stellen.

Böse Themen, harmloses Material

EL EGO setzt bei seiner Kunst auf Kontraste. Seine Objekte bestehen aus Klemmbausteinen – bewusst aus einem Material, das positiv besetzt ist, kindlich, vertraut. Was daraus entsteht, sind „böse Themen mit Spielzeugmaterialien“: Donald Trump als groteske Figur, Kim Jong-un als militärische Parodie, Drohnen als Sinnbild des Ukraine-Kriegs, eine politische Brandmauer. „Wir leben in einer Gesellschaft, wo Visuelles sehr stark ist mittlerweile – Kommunikation läuft sehr viel über Visuelles“, erklärt er. Die Objekte lassen sich kurbeln, bewegen, in Gang setzen. Politik wird buchstäblich mechanisch vorgeführt, reduziert auf klare Bilder, die schnell lesbar sind. „Dann besteht letztlich der Test darin, zu gucken, ob die Besucher mitgehen – ob sie das auch so sehen“.


„Praxis für Kunst und Politik“ 2. Foto: Emil Dröll


Gruner hat seine Wurzeln in Poesie und Literatur. Seit den frühen 80er-Jahren arbeitet er an der Schnittstelle von Bildender Kunst, Text und politischer Analyse. Seine Arbeiten kombinieren Fotomontagen, typografische Setzungen und kurze, präzise Textsplitter. Autos mit Warnhinweisen, die sonst nur auf Zigarettenschachteln stehen, goldgerahmte Texte, in denen sich hinter barocker Eleganz pure Unverschämtheit verbirgt. „Man muss einfach mit offenen Augen durch die gesellschaftliche Welt gehen und sofort hat man Themen“, berichtet er.

 

 

Humor als Denkbewegung

Was PH Gruner und EL EGO verbindet, ist ein klar politischer Kunstbegriff. Kunst könne sich heute nicht aus der Gesellschaft heraushalten. Die Arbeiten sollen wirken, nicht bloß dekorieren. Der Humor ist dabei Teil des Konzepts: „Das leise Lächeln darf unbedingt dabei sein“, sagt Gruner. Seine Werke erscheinen zunächst ästhetisch und gefällig – mit Goldrahmen, klaren Montagen und prägnanter Typografie. Doch dieser Eindruck ist kalkuliert: Die Schönheit zieht an, dahinter öffnen sich politische Brüche und gesellschaftliche Widersprüche.


„Praxis für Kunst und Politik“ 3. Foto: Emil Dröll

 

Kunst aus dem Elfenbeinturm lehnen beide ab: „Das ist das Schöne bei zeitgenössischen Künstlern: Die leben in der Welt, in der du auch lebst“, sagt EL EGO. Aufgabe sei es, diese Realität aufzunehmen und dem Publikum etwas zu geben, wozu es sich positionieren kann.

Die Ausstellung ist derzeit in der Farbraum Art Gallery (Sandbergstraße 8) in Darmstadt zu sehen und läuft noch bis zum 15. Februar. Die Werke stehen zum Verkauf, der Erlös fließt in neue Projekte zurück. „Reinvestieren statt Taschen füllen“, nennt EL EGO das. „Sprechzeiten“: Freitag bis Montag, 15 bis 18 Uhr.

Erstellungsdatum: 09.02.2026