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Clara und Robert Schumann – ein Paar wie aus dem Bilderbuch. Und doch: Von der mühsam errungenen Hochzeit bis zu Krankheit und Tod Roberts und darüber hinaus wirkt beider Biografie neben und eben bei höchsten Ansprüchen verschattet. Sie, die Komponistin und berühmte Pianistin, die als Witwe ihre kompositorische Tätigkeit einstellte; er, der bedeutendste Komponist der Romantik, der auch als Redakteur der Neuen Zeitschrift für Musik schwer zu überbietende Maßstäbe gesetzt hat, – es wurde ihnen nicht leicht gemacht. Matthias Buth beschreibt die hellen und dunklen Seiten beider Menschen.
Robert und Clara – wer wüsste nicht den Namen zu nennen, der hinten diesen beiden steht?
Sie spielen uns immer noch das Bild auf die Stirn, das wie eine Ikone funkelt und uns aufnehmen will in eine Innigkeit, die verschwunden und dennoch geblieben ist – mit und durch Musik.
Clara war die europaweit die bedeutendste Pianistin ihrer Zeit und hob Roberts Klaviermusik zum ersten Mal auf die Konzertpodien. Kein Künstlerehepaar ist jemals so in den Himmel gehoben worden wie diese genialen Menschen. Die Schönheit Claras, die Sehnsucht beider zusammenzukommen – gegen alle Widerstände und Verbote von Friedrich Wieck, der Claras Vater war und ihr moderner Klavierlehrer – sowie die Entgrenzungsmusik der Kompositionen von Robert, der Tonkünstler, der dem poetischen Zyklus durch die Verbindung von Dichtung und Komposition das „Romantisieren“ von Novalis in eine neue Musiksprache führte, – diese Leben gehen nicht vorbei, klingen in uns weiter. Nicht wenige meinen, diese Musik sei nur für ihn, für sie geschrieben, so persönlich spricht sie an. Robert und Clara Schumann rufen Vorstellungen auf, die ins Gefühlige abgleiten können, dem Kitschigen nah. Ein genaues Hinsehen in die Lebensphasen beider Menschen bewahrt davor. Die Kompositionen von Robert und von Clara sowie ihre Flut von Briefen leuchten auch in Abgründe hinunter und kommen uns dadurch noch näher. Heilige waren sie nicht und bleiben uns so aber noch mehr vertraute Mitmenschen. Manches wollen wir nicht wissen, um das ikonischen Bild nicht zu beschädigen. Doch auch das komplette Bild bleibt anziehend.
1856 ist Robert Schumann gestorben in Endenich, heute ein Stadtteil von Bonn. Mit 44 Jahren, nachdem er zwei Jahre zuvor in die damalige Heil- und Pflegeanstalt eingeliefert worden war. Sein Leben geht an Gemüt: Zerrissenheit und Überwindung von gesellschaftlichen und personalen Grenzen, die Liebe zu seinem Gegenüber – zur geliebten Frau und zugleich zur Kunst, zur Musik, die ihm Gefäß und Sehnsuchtsort war – spiegelt die Weltsicht vieler Menschen. Das Enden im Wahnsinn als Krönung eines Lebens, das bipolar war – zwischen den Schumannschen Seelen-Erfindungen Florestan und Eusebius – dies scheint Erfüllung von dem, was wir unter Romantik verstehen wollen.
Die NS-Kulturpolitik bemächtigte sich Robert Schumann, brachte sein von Clara und Johannes Brahms unter Verschluss gehaltenes d-Moll Violinkonzert 1937 zur Uraufführung, um es künstlerisch an die Stelle des Meisterwerkes von Mendelssohn-Bartholdy zu setzen, dessen Violinkonzert musikalisch betörend im Ohr bleibt. Und noch mehr wandte sich der NS-Staat Robert Schumann im Filmportrait „Träumerei“ zu, das zwar Goebbels für ein „pflaumenweiches“ Machwerk hielt, wo ihm doch ein Durchhaltefilm wie „Kolberg“ im fünften Kriegsjahr zusagte. Dennoch entfalte „Träumerei“ am Kriegsende emotional stärkende Wirkung. Hilde Krahl und Mathias Wieman spielten die Schumanns unter der Regie von Harald Braun.
Gedreht wurde in Xanten, in Berlin-Tempelhof und in der Ufastadt Babelsberg. Die Uraufführung fand am 3. Mai 1944 zu Ehren Robert Schumanns in dessen Geburtsstadt Zwickau statt, zwei Tage später erfolgte die Berliner Erstaufführung im Marmorhaus. Der Film, der bald als „besonders wertvoll“ galt, hatte auch im Nachkriegsdeutschland ein Nachleben. Ich erinnere mich genau an diesen Film, den ich als 10-Jähriger im Schwarz-weiß-Fernseher meiner Oma zusammen mit meinem Vater sah. Eine Szene hat sich in mir in die Erinnerung eingenistet: Schumann, schon dem Irrsinn anheimgefallen, will weiter komponieren und zeigt die Partitur seinem behandelnden Arzt Dr. Richarz. Die Kamera zeigt über die ganze Leinwand ein Kreuz und Quer von Noten und Takten: so sieht also Wahnsinn aus. Das Erschrecken hatte ein Bild. Der Verfall von Geist und Kunst, Vorbote des nahenden Sterbens.
Die Musik Schumanns ist voller Gespinste, man meint manchmal, Außerirdischem nahe zu sein. Auch seine Geistervariationen laden ein, so etwas zu vermuten.
Diese Geistervariationen (Thema mit Variationen in Es-Dur für Klavier) WoO 24, komponierte er 1854 noch in Düsseldorf, es ist sein letztes Werk. „Schumann wähnte sich in jenen Tagen von Geistern umgeben, die ihm teils ‚wundervolle‘, teils ‚grässliche‘ Musik darboten, die ihm ‚herrlichste Offenbarungen‘ verhießen, ihn aber auch ‚in die Hölle werfen‘ drohten, schrieb Clara dazu im Tagebuch und berichtete, dass ihr Mann oft nachts aufgestanden sei, um Themen aufzuschreiben, welche ihm Schubert und Mendelssohn vorgesungen hätten. Zwischen der Entstehung der vierten und fünften Variation soll der Komponist am Rosenmontag des Jahres 1854 in den Rhein gesprungen sein, Aribert Reimann verweist darauf. Dann folgte Endenich, zwei Jahre, in denen Clara nicht kam. Erst auf dem Todeslager reichten sie sich nochmals die Hände. Auch Brahms kam, dem er zugeflüstert haben soll „Ich habe es immer geahnt“. Was meinte er? Manche Fragen bleiben offen.
In diesem kleinen Zimmer im ersten Stock des heutigen Schumann-Hauses zu verweilen, lässt die Gedanken wandern.
Woran starb Schumann und was arbeitete in seinem Inneren über Jahrzehnte?
Der Freudentag beider Liebenden war indes der Hochzeitstag am 12.September 1840, erkämpft gegen den Vater, der die Zustimmung verweigerte. Einen Tag später wurde Clara 21 Jahre, dann hätte das Verbot des Vaters nicht mehr gewirkt. Aber es sollte der ein Tag vorher sein. Ein Tag der Selbstemanzipation.
Sicherlich hat Schumann seiner Braut aus den Kinderszenen Opus 15 das Kleinod an Musik, die „Träumerei“ gewidmet, jenes Stück, dass den ganze Schumann enthält und die Welt anhält, – für ein paar Takte.
Das schönste Liebeslied ist ihm jedoch in der Komposition „Widmung“ aus dem Zyklus „Myrthen“, Opus 25, gelungen, welche die geniale Lyrik von Friedrich Rückert mit Musik verwebt in einem so innigen Liebesappell, der Atem verschlägt und zugleich gibt.
Du meine Seele, du mein Herz,
Du meine Wonn', o du mein Schmerz,
Du meine Welt, in der ich lebe,
Mein Himmel du, darin ich schwebe,
O du mein Grab, in das hinab
Ich ewig meinen Kummer gab!
Du bist die Ruh, du bist der Frieden,
Du bist der Himmel, mir beschieden.
Daß du mich liebst, macht mich mir wert,
Dein Blick hat mich vor mir verklärt,
Du hebst mich liebend über mich,
Mein guter Geist, mein bessres Ich!
Mein besseres Ich, eine Zeile, die Robert besonders ansprach, das Aufgehen in einem anderen, in eine andere Welt. Halluzinationen plagten Robert schon zwei Jahre nach der Eheschließung sowie der Dauerton des eingestrichenen Tones A, der seinen Kopf heimsuchte. Robert Schumanns Leben verlief unter schweren depressiven und manischen Phasen; er litt unter Wahnvorstellungen sowie starker Melancholie. Aber wo liegen die Ursachen? Der umsichtige und kluge Nervenarzt Dr. Richarz aus Endenich schrieb in der Kölnischen Zeitung am 15. April 1873:
„Schumanns letzte verderbliche Krankheit war nicht eine primär-spezifische Geisteskrankheit. Sie bestand vielmehr in einem langsamen, aber unaufhaltsam sich vollziehenden Verfall der Organisation und der Kräfte des Gesamtnervensystems in Form der unvollständigen Paralyse.“
Ulrich Skubella stellt in den 40. Ausgabe des „Deutschen Ärzteblatts“ 1999 fest, dass der Wahnsinn sich nicht primär aus der genetischen Veranlagung der Familie Schumann (dort gab es mehrere Suizide) erklärt, sondern aus etwas anderem, was bei einem „Liebling der Künste“ an ein Tabus rührte: Syphilis.
Skubella berichtet, dass Dr. Richarz nach Schumanns Tod eine Obduktion veranlasst oder selbst durchgeführt und darüber ein Protokoll verfasst habe, in dem von einer Hyperämie im Bereich der Hirnbasis die Rede ist, von Knochenwucherungen an der Basis, von Verdickungen und Verwachsungen der beiden inneren Hirnhäute mit der Rindensubstanz sowie von einer Hirnatrophie. Dieser pathologisch-anatomische Befund spräche für einen chronischen Entzündungsprozess des Gehirns und für einen daraus resultierenden Schwund des Gehirns, wie er typisch ist für das Endstadium der progressiven Paralyse. Dieser Entzündungsprozess störe und zerstöre mannigfaltige Funktionen des Gehirns. Alle Symptome des an progressiver Paralyse Erkrankten seien der Störung oder Zerstörung bestimmter, genau definierbarer anatomischer Strukturen zuzuordnen. Schwindelanfälle können erklärt werden als Störungen der Koordination infolge destruktiver Prozesse an bestimmten, für die unbewusste Motorik bedeutsamen Strukturen. Bei Schumann seien sie schon früh aufgetreten und hätten ihn bis zum Ende seines Lebens nicht mehr verlassen.
Diese Befunde führen zu der Frage, wann und mit wem Robert Schumann sich die syphilitische Erkrankung zugezogen hatte, eine Erkrankung, die wie ein Schatten über ihm lag und die ihm bewusst sein gewesen sein musste.
Seinen Tagebüchern vertraute er an, sich bei einer jungen Frau (war es Christiane Apitzsch oder ein Mädchen namens Christel) – die er „Charitas“ nannte – mit einer Geschlechtskrankheit infiziert zu haben. Ob es eine flüchtige Affäre war oder eher eine Gelegenheits-Prostituierte, die in einem Gasthaus die Tische deckte, mag dahinstehen. Die vom Komponisten Aribert Reimann 2006 von diesem verwahrten und dann geöffneten Krankenakten legen das lange Vermutete nochmals nahe, dass Schumann tatsächlich an dieser Geschlechtskrankheit litt und an dieser schließlich gestorben ist. Dass der Krankheitskeim in ihm seit dem 21. Lebensjahr wucherte, ahnte er ( bekämpfte Symptome mit Diät und Arsen) und wird er seine Clara sicher nicht gestanden haben. Und dieses Faktum wirft einen Schatten auf die Liebe seines Lebens, holt Schumann indes in die Sphäre des allzu Menschlichen herab. Und auch ein Blick auf die Tondichter Friedrich Smetana und Franz Schubert, die auch an Syphilis erkrankten, sollte die Wahrnehmung deren großen Oeuvres nicht trüben. Und auch nicht das kompositorische und publizistische Werk Schumanns, es bleibt, seine Musik ist die meistgespielte auf den großen Podien und Rundfunksendern.
Der Tod hat immer Anziehung, er ist unausweichlich. Zwischen Eros und Thanatos spannen sich fast alle Werke der Kunst. Das Lebensgedicht der beiden Schumanns wird weiterhin gelesen und geliebt.
Es ist eine innige wie souveräne Geste, das Gedenken an diese beiden Menschen nicht an den Todestagen festzumachen, sondern – am Hochzeitstag, dem 12. September des Jahres 1840, das bei Schumann als das „Liederjahr“ genannt wird und ihn neben Schubert zu dem zweiten Liederkomponisten von Weltrang gemacht hat, sind die Liedzyklen dieser Meister doch Grundsteine der eigentlich deutschen Tradition des Kunstliedes. Die Idee, diesen Septembertag zum Erinnerungstag für Robert und Clara Schumann auf dem Alten Bonner Friedhof zu machen, wo sie begraben sind, stammt von Markus Schuck, dem Vorsitzenden des Vereins Schumann Haus. Das Glück und das Gelingen beider Musiker sollen seit 2024 im Vordergrund stehen.
Die Website des e.V. (Mitglied im Schumann-Netzwerk, welches das Kanzleramt fördert) erklärt, dass sich in diesem Haus Museum, Medien und Musik zu einer lebendigen Einheit verbinden, die weit über Bonn hinaus auch internationale Beachtung findet.
Der Verein Schumannhaus Bonn wurde 1982 gegründet als Bürgerinitiative für den Erwerb des Schumannhauses durch die Stadt Bonn. Seither hat sich der Verein die Pflege des Andenkens und des Werkes Robert Schumanns in seinem Sterbehaus zur Aufgabe gemacht und versteht sich insbesondere auch als Interessenvertretung aller Belange dieses Hauses gegenüber der Stadtverwaltung, den politischen Parteien und der Öffentlichkeit. In besonderer Weise bemüht sich der Verein um die Existenzsicherung der Musikbibliothek und um die kulturelle Nutzung des Hauses. Letzteres geschieht vor allem durch das Bonner Schumannfest – mit Schwerpunkt auf junge Musiker –, dessen Träger der Verein ist.
Und so war es wieder am 12. September. In der Sankt Georgenskapelle, ein Bau, der 1230 in Ramersdorf errichtet und dann zwischen 1847 und 1850 abgetragen und auf diesem Friedhof wiedererrichtet wurde, erklang Musik von Robert Schumann und Frédéric Chopin, eingerahmt von Texten und Zitaten, dann gingen zahlreiche Schumannfreunde zum Grabmal, und Valérie Ironside (Sopran) sang die Irische Volksweise „she moved through the fair“. Der Liederabend mit dem warmen Bariton Samuel Hasselhorn, begleitet von der finnischen Pianistin Paulina Tukiainen im Sterbehaus brachte Heine- ,Rückert-, Geibel- und Kerner-Vertonungen von Clara und Robert zu Gehör und so einmal mehr die Erkenntnis, dass deren Künstlerleben eine Musik ist, die Innigkeit, Eleganz und Bitternis verbindet und uns so mitnehmen kann in eine Vergangenheit, die gegenwärtig bleibt.
Erstellungsdatum: 19.10.2026