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Der Widerspruch ist nicht gänzlich auflösbar. Ist das Theater vom Besuch seines Publikums abhängig, darf es dessen Wünsche nicht ignorieren. Gibt es diesen Wünschen nach, so gibt es tendenziell seine eigene Daseinsberechtigung auf. Erhebt es aber einen künstlerischen Anspruch gegenüber dem Publikum, läuft es Gefahr, sein Publikum zu verlieren. Es muss also unabhängig sein, um die Zeit und die Mittel zu haben, sein ebenbürtig anspruchsvolles Publikum heranzuziehen, oder Verantwortliche, die dem kommerziellen Druck standhalten und dem Besseren, auf das wir mit Thomas Rothschild hoffen, alle Chancen bieten.
Armin Petras, Sebastian Hartmann, Sebastian Baumgarten, Robert Borgmann sind die Namen, die die Debatten über das deutsche Theater der Nach-Castorf-Jahre bestimmt haben. Diese Regisseure haben eins gemeinsam: Sie wurden noch in der DDR sozialisiert.
Könnte es nicht sein, dass nicht so sehr differenzierte theaterästhetische Erwägungen die Neuerungen dieser Riege und ihrer Nachahmer begründet haben wie die fundamentale Opposition zum politisch-psychologischen Theater ihrer Vorgänger, die sich nicht nur selbstbewusst an ihren westdeutschen Kollegen messen konnten, sondern zugleich die steile These widerlegt haben, dass Kulturförderung und Demokratie einander wechselseitig zwingend bedingen, wie der Mütter- und Vatermord also an Bertolt Brecht, Wolfgang Langhoff, Hanns Anselm Perten, Benno Besson, Ruth Berghaus, Manfred Wekwerth, Adolf Dresen, B. K. Tragelehn, Thomas Langhoff, Manfred Karge, Ursula Karusseit, Alexander Lang u.a.
Die Künste bewegen sich nicht geradlinig und zielgerichtet nach vorne, wie jüngere Zeitgenossen gerne anzunehmen neigen, um sich dabei auf der Seite des Fortschritts zu wähnen. Auch für das Theater gilt, was der Russe Jurij Tynjanov vor fast hundert Jahren für die Evolution der Literatur festgestellt hat: Veränderung wird dadurch gewährleistet, dass Bestandteile der Peripherie ins Zentrum rücken und die dort befindlichen Elemente ersetzen.
Anleihen bei exotischen Kulturen, Anachronismen, Eingriffe in Autorentexte und Musikvorschläge, Attribute der Performance, die damals bloß anders hießen, gab es in Ansätzen auch an den Rändern des frühen DDR-Theaters. Und manches deutet darauf hin, dass Varianten des mimetischen Theaters wieder ins Zentrum vordringen könnten, um zu verdrängen, was sich dort inzwischen etabliert hat. Nicht zuletzt geht es auch um Anteile am (Subventions-)Kuchen. Die Befunde über das „richtige“ Theater sind stets interessengeleitet. Bei den Machern und auch bei den Kritikern, die sie sympathisierend oder skeptisch begleiten. Auch bei Ihnen greifen Tynjanovs Thesen zur Evolution. Über Jahre hinweg gab die Zeitschrift Theater heute den Ton an und die Maßstäbe vor. Heute bestimmt das erfolgreiche Internetportal nachtkritik.de die Normen. Dass die Juroren des einst von ihr bekämpften Berliner Theatertreffens inzwischen mit einer einzigen Ausnahme Mitarbeiter von nachtkritik.de sind, ist nur einer von vielen Indikatoren.
Je nach Standpunkt werden nicht nur die professionellen Kritiker, sondern auch die ganz „normalen“ Theaterbesucher und -liebhaber die jeweilige Evolution bedauern oder begrüßen. Das gilt nicht nur fürs Theater, sondern für alle Bereiche des privaten und des politischen Lebens. Und das ist zugleich deprimierend und tröstlich. Wie es ist, bleibt es nicht. Die Möglichkeiten des Eingriffs sind begrenzt. Mit der resignativen Heiterkeit der Fledermaus: „Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist“. Oder, in der Aussage sehr ähnlich, mit dem trockenen Rationalismus von Brechts Me-Ti: „Denken über Probleme, die durch Denken nicht gelöst werden können, muss man sich abgewöhnen“. Freilich: Anders als die Naturgesetze, sind „Gesetze“ des sozialen und des künstlerischen Bereichs, also auch des Theaters, selbst dort meist veränderbar, wo sie unveränderbar scheinen.
In meinem nun schon recht langen Leben gab es, nicht nur im Theater, persönlich und gesellschaftlich Perioden, in denen es nach meinen Maßstäben aufwärts zu gehen schien und ich erfüllt war von Hoffnung, Euphorie und Tatendrang, und solche, in denen Elend und Schrecken der Vergangenheit wiederzukehren drohten und mich pessimistisch bis zur Verzweiflung stimmten. Das verleiht mir auch in den dunkelsten Stunden unserer Gegenwart die Gewissheit, dass sich die Entwicklungskurve wieder umkehren wird. Allerdings werde ich es kaum noch erleben. Es gelten Brechts Gedanken beim Lesen des Horaz: „Selbst die Sintflut/ Dauerte nicht ewig./ Einmal verrannen/ Die schwarzen Gewässer./ Freilich, wie Wenige/ Dauerten länger!“
Im Theater muss man nicht verzweifeln. Man kann einfach zu Hause bleiben. Hoffen wir auf das Bessere. Wie immer es aussehen mag. Ob es auf Vorgänger wie die DDR-Regisseure der Nachkriegszeit, auf westliche Giganten wie Zadek, Tabori, Stein, Grüber, Peymann, Bondy, Breth reagiert, auf den omnipräsenten Frank Castorf, auf akademische Gurus wie Andrzej Wirth, ob es sich den nicht-theatralen Künsten bis zur Selbstaufgabe angleicht, ob es sein Heil in der Rückkehr zu ausgemisteten oder vergessenen Modellen sucht. Es gibt ja immer wieder Überraschungen. Wer hätte einst die Renaissance des Fahrrads oder der Langspielplatte aus Vinyl vorhergesagt?
Erstellungsdatum: 09.03.2026