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Die Dichterin Alfonsina Storni

Selbstbestimmte Rebellin

Barbara Englert


Alfonsina Storni. Foto: Archivo General de la Nación Argentina

Die Schweizer Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin Hildegard Keller hat das literarische Werk von Alfonsina Storni aus dem spanischen ins Deutsche übersetzt und für die Werkausgabe eigens den Verlag Edition Maulhelden gegründet. Barbara Englert gibt Einblick in ihre Beweggründe sowie das Leben und Werk einer hierzulande fast unbekannten Dichterin und Schriftstellerin der Avantgarde.

„Meine Seele hat kein Geschlecht“

Am Ende des zweiten Bandes „Frei“ beschreibt Hildegard Keller, was sie an Alfonsina Storni fasziniert. „In den letzten Jahren haben vergessene und wiederentdeckte Frauen den Buchmarkt erobert. Auch ich habe für eine von ihnen gekämpft. Wie alle historischen Figuren, mit denen und für die ich gearbeitet habe, ist Alfonsina Storni auf leisen Sohlen gekommen. Sie hat Licht in meinem Fenster gesehen. Sie hat angeklopft, ich war gar nicht überrascht, ich habe sie hereingelassen, ohne genau zu wissen, wer und was da kommt. So ist sie in mein Leben, in unsere Zeit getreten – Zufall? Ja, aber nicht im landläufigen Sinn. Ich wusste nicht, dass Alfonsina Stornis Werk ein Eisberg ist: Nur die Spitze ragt aus dem Wasser, bekannt sind, abgesehen von dem berühmten Lied Alfonsina y el mar, nur einige wenige feministisch-freche Verse, auch ein paar traurige. Neunzig Prozent von diesem Eisberg liegen noch unter Wasser, sagte ich mir und tauchte tief und tiefer – in den USA, in Argentinien, in Lugano, Berlin und Zürich. Als ich die Konturen sehen konnte, wurde mir klar: Alfonsina Storni soll ihre eigene Stimme und ihr Werk in ganzer Breite und Tiefe zurückbekommen. Ich gründete die Edition Maulhelden, übersetzte Alfonsinas Texte ins Deutsche und brachte mit meinem Team die fünf Bände heraus, ohne die ich diese Biografie nicht hätte schreiben können.“

In den zwei biografischen Bänden, „Wach“ und „Frei“, zeichnet Hildegard Keller das eindrückliche Bild einer großartigen Schriftstellerin, die sich in ihrem kurzen Leben sowohl für die Kunst als auch für die Gleichstellung aller Menschen eingesetzt hat. Alfonsina Storni,  Feministin, Freigeist und Humanistin der ersten Stunde, wurde am 29. Mai 1892 in der Schweiz geboren. Sie ist vier Jahre alt, als ihre Eltern aus der damals armen Schweiz in das reiche Argentinien emigrierten. Mit 19 Jahren zieht sie alleine nach Buenos Aires um und schlägt sich als Journalistin, Erzählerin, Theaterfrau und Lyrikerin durch. Alfonsina Storni glaubt an die noch junge Demokratie und kämpft um die Gleichstellung der Frau mit der Kraft der Poesie. Sie lebt für eine Kunst, die alle Menschen unabhängig von Alter, Geschlecht, und Herkunft erreichen soll und führt ein selbstbestimmtes Leben.

Das Kind von einem verheirateten Mann zieht sie denn auch alleine auf. Um unabhängig zu bleiben, arbeitet Alfonsina Storni als Lehrerin und Schauspielerin und veröffentlicht in Zeitungen ihre Gedichte. 1916 erscheint ihr erster Gedichtband „La inquietud del rosal“, den sie selbst finanziert. „Ein jämmerliches Buch“, sagt sie später. Im Jahr darauf erhält sie den „Premio Anual del Consejo Nacional de Mujeres“ für ihren „Canto a los niños“. Die 25-Jährige leitet nun eine Internatsschule und wird vor allem in linken und feministischen Kreisen zunehmend verehrt. Mit dem Partido Socialista, dem sie aber nie beitritt, sympathisierend, erhält Alfonsina Storni 1919 die argentinische Staatsbürgerschaft. Für ihre 1920 erschienene Gedichtesammlung „Languidez“ wird sie mit zwei Literaturpreisen ausgezeichnet, auf die drei Jahre später der „Premio Nacional“, der Argentinische Staatspreis für Literatur, folgen sollte.

In ihrem Leben häufen sich Lesungen, Auftritte und neue Publikationen ebenso wie Ehrungen. Das Theaterstück „El amo del mundo“, in dem sie Männer hart kritisiert, wird allerdings frühzeitig abgesetzt – angeblich wegen Erfolglosigkeit. Das hält Alfonsina Storni nicht davon ab, weiterhin mit viel Witz und Sarkasmus gegen patriarchale Gesellschaftsstrukturen zu kämpfen und Männer immer wieder auf den Arm zu nehmen. So schreibt sie in der Kolumne „Fossile Männer“, dass „deren Gedankenwelt fast versteinert“ sei und sie noch „in geistigen Schichten des Mittelalters zu leben scheinen“. Aber: „Glaubt nicht, ich Arme sei eine erklärte Feindin des sympathischen männlichen Geschlechts. Ganz im Gegenteil: Ich bewundere und verehre es ... Dem fossilen Mann haftet übrigens noch ein Rest arttypische Grausamkeit und eine absolute Unkenntnis der Kausalität an. Er macht sich selbst blind, indem er verlangt, ein junges Mädchen solle von nichts eine Ahnung haben ...“ Dann fordert sie die „lieblichen Mädchen“ auf, endlich aufzustehen. Alfonsina Storni war befreundet mit Pablo Neruda, Gabriela Mistral und Federico García Lorca, für den sie ein Gedicht verfasste und mit der Dichterin und Malerin Emilia Bertolé.


Mercedes Sosa singt „Alfonsina y el mar“ von Alfonsina Storni

Hildegard E. Keller
WACH

Vom Leben und Weiterleben der Alfonsina Storni.
Biografie Band 1 (1870–1929).
gebunden, 288 Seiten. 
ISBN: 978-3-907248-05-8
Edition Maulhelden

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Hildegard E. Keller
FREI

Vom Leben und Weiterleben der Alfonsina Storni.
Biografie Band 2
gebunden, 336 Seiten
ISBN: 978-3-907248-06-5 
Edition Maulhelden

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Erstellungsdatum: 09.03.2025