MENU
Emil Dröll über drei Darmstädter Literaten: Alex Dreppec, PH Gruner und Tom Wolff

„Ein garstig Lied! Pfui! ein politisch Lied! Ein leidig Lied!“ schimpft Brander in Auerbachs Keller, der sich in Goethes Faust befindet. Und tatsächlich scheint ein emphatischer poetischer Anspruch mit einem emphatischen politischen Ausdrucksbedürfnis zu kollidieren. Dennoch setzt sich die Reihe der Versuche fort, beides wirkungsmächtig miteinander zu versöhnen. Drei Autoren haben sich zusammengetan, um mit Gedichten, Kurz- und andere Texten ein Buch zu füllen, das auch solche Versuche beherbergt. Emil Dröll hat es gelesen.
Es gibt Gedichtbände, die den Leser sanft an die Hand nehmen. „Trio infernal“ gehört nicht dazu. Stattdessen schlagen Alex Dreppec, PH Gruner und Tom Wolff mit Wucht die Tür auf und werfen einen mitten hinein in einen Strudel aus Satire, Sprachspiel, Politik, Alltagsbeobachtung und Humor. Wer hier nach klassischen Reimen oder romantischer Naturlyrik sucht, dürfte spätestens nach Titeln wie „You can't speak German in Germany as a German artist.“, „Die Wald ist weiblich“, „directions“ oder „climate change“ merken, dass dieses Buch andere Ziele verfolgt.
Nicht nur der Titel des Bandes verweist auf die französische Schriftstellerin Solange Fasquelle, ihr Werk „Le Trio Infernal“ und dessen Verfilmung von 1974. Letztere zeichne sich durch einen kaum zu überbietenden „Pegel an Ekel provozierenden Szenen“ aus, schreibt Gruner im Vorwort. Ganz so eklig wird das Darmstädter „Trio infernal“ zwar nicht. Haften bleibt es trotzdem, durch provokante Themen und Texte, die ebenso unbequem sind wie die Gegenwart, mit der sie sich auseinandersetzen.
Dabei eint die drei Autoren weniger ein gemeinsamer Stil als eine gemeinsame Haltung: Sie misstrauen einfachen Antworten. Sprache ist für sie nicht bloß Transportmittel, sondern selbst Gegenstand der Kritik. Sie wird gedehnt, zerlegt, verdreht und umgekehrt. Verwaltungssprache, Werbeslogans, Social Media-Phrasen, Anglizismen oder politische Kampfbegriffe landen im literarischen Wolf und kommen als bissige Miniaturen wieder heraus.
Deutlich wird das zum einen in PH Gruners Beiträgen. Texte wie „Die fehlenden Zimmer“ beginnen als Beobachtung über Grundrisse moderner Häuser und entwickeln sich zu einer scharf formulierten Kritik an Leistungsgesellschaft und Konsum. Das Kinderzimmer bekommt eine Vorstufe, das Babyzimmer, und die Wohnung wird zum Spiegel gesellschaftlicher Erwartungen. Ähnlich funktioniert „Die Wald ist weiblich“: Auf den ersten Blick ist das Werk kaum mehr als eine Liste weiblicher Baumnamen, tatsächlich entlarvt es aber mit erstaunlich einfachen Mitteln den Gegenstand vieler Sprachdebatten. Es entsteht eine Grüne Pointe statt langer Abhandlung.
Sprachpolitik beschäftigt den Band immer wieder. „You can't speak German in Germany as a German artist.“ nimmt die Debatte um englische Titel und Anglizismen aufs Korn, ohne in kulturpessimistisches Gejammer abzurutschen. Stattdessen entsteht ein Text, der bewusst überzeichnet und gerade dadurch seine Wirkung entfaltet. Nicht jede Beobachtung muss man teilen, doch fast jede regt zum Widerspruch an, und genau das scheint gewollt.
Alex Dreppec setzt dem eine bittersüße Note entgegen. Ironische Pointierungen wie „Den Urknall hat ja schließlich auch niemand kommen sehen“ oder „Der Planet strickt sich einen Pulli aus Sonntagsreden“ ziehen sich durch seine Lyrik. Zugespitzte Zukunftsbilder treffen auf konkrete Poesie, etwa in Form eines Periodensystems aus gesellschaftlich aufgeladenen Begriffen und medialen Narrativen. Hinzu kommen ein alliteratives „Putin-Porträt“ oder der „Untergang USA“, der sich ganz dem „Un“-Präfix verschreibt. Dreppec beobachtet genau, verdichtet komplexe Themen auf wenige Zeilen und zeigt, dass politische Lyrik weder belehrend noch bierernst sein muss.
Tom Wolff verfolgt wiederum einen anderen Ansatz. Seine Stücke sind häufig erzählerischer, persönlicher und atmosphärischer. Der Zyklus „Ich hasse den Norden“ entwickelt sich Seite für Seite zu einem Wechselspiel aus Polemik und Liebeserklärung. Der Norden erscheint gleichzeitig als trostlose Provinz und als Landschaft von rauer Schönheit. Wer so viele Worte für Letztere übrig hat, dem nimmt man den Titel irgendwann nicht mehr ab. Die ständige Wiederholung verliert mit jeder Seite etwas von ihrer Wut und gewinnt dafür Ironie. Am Ende wirkt das vermeintliche Hassgedicht fast wie eine verschämte Hommage.
Daneben stehen Gedichte, die sich stärker dem Experiment verschreiben. „directions“ collagiert Computer- und Behördensprache, „eyes only“ zerlegt Wahrnehmung in kurze Notizen, andere Texte bestehen fast ausschließlich aus Listen, Fragmenten oder rhythmischen Sprachfetzen. Nicht jedes Experiment geht auf: Manche Texte leben fast ausschließlich von ihrer Idee; ihre Pointe ist nach wenigen Zeilen bereits erzählt. Gelegentlich entsteht der Eindruck, dass der Einfall wichtiger war als das Gedicht selbst. Damit liegt hier zugleich die größte Stärke und die größte Schwäche des Bandes. „Trio infernal“ möchte politisch sein, komisch, philosophisch, sprachkritisch und experimentell. Meistens gelingt dieser Spagat sehr gut. Manche Texte enden allerdings genau dort, wo sie eigentlich erst anfangen könnten.
Dafür entschädigt die enorme Bandbreite. Es findet sich immer wieder ein Gedicht, das überrascht. Besonders reizvoll ist dabei, dass sich die drei Autoren stilistisch nicht angleichen. Der Band lebt gerade von diesen Brüchen. Mal liest man essayistische Lyrik, mal sprachspielerische Miniaturen, mal freie Verse voller persönlicher Bilder. Dadurch bleibt „Trio infernal“ trotz seiner über hundert Seiten erstaunlich kurzweilig.
Der Schlusspunkt „Was es gibt“ bündelt schließlich noch einmal vieles, was das Buch ausmacht. Nach all den Debatten, Provokationen und Wortgefechten endet der Band beinahe schlicht: Antworten gibt es keine endgültigen, nur das Leben selbst. Das wirkt weder resigniert noch pathetisch, sondern erstaunlich versöhnlich.
„Trio infernal“ ist kein Gedichtband für Menschen, die sich nach Wohlklang und lyrischer Harmonie sehnen. Er ist laut, widerspenstig und manchmal bewusst unerquicklich. Gerade deshalb entwickelt er seinen Reiz. Nicht jeder Text zündet, nicht jede Pointe sitzt bei jedem Lesen. Aber die Lust am sprachlichen Risiko und der unbedingte Wille, der Gegenwart etwas entgegenzusetzen, machen dieses Gemeinschaftsprojekt zu einer ebenso eigenwilligen wie unterhaltsamen Lektüre.
Alex Dreppec, PH Gruner und Tom Wolff bringen ihre Texte auch gemeinsam auf die Bühne. Wer die Stücke lieber hört als liest, bekommt dazu in Darmstadt in den kommenden Monaten mehrfach Gelegenheit:
30. September: Pauls Kultur(t)raum, Eberstadt, Gemeinde St. Josef, Gabelsberger Straße 15-17, 19:30 Uhr
22. Oktober: HoffART-Theater, Martinsviertel, Lauteschläger Straße 28a, 20 Uhr
29. November: Weinstube Kilian, Arheilger Woogstraße 3, 19 Uhr
03. Dezember: Künstlerhaus Ziegelhütte der Darmstädter Sezession, Kranichsteiner Straße 110, 19 Uhr

Alex Dreppec, PH Gruner und Tom Wolff
Trio infernal
Gedichte, Kurztexte, Querschüsse
116 S., brosch.
ISBN: 978-3-86356-432-2
Pop Verlag, Reihe Lyrik, Bd. 198
Ludwigsburg 2026
Bestellen
Erstellungsdatum: 06.08.2026