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Volker Breidecker über Péter Nádas' Suche nach dem letzten Bild

Was, wenn es gar keine Doppelbegabungen gäbe und die eine große Begabung sich mit ähnlichem Zugriff auf andere Sparten realisierte? Man wird ja kein anderer Mensch, wenn man, wie Péter Nádas, fotografiert und gerade mal nicht schreibt. Aber es kommen bei der Zusammenschau beider Tätigkeiten viele sonst verdeckte Details zwischen Licht und Schatten zum Vorschein. 2012 hatte im Kunsthaus Zug Péter Nádas sein künstlerisches Werk in die große und verschollene ungarisch-mitteleuropäischen Tradition eingebettet, schreibt Volker Breidecker.
Von Parallelgeschichten ist zu sprechen, wenn bislang unverbundene Geschichten für einen Augenblick zusammenfinden, sich in einem Brennpunkt überschneiden, verschränken und bündeln, so wie die Strahlen des Lichts am Horizont. Der Glutkern mag im Bereich des Irdischen oder auch in kosmischer Transzendenz liegen, nur funken und glühen, muss es, als ob Liebende sich einander begegnen.
Mit der Liebe ist es ähnlich wie mit der Photographie bestellt. Kaum hat es „Klick“ gemacht, gehört der Augenblick schon wieder der Vergangenheit an, und was davon bleibt, ist eine Erinnerungsspur, an der die Sehnsucht haftet, danach, wie es gewesen ist, als zwei Blicke sich zum ersten Mal trafen. „Eugénie und Moritz schauten einander in die Augen und haben sich wohl lange nicht voneinander abgewandt.“ Als „Kleine Vorgeschichte“ beschreibt Péter Nádas so zu Beginn seine Fotobandes Etwas Licht (Steidl Verlag, Göttingen 1999) die Entstehung eines Atelierfotos von der Verlobung seiner Urgroßeltern, das er der Sammlung seiner eigenhändigen fotografischen, mit kurzen autobiographischen Prosatexten begleiteten Arbeiten aus vier Jahrzehnten voranstellte.
Von dem Verfasser des Buchs der Erinnerung wusste man zwar, dass er noch vor seiner Schriftstellerlaufbahn als gelernter Chemiker das Fotografenhandwerk ausgeübt hatte und jahrelang als Fotoreporter unterwegs war, doch erst seit dem Fotobuch von 1999 und einer von Nádas selbst kuratierten Ausstellung 2012 im Kunsthaus Zug in der Schweiz konnte man auch seine Aufnahmen kennenlernen: Momentfotografien und stills von gleichermaßen belebten wie unbelebten Objekten, von Gesichtern, Gesten und Körpern, Türen, Treppen und Fenstern, Mauerresten, Grabhölzern und Grabsteinen, gesehen wie beim ersten, wie beim letzten Mal, als sich Schwarz durch den Einfall des Lichts von Schwarz trennte.
„Es ging mir nicht um die Gegenstände, die das Bild einfängt“, schrieb Nádas dazu, „sondern um das Licht, wie es die Gegenstände berührt, zeichnet, aus dem Raum heraushebt.“ Nichts anderes heißt Fotografie, und nichts anderes heißt Erinnern: Durch ein Loch dringt Licht in einen schwarzen Kasten, trifft auf eine empfindliche, empfängliche Oberfläche und lässt darauf ein Bild entstehen. Und wenn man den Kasten erst einmal in Bewegung setzt, dann ist es – die Leser im Buch der Erinnerung werden sich an eine der Kapitelüberschriften dort erinnern – wie beim „Spazierengehen an einem längst vergangenen Nachmittag“, vielleicht unter „feinem Knirschen auf leichtem Kies“.
Schöne Geschichte der Photographie heißt der Titel einer im Jahr 2001 (Berlin Verlag) ins Deutsche übersetzten Erzählung von Péter Nádas, deren englische Übertragung als A loveley tale of photography die darin episch dramatisierten Entwicklungsprozesse von Bildern aus der Dunkelkammer des Bewusstseins genauer und schlichter benennt: Nach Art einer Filmnovelle, erzählt in kurzen, messerscharf geschnittenen Sequenzen, deren Dichte und Präzision des Blicks den in Etwas Licht abgebildeten Fotos gleichkommt (deren einige auch tatsächlich in Worte übersetzt werden), führt der travelling, wie die Bewegungen einer Kamera in der Filmsprache bezeichnet werden, im beschleunigten Krebsgang oder im schnellen Flug einer Zeitreise gleichsam wieder zum Urbild des Nádas’schen Familienalbums zurück: „Sie folgten der innigsten Neigung ihres Herzens“, hatten die Zeitgenossen dem Verlobungsbild der Urgroßeltern als Unterschrift beigesellt. Fragt sich nur, wohin.
Es beginnt ein wenig wie im Vorspann von Alfred Hitchcocks Psycho: „Ungeschickter Vogel, schwebt ein Hubschrauber über den Dächern der dämmernden Stadt“, ein fahriger Torpedokäfer, ein geflügeltes Alberti’sches Auge, das überall hin, in die dunkelsten Abgründe wie durch offene Fenster und erst recht durch geöffnete Fenster in die intimsten Zimmer und Stuben schaut. Im Flug wird Volumen aufgebaut: „Schwingend schlägt der Körper der Glocke gegen den harten Klöppel.“ (Mit derart eleganter Wort- und Bilderotik werden auch an anderen Stellen des Buchs selbst drastische Szenen so dezent wie schon lange nicht mehr in der deutschsprachigen Literatur geschildert.) Und Perspektive („Antennen, Schornsteine, Ziegeldächer“). „Er sucht nach einem Gesicht, einer Schulter, einem sprechenden Mund“ und findet viel, doch keineswegs das, was er sucht.
Also muss das geflügelte Objekt wie ein ewiger Wanderer weiter, immer weiter ziehen. Der Leser folgt ihm gerne, auch auf dem langen Umweg über die Ballonfahrt einer etwas hysterischen k.u.k.-Gesellschaft in schwindelnde Höhen, hoch und höher noch über der Bucht von Triest, was mit einem steilen Absturz und mit einem äußerst langwierigen Sanatoriumsaufenthalt der bildersüchtigen, epileptischen Protagonistin endet: Die mit einer Plattenkamera bewaffnete Pionierfotografin namens Kornélia hatte zuvor, als bereits zu Ende war, was niemals so recht begonnen hatte, ihren Geliebten verlassen und fühlt sich ihm doch, je weiter sie von ihm weg und entfernt ist und je mehr sie in anderen, häufig wechselnden Armen liegt – così fan tutte –, nur um so näher, so dass die beiden doch immer wieder zueinander finden: Ob im Traum, im Wahn oder in Wirklichkeit, ob lebendig, halbtot oder als Leich’, ob im erinnerten oder im verwechselten Bild, bleibt freilich ganz so ungewiss wie sämtliche Dinge und Beziehungen dieser Welt.
Doch die Kamerafahrten und die Seelenreisen durch ein Jahrhundert gehen weiter, und näher kommen wir dem rabenschwarzen Kern der Sache an einem späten Nachmittag im Einfall gleißender, vor Staub vibrierenden Lichtstrahlen durch die Lamellen einer Fensterjalousie, wo gerade ein lebhafter Diskurs über die Begegnung des Lichts mit der Finsternis bei der Entstehung von Bildern stattfindet, und wo es heißt: „Nur das Bild erhält. Alles verändert sich ununterbrochen. Das ist entsetzlich, das ist nicht auszuhalten.“ Und doch: hic habitat felicitas. Und wenn Kornélia ihren sehnsüchtig geliebten Platzhirschen Karol, der sich vor Kummer und vor ihren Augen längst aus einem fahrenden Zug geworfen hat, oder auch nicht, laut und verzweifelt bei seinem Namen ruft, so mischt sich in den Chor der vielen Stimmen, von denen keiner so genau weiß, wo sie herkommen, auch ein ferner Erzähler mit ein, wissend: „Sie ruft den Toten, der lebt“, was ebensogut heißen könnte: Sie ruft den Lebenden, der tot ist.
Und so geht das weiter, bis zum Finale eines im Walzerreigen nebst heftigen Schneeverwehungen inszenierten, rauschhaften Totentanzes, unter dem die Geschichte immer lächerlicher, immer liederlicher wird, wie von Peter Greenaways Art, bis der Autor mit Erleichterung den Schlusssatz setzt: Finita la commedia. Doch zuvor, nach all dem langen Warten und Suchen auf den Augenblick, „da keiner mehr da ist, allein das Bild“, erhält Kornélia noch die Gelegenheit zu einem definitiv letzten Bild: Von ihrem zuvor noch lebendigen Gegenüber hält sie dessen Sterben auf der stets mit einem schwarzen Tuch bedeckten Plattenkamera fest, die allein schon für sich selbst, auch ohne Bedienung, ein Bild abgeben könnte.
„Bis endlich der Schnee alles zudeckt“ und alles „verweht und verfinstert“, Kornélia eingeschlossen, die – wie viele Jahrzehnte mögen da wohl dazwischen liegen? – kurz vor Schluss aus dem Eise gesägt, geborgen und als gefrorener Block an den Drahtseilen jenes Hubschraubers, der nun endlich gefunden, was er gesucht hat, abtransportiert wird. „Aber“, so heißt es noch, „das Eis tropft Unheil verkündend über die Haken hinab.“ Wie hatte Siegfried Kracauer doch vor einem Dreivierteljahrhundert geschrieben: „Unter der Photographie eines Menschen ist seine Geschichte wie unter einer Schneedecke begraben.“
Vorbei, längst vorbei ist das alte Jahrhundert. „Adieu, alte Erde, löst die Seile!“ Welcome, bienvenue, welcome!Hereinspaziert! The Last Picture Show meets Holiday on Ice. Und es wird schon so sein, wie es an einer Stelle heißt, „dass zuerst das Bild ist: Erst dann kommt das Wort, und damit kommt man auch nicht weiter.“
Bleibt das zu erforschende, zu belichtende Dazwischen, das, was „nicht hier und nicht dort“ ist, bleiben die Öffnungen, Schwellen, Übergänge, die Passagen zwischen Räumen, Menschen, Körpern, zwischen Wort und Bild, zwischen „Sehen und Denken, zwischen Sehen und Schreiben“. Dies ist der Ort des Lichtbildners, der sich bis zur Entpersonalisierung zurücknimmt, der sein Ich reduziert, um es in Wahrheit zu erweitern – zur Wahrnehmung seiner Verbundenheit mit der Welt und mit all den anderen vor ihm und neben ihm. Da war Péter Nádas zuhause.
Siehe auch das Video vom Kunsthaus Zug:
Péter Nádas. In der Dunkelkammer des Schreibens
Erstellungsdatum: 02.09.2026