MENU

Beim Tischtennis ist Technik, Reaktionsschnelligkeit und Instinkt gefragt. Tennis auf rotem Sand aber ist nicht nur von der Tagesform abhängig, sondern mit einer Überzahl an Gefühlen belastet, kennt größte Hoffnung und tiefste Verzweiflung. Und jähe Wut lässt schon mal den Tennisschläger in Trümmer gehen. Die körperliche Intensität macht Tennis zum Ringkampf auf Distanz. Doch es setzt sich auch, wie Matthias Buth schreibt, mit musikalischen Spannungsverhältnissen in Vergleich und mit der großen Klanggeste.
Nur in der Einsamkeit kann jeder ganz er selbst sein; in ihr allein ist Freiheit.
Das wusste der Philosoph Arthur Schopenhauer, ein Experte der Einsamkeit. Diese Erkenntnis spiegelt sich mit dem, was der Dichter Friedrich Schiller über das Spiel meinte: nur im Spiel könne der Mensch ganz zu sich selbst finden, ganz bei sich sein. Das Spiel schafft also einen Raum der inneren Freiheit.
Auf dem Tennisplatz ereignet sich beides. Das körperlose Spiel mit und gegen einen anderen zieht an, weil man sich selbst erleben kann. Im Duell ist jede und jeder einsam, nämlich auf sich selbst gestellt, auf die eigenen Fähigkeit mit Schläger und Ball, auf sein Können, das wächst oder mit dem Alter vergeht. Auf der roten Asche gelingen die meisten Schläge nicht, entsprechen die Kross‘ und Longlines, die Lobs und Stopps nicht dem inneren Bild. Und dennoch versucht man es immer wieder, die Sehnsucht nach dem perfekten Schlag bleibt. Tennismatches sind auch Klang. Denn das krachende Plopp beim Aufschlag verrät schon einiges über die Geschwindigkeit des Balles; bei den schnellen Bällen mit der Vorhand ist es nicht anders. Zudem liest man die Körpersprache des Gegenübers, um dessen Aktion zu antizipieren, sieht an den Laufbewegung und am Ausholen, wohin der Ball gesetzt werden soll.
Anne Sophie Mutter ist eine Geigerin auf allen Podien der Welt, ihr Spiel bezwingt, entführt in andere Sphären und öffnet den Himmel – in uns. Alle bedeutenden Komponisten der Welt haben ihr Werke geschrieben, auch ihr letzter Ehemann André Previn. Bei ihr klingen Mozart und Beethoven geradezu atmend und wie nur für uns heute geschrieben. Bei den Violinkonzerten von Mendelssohn, Bruch und Schumann ist es ebenso.

Und: ja, sie liebt den Tennissport, kann natürlich mit ihren trainierten Geigenhänden nicht zum Schläger greifen, aber erkennt die Virtuosität eines Tennis-Duells, sieht im Tennisspiel Parallelen zum Geigenspiel. Mit Roger Federer hat sie ihren Star gefunden. Freundschaft verbindet sie mit dem Schweizer Tenniskünstler. Bis zu dessen Karriereende ist sie ihn zu Turnieren nachgereist, hat eigene Auftritte terminlich so gesteuert, um ihn häufiger sehen zu können. Vor zwei Jahren wurde die Geigendiva 60 Jahre, eine Virtuosin, die seit über 50 Jahren auf den Podien steht, erst als Wunderkind und nun als Weltkünstlerin. In einem autobiographischen Film hat Mutter Einblicke in ihr Leben gegeben und sich mit Roger Federer ebenso ausgetauscht wie mit ihrem großen Musikerkollegen Daniel Barenboim, der als Pianist und Dirigent ähnlichen Status hat. Und die Freundschaft zu Federer war in dem Film der Türöffner für Blicke in ihr Inneres, Privates. Allerdings bleibt man staunend oder rätselnd vor Sätzen wie „Musiker sind am allerprivatesten, wenn sie auf der Bühne stehen.“ Die Kunst öffnet also den Menschen. Ist es im Tennismatch nicht ähnlich? „Wenn Du jemanden kennenlernen willst, beobachte ihn beim Tennis“, meinte mein Vater. Und so ist es ja auch, denn auf dem Platz bewirken Spiel und Einsamkeit eine Engführung der Existenz, in der sich Leichtigkeit und Ernst begegnen.
Komponisten des 20. Jahrhunderts fühlten sich vom Tennis angesprochen, und nicht wenige gingen auch mit dem Schläger ins rote Geviert. So der Komponist Arnold Schönberg, der eng mit seinem Kollegen George Gershwin befreundet war. Und sie spielten Tennis 1937 in Beverly Hills. Im amerikanischen Exil versuchte sich der Zwölftöner Schönberg auch als Trainer und zeigte seinen Kindern Nuria, Ronald und Lawrence auf den Platz die richtige Schlägerhaltung, wie ein Foto festhält.
Kompositorisch sind beide allerdings nicht auf den Tennissport zugegangen. Anders war es bei Claude Debussy. So wurde 1913 in Paris seine Ballettmusik „Jeux“ uraufgeführt, es tanzte die Compagnie „Ballets Russes“, in der Hauptrolle der Wundertänzer Vaslav Nijinsky. Dem „weißen Sport“ entsprach die Kostümierung von zwei Frauen und einem Mann in einer Parkszene am Abend. Mit Tennisschlägern in der Hand jagten sie sich, fingen und spielten mit Bällen. Es wirkte neckisch, verspielt, es war ja eine Metapher für eine erotische Szene, eben für eine Menage-à-trois: Ein Tennisballett, getragen und inspiriert von den impressionistischen Klängen von Debussy.
1914, ein Jahr später erhielt der Pariser Komponist Erik Satie den Auftrag von der Modezeitschrift „Gazette du Bon Ton“, ein Werk zu schaffen, das sportliche Aktivitäten aufgreift und klanglich umspielt. Nicht nur Tennis war von der Partie, sondern auch Pferderennen, Segeln, Golfen und Jagen, es ging eben um die Variationen von Bewegungen, besonders aber um den Tennissport, der zu einer Persiflage geriet, denn Tennis war etwas zum Dazugehören der Snobs und der Uper-Claas, die im „weißen Sport“ ihrer gesellschaftlichen Stellung Ausdruck geben wollten. Der Illustrator Charles Martin zeichnete und brachte seine Bilder zusammen mit der Partitur in die Auftrag gebende Modezeitschrift: ein Gesamtkunstwerk mit Ironie war entstanden, dem der Wettkampfcharakter auf der Bühne durch flotte Sprüche wie „Was für schöne Beine er hat, was für eine schöne Nase“ genommen werden sollte.
Der US-amerikanische Komponist und Dirigent erster Güte, Leonard Bernstein ging andere Wege in seinem „Konzert für Orchester“. Der zweiter Satz ist fast schon „Tennis live“.
Er heißt: Gemischte Doppel, in dem ein Thema siebenfach variiert wird. Es wird zunächst von der Streichergruppe vorgestellt und dann in den Mixed Doubles verarbeitet, und zwar in immer unterschiedlichen Paarungen: Flöte/Horn, Trompete/Kontrabass, Klarinette/Posaune bis zu Oboe/Fagott. Die Coda übernimmt dann das Doppel Viola/Violoncello. In der Tat: Mixed-Paarungen, die sich nur ein genialer Künstler ausdenken kann, Klassisch-Orchesterliches und Jazziges mischend. Und am Schluss des ganzen Werkes ein Segensspruch in hebräischer Sprache, der wieder ausatmen lässt. So sollte es sein. Der Friede nach dem Fight.
Lange lebte der argentinische Komponist Mauricio Kagel in Köln und schuf 1964 ein Stück, das einem realen Tennismatch besonders nahekam. Match heißt es denn auch und ist eine Komposition für zwei Celli und Schlagzeug: die Cellisten stehen für die Spieler auf dem Platz, der Schlagzeuger in der Mitte als Schiedsrichter, die Musiker in weißem Sportdress. Die Musikwissenschaft befand, dies sei ein „De-komponieren“ ,welches das Szenische einbeziehe und die tatsächlichen Sportveranstaltungen hinterfrage bzw. ironisiere.

Die Musik sucht oft die Verbindung, ja das Inkorporieren der Werke der Literatur. Die immense Fülle an Gedicht-Vertonungen und alle Opern stehen dafür. Eine Tennis-Oper gibt es (noch) nicht, aber viele Autorinnen und Autoren haben sich dem Faszinosum des Tennisspiels zu gewandt. Die Erzählung „Die Tennisspieler“ des schwedischen Romanciers Lars Gustafsson steht dafür ebenso wie Bücher von Dana Grigorcea, die aus Rumänien stammt und in der Schweiz lebt („Die nicht sterben“) und des US-Autors David Foster Wallace („Infinite Jest – Unendlicher Spaß“). Der Ballwechsel kann zum Plot werden. Wer die Matches von Alexander Zverev, Roger Federer oder Novak Djokovic gesehen hat, oft über fünf Sätzen und bis zu sechs Stunden, erlebte ganze Epen vom Gelingen, Verzweifeln, von Wut und Glück, Können und Versagen: das sind alles Lebens-Romane, die wir deshalb mit so großer Spannung verfolgen, weil wir uns – besonders wenn man selbst Tennis spielt – in ihnen spiegeln. Diese Unmittelbarkeit macht das Tennis aus.
Und das Violine-Spiel einer so grandiosen Künstlerin wie Anne Sophie Mutter nimmt uns ebenso mit, spricht zu uns.
Denn alle Kunst kommt von Können. Ein vielleicht imperialer Satz, Schönberg meinte ja eher: Kunst kommt vom Müssen. Aber dieses Müssen muss sich mit dem Können verbinden, sonst gibt es keine Kunst. Nur wer Willen und Müssen zu einer bestimmten Leistung aktivieren kann – ob im Sport, in der Kunst und so auch in der Musik – hat, kann zu einem Könner reifen.
Leistung öffnet Horizonte. Diese zu überschreiten ist der Wunsch aller, die spielen.
Siehe auch:
Matthias Buth: Tennis ist mehr
Erstellungsdatum: 08.04.2026