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Rapport zu französischen Muslimen

Über dem Gesetz?

Jutta Roitsch


Eingangsportal der großen Moschee, Région Île-de-France, Frankreich. Foto: Zairon. wikimedia commons

Findet Integration nicht statt, können sich Parallelgesellschaften bilden; und der Wunsch nach sichtbarer Identität wird gegen die Gesetze gewendet, deren Einhaltung ein friedliches Zusammenleben sichern soll. Das zeichnet sich unter jungen Muslimen in Frankreich ab, die, um respektiert zu werden, die Gesetze nicht respektieren. Nach der jüngsten Erhebung des französischen Instituts der öffentlichen Meinung (IFOP) sympathisiert ein Drittel mit dem radikalen Islamismus. Jutta Roitsch berichtet.

 

Eigentlich ist sich die Meinungsforschung in Deutschland und Frankreich einig: In beiden Gesellschaften schwinden die religiösen Bindungen, verliert das einst prägende Christentum im täglichen Leben der Menschen an Bedeutung. Nur noch fünf Prozent der rund 20 Millionen Katholiken oder der rund 18 Millionen Protestanten in Deutschland nennen sich nach offiziellen Statistiken der Kirchen selbst „religiöse“ und praktizierende Christen (häufig gemessen an der Beteiligung an Gottesdiensten). In Frankreich geben noch 43 Prozent der Bevölkerung an, katholisch zu sein, wenn auch kaum praktizierend. „Ohne Religion“ seien 37, 5 Prozent, teilten Forscher des französischen Instituts der öffentlichen Meinung (IFOP) kürzlich mit. Umso heftiger fielen die Reaktionen aus, als IFOP, das älteste und anerkannteste derartige Institut in Frankreich, Ende November einen 60seitigen „Rapport“ zum Islam und Islamismus unter französischen Muslimen veröffentlichte und für jedermann nachlesbar in aller Ausführlichkeit ins Netz stellte.

Der Rapport stellte nicht nur nüchtern fest, dass der Islam inzwischen mit sieben Prozent (das betrifft rund fünf Millionen Französinnen und Franzosen) zweitstärkste Religion im Land sei. Für eine breite, seit Wochen anhaltende Debatte sorgte vielmehr ein anderes Ergebnis der Befragung: Vor allem unter 15- bis 24jährigen französischen Musliminnen und Muslimen habe sich eine „Re-Islamisierung“ verfestigt. Unter dieser jungen Generation herrsche eine wachsende Sympathie für den politischen Islamismus und eine religiöse Radikalität, die Allahs Gesetze über die republikanischen Werte von Gleichheit und Laizität stellt: 87 Prozent nennen sich selbst „religiös“, 30 Prozent „extrem“ oder „sehr“ religiös.

Was aber bedeutet „religiös“ oder „extrem religiös“ für das tägliche Leben dieser jungen Menschen in der öffentlichen, der Laizität verpflichteten Schule, in der seit 2003 das Tragen sichtbarer religiöser Zeichen verboten ist? Was bedeutet eine betonte Religiosität, wenn ein Kopftuch wie ein langer, schwarzer Übermantel (Abayah) vor den Schultüren ausgezogen werden muss oder das Essen in den staatlichen Kantinen nicht den Halal-Vorschriften entspricht? Wie verhalten sich diese jungen Musliminnen und Muslime gegenüber anderen Menschen: Wen begrüßen sie, wem geben sie das in Frankreich so übliche „bise“, das gehauchte Küsschen rechts und links auf die Wangen?

Wachsende Rigorosität unter jungen Leuten

Die Antworten auf alle diese Fragen haben die IFOP-Forscher selbst überrascht, nicht nur, weil sie bei den Jungen so klar abgrenzend gegenüber französischen Sitten und Gebräuchen ausfielen, sondern weil sie sich auch deutlich von den Einstellungen und Verhaltensweisen ihrer Eltern und Großeltern unterschieden. Jede zweite Muslima zwischen 18 und 24 trägt heute nach dieser Selbstauskunft Kopftuch (45 Prozent), unter ihren Müttern, Tanten und Großmüttern verhüllt nicht einmal jede fünfte grundsätzlich ihre Haare. Für 38 Prozent der befragten jungen Frauen ist das Kopftuch ein Zeichen von Selbstbewusstsein: Sie wollten die Zugehörigkeit zu ihrer Religion in aller Öffentlichkeit zeigen, sagten sie den Forschern. Abstand halten alle Befragten zu den französischen Sitten des Händeschüttelns, der Wangenküsschen, des gemeinsamen Schwimmens von Jungen und Mädchen im Sportunterricht.

Die wachsende Rigorosität unter den Jungen hat, so fanden die Forscher heraus, nicht nur unmittelbare Auswirkungen auf das Leben und die Konflikte in der öffentlichen Schule (dazu gibt es inzwischen zahlreiche Bücher und Studien), sondern auch auf die Familien und die Community insgesamt. Für 65 Prozent der befragten Muslime liegt die „Wahrheit“ in ihrer Religion und nicht bei der Wissenschaft, stehen die Regeln des Islam (zum Erbrecht zum Beispiel) über den Gesetzen und Werten des französischen Staates. Nahezu jeder zweite Muslim ist der Auffassung, dass islamisches Recht in den Ländern, in denen sie leben, gelten sollte, also auch in Frankreich.

Weiter stellten die IFOP-Forscher fest, dass sich in den letzten vierzig Jahren unter den muslimischen Französinnen und Franzosen islamistische und fundamentalistische Positionen verbreitet haben: Jeder dritte äußert heute Sympathien für radikale islamistische Bewegungen, 24 Prozent für die fundamentalistischen Muslimbrüder. Die Idee einer Modernisierung des Islam in europäischen Ländern wie Frankreich (oder Deutschland), immer wieder angemahnt von liberalen Islamwissenschaftlern, wird in dieser Befragung massiv zurückgewiesen: „Nur 21 Prozent der französischen Muslime wünschen, dass sich 2025 der Islam modernisiere“, so IFOP und verweist auf eine Befragung aus dem Jahr 1998, in dem sich jeder zweite muslimische Franzose für eine Modernisierung ausgesprochen habe.

Vorwurf gezielter Einseitigkeit

So überrascht die erfahrenen Forscherinnen und Forscher von ihren Ergebnissen waren, so unvorbereitet traf sie die öffentliche Reaktion in Frankreich (und darüber hinaus auch in Deutschland). „Islamophob“ und tendenziös seien die Fragen, diskriminierend für die junge Generation der Muslime in Frankreich, hieß es in Kommentaren und Meinungsbeiträgen der vielfältigsten Art. Bezweifelt wurde die Repräsentativität der Umfrage, denn keine offizielle Institution dürfe in Frankreich nach der Religionszugehörigkeit fragen: Wie also sind die Meinungsforscher an ihre Musliminnen und Muslime gekommen? Der Vorwurf der gezielten Einseitigkeit wurde erhoben, die den Separatismus befördere und die Laizität instrumentalisiere zur Disziplinierung, vor allem der jungen Generation. Die linksextreme Partei „Insoumis“ (Unbeugsame) kündigte Klagen gegen das Institut an, Abgeordnete dieser Partei des Jean-Luc Mélenchon starteten eine öffentliche Rufmordkampagne gegen IFOP.

Die Wissenschaftler Charles Mercier und Philippe Portier rührten an ein Tabu, denn sie lasen aus dem Rapport, dass sich junge Muslime ein liberales Modell nicht des Islams, sondern der Laizität wünschten (Le Monde vom 30. November/1. Dezember), das heißt ein Modell, das auf die grundsätzliche Trennung von Staat und Kirche (ein Gesetz aus dem Jahr 1905) und Verbote verzichte, um damit der religiös bekennenden jungen Generation entgegenzukommen. Die emeritierte Migrationsforscherin Françoise Lorcerie warf der Meinungsforschung allgemein vor, Frankreichs Muslime wie „innere Feinde“ zu behandeln (Le Monde vom 4./5. Januar).

Die linksliberale Zeitung Le Monde schließlich spürte in einer Recherche den Auftraggebern der Umfrage nach (am 2. Dezember): „Écran de veille“, eine Revue, die zur Verlags- und Mediengruppe Global Watch Analysis (GWA) gehört, die insgesamt wenig transparent ist, aber nicht nur persönliche Beziehungen zu den Vereinigten Arabischen Emiraten hat. Zentrales Thema der Publikationen dieser Gruppe seien Islamismus, die Muslimbrüder und „der Fanatismus in allen seinen Formen“. Seit drei Jahren, so berichtete Le Monde, häuften sich die Aufträge dieser Gruppe an IFOP. Und alle drehten sich um die Religion und die Laizität. Damit standen Verdächtigungen gegenüber den Meinungsforschern im Raum, die sich mit dem Hinweis auf ihre umfangreiche Studie im Netz nur verhalten wehrten, allerdings auf die Klagedrohungen der „Insoumis“ mit Gegenklagen reagierten.


Der ehemalige Sitz von Charlie Hebdo in der Rue Nicolas Appert 6. Foto: Jutta Roitsch

 

Es war schließlich die religionskritische Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo, die die Angriffe gegen IFOP zurückwies und Maßstäbe geraderückte. Jean-Loup Adénor ließ für die Redaktion nicht nur den Direktor des Rapports, François Kraus, zu Wort kommen, sondern verwies auch auf die unbestrittene Erfahrung des Instituts bei diesen Themen (am 3. Dezember): Erst im September habe die „Grande Mosquée“ von Paris bei IFOP eine Umfrage zur Diskriminierung von Muslimen in Auftrag gegeben. Mit dem Katalog der Fragen, so François Kraus seinerseits, arbeite das Institut seit vierzig Jahren, im Auftrag der Medien (so auch Le Monde) wie auch der linken Jean-Jaurès-Stiftung. Bis jetzt habe sich darüber niemand aufgeregt, so Kraus.

„Die Jungen sagen, dass sie permanent stigmatisiert würden“

Im Gegenteil: Breit zitiert und international wissenschaftlich ausgewertet wurde eine methodisch wie inhaltlich vergleichbare IFOP-Umfrage aus dem Jahr 2020: Auftraggeber war Charlie Hebdo. Kurz vor den Prozessen gegen die Mörder ihrer Redakteure wollte die Zeitschrift wissen, wie die muslimischen Französinnen und Franzosen zu den Werten von Laizität, Gleichheit und Freiheit stehen, aber auch zur eigenen Religiosität und zum politischen Islamismus, der ihren Kollegen das Leben gekostet hatte. Wenig Hinweise lieferte diese Umfrage für eine Radikalisierung, vielleicht auch fielen angesichts der islamistischen Terror-Anschläge bei Charlie Hebdo oder im Konzertsaal „Bataclan“ fünf Jahre zuvor die Antworten damals besonders vorsichtig aus. Fünf Jahre später jedoch haben sich die Einstellungen so deutlich verschoben, dass der Chefredakteur Riss ((Laurent Sourisseau) für Charlie Hebdo im Leitartikel vom „Islamisme made in France“ schreibt (19. November, einen Tag nach der Veröffentlichung der Umfrage), der kein marginales Phänomen mehr sei. Riss und seine Kollegen räumten ihre Ratlosigkeit ein, aber sie wollten verstehen, was sich in den Köpfen der Jungen verändert hat.


Grande Mosquée de Paris – Minaret. Foto: Madorielaoshi. Wikipedia

 

Und so wandte sich die Redaktion an diejenigen, die am ehesten Kontakt zu dieser Gruppe hat: Sie befragte den Rektor der Großen Moschee in Paris, Chems-Eddine Hafiz, den einflussreichen Imam von Bordeaux, Tareq Oubou, und Nassurdine Haidari, ebenso einflussreicher Imam und Ausbilder künftiger Imame in Marseille. „Die Jungen sagen mir“, antwortet Rektor Hafiz, „dass sie permanent stigmatisiert würden.“ Notwendig sei, sie als Französinnen und Franzosen gesellschaftlich anzuerkennen, mit gleichen Rechten und Pflichten. Für den Imam aus Marseille geht es den Frauen und Männern um öffentliche Sichtbarkeit und eigene, von der Mehrheitsgesellschaft abgegrenzte Identität: „Die heutigen Jungen sind nicht mehr auf der gleichen Suche nach Integration wie ihre Eltern und Großeltern“, antwortete Haidari, eher besorgt über diese demonstrative Ausgrenzung mit einer „fantasierten Vorstellung von muslimischer Identität“ und einem selbstgebastelten Islam, für den er den Begriff „McDonaldisierung“ prägte.

Dass sich 32 Prozent der Jungen zu den fundamentalistischen Muslimbruderschaften hingezogen fühlten, hat ihn überrascht: „Wissen die Jungen überhaupt, wer und was die Muslimbrüder sind?“ Diese Frage stellte sich auch Imam Tareq Oubrou, selbst ehemaliger Muslimbruder. In der betonten Religiosität erkennt er keine neue spirituelle Orientierung, sondern eine massenhafte Modeerscheinung, befördert durch Tik Tok oder fragwürdige Propaganda im Internet. Vor allem die jungen Mädchen zeigten mit dem Kopftuch, dass sie anders, etwas Besonderes seien: „Es ist der Schleier, der entschleiert“, sagte er. „Mit Keuschheit hat das nichts zu tun.“ Was wohl junge Muslima in Bordeaux zu diesen abschätzigen Bemerkungen des Imams sagen würden? Vermutlich weiß er, dass sie nie und nimmer Charlie Hebdo lesen würden.

Aus- und abgrenzende Identitätssuche

Aber welche Auswege bieten die drei einflussreichen Imame an? Nassurdine Haidari nimmt die Gemeinden in die Pflicht und beklagt Defizite in der Bildungsarbeit. Ihre Aufgabe sei es, die diffusen Islambilder des Internets zurecht zu rücken und den Jungen einen Islam zu lehren, „der kompatibel mit der Republik ist“. An eine Säkularisierung des Islam glaubt auch Tareq Oubrou trotz der gegenwärtigen „Momente der Erregung“. Ein frommer Wunsch?

 

Voller Erregung gegen die Umfrage eingestiegen ist in Deutschland vor allem eine Organisation: Milli Görüs (auf Deutsch „Nationale Sicht“), die türkische Variante des islamischen Fundamentalismus. Ihr Generalsekretär Ali Mete warnte „vor der fortschreitenden Kriminalisierung von Musliminnen und Muslimen in Frankreich“ (Quelle: islamiq.de vom 24. November). Er warf IFOP vor, „gefährlich einseitig“ zu sein und „Vorurteile als Fakten zu verkaufen“. In einem politischen Klima, „das ohnehin durch Debatten über Migration und Sicherheit aufgeladen ist“, bestehe durch solche Studien die Gefahr, als „Angstinstrument“ missbraucht zu werden, unterstrich Mete. Die Botschaft von Milli Görüs ist durchsichtig, aber ziemlich klar: Deutsche Meinungsforscher, Soziologinnen und Soziologen, lasst die Finger von solchen Umfragen unter den rund fünf Millionen Musliminnen und Muslimen in Deutschland.

Sie aber wären angesagt, denn Lehrerinnen, Sozialarbeiter, Jugendforscher oder eine Integrationsbeauftragte wie die Neuköllnerin Güner Yasemin Balci, die mit der jungen muslimischen Generation hierzulande zu tun haben und ihnen täglich in der Schule, im Job, in der Ausbildung (so sie überhaupt eine anstreben) begegnen, bestätigen die aus- und abgrenzende Identitätssuche unter diesen Jugendlichen. In ihrem vor wenigen Monaten erschienenen Buch „Heimatland“ beschreibt Balci sehr eindringlich, dass sich unter der jungen migrantischen Generation etwas verschoben habe: Mehr Kopftücher, mehr Verhüllung, mehr islamische Sitten und Gebräuche, weniger Integration in die deutsche Gesellschaft. Genaueres zu wissen, wäre hilfreich.

Es ist mehr als fünfzehn Jahre her, dass über „Lebenswelten junger Muslime in Deutschland“ umfassend geforscht wurde. Damals gab ein gewisser Thilo Sarrazin mit seinem Empörungsbuch „Deutschland schafft sich ab“ den Anstoß. Auftraggeber für die über 700seitige Lebenswelten-Studie war das Bundesinnenministerium. Und schon 2010 bemerkte das Forschungsteam aus Jena, Bremen, Weimar und Linz unter der nachwachsenden Generation eine „ausgeprägte muslimische Identität“ (Seite 604 im Abschlussbericht). Was aus ihr geworden ist und was sie im alltäglichen Leben bedeutet, sollte auch hier zu Lande die Gesellschaft interessieren. Unabhängig davon, ob das Milli Görüs gefällt oder nicht.

 

 

Zuerst veröffentlicht in den „bruchstücken“

Güner Yasemin Balci
Heimatland
320 S., geb.
ISBN: 978-3-8270-1525-9
Piper/Berlin Verlag, Berlin 2025
 
 
 
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Erstellungsdatum: 31.01.2026