MENU

Auch in den Medien stoßen Betriebspolitik und inhaltliche Erfordernisse oft unsanft aufeinander, etwa wenn eine Zeitung, die für Freiheit und Selbstbestimmung steht, ihren Mitarbeitern, die dem Blatt diesen Ruf erworben haben, eben das nicht zugesteht. Wenn hierarchische Abhängigkeiten und rücksichtslose Machtausübung die Glaubwürdigkeit im Innern zerstört, verfällt ihr Wert in der Öffentlichkeit. Thomas Rothschild hat den Fall des kürzlich verstorbenen Journalisten Ruprecht Skasa-Weiß aufgegriffen, dessen „Weihnachtsrätsel“ verboten wurde.
Am 20. August erschien auf der Website eines der dafür zuständigen Dienstleister die folgende Todesanzeige:

Wer auch nur eine blasse Erinnerung hat an Ruprecht Skasa-Weiß und die Stuttgarter Zeitungsgeschichte, hält den Atem an. Kein Wort, keine Andeutung über jenen Vorfall, der vor bald neun Jahren zur schmählichen Trennung des bekannten Journalisten und der Stuttgarter Zeitung geführt hat. Auch im Nachruf des amtierenden Ressorteiters Kultur – früher nannte man so jemanden Feuilletonchef – findet der Eklat keine Erwähnung.
Zu den Aufgaben von Skasa-Weiß gehörte die alljährliche Erstellung und Auflösung eines „Weihnachtsrätsels“, das viel mehr war als die üblichen Exemplare der Gattung. Es war eine raumgreifende, witzig formulierte journalistische Meisterleistung, die weit über den Stuttgarter Raum hinaus beliebt war. Ihre Besonderheit: Das Rätsel umkreiste jeweils ein Thema in seinen diversen Aspekten. Im Jahr 2017 sollte das der Furz sein, auf vornehm deutsch die Blähung, noch vornehmer der Flatus. Alfred Limbach hat ihm ein ganzes von dem Starkarikaturisten Tomi Ungerer illustriertes Buch gewidmet. Er blieb nicht der Einzige, der dieser menschlichen Äußerungsform Reverenz erwiesen hat. Wer diese Großzügigkeit nicht teilte, war der Chefredakteur der Stuttgarter Zeitung, dessen historische Bedeutung darin liegt, eine einst renommierte überregionale Zeitung abgewickelt zu haben. Er verdient einen Platz auf dem Podest neben den Managern des Süddeutschen Rundfunks seligen Gedenkens und von Stuttgart 21. Im begründeten Bewusstsein, dass Menschen seiner Klasse für ihre Misswirtschaft nicht mit Knast, sondern mit mehrstelligen Gehältern und Abfindungen entlohnt werden, verbot er kurzerhand die Veröffentlichung des anrüchigen Weihnachtsrätsels. Skasa-Weiß musst’ es eben leiden. Von solidarischen Protesten seiner Kolleginnen und Kollegen war nichts zu vernehmen. Das beredte Schweigen hat Skasa-Weiß überlebt, bis in die Todesanzeigen, wie gesagt.
Ruprecht Skasa-Weiß, Jahrgang 1936 und seit 1963 bei der Stuttgarter Zeitung, war der letzte Überlebende aus der Riege profilierter Kulturjournalisten, denen die Stuttgarter Zeitung (im Gegensatz zu den Stuttgarter Nachrichten, von denen sie feindlich übernommen wurde, um schließlich nach Ulm auszuwandern) ihr Ansehen neben der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Süddeutschen Zeitung, der Frankfurter Rundschau und sogar Springers Welt verdankte. Skasa-Weiß war nicht, wie es die Regel ist, ein Spartenjournalist, sondern ein Allrounder. Seine Vielseitigkeit prädestinierte ihn zum Gestalter der Wochenendbeilage „Die Brücke zur Welt“, von deren intellektuellem Niveau sich jüngere Leser kaum eine Vorstellung machen können. Hier konkurrierte man noch mit der ZEIT, nicht mit Bravo und Hörzu.
Einen Schwerpunkt fand Skasa-Weiß über Jahre hinweg auf dem Gebiet des Kabaretts. Das hatte damals noch einen anderen Anspruch als die Comedy, die seinen Platz weitgehend eingenommen hat. Und doch gelang es Skasa-Weiß immer wieder, das Dargebotene mit seinen Besprechungen an Esprit und Pointenreichtum zu übertreffen. Denn Skasa-Weiß war noch ein Journalist, für den die Sprache, auch der Sprachwitz, keine Nebensächlichkeit, sondern Wesensmerkmal feuilletonistischen Schreibens waren. Daraus entwickelte sich fast zwingend die sprachkritische Kolumne „5 Minuten Deutsch“ in der fast schon anachronistischen Tradition von Karl Korn, mit dessen politischer Position Skasa-Weiß allerdings nichts gemeinsam hatte.
Den meisten Zeitungslesern dürfte Ruprecht Skasa-Weiß als Filmkritiker in Erinnerung sein. Die Sparte übernahm er ziemlich spät. Er gehörte nicht zu den mit filmtheoretischem und -historischem Wissen glänzenden Konkurrenten jener Jahre wie Wolfram Schütte, Wolf Donner, Hans-Christoph Blumenberg, Peter Buchka, Michael Althen, Andreas Kilb, Enno Patalas oder Frieda Grafe. Skasa-Weiß war auch als Filmkritiker eher ein sprachgewandter Feuilletonist. Da der Furz noch nicht zur Diskussion stand, gab es keinen größeren Ärger. Dass die damals noch liquide Zeitung ihrem Ausnahmejournalisten mit offenem Herzen entgegengekommen wäre, kann man allerdings nicht behaupten. Um von den Filmfestspielen in Cannes berichten zu können, musste sich Skasa-Weiß ein preiswertes Zimmer außerhalb von Cannes suchen. Für ein Hotel am Ort reichten die Spesen nicht. Immerhin: Heute leistet sich die Stuttgarter Zeitung schon lange keine eigenen Korrespondenten von größeren und kleineren Festivals.
Aber das ist nicht mehr die Geschichte von Skasa-Weiß. Geblieben ist ein Furz, der Gestank hinterlässt. Und eine Nachkommenschaft, die sich darin einrichtet.
Erstellungsdatum: 27.08.2026