MenuMENU

zurück

Stuttgart 21 und die Juden

Über guten Willen ohne Folgen

Thomas Rothschild


Stuttgart 21 (2023). Foto: Alexander-93. wikimedia commons

Wir können uns noch an die Demonstrationen gegen die Pershing-Raketen erinnern, an den Widerstand gegen die Startbahn West und viele andere Bürgerinitiativen und Proteste, die – wie die jährlichen Friedensaufrufe des Papstes – gar nichts bewirkt haben. Und wenn Thomas Rothschild waghalsig vom Widerstand gegen Stuttgart 21 zur Aufklärung über den Antisemitismus springt, dann deshalb, weil beide Anstrengungen vergeblich waren. Die Gründe dafür sind, wie Thomas Rothschild schreibt, durchaus unterschiedlich.

 

In seinem Stück „Die Mutter“ lässt Bertolt Brecht seine von Maxim Gorkij entlehnte Pelagea Wlassowa sagen: „Zorn und Unzufriedenheit allein genügen nicht, so etwas muss praktische Folgen haben.“ Der Satz lässt sich abwandeln: „Goodwill und Moralität allein genügen nicht, so etwas muss praktische Folgen haben.“

Die Welt wird nicht besser, wenn die Bemühungen, dazu beizutragen, an den Absichten gemessen wird und nicht an deren Wirkung. Besonders skeptisch sollte man sein, wo der „gute Wille“ die Grundlage liefert für die materielle oder zumindest die sozial honorierte Existenz oder anderen Interessen dient, auch wenn die Nutznießer sich meist mit Erfolg einzureden in der Lage sind, dass sie selbstlos handeln und ihnen dafür Anerkennung und Lob zustehen.

An zwei Beispielen soll demonstriert werden, dass und wie politische Aktionen mehr zum guten Selbstgefühl derer beitragen, die sie fördern, als zur Veränderung der kritisierten Zustände. Sie verleihen ihren Protagonisten die Illusion moralischer Überlegenheit, beweisen aber, nüchtern betrachtet, ihre Überflüssigkeit. Sie haben keine praktischen Folgen. Die Rede ist von einem guten Teil der Bürgerinitiativen und vom Kampf gegen den Antisemitismus.

Stuttgart 21 machte in ganz Deutschland und auch im Ausland Schlagzeilen. Der Widerstand gegen ein regionales Projekt erregte weit über die Region hinaus Aufsehen. Der starke Zulauf, den er in kürzester Zeit erfuhr, machte ihn zum Modellfall einer Bürgerbewegung. In Stuttgart selbst wurden Menschen aus allen sozialen Schichten, Prominente und Namenlose, von einer Euphorie erfasst, wie man sie lange nicht erlebt hatte. Wer bei den wöchentlichen Demonstrationen auf die Straße ging, empfand sich als Teil einer Massenbewegung. Das hatte keinen üblen Beigeschmack. Es ging ja nicht um den totalen Krieg, sondern um die Verhinderung eines sinnlosen, nur für Spekulanten profitablen Bahnprojekts.

Mittlerweile ist bekannt, dass die immer wieder verschobene Fertigstellung des für 2021 avisierten Vorhabens nicht vor den 2030er Jahren zu erwarten ist und ein Vielfaches der ursprünglich angekündigten Beträge kosten wird. Elbphilharmonie und Flughafen Berlin verloren ihren Schrecken. Alle Voraussagen der Bürgerbewegung haben sich bewahrheitet. Aber ernste Konsequenzen wurden nicht gezogen. Projektleiter wurden ausgewechselt. Aber da es keine persönliche Haftung gibt, können die sich ins Fäustchen lachen. Die „Niederlage“ ist leicht zu verkraften, wo der Steuerzahler die Kosten trägt und Verantwortung ein Fremdwort bleibt. Die Wahrheit ist: Jeder Widerstand ist für die Katz, wo so gewaltige wirtschaftliche Interessen im Spiel sind, so große Gewinne und Vorteile auf dem Spiel stehen. Das Spiel ist bitterer Ernst, und die Gegner von Stuttgart 21 hatten darin von Anfang an keine Chance.

Und so ist Stuttgart 21 nicht, wie sich manche immer noch, entgegen jeder realen Erfahrung, einreden, ein Zeugnis für Bürgerinitiativen, sondern für deren Wirkungslosigkeit. Unterm Strich bedeutet „Stuttgart 21“ als Kürzel für den Widerstand viel vergeudete Energie und Lebenszeit, Frustration und Resignation. Die Absicht war edel und wird es in der Erinnerung der Beteiligten bleiben, der gute Wille war reichlich vorhanden und verdient Respekt, nicht Spott, aber die Wirkung war, wie man heute bündig sagt: null.

Was hat Stuttgart 21 mit dem Antisemitismus zu tun? Absolut nichts. Gemeinsam ist den beiden nur, dass ihre Bekämpfung folgenlos geblieben ist und dass sich die Kämpfer dabei unbelehrbar in die Tasche lügen.

In regelmäßigen Abständen, und verstärkt nach spektakulären antisemitischen Aktionen, werden Statistiken erstellt über die Verbreitung antisemitischer Vorurteile. Es gibt aber kaum eine Untersuchung, wie viele überzeugte Antisemiten durch Lektionen und wohlmeinende Appelle oder gar durch Drohungen und Beschimpfungen ihre Ansichten geändert haben. Vermutlich wollen die professionellen Antisemitismusbeauftragten das auch gar nicht so genau wissen. Denn alles spricht dafür, dass ihre Rhetorik absolut nichts bewirkt haben. Sogar die Ausflüge ganzer Schulklassen nach Auschwitz dürften kaum eine anhaltende Wirkung zeigen. Die Vermeidung von kognitiver Dissonanz und Sekundärrationalisierung tun, was Soziologen längst nachgewiesen haben, und bewirken, dass sich gerade gestandene Antisemiten – und das sind heute kaum noch „alte Nazis“ –durch die Ausführungen der Mahner vom Dienst eher bestätigt als belehrt fühlen.

Sind es bei Stuttgart 21 vor allem ökonomische Interessen, die den Widerstand um seine Wirkung brachten, ist es beim Antisemitismus, jedenfalls in unserer Gegenwart, eine Besonderheit, die ihm das Fortbestehen und seinen Gegnern die Wirkungslosigkeit garantiert: Er eignet sich, ob in seiner religiösen oder seiner säkularen Variante, vorzüglich zur Schuldzuweisung für alle Missstände und individuellen oder gesellschaftlichen Unrechtserfahrungen. Der Jude war stets und blieb der ideale Sündenbock. „Der Jud ist schuld“ bedarf keiner Begründung. Es entspricht einem überlieferten Konsens, den viele Menschen ererbt haben und den Demagogen unterschiedlicher Couleur immer wieder zu nützen verstanden. Dagegen kommt jede Aufklärung ebenso wenig an wie gegen den Hexenglauben oder gegen die Hoffnung auf einen Lotteriegewinn. Das schmerzt niemanden mehr als die Aufklärer selbst, aber wenn sie einmal auf ihr Leben zurückblicken, müssen sie zugeben: Zorn und Unzufriedenheit haben selten praktische Folgen gehabt, und wenn doch, wie etwa bei der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung oder, ein paar Nummern kleiner, bei der deutschen Hochschulreform der 68er Jahre, nur eingeschränkt und mit wiederholten Rückschlägen.

Wer Juden in aller Welt, also auch in Deutschland, vor Angriffen und Diskriminierung schützen will, muss das mit dem gleichen Eifer tun, mit dem in den vergangenen Jahren Frauen vor gewalttätigen Männern geschützt werden, statt auf sie einzureden, in der Erwartung, sie hätten nichts dagegen, wenn ihre Töchter einen Juden heiraten, sobald sie zum Gazakrieg schwiegen. Ist die Annahme realistisch, der Antisemitismus, der 2000 Jahre überlebt hat, ließe sich plötzlich beseitigen durch „Zorn und Unzufriedenheit“, durch die blöde Floskel „es kann nicht sein, dass...“, wo es doch ist? Wer Wirkung will und nicht nur guten Willen, sollte sich damit abfinden, dass man mit einem Bodensatz an Antisemiten leben muss wie mit Alkoholikern, und dass es produktiver ist, Juden vor Übergriffen zu schützen, als jene bessern zu wollen. Dazu gehört allerdings auch das Eingeständnis: So wenig die Juden selbst schuld sind am ewigen Antisemitismus, so sehr hat die gegenwärtige Politik Israels ihren Anteil an dessen aktueller Zunahme, wie Putin dafür verantwortlich ist, dass beim Stichwort „Russen“ mehr und mehr eher an Krieg gedacht wird als an Tolstois Krieg und Frieden. Und das umso penetranter, je stärker Juden in der Diaspora meinen, für Israel, komme was da wolle, Partei ergreifen zu müssen wie verbohrte Amerikaner für Donald Trump. Nationalismus, der sich hinter Vaterlandsliebe oder Zuneigung für „die eigenen Leut’“ verbirgt, ist ekelhaft. Immer und überall. Wer das leugnet, ob Jude oder Philosemit mit viel gutem Willen, erweist den tatsächlich Gefährdeten einen schlechten Dienst.

Denn so viel lässt sich den Kommentaren und Leserbriefen in den Medien entnehmen: Die Gräuel im Gazastreifen erregen die Öffentlichkeit mehr als ein Hakenkreuz auf einer deutschen Synagoge. Und das Argument der Dimension, das ins Feld geführt wird, wenn es um die Einmaligkeit des Holocaust geht, greift auch hier. Aber der Antisemitismus hierzulande hat ältere Wurzeln als den Nahostkonflikt, und es bedurfte keines Netanjahu, um Hitler an die Macht zu bringen. Mag sein, dass die Sympathie mit den Palästinensern bei manchen auf ihrem Antisemitismus beruht und sie die Palästinenser keineswegs begrüßten, wenn sie um Asyl in Deutschland ansuchten. Mit Sicherheit aber gibt es auch zahlreiche Menschen, darunter jede Menge Juden, die für die Menschen in Gaza jenes Mitgefühl zeigen, das sie verdienen. Wer wie und warum reagiert, ist nicht immer auszumachen. Dem kann man nicht begegnen, indem man vom 7. Oktober 2023 spricht, als hätte mit ihm die Geschichte erst begonnen, und über Sabra und Schatila und Balfour, aber auch über die Massenmorde an und Massenvertreibungen von Juden im Rahmen der Christianisierung, an denen die Hamas keinen Anteil hatte, schweigt. Wahrscheinlich hätten auch zusätzliche Unterrichtseinheiten im Lehrplan keine durchschlagende Wirkung. Aber sie wären doch sinnvoller als die larmoyante Versicherung: „Es kann nicht sein, dass sich in Deutschland ein Junge mit einer Kippa nicht auf die Straße traut.“

Und Stuttgart 21? Die Stimmen bei der baden-württembergischen Landtagswahl waren noch nicht ausgezählt, da verkündete Cem Özdemir, er wolle nicht Ministerpräsident der Grünen sein. Sein Lieblingswort ist „Landeswohl“. Cem Özdemir also auch Ministerpräsident der rund doppelt so vielen Wähler, die für die AfD votiert haben statt für SPD und Linke zusammen? Heute reicht ihm eine Distanzierung vom Vorgänger des heiligen Kretschmann – richtig, Stefan Mappus war sein Name –, der mit Wasserwerfern gegen die Stuttgart 21-Demonstranten vorgehen ließ. So viel zur Wirkung einer Bürgerinitiative, zu der man Cem Özdemir vor nicht allzu langer Zeit gerechnet hat. Die „bürgerliche Mitte“ hat gesiegt. Auf der Strecke geblieben ist die Bürgerbewegung. Das zählt. Leider. Zugespitzt könnte man sagen: die Grünen, unter ihnen nicht wenige, die einst in K-Gruppen aktiv waren, jubeln. Während Zorn und Unzufriedenheit der AfD überlassen werden. Nein, das ist nicht so sehr sarkastisch wie beängstigend. Was, wenn sie diesmal praktische Folgen haben?

Erstellungsdatum: 13.03.2026