MENU

Das italienische Wortspiel tradurre=tradire unterstellt, dass, wer übersetzt, zum Verräter wird. Tatsächlich irrt, wer denkt, eine Sprache ließe sich adäquat in eine andere übertragen. Spätestens, wenn es um literarisches Übersetzen geht, gar um poetisches, werden die Differenzen unausweichlich. Das Verstehen, das Eldad Stobezki nicht nur in seinen Aufzeichnungen anstrebt, geschieht womöglich in einer Nachdichtung. Da feiert sich der Verrat aufs allerschönste.
Es tat gut, Sabine Baumann zu treffen. Sie erzählte von ihrer Arbeit:
„Wir erforschen das Wirken von Übersetzerinnen und Übersetzern, die während des Nationalsozialismus im Exil waren und von dort aus auch die Sprache des Exillandes übersetzt haben.“ Uns interessiert der Zeitraum von 1945 bis 1960 nach ihrer Rückkehr nach Deutschland. Manche kehrten nur vorübergehend oder an einen anderen Ort zurück, manche kamen in Uniform und brachten sich in die Kulturpolitik der Alliierten ein. Bei anderen, die gar nicht zurückkehrten, sondern im Land ihrer Zuflucht blieben oder weiterzogen, kehrten nur die Texte zurück oder die Verlage, für die sie gearbeitet hatten. Wir fragen, ob und wie sich in den übersetzten Werken – Büchern, Theaterstücken, Kinderliteratur, Erzählungen und Gedichten – die Exilerfahrung niederschlägt und der Wunsch nach geistiger Erneuerung, etwa im Sinne der Reeducation, Ausdruck findet.
Die Recherchen in Archiven und vor allem die Lektüre von Wiedergutmachungsakten bringen viel Erschütterndes zutage. Aber sie machen auch froh – weil man an Lebensgeschichten und kulturelles Wirken erinnern darf, an Menschen, denen, wie Thomas Mann und anderen Autoren, viele Ressentiments entgegenschlugen, die es schwer hatten, an ihre frühere Arbeit anzuknüpfen oder sich neu einzubringen. Diese Arbeit erfüllt mich: Sie entreißt Menschen und ihre Literatur dem Vergessen. Besonders schön ist es, wenn man – wie bei Dir, der Du ja selbst übersetzt und von den Auswirkungen der Shoah betroffen bist – auf echtes Interesse stößt.“
Die Kriege und Zerstörungen, die wir heute erleben, bilden bereits die Grundlage für neue Literatur, die fast täglich erscheint – und es wird noch mehr kommen, übersetzt, wieder gelesen. Und im Jahr 2200 wird man erneut forschen.
Schon das Wort „übersetzen“ sagt alles: das Hinübertragen, das Vermitteln, das Trennen und das Verbinden. Und wann begann das alles? Mit dem Turm zu Babel.
„Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. Da sie nun zogen gen Morgen, fanden sie ein ebenes Land im Lande Sinear und wohnten daselbst. Und sie sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen! Da fuhr der HERR hernieder, verwirrte ihre Sprache und zerstreute sie über alle Länder.“ (Genesis 11).
Seitdem versuchen wir, die anderen zu verstehen. Es gelingt nicht immer. In jeder Sprache kann man alles sagen – aber nie auf dieselbe Weise. Wenn der Engländer „Mind the gap“ sagt, sagt der Deutsche: „Vorsicht an der Bahnsteigkante.“ Dasselbe – und doch anders.
./.
Zum Tag der Deutschen Einheit lud Oberbürgermeister Mike Josef zu einer Feierstunde in die Paulskirche ein. Nach 35 Jahren kann man Bilanz ziehen. Auf dem Podium sprachen drei Wessis, die in den Osten gegangen waren: Christian Wolff, Pfarrer i. R. aus Leipzig, Anna Kassautzki, Staatswissenschaftlerin und ehemalige Bundestagsabgeordnete und Astrid Baumann, ehemalige Präsidentin des OLG Thüringen. Mit ihren Beobachtungen zu den Entwicklungen seit der Wiedervereinigung trafen sie einen erstaunlich wunden Punkt, und zwar, dass sich ein Teil der Bevölkerung bis heute als Bürger zweiter Klasse fühlt. Musikalisch begleitet wurde die Veranstaltung durch Songs von Coldplay („Viva la Vida“) und John Farnham („You’re the Voice“). Die Texte passten – und ich dachte leise, dass es wohl nichts Passendes auf Deutsch gab. Danach gingen wir zum traditionellen Antikmarkt auf der Konstablerwache. Antikes fand sich kaum, eher Trödel. Der Fund des Tages war ein Rosinenbomber-Mehlsack von 1945. Gewaschen, gebügelt, aber die Schrift ist kaum noch lesbar. Ich musste an das Turiner Grabtuch denken.
Hätte ich Platz, ich hätte ihn eingerahmt – und über den vollen Kühlschrank gehängt. Humanitäre Hilfe, Brot, Mehl und alles, was zum Leben gehört, sind nicht selbstverständlich.
./.
1811 schrieb Jean Paul: „Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.“
Aber die Erinnerung hat Löcher. Sie wird vom Erziehungssystem und von der Gesellschaft geformt, verformt, in Denkmuster gezwängt und gedrängt.
Und doch: Wir erinnern. Wir übersetzen. Wir versuchen zu verstehen – und manchmal gelingt es.

Eldad Stobezki
Rutschfeste Badematten und koschere Mangos
Gebunden, 150 Seiten
ISBN 9783949671159
Edition-W, Frankfurt, Frankfurt 2024
Buch bestellen
Erstellungsdatum: 04.01.2026