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Vorstellung des syrischen Autors Hamed Abboud

Die deutsche Redewendung „Wir tragen uns gegenseitig“ weckt bei Hamed Abboud eine völlig andere Assoziation als das gemeinsame Tragen einer Last. Der in Syrien geborenen Lyriker und Autor wuchs in einem Umfeld auf, in dem er mit Brüdern und Vater etwa die Unterhemden teilte. Wie er in seiner nachfolgend zu lesenden Geschichte erklärt, geschah dies nicht aus Armut, sondern aus Liebe zur Kontinuität oder um unnötiges Wegwerfen zu vermeiden. Der Arabist Stephan Milich stellt den Autor und dessen Werk mit all seinen Besonderheiten vor.
Die neuen Texte des syrischen Lyrikers Hamed Abboud sind ein eindrückliches Beispiel dafür, wie biografische Erfahrungen von Revolution, Krieg und Flucht zu einer Prosaisierung der Dichtung beitragen. 1987 in Deir ez-Zor geboren, studierte Hamed Abboud zunächst Nachrichtentechnik in Aleppo. 2012, beim Ausbruch der Revolution in Aleppo, erschien im Arwad-Verlag, Tartus, sein erster Lyrikband unter dem Titel Matar al-ghaima al-ula (Der Regen der ersten Wolke). Dann entschloss sich Hamed Abboud zur Flucht aus Syrien. Diese endete drei Jahre später in Wien. Einer der herausragenden Texte, die nun auf Deutsch vorliegen, ist Ich möchte einen Panzer fahren. Der Krieg ist über die Alltagsrealität hereingebrochen und bestimmt Sprache und Gedanken. So heißt es in den ersten Zeilen: „Wüsste ich, wie man einen Panzer fährt, / dann liehe ich mir einen, von Freunden oder von Feinden. / Alle haben einen Panzer – außer mir.“ Da die Zeilen wie aus dem Munde eines Kindes gesprochen wirken, kommt darin die tragische Absurdität der syrischen Situation umso mehr zum Vorschein. Einfühlungsvermögen, an sich eine moralisch hochbewertete Fähigkeit, soll in Zeiten des Krieges durch eine Panzerfahrt eingeübt werden, um „durch die rechteckige Luke“ die Welt aus Sicht der Soldaten sehen und korsich in ihre Lage versetzen zu können: „Vielleicht würdest du ihnen dann verzeihen, deine Lieblingskirche zerstört zu haben“. Gott aber ist durch die rechteckige Öffnung des Panzers nicht zu sehen und existiert nur, wenn Sterbende seinen Namen rufen. Die Welt, die sich in dieser lyrischen Prosa entfaltet, hat weder Gott noch das Leben zum Mittelpunkt, sondern den Panzer, der wie ein Hund zum ständigen Begleiter des Menschen geworden ist. Die Tragik der syrischen Situation, die durch die gescheiterte Revolution, den Krieg des Regimes gegen die eigene Bevölkerung sowie die Tatenlosigkeit der sogenannten „internationalen Gemeinschaft“ geschaffen wurde, bildet den thematischen Kern der Texte. Gegen die Hoffnungslosigkeit setzt der Dichter seine Sicht der Welt, die aus paradoxen Sehnsüchten, alltäglichen Verrücktheiten, bestürzenden Visionen und einem sehr besonderen schwarzen Humor zusammengesetzt ist. Indem der Erzähler, der mitunter in die „Wir"-Perspektive wechselt, seine Alltagsanekdoten von Krieg, Exil und Überleben mitteilt, werden Lebensbereiche vermengt, die unter normalen Umständen nichts miteinander gemein hätten, und in denen das Groteske zum bestimmenden Wesensmerkmal der Wirklichkeit geworden ist. Das Groteske, Absurde und Paradoxe wird in Die verschiedenen Varianten des Todes auf die Spitze getrieben: Der Tod ist nicht einfach nur zu einem alltäglichen, tabubefreiten Thema in den Gesprächen geworden; das richtige Sterben wird nun analog zu anderen sozial bzw. religiös normierten Verhaltensweisen zum Gegenstand eines Ratgebers – ein mit allerlei Geschichten und Meinungen bestückter syrischer „Knigge“, der einmal heroisch und effekthascherisch, ein anderes Mal dezidiert politisch unkorrekt Ratschläge erteilt. Darin wird nicht allein soziale Konformität unter Verwendung deplatzierter religiöser Formeln gepriesen, sondern auch das „westliche“ Gebot des Individualismus und der Suche nach Extremerfahrungen, das von den Menschen eine originelle und einzigartige Todesart einfordert, um die gesellschaftlichen Erwartungen an den Einzelnen zu erfüllen. Nahöstliche und europäische Verhaltens- und Denkmuster vermischen sich zu einem hybriden Set grotesker Lebensbedingungen, die in der vom Autor gekonnt eingesetzten Alltagssprache einem normalen Leben „in einem anormalen Krieg“ entsprechen und die von einem schwarzen Humor gekennzeichnet sind, bei dem Lachen und Tragik nicht zu trennen sind. Noch mehr als Groteske und Absurdität aber spricht aus den Texten eine tiefe Verzweiflung, die aus einer (noch) nicht einlösbaren Sehnsucht nach dem alten oder möglicherweise einem neuen Zuhause gewachsen ist. Der in seiner besonderen Ästhetik sehr überzeugende prosaische Charakter dieser Dichtung und die mal ausufernd- epische, mal gedanklich tiefgehende Sprache korrespondieren mit den Paradoxien, die in den letzten Jahren im Kontext des Krieges um Syrien entstanden sind. Krieg und Flucht haben nicht so sehr die Sprache zersetzt, die auf der Oberfläche noch ihre Funktion als Kommunikationsmedium erfüllt; vielmehr zeigt uns Abboud in der diffus wirkenden, aber gekonnt komponierten Aneinanderreihung von skurril anmutenden Bildern und Anekdoten sowie rasanten Themenwechseln, wie sehr Krieg und Flucht das menschliche Leben geschädigt haben – und wie Dichtung gegen die Sprachlosigkeit im Angesicht dieser Beschädigungen Fluchtpunkte für eine menschlichere Welt entgegenzusetzen vermag.
Ich schreibe das Folgende nicht, weil ich letzte Woche zum ersten Mal in meinem Leben Unterhemden gekauft habe; und auch nicht, weil ich meine Größe nicht wusste, als die Verkäuferin mich danach fragte; und genauso wenig, weil ich Sehnsucht nach weißer Wäsche habe, die sich rot und blau färbte, wenn meine Mutter ein buntes Wäschestück übersah, weil es sich in der Metalltrommel versteckt hatte und dort kleben geblieben war. Sondern weil mir kalt ist. Ich trage neue Kleidung, deren frühere Besitzer ich nicht kenne und deren Taschen keine Erinnerungen, keine Papierschnitzel, keine Identitätspapiere oder Empfangsbestätigungen für ein Depositum enthalten, das beim nächsten Treffen so schnell wie möglich an seine Besitzer zurückgegeben werden muss.
Nicht weil wir arm sind, sondern aus Liebe zur Kontinuität oder weil wir das Fortwerfen von Kleidung nicht gutheißen. Wichtiger als all das aber ist es, Geschichte zu überliefern, so ähnlich wie Geschichte mündlich und schriftlich, auditiv und visuell überliefert wird, sodass wir die Kleidung von Familie und Freunden annehmen oder sogar frei heraus und ohne Scheu verlangen. Denn nichts kommt dem Mantel deines Vaters oder dem Hemd deines Freundes oder den Schuhen deines Bruders gleich.
Auf jeden Fall stecken wir unsere Füße gerne in Schuhe unserer Lieben, um deren Probleme zu erkennen, wie das englische Sprichwort sagt.
Aber zurück zu den Unterhemden: In unserer Familie werden die Unterhemden zwei Lagern zugeordnet:
Die einen Unterhemden teilen sich, wenn sie aus der Maschine kommen, mein Vater und mein Bruder, beide mit einem kräftigen Körperbau, groß und breitschultrig. Die anderen landen bei mir und meinem anderen Bruder, die wir eher von schmalem Wuchs sind.
Man muss übrigens keineswegs in der gleichen Wohnung wohnen, um die Weißwäsche mit einem Verwandten zu teilen. Es genügt, bei einem Telefongespräch zu erwähnen, dass man etwas brauche, und schon kommt es, in eine schwarze Tüte eingewickelt und über Kreuz mit einem breiten braunen Klebeband zusammengebunden.
Es gibt immer jemanden, der etwas kauft, aber das bist nicht du. Du bist noch klein und du bist nicht in der Lage, Geschichte zu machen. Du musst sie leben oder anziehen, bis du klüger und zum Einkaufen qualifiziert bist!
Als ich zum ersten Mal Unterhemden kaufte, waren sie deshalb viel zu groß. Ich gab sie zurück und sagte zur Verkäuferin, dass ich andere wolle. Doch als ich die neuen anprobierte, waren sie zu klein. Also kehrte ich nochmals zu ihr zurück und fragte: „Haben Sie nichts in der Größe meines Bruders?“
In den weit entfernten, kalten Ländern erschaffst und beurteilst du dich neu. Du bist langsamer als früher, denn du trägst nicht die Schuhe deines Bruders. Und du bist schwächer als früher, denn du trägst nicht den Mantel deines Vaters. Du bist der Kälte stärker ausgesetzt, denn du trägst nicht das Unterhemd deines Bruders, das sich so gut an deinen Körper anpasst und deine Ansprüche erfüllt. Du bist unangenehm strahlend weiß, ohne die kunstvollen Farben deiner Mutter, die einem Familienbrandzeichen gleichkommen.
Das alles ist übrigens gar nicht so absonderlich. Nehmen wir einmal die deutsche Sprache. Es gibt eine Redewendung, die bedeutet: Wir tragen uns gegenseitig. Und mit diesem Ausdruck ist das Tragen als solches oder auch das gemeinsame Tragen zur Erleichterung der Last gemeint. Und genau das tun wir auch, und vielleicht sogar auf nettere Art und Weise. Wir tragen unsere Probleme gegenseitig, wir ziehen uns unsere Probleme gegenseitig an, wir kleiden uns gegenseitig in unsere Erinnerungen und überliefern sie von Generation zu Generation.
Einer meiner Freunde träumte vor Jahren, sein Großvater bekäme einen neuen Fellmantel und würde ihm seinen alten schenken. Dann würde mein Freund sich im Gästehaus vor den Gästen darauf stützen und wie sein Großvater werden: ein Ritter, der die Kälte bekämpft und zu den Kampfplätzen der einzigartigen Vorväter eilt, die in der Lage sind, zehn Enkel mit Wärme zu überschütten. Dieser Freund schlüpft immer noch unter die Decke und weiß nicht, was Wärme ist.
Ich gehöre zu jenem Volk mit seiner angezogenen Geschichte, das das Weiß nicht überall leiden mag; zu jenem Volk, das gelblichen Joghurt mit Knoblauch trinkt.
Ich gehöre zu jenem Volk, das alles neu kauft, das aber lieber ein himmelblaues durchlöchertes Unterhemd mit seinen Familienerinnerungen trägt.
Eine Geschichte aus „Der Tod backt einen Geburtstagskuchen“. Übersetzung: Larissa Bender. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags pudelundpinscher.

In der neuen Rubrik „Übersetzungen“ stellen wir in loser Folge übersetzte Literatur aus dem „Litprom-Kosmos“ vor: Bücher aus dem globalen Süden, denen wir viele Leserinnen und Leser wünschen. Nicht immer, aber immer öfter kommen auch die Übersetzerinnen und Übersetzer selbst dabei zu Wort. Einen Textauszug als Leseprobe gibt es dazu.
Diese Rubrik betreut Anita Djafari vom Litprom-Freundeskreis. Vorschläge für Beiträge bitte direkt an: anita.djafari@posteo.de

Hamed Abboud
Der Tod backt einen Geburtstagskuchen
Texte
Zweisprachige Ausgabe, arabisch und deutsch
Aus dem Arabischen von Larissa Bender
Mit einem Nachwort von Stephan Milich,
ins Arabische übersetzt von Mahmoud Hassanein
ISBN 978-3-906061-11-5
pudelundpinscher, Wädensil

Hamed Abboud
In meinem Bart versteckte Geschichten
Zweisprachige Originalausgabe
Aus dem Arabischen von Larissa Bender und Kerstin Wilsch
ISBN 978-3-902951-44-1
Edition Korrespondenzen
Erstellungsdatum: 22.02.2026