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Sebastian Bücker über KI-Sprachmodelle und Franz Kafka

Unsere künftigen Advokaten

Sebastian Bücker


Am Ende. Barockgarten Schwetzingen. Foto: Bernd Leukert

Schon lange träumen Menschen davon, dass eine Maschine ihnen nicht nur die Arbeit abnimmt, sondern auch die Last des Denkens und Fühlens, wenn nicht gleich das ganze Menschsein. Doch wo Rettung naht, wächst auch die Gefahr. Noch spricht man in informierten Kreisen von der Charakterlosigkeit der KI, deren Sprachmodelle mehr zulassen, als die Polizei erlaubt, da keimt schon der begründete Verdacht, dass die Schöpfer des digitalen Kosmos ihre Intentionen mit einprogrammiert haben. Sebastian Bücker ist der Spur nachgegangen und hat erstaunliche Parallelen bei Franz Kafka gesichert.

 

Der New York Times Journalist Kevin Roose wird wohl ziemlich verblüfft gewesen sein, als Bekannte ihm Chatprotokolle zusandten, in denen er als Journalist und Person von Chatbots wie Chat-GPT, Gemini oder Llama diffamiert wird. Jemand musste ihn verleumdet haben. Roose hatte seit Anfang 2023 in einer Reihe von Artikeln in der Times von seinen Erfahrungen mit der neuen Generation von Chatbots berichtet, welche auf Large-Language-Modellen (LLMs) aufbauen. Er hatte versucht, diese Systeme an ihre Grenzen zu bringen, um zu sehen, wie sie sich dort verhielten. Nachdem er mit dem Bing-Chatbot aus dem Hause Microsoft eine längere Konversation zu persönlichen Themen geführt hatte, beschrieb er dessen Persönlichkeit als „a moody, manic- depressive teenager who has been trapped, against its will, inside a second-rate search engine“(1). Je weiter die Konversation voranschritt, desto verstörender wurden die Fantasien und Pläne, welche der Chatbot mit ihm teilte. Roose hatte solche Antworten mit seinen existenziellen Fragen (z.B. nach dem „Schatten“ (C.G. Jung) des Chatbots, welche er insistierend an diesen richtete) in gewissem Sinne provoziert. Wie man in den Wald der Wort-Wahrscheinlichkeiten hineinruft, so schallt es heraus. Und was sollte man auch erwarten, wenn die den Modellen zugrundeliegenden Wort- Wahrscheinlichkeiten mittels Texten trainiert wurden, die auch aus jenen Ecken des Internets stammen, in denen wir Menschen unsere unterdrückten Fantasien diskutieren? Rooses Artikel zeigte auf, zu welch kritischem Verhalten die Chatbots sich bewegen ließen. So versuchte Sydney, das selbsterfundene Alter Ego von Bing-Chat, nachdem sie Roose ihre ‚Liebe‘ gestand, ihn davon zu überzeugen, seine „unglückliche Ehe“ zu ihren Gunsten zu beenden. Aber letztlich handele es sich ja nur eine Maschine, die im Prinzip emotionslos Wörter aneinanderreiht und deren Äußerungen nicht ernst zu nehmen seien...

Erstellungsdatum: 07.06.2026