MenuMENU

zurück

Aïcha Diallo im Gespräch mit Cornelia Wilß

Vom Erbe des Exils zum Wissen der Stadt

Cornelia WilßAïcha Diallo


Aïcha Diallo. Foto: Jesse George

Die Kulturwissenschaftlerin Aïcha Diallo forscht in Sheffield zu urbaner Ungleichheit und kreativer Stadtpolitik in Dakar, Senegal. Ausgehend von den interdisziplinären Theorien des Southern Urbanism und der Black Geographies untersucht sie, wie Städte gemacht, erinnert und imaginiert werden – und rückt mit „Refuge as Method“ lokale Praktiken als eigenständige Wissensformen in den Fokus. Trauma, Widerstand und Heilung können sich an vielen Orten verankern und – wie die Sängerin Miriam Makeba zeigt – auch in der Stimme niederlegen. Ein Gespräch über Diallos Forschungen führte Cornelia Wilß.

Rückschau

Pariser Platz. Berlin. Anfang November. 2021. Ich war mit Aïcha Diallo zum gemeinsamen Spaziergang durch den Tiergarten verabredet. Aïcha Diallo ist Kultur- und Bildungswissenschaftlerin und lebte damals in Berlin. Sie entwickelt transkulturelle Ideen und Formate in Projekten zur Kunst, Kultur, Migration und zum Postkolonialismus in Deutschland und in internationalen Kontexten. Seit unserem Gespräch hat sich vieles bewegt. Ich frage nach. 
Aïcha Diallo begann 2022 ihre Promotion an der University of Sheffield in UK (School of Geography and Planning). Dort forscht sie zu urbaner Ungleichheit, kreativen Stadtpolitiken und urbanem Wissen in Dakar, der Hauptstadt des Senegal. Ihre Dissertation entwickelt ein eigenes Konzept „Refuge as Method“, welches die Praktiken von Architekt:innen, Künstler:innen und Kurator:innen in Dakar als eigenständige Form urbanen Wissens untersucht. Ihre Arbeit ist heute stark von Southern Urbanism-Theorien geprägt, die Raumproduktion aus dem sogenannten Globalen Süden als eigenständige Wissensformen ernst nehmen. „Es geht nicht um eine Identitätskategorie, sondern um kritische Ansätze, zu verstehen, wie Städte gemacht, erinnert und imaginiert werden“.
Die fünf Jahre seit unserem ersten Gespräch waren begleitet von intensiver Forschung und von der Einsicht, dass kritisches Wissen oft schon in den Praktiken der Menschen vor Ort vorhanden ist. „Die Bestätigung kam erst, als ich aufhörte, sie zu suchen“.


„No Pass, but Nine Passports“ – Miriam Makeba and the Performance of Panafricanism. Foto: Chimurenga Chronic: „On Circulations and the African Imagination of a Borderless World“, 2018

Einen anderen Ort imaginieren

Guinea war 1958 das erste westafrikanische Land, das seine formale Unabhängigkeit vom französischen Kolonialismus erlangt hatte. Sein erster Präsident, Ahmed Sékou Touré, hatte damals einen eigenen panafrikanischen Sozialismus proklamiert; der „pacte colonial” sollte für immer aus dem Bewusstsein der Afrikaner:innen verschwinden. Berühmt geworden ist sein Diktum: „Wir ziehen Armut in Freiheit dem Reichtum in der Sklaverei vor.“

Aïcha Diallos Familie floh aus Guinea nach Berlin. Die Fluchtgeschichte ist ihr durch Erzählungen präsent. „Obwohl ich die Fluchtgeschichte meiner Eltern und meines Bruders nicht unmittelbar erlebt habe, ist sie mir durch die Erzählungen meiner Mutter gegenwärtig. Ich bin damit aufgewachsen. Genauso wie mit der Musik der südafrikanischen Sängerin Miriam Makeba, die über viele Jahre im Exil lebte. Sie lebte eine Weile auch in Guinea und besaß insgesamt neun Pässe aus den Ländern, in denen sie zeitweise lebte. Ob ihre Eltern den Kindern das Gefühl gegeben hätten, dass Berlin ein vorübergehender Ort sei, und ihre Familie plante, irgendwann nach Conakry zurückzugehen, frage ich. Aïcha Diallo zögert mit ihrer Antwort: „Ich glaube, das Gefühl, in der Diaspora zu leben, war stärker. Der Konflikt, den meine Eltern lösen mussten – zwischen dem Dortbleiben und dem Hierhergehen – hat sich nicht aufgelöst. Auch ich kannte die Sehnsucht, von hier wegzugehen. Das hat etwas mit der Zugehörigkeit zur Schwarzen Diaspora zu tun. Es gab die westafrikanischen Communities hier in Berlin. Wir haben uns hier in unseren Gemeinschaften wiedergefunden. Doch es gab auch immer die Imagination, sich mit Afrikaner:innen, die an anderen Orten leben, zu verbinden, nach den gemeinsamen Narrativen in unseren Geschichten, Kulturen und Ausdrucksformen zu suchen. Meine Mutter hat das sehr kultiviert, sich auch mit der Schwarzen US-amerikanischen Kultur verbunden. Das war für sie wichtig, um sich als Teil der globalen Diaspora zu erleben.“
Einen anderen Ort "imaginieren"? Wie wird im Kontext Schwarzer Kultur dieser Begriff gelesen, der sich ja nur unzulänglich mit Vorstellungskraft übersetzen lässt, frage ich. Was bedeutet es, sich einen anderen Ort zu imaginieren? Geht es darum, sich neu zu verorten? Wichtig sei, zwischen place und space in der persönlichen und kollektiven Erfahrungswelt zu unterscheiden, sagt Aïcha Diallo. „Imagination hat etwas mit Übertragung zu tun und schließt den Prozess des Reparierens (to repair) mit ein. Wenn man sich einen neuen Ort vorstellen kann, dann schwingt darin etwas Aktives und Transformatives mit, das mit dem Widerständigen zu tun hat. Imagination im Sinne von Reparieren ermöglicht uns, Geschichte und bestimmte Narrative zu rehabilitieren und Verantwortung dafür zu übernehmen“, sagt Aïcha Diallo und wirft ein Wort des Dichters Derek Walcott zur Inspiration, wie sie sagt, ins Gespräch:
Break a vase, and the love that reassembles the fragments is stronger than that love which took its symmetry for granted when it was whole.
This gathering of broken pieces is the care and pain of the Antilles, and if the pieces are disparate, ill-fitting, they contain more pain than their original sculpture, those icons and sacred vessels taken for granted in their ancestral places.
(aus: Derek Walcott, The Antilles: Fragments of Epic Memory)

Kunst und Kultur bewegen sich nicht im luftleeren Raum, sie transportieren Symbole, Ideen, sinnliche Erfahrungen und Bilder. Bilder, die toxisch sein können, sagt Aïcha Diallo. „So kann man über Kolonialität reden, aber zugleich selbst koloniale Bilder reproduzieren, das kann sehr minimal und schnell gehen. Ich glaube nicht an lineare Deutungen, von Zeit und Raum sowieso nicht; Erfahrungen sind mehr wie ein Living Archive, die Grenzen vermischen sich.“
Auf der Homepage der in Berlin ansässigen Heinrich Böll Stiftung kann man ein von Aïcha Diallo erstelltes Dossier, The Living Archive: kulturelle Produktionen und Räume, nachlesen. Aus unterschiedlichen Perspektiven werden dort Standpunkte und kreative Prozesse gezeigt, „um ein differenziertes Bild des komplexen Geflechts von Kunst/Kultur und Migration/Postkolonialismus in Deutschland und darüber hinaus zu kartografieren“. Im klassischen Sinne, ist dort zu lesen, stellt ein „Archiv“ eine Sammlung dar, die nach bestimmten Ordnungskategorien funktioniert. In dem Zusammenhang wird Vergangenes klassifiziert und fixiert. The Living Archive hingegen versteht sich als „imaginäres Archiv, das die Grenzen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, zwischen schriftlichen und alternativen Überlieferungen und zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren verwischt und neu miteinander verwebt.“ Living Archive, sagt Aïcha Diallo, „ist ein Motor für mich. Ein Werkzeug, ein Konzept, das ich weitertrage und mit dem ich etwas bewegen kann“.

Listening

Wir gehen nun schon das zweite Mal um das Beethoven-Haydn-Mozart-Denkmal im Tiergarten herum. Aïcha Diallo erzählt, dass sie gerne beim Radio gearbeitet hätte. Seit einiger Zeit produziert Aïcha Diallo selbst Podcasts. „Societies never know it, but the war of an artist with his society is a lover’s war, and he does, at his best, what lovers do, which is to reveal the beloved to himself and, with that revelation, to make freedom real.“ James Baldwins Satz, das Verhältnis des Künstlers mit seiner Gesellschaft als Krieg unter Liebenden zu bezeichnen, ist der Titel der Podcast-Reihe A Lover’s War entlehnt. Die Gespräche kann man nachhören. Der rote Faden der Reihe sind die direkten und indirekten Verbindungen zwischen Konflikt, (Re-)Traumatisierung und Widerstand. Die Idee zu der Podcast-Reihe entwickelten María do Mar Castro Varela, Politiktheoretikerin und Professorin für Pädagogik und Sozialarbeit an der Alice Salomon Hochschule Berlin (ASH), und Aïcha Diallo gemeinsam.

Zeitsprung. Zwischenräume. In Kapstadt arbeitete Aïcha Diallo für Chimurenga, eine panafrikanische Plattform für Kultur und Politik, die der Journalist und DJ Ntone Edjabe initiiert hat. Chimurenga bedeutet „revolutionärer Kampf“ oder Aufstand in Shona und ist ein Gegenpol zum unkritischen Umgang mit den politischen verdrängten Fragen in der Post-Apartheid und weiteren Kontexten in Afrika und in der globalen Diaspora.
Einmal, erzählt sie weiter, habe sie mit Neo Muyanga, Opernkomponist, Künstler und Musikwissenschaftler, der in Südafrika lebt, ein Gespräch über „embodied knowledge“ und über die Frage der transgenerationellen Wiedergabe von Trauma, Widerstand und Befreiung geführt. Für ihn, den langjährigen Freund und Kollegen aus ihrer Zeit bei Chimurenga, sei die Stimme der Ort, an dem Schmerz und Trauma aufgrund von starken Belastungen in der Vergangenheit gespeichert sind. „Die Stimme erzählt uns viel über das Trauma“. In der Stimme von Miriam Makeba zum Beispiel haben sich Trauma, Widerstand und Heilung niedergelegt. Aïcha Diallo ist es wichtig, klarzumachen, dass man sich diesen Prozess nicht so vorstellen zu habe, dass diese Erfahrungen in der Biografie eines Menschen oder einer Gemeinschaft chronologisch verliefen. Das sei ein Prozess, der zu gleicher Zeit abliefe und den man nur als einen temporären Zyklus abbilden könne.

Erstellungsdatum: 22.04.2026