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Matthias Buth über „Poesiealbum“, ein Gedichtkosmos von Bernd Jentzsch von Plauen bis in die Eifel

Die ärmste Schwester der Bibliothèque de la Pléiade war und ist für schreibende Menschen das Poesiealbum. 1967 vom Lyriker, Verlagslektor, Erzähler, Übersetzer und Essayisten Bernd Jentzsch in der DDR gegründet, erscheint es alle zwei Monate, seit 2007 im Märkischen Verlag in Wilhelmshorst. Es kostet nicht viel, ist aber mit seinem aufs lyrische Profil zielenden Auswahl von höchstem Wert, – eine Auszeichnung für Poeten aller Geschlechter. Matthias Buth lenkt unsere Aufmerksamkeit auf Bernd Jentzsch und das Poesiealbum.

Es klingt nach Kitsch und alter Zeit. Nach anno dunnemals und Gartenlaube, nach der Kindheit von Älteren. Und hat ein bestimmtes Format.
Ein Poesiealbum ist nämlich ein kleines, oft quadratisches Erinnerungsbuch. Freunde, Familie oder Bekannte sollen sich darin mit handgeschriebenen Reimen, Lebensweisheiten, kleinen Zeichnungen und bunten Glanzbildern, den Oblaten, darin verewigen. Und es gibt sie noch, Buchhandlungen, Schreibwarengeschäfte und auch das Internet bieten sie feil (das Feilbieten – wer kennt den Begriff noch? – passt hier genau). Als Album amicorum entstand es im 16. Jahrhundert bei Studenten, um sich der Freundschaft zu versichern. Man schrieb sich ein, der eine beim anderen. In Schönschrift. Und es wurde gesichert mit einem kleinen Schloss, das sich zärtlich abschließen ließ. Geheimnis und Poesie, Gebet und Lebensweisheit, Mahnung und Seufzer, in jedem Fall Erinnerungen, die man behalten wollte. So ist es geblieben. Bis heute. In der DDR waren die Sinnsprüche eher verhalten und ernst, während im Westteil Deutschlands Humor und leiser Spott Einzug fanden. Die privaten Poesiealben spiegelten die Befindlichkeiten, die Mentalitäten der Ost und Westdeutschen. In beiden Staaten hatte eben Poesie einen Resonanzboden.
In der DDR wurde der Begriff Poesiealbum indes besonders nobilitiert. Es ist dem bedeutenden Dichter Bernd Jentzsch zu verdanken.
Er wurde am 27. Januar 1940 in Plauen geboren. Unvergessen ist sein genialer Gedichtband „Quartiermachen“(Hanser Verlag; München, Wien 1978) Er ist primär Lyriker, aber auch Verlagslektor, Erzähler, Übersetzer und Essayist. Er litt wie sein Freund Reiner Kunze unter den Repressions- und Zensurmechanismen der DDR. Er leistete Widerstand und wurde wie Biermann und Kunze aus dem SED-Staat gedrängt.
Arioso
Ich bin der Weggehetzte.
Nicht der erste, nicht der letzte.
Von keiner Mine zerrissen,
Vorm Zaun nicht ins Gras gebissen.
Keine blaue Bohne in der Lunge.
Nicht mal Blut auf der Zunge.
Mein Leib und meine sieben Sinne,
Alles frisch und unversehrt.
Das Leben, das ich nun beginne,
Lebt sich gerade umgekehrt.
Ich bin der Weggehetzte.
Nicht der erste, nicht der letzte.
Mir ist die Welt ins Herz gesprungen.
Mir, dem großen Lausejungen.
Spöttisch nannte er das Gedicht „Arioso“, eine innerdeutsche Bestandsaufnahme, die in ihrer Nonchalance fast wie ein Volkslied klingt. Der Dichter aus Plauen lebt seit Jahrzehnten in Euskirchen-Flamersheim, (auf sich selbst) zurückgezogen, ein Könner, der die Lyrik prägte. Bis heute. Und dem 1967 ein verlegerischer Geniestreich gelang, die Gründung der Lyrikreihe „Poesiealbum“. Zehn Jahre war er der Herausgeber. Und diese Reihe gibt es immer noch, nun im Märkischen Verlag Wilhelmshorst von einem Methusalem der Verlegerschaft, von Dr. Klaus Peter Anders, behutsam und mit Umsicht und Präzision weitergeführt. Es sind stets mit Graphik ergänzte 32-Seiten Hefte, die gerade mal 5 Euro kosten und die Lyrik der Welt versammeln.

Der Lyriker Richard Pietraß löste den Reihengründer Bernd Jentzsch 1979 ab. Die damals nur Pfennigbeträge kostenden Hefte erschienen monatlich zwischen 1967 und 1990 im Verlag Neues Leben Berlin. Ein lyrischer Bogen wurde gespannt von Ovid über Hồ Chí Minh, Edgar Allan Poe und Alexander Puschkin bis zu Bertolt Brecht, Erich Kästner, Stephan Hermlin und Bob Dylan. 275 reguläre Hefte kamen in Buchhandlungen und Kioske. Das Heft zu August von Platen vom August 1990 konnte die damalige Herausgeberin Dorothea Oehme aus ökonomischen Gründen nicht mehr ausliefern. „Bücherpfarrer“ Martin Weskott rettete einige Exemplare von einer Leipziger Deponie, wohin die Auflage verkippt worden war. Dorothea Oehme versuchte es 1992 nochmal. Die mit ihrem Mann betriebene „Unabhängige Verlagsbuchhandlung Ackerstraße“ war die Basis. Dann war 1993 wieder Schluss, nach 21 Heften. Von 1999 bis 2009 ging Paul Alfred Kleinert an den Poesiealbum-Start und schaffte nochmals 27 Titel.
Im Herbst 2007 trat dann der Märkische Verlag Wilhelmshorst auf den Plan mit Klaus Peter Anders, er kontaktierte Bernd Jentzsch und begründete das eigentliche Poesiealbum wieder (der Parallel-Gründung durch die Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik als „Poesiealbum neu“ im März 2007 geht eigene Wege). Wiederaufgenommen wurde die Reihe mit der Nummer 277. Wilhelmshorst ist Peter Huchel verbunden, Bernd Jentzsch steht dessen Lyrik poetologisch nahe. Also wurde mit diesem märkischen Dichter, der die deutsche Lyrik bis heute nachhaltig prägt, neu gestartet. Es folgten weitere Lyriker, die zu DDR-Zeiten zumeist aus politischen Gründen nicht in der Reihe erscheinen durften. Zurzeit erscheinen pro Jahr sechs Hefte und zwei Bonushefte für Abonnenten.
Diese Reihe ist das Who-ist-Who der Dichtung, besonders der deutschen aus der Bundesrepublik, Schweiz und Österreich. Wer dort zu finden ist, hat es geschafft. „Das ist ein Ritterschlag“, schrieb mir einmal der Bamberger Germanistik-Professor Wulf Segebrecht. Nach Rainer Malkowski, Ulrike Draesner, Ludwig Tieck, Günter Bruno Fuchs und Oskar Maria Graf sind mit den Heften 395 bis 398 nun Auswahlsammlungen mit Gedichten von Heinz Czechowski, Gerhard Rühm, Fred von Zollikofer und Roland Erb erschienen. Mit dem König des Couplets Otto Reutter wird Band 399 folgen. Und der 400ste Band? Samuel Beckett. Na also: Poesie rettet, weltweit. Wilhelmshorst ist eine Hauptstadt der Dichtung. Welch eine Freude.
Denn Deutschland ist das Land der Dichtung. Ohne Poesiealbum keine Heimat.
Gezeiten
Ich bin traurig, ich bin froh.
Ich bin ein freier Mann, der Libero.
Auf dass mir nichts fehle.
Schwarze Seele
Und weißer Rabe.
Eingelegte Ruder, frischer Mut.
Ein mir feindlicher Bruder.
Ebbe und Flut.
„Quartiermachen“ kann man bei Bernd Jentzsch. Und so Heimat finden – im Sowohl-als-auch und in Gedichten von Poesiealbum.
Erstellungsdatum: 30.07.2026