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Matthias Buth über „Poesiealbum“, ein Gedichtkosmos von Bernd Jentzsch von Plauen bis in die Eifel

Von Dylan Thomas bis Bob Dylan

Matthias Buth


Bernd Jentzsch 1985. Foto: Brigitte Friedrich

Die ärmste Schwester der Bibliothèque de la Pléiade war und ist für schreibende Menschen das Poesiealbum. 1967 vom Lyriker, Verlagslektor, Erzähler, Übersetzer und Essayisten Bernd Jentzsch in der DDR gegründet, erscheint es alle zwei Monate, seit 2007 im Märkischen Verlag in Wilhelmshorst. Es kostet nicht viel, ist aber mit seinem aufs lyrische Profil zielenden Auswahl von höchstem Wert, – eine Auszeichnung für Poeten aller Geschlechter. Matthias Buth lenkt unsere Aufmerksamkeit auf Bernd Jentzsch und das Poesiealbum.

In der DDR wurde der Begriff Poesiealbum indes besonders nobilitiert. Es ist dem bedeutenden Dichter Bernd Jentzsch zu verdanken.

Er wurde am 27. Januar 1940 in Plauen geboren. Unvergessen ist sein genialer Gedichtband „Quartiermachen“(Hanser Verlag; München, Wien 1978) Er ist primär Lyriker, aber auch Verlagslektor, Erzähler, Übersetzer und Essayist. Er litt wie sein Freund Reiner Kunze unter den Repressions- und Zensurmechanismen der DDR. Er leistete Widerstand und wurde wie Biermann und Kunze aus dem SED-Staat gedrängt.

 

Arioso

 

Ich bin der Weggehetzte.

Nicht der erste, nicht der letzte.

 

Von keiner Mine zerrissen,

Vorm Zaun nicht ins Gras gebissen.

 

Keine blaue Bohne in der Lunge.

Nicht mal Blut auf der Zunge.

 

Mein Leib und meine sieben Sinne,

Alles frisch und unversehrt.

 

Das Leben, das ich nun beginne,

Lebt sich gerade umgekehrt.

 

Ich bin der Weggehetzte.

Nicht der erste, nicht der letzte.

 

Mir ist die Welt ins Herz gesprungen.

Mir, dem großen Lausejungen.

 

Spöttisch nannte er das Gedicht „Arioso“, eine innerdeutsche Bestandsaufnahme, die in ihrer Nonchalance fast wie ein Volkslied klingt. Der Dichter aus Plauen lebt seit Jahrzehnten in Euskirchen-Flamersheim, (auf sich selbst) zurückgezogen, ein Könner, der die Lyrik prägte. Bis heute. Und dem 1967 ein verlegerischer Geniestreich gelang, die Gründung der Lyrikreihe „Poesiealbum“. Zehn Jahre war er der Herausgeber. Und diese Reihe gibt es immer noch, nun im Märkischen Verlag Wilhelmshorst von einem Methusalem der Verlegerschaft, von Dr. Klaus Peter Anders, behutsam und mit Umsicht und Präzision weitergeführt. Es sind stets mit Graphik ergänzte 32-Seiten Hefte, die gerade mal 5 Euro kosten und die Lyrik der Welt versammeln.

Erstellungsdatum: 30.07.2026