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Volker Breidecker über die Rede Werner Thormanns zur Verteidigung der Republik, gehalten in der Paulskirche am 11. August 1932

Vor knapp zwei Wochen …

Volker Breidecker


Klebzettel 1932. Wikimedia Commons

Sommer 1932: Die Weimarer Republik steht am Abgrund. In eindringlicher Rede, gehalten in der Frankfurter Paulskirche zur letztmaligen Feier des Weimarer Verfassungstags, verteidigt Werner Thormann Demokratie, Republik und Menschenrechte gegen Politikverdrossenheit, Autoritarismus und Diktatur. Sein Appell: Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit – sie muss immer wieder verteidigt, zurückerobert und mit neuem Leben erfüllt werden. Volker Breidecker stellt mit dem Text dieser Rede auch den zu Unrecht vergessenen Redner vor: als Schlüsselfigur einer europäischen Résistance wider Faschismus und Nazismus.    

 

Bei den vorletzten freien Reichstagswahlen in Deutschland vom 31. Juli 1932 lag die Wahlbeteiligung mit 84,1 % der Stimmberechtigten höher als bei jeder anderen Wahl während der Weimarer Republik. Mehrheitlich votierten die Deutschen für verfassungsfeindliche Parteien. Der Anteil allein der NSDAP, die ihren Zenith damit erreicht hatte, lag bei immerhin (oder, sofern der arithmetische Vergleich zum Erdrutschsieg der AFD in Sachsen-Anhalt statthaft wäre, bei lediglich) 37,3 %. Mehr Stimmen hatte die Nazipartei vor Hitlers Machtergreifung zu keinem Zeitpunkt erreicht. Beim nächsten Wahltermin vom  November 1932 büßte sie sogar rund zwei Millionen Stimmen ein. Aus Mangel an Verteidigern, die gegenüber den Feinden von Republik und Verfassung zur offensiven Abwehr bereit gewesen wären, war das Schicksal der Weimarer Republik bereits im Sommer 1932 besiegelt. Da hatte die sozialdemokratisch angeführte, rechtmäßige Regierung Preußens den zu ihrer Absetzung exekutierten Staatsstreich des Herrn von Papen vom 20. Juli 1932 kampflos hingenommen, statt die Bereitschaft von rund 80.000 Schutzpolizisten, unterstützt vom Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, gegen die Putschisten zu mobilisieren.

Zwei Wochen nach dem Wahltag jährte sich am 11. August der seit 1920 zumindest von den Anhängern und Hütern der Republik mit dezentralen Feierlichkeiten begangene Weimarer Verfassungstag. Anderswo suchte man die peinlich gewordene Pflichtübungen rasch hinter sich zu bringen: In Berlin durfte das Reichsbanner nicht einmal mehr aufmarschieren, sondern musste an diesem Tag die polizeiliche Durchsuchung ihrer Zentrale erdulden. Über der einstmals Freien Reichshauptstadt Frankfurt hingegen wehten schwarzrotgoldene Fahnen. Erstmals ließ der Magistrat eine große Formation von Beamten der Schutzpolizei an der Seite des Reichsbanners feierlich über die von Tausenden Menschen flankierten Straßen nach der Paulskirche marschieren, Schauplatz der offiziellen Verfassungsfeier dieser Stadt.


Das Werk von Weimar

„Feierlich“, so berichtete die Frankfurter Zeitung, „leiteten die Orgelklänge aus einem Konzert von Händel die Feier ein. Von der Galerie hingen schwarzrotgoldene Fahnen tief hinab in das weite Rund der Kirche.“ Letztmals für die erste freiheitliche Republik und ihre demokratische Verfassung! Als von der Stadt bestellter Festredner trat ans Rednerpult Werner Thormann (1894-1947), Redakteur der überregionalen, linkskatholischen Rhein-Mainischen Volkszeitung und Mitherausgeber des von den Weimarer Koalitionären Reichskanzler a.D. Joseph Wirth (Zentrum), Paul Löbe (SPD) und Ludwig Haas (DDP) gegründeten Wochenblatts Deutsche Republik.

Einleitend stellte der Redner klar, dass er, anders als erwartet, nicht gewillt war, aus der krisenhaften politischen und gesellschaftlichen Tagesaktualität in die wohlfeile Unverbindlichkeit einer weiteren Ansprache zum Gedenken jenes anderen „Weimarers“ auszuweichen, der im hundertsten Todesjahr an Ort und Stelle seiner Geburt unaufhörlich gefeiert wurde, während es im anhaltenden Schicksalsjahr der Republik wenig anderes zu feiern gab; weil, nach Thormanns nüchternem Befund zwei Tage darauf in der Deutschen Republik, „die deutschen Republikaner“ gar keinen Anlass hatten, „etwas zu feiern, was dem Sinne nach längst nicht  mehr existiert, ja auch in früheren Jahren eigentlich nur als Aufgabe existiert hat: das Werk von Weimar.“ 

Im „Verzicht auf abstrakte Geistigkeit und geschichtsphilosophische Konstruktion“, worin er sich mit Goethe einig wusste, las Thormann einem vor den Feinden der Republik kapitulierenden, sich in politischer Abstinenz sonnendem Bürgertum gehaltvoll die Leviten – demselben Frankfurter Bürgertum, dem ein auswärtiger Besucher wie der französischsprachige Schweizer Schriftsteller und Mitarbeiter der linkskatholisch-antifaschistischen Zeitschrift  esprit,  Denis de Rougement,  wenig Erfreuliches nachsagte, nämlich dies: „Es gibt in Europa sicherlich keine Klasse, die dem politischen Leben teilnahmsloser, dem Staat passiver und den vollendeten Tatsachen – und folglich immer den von anderen vollendeten Tatsachen – feiger gegenübersteht, eine Klasse, der um es vollends zu sagen, jeglicher Bürgersinn fehlt.“ (Journal aus Deutschland 1935-1936). 

Als Intellektueller und Journalist, als international vernetzter Publizist und als europäischer Widerstandskämpfer gegen Faschismus und Nazismus, befand Werner Thormann sich zu diesem Zeitpunkt bereits wie auf dem Sprung hinüber nach einer anderen, einer „zweiten deutschen Republik“ – auf dem Fundament einer europäischen föderalen Union jenseits des Nationalstaats und des Nationalismus.  Doch lauschen wir – zumal „in diesen aufgeregten Tagen“ – Werner Thormanns meisterhafter politischer Rede zur Verteidigung von Freiheit, Humanität und Menschenwürde, von parlamentarischer Republik, von Verfassung und liberaler Parteiendemokratie einmal selbst (in für diesen Zweck gekürzter Wiedergabe):    

 

Meine Damen und Herren,

von dem Festredner einer offiziellen Verfassungsfeier dieses Jahres erwartet man wahrscheinlich sehr unverbindliche Worte. Man erwartet wohl auch, dass er stillschweigend an der Tatsache vorübergeht, die zur Feier des Verfassungstages schlecht passen will: Vor knapp zwei Wochen hat die Mehrheit des deutschen Volkes für Parteien gestimmt, die das Werk von Weimar ablehnen. Das unverbindliche Reden brauchte heute nicht schwer zu fallen. Es ist der Wunsch der Regierung, dass (…) diesmal Goethes gedacht werde. Und eine Goethe-Gedächtnisrede, welch besserer Ausweg aus den aktuellen Schwierigkeiten der Verfassungsfeier des Jahres 1932 wäre denkbar? Unter den 1000 Goethe-Themen, die in diesem Jahre abgewandelt worden sind, bieten sich nicht wenige, die auf den besonderen Anlass dieses Tages Bezug haben. Goethe und der Staat, Goethe und die Politik (…)


Bekenntnis zu den Menschenrechten

Goethes Ablehnung der Politik ist nicht denkbar ohne gleichzeitige Ablehnung des totalen Staates und seiner Ansprüche an den einzelnen. In diesem Sinne gehört Goethe, der Anti-Revolutionär, der so manches scharfe Wort gegen die Revolutionäre seiner Zeit – die Liberalen – gesprochen hat, ganz unbedingt zu den geistigen Vätern des Liberalismus, dessen wertvollste Errungenschaft, die Beziehung aller Politik auf den Menschen, für den großen deutschen Humanisten Goethe eine Selbstverständlichkeit war. Sowenig er für eine Freiheit zu haben war, die in die Anarchie führen konnte – für jenes System der Freiheiten, das die große französische Revolution auf die Formel gebracht hat und das die Schöpfer der Weimarer Verfassung in die berühmten Artikel 109 bis 118 zusammenfassten, für das Bekenntnis zu den Menschenrechten, ist Goethe ein Kronzeuge. Und sein Zeugnis wiegt uns doppelt, weil es nicht aus abstrakter Menschenliebe und sogenannter Humanitätsduselei, sondern aus der Fülle der Lebenserfahrung, aus Wirklichkeitssinn und aus dem tiefsten Gefühl der Volksverbundenheit erworben wurde. Goethe kann für keine Partei und für kein politisches System in Anspruch genommen werden, untrennbar aber ist von seiner Person, seinem Werk und seinem Leben die Idee, die nach den Jahren seines Sturmes und Dranges die Zentralidee seines Lebens wurde: die Idee der Humanität.


Verteidigung des Liberalismus und der Humanität

Goethe als Überwinder der Barbarei, in diesem Sinne und in dieser höchstaktuellen Beziehung dürfen wir ihn mitten in unsere Verfassungsfeier hineinstellen. Denn hier haben wir in Wahrheit den überzeitlichen Gehalt seines Werkes und die Bedeutung, die es durch allen Wandel der sozialen und der politischen Verhältnisse und auch über allen Wandel der Ausdrucksformen des menschlichen Geistes behaupten wird. Der Liberalismus als politisches System steht heute niedriger im Kurs als je, der Humanitätsgedanke, den er in die Politik getragen hat, ist unverlierbarer Besitz und sollte das entscheidende Kriterium sein, nach dem die innere Berechtigung der politischen Lehren beurteilt wird, die den Anspruch erheben, den Platz zu besetzen, den der Liberalismus im bürgerlichen Zeitalter besetzen durfte, auch wenn er es nur in so unvollkommener und vielfach verfälschter Form vermochte wie in Deutschland. (…)

Ich glaube, wir sind mit dieser Goethe-Betrachtung mitten in einer sehr aktuellen und konkreten Antwort auf die Frage, ob uns angesichts der politischen Entwicklung der letzten Jahre, angesichts des Krisenzustandes nicht nur der deutschen Wirtschaft, sondern auch der deutschen Politik, und ob uns vor allem angesichts der leidenschaftlichen Ablehnung, die der Weimarer Verfassung und der auf ihr begründeten deutschen Republik und Demokratie heute so gründlich widerfährt, eine Feier dieser Verfassung erlaubt ist. Nicht von abstrakten Prinzipien und politischen Glaubensbekenntnissen, von konkreten Voraussetzungen aller Politik und vom Konkretesten ausgehend, was es überhaupt gibt, vom Menschen, kommen wir mit Goethe über den Humanitätsgedanken und das Ordnungsprinzip zur Anwendung dieser Prinzipien auf die Gesellschaft, den Staat. (…)


Anti-Politiker und andere Charlatane

Weniger als je haben wir am heutigen Verfassungstag Anlass zu Selbstzufriedenheit und Feier, mehr als je Anlass zu einer Stunde der Besinnung. Was ist es doch, was diese Weimarer Verfassung, die gewiss wie alles Menschenwerk ihre Mängel hat, die aber ganz bestimmt eine der besten unter den geltenden gesellschaftlichen Voraussetzungen möglichen Verfassungen ist, für so viele zum Stein des Anstoßes werden ließ? Es konnte geschehen, dass diese Verfassung dem deutschen Volke unbekannt blieb, dass ihr Sinn und Gehalt nicht ins öffentliche Bewusstsein drang. Die deutsche Republik hat ihre große Bildungsaufgabe versäumt, hat es nicht vermocht - das Wort nun einmal aller geistfeindlichen Tendenzen entkleidet und ganz goethisch verstanden - ihrerseits einen Mythos zu bilden. Im letzten Jahre vor dem Hereinbruch der Weltwirtschaftskrise, bei der Verfassungsfeier des Jahres 1929 ist von dieser Stelle über die Sorgen gesprochen worden, die die Entwicklung jedem politischen Menschen bereiten müsse. Und als eine der schwersten Sorgen wurde genannt die Gefahr der zunehmenden, von allen Interessenten geförderten politischen Verdrossenheit, das politische Desinteressement breitester Massen. Was in Zeiten der wirtschaftlichen Prosperität - und seien es auch nur Zeiten einer Scheinkonjunktur, wie wir sie von 1926-1929 erlebten, - zum politischen Desinteressement verleitet, führt in Zeiten der Krise zu einer Politisierung gegen die Politik, zu einem Radikalismus, der ins Leere stößt, und zwar ein Symptom der Verärgerung, ja der Verzweiflung breitester Schichten ist, aber mit echter politische Besinnung, mit klaren Zielvorstellungen und sozialer Bewusstheit nichts zu tun hat. Wenn die Zauberformeln mehr Geltung haben als die Überlegungen der Vernunft, so darf man zwar mit Sicherheit darauf schließen, dass die politische Vernunft versagt hat, dass sie ihre Aufgabe nicht zu lösen vermochte, dass die Empörung im Volke also nicht ohne Grund und ohne Ursache überhandnimmt. Aber diese. Erkenntnis kann nur zum Heile ausschlagen, wenn sie als Appell an die bessere Vernunft selber wirksam wird, wenn man mit allem Ernst und aller Gründlichkeit und allem guten Willen daran geht, Versäumnisse nachzuholen, Fehler zu verbessern, Versprechungen zu erfüllen.


Verteidigung der Republik und ihrer demokratischen Verfassung

Die Flucht vom Arzt zum Kurpfuscher ist das Verkehrteste, was der Kranke unternehmen kann. Konkret gesprochen, wir alle wissen, dass vor dreizehn Jahren in Weimar ein Notdach errichtet wurde über den Trümmern eines Zusammenbruchs, wie er in der neueren Geschichte beispiellos war. Wir hätten auch allen Anlass, uns immer wieder daran zu erinnern, welche Leistung es damals bedeutete, dass dieses Notdach überhaupt zustande kam. Wir wollen uns nicht verhehlen: Der verheißene Ausbau ist in vielen, sehr vielen Bereichen unterblieben. Wir wissen die Gründe, aber wir können sie höchstens als mildernde Umstände gelten lassen – große Teile der Weimarer Verfassung, namentlich die auf die Sozial- und Wirtschaftspolitik bezogenen, stehen noch immer als ungelöste Aufgabe auf dem Papier. Aber wenn man, von einer Krisenzeit im Innersten aufgestört, daran gehen will, sich neu einzurichten, muss man damit anfangen, sich das Dach über dem Kopf und den Wohn- und Werkraum zu zerstören? Wieder aus dem Bild zur Wirklichkeit. Eines sei mit aller Deutlichkeit gesagt: Die in der Weimarer Verfassung grundgelegte Demokratie ist auch heute die einzige Garantie für die Einheit und die Lebensmöglichkeit des deutschen Volkes nach innen und außen hin. Vielleicht lässt sich in diesen aufgeregten Tagen, die unvoreingenommener und objektiver Betrachtung nicht günstig sind, der Beweis nur im Negativen führen. Von einem normalen Funktionieren der Demokratie oder gar des Parlamentarismus kann allerdings nicht mehr die Rede sein. Mehr als je ist uns die Republik zur Aufgabe geworden, die es erst zu verwirklichen gilt, aber keine politische Richtung, die die grundsätzliche Abkehr von dem Werk von Weimar fordert, wäre in der Lage, mit unserer Verfassung brutal Schluss zu machen, ohne zugleich die Grundlagen zu zerstören, auf denen das Zusammenleben deutscher Menschen und die Bildung eines wirklichen Staatsbewusstseins überhaupt erst möglich sind. Wer es unternehmen will, ein neues Herrschaftssystem an die Stelle der in Weimar gegründeten Demokratie zu setzen, muss sich klar darüber sein, dass er gleichzeitig die Mehrheit des deutschen Volks – auch wenn Teile dieser Mehrheit aus anderen Gründen als er selber Gegner der Weimarer Verfassung sind – in das Bewusstsein der Entrechtung, der Deklassiertheit verstößt, ein Bewusstsein, das noch immer in der Weltgeschichte in revolutionären Entladungen seinen Ausdruck gefunden hat.


Gegen Autoritarismus und Diktatur

Die Spannungen und Gegensätze, von denen unser Volk gepackt und zerrissen ist, sind Tatsachen, die sich nicht mit dem Bedauern über ihr Vorhandensein und mit der moralischen Betrachung aus der Welt schaffen lassen, wie schön es wäre, wenn wir alle einig wären. Es handelt sich hier nicht um Fragen des guten Willens, sondern um die historisch gewordene Situation. Diese Spannungen zu ertragen ist eine furchtbare Sache für den Menschen, der nicht begreifen kann, dass sein Interesse und seine politische Ansicht nicht von jedermann geteilt werden. Es gibt allzu viele Deutsche in diesen Tagen, die, einer verhängnisvollen Neigung zum Gruppenindividualismus folgend, - der Deutsche ist nun einmal Vereinsmensch - im Andersdenkenden den schlechten Kerl, ja den Verbrecher sehen. Die Sucht, alles Unheil, das die Wirtschaftskrise über das deutsche Volk gebracht hat, dem inneren oder dem äußeren Feind zur Last zu legen, ist riesengroß und verhindert Millionen an dem klaren Bewusstsein über das Wesen dieser Krise und die Wege zu ihrer Überwindung. Und so entsteht auch vielfach die Neigung, die Spannungen und Gegensätze durch Kommando aus der Welt zu schaffen. Es gibt dabei Menschen, die ehrlich überzeugt sind, von der höheren Warte aus zu sprechen und deshalb ein Recht auf das Kommando zu haben, weil sie ja über den Parteien stünden. Sie begreifen nicht, dass die Sache einer Partei nicht aufhört, Parteisache zu sein, wenn die Partei mit der Allgemeinheit verwechselt wird. In der Gesellschaft, in der wir leben, sind Parteien gut, müssen Parteien sein, weil die Gegensätze politisch zur Erscheinung gebracht werden müssen. Diese Gegensätze lassen sich nicht hinwegdekretieren, sie lassen sich aber auch nicht künstlich harmonisieren und gleichsam auf den Generalnenner der nationalen Einigkeit bringen.

Denn diese Gegensätze sind unsere Wirklichkeit, unser Schicksal. Die Kämpfe müssen ausgetragen werden, sauber und ehrlich, die Kämpfe, die aus der Klassenwirklichkeit, aus der historischen Entwicklung der einzelnen Landesteile, aus der kulturellen Differenziertheit des deutschen Volkes sich ergeben. Es muss die Form gefunden werden, die den Austrag dieser Kämpfe erlaubt, ohne dass Deutschland untergeht. Kein politisches System kann Ewigkeitsdauer beanspruchen, aber dem deutschen Volke – auch den widerstrebenden und scheinbar gar nicht danach begehrenden Teilen des Volkes – die Hoffnung auf die Wiederkehr der Demokratie nehmen, wie sie die Weimarer Verfassung vorschreibt, hieße den Klassenkampf in einem Maße verschärfen, dass sein gewaltsamer Austrag unvermeidlich wäre.

Besinnen wir uns auf die Grundlage des Weimarer Kompromisses zurück, das heißt auf den Versuch in der durchgebildeten Demokratie unter dem parlamentarischen System, das auf dem Proportionalwahlrecht aufbaut, die politische Gleichheit aller Deutschen herzustellen und die Wirkungen der wirtschaftlichen Ungleichheit durch Sozialpolitik, Arbeitsrecht und Ansätze zur Wirtschaftsdemokratie zu mildern. (…)


Der Staat sind wir

Wir sind hier versammelt, den konkreten Staat zu feiern, der unser Bekenntnis in diesem Jahre doppelt braucht, weil er seine Krise durchmacht und nicht als fetter Besitz und nährende Pfründe betrachtet werden darf, sondern als eine Aufgabe, vor der wir alle auf die Bewährungsprobe gestellt sind. „Der Staat seid ihr", hat man uns zugerufen, auch dieses Wort kann sich nicht auf einen Staat beziehen, der über Untertanen errichtet ist, sondern nur auf den Staat des Volkes, dem man in Weimar eine Form gegeben hat. Die Fundamente dieses Staates, unseres Staates, vor dem Versinken in der Krise zu retten, sind wir aufgerufen. Mit Feiern und Hochrufen ist das nicht getan, aber das Bekenntnis darf nicht fehlen, wenn die Tat nachfolgen soll. „Das deutsche Volk, einig in seinen Stämmen und von dem Willen beseelt, sein Reich in Freiheit und Gerechtigkeit zu erneuern und zu festigen, dem inneren und dem äußeren Frieden zu dienen und den gesellschaftlichen Fortschritt zu fördern, hat sich diese Verfassung gegeben", heißt es im feierlichen Vorspruch zur Verfassung von Weimar. Ein Blick in die trübe und verwirrte Gegenwart scheint diese Verheißung Lügen zu strafen. An uns nun ist es, dafür zu sorgen, dass sie doch noch Wirklichkeit werde.

 

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Erstellungsdatum: 20.09.2026