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Wolfgang Rüger über das US-amerikanische Künstlerpaar Jane und Paul Bowles

„Jane und ich malten uns aus, wie lustig es wäre, wenn wir heirateten und jedermann einen Schreck einjagten, vor allem unseren Familien“, erinnert sich Paul Bowles in „Rastlos“. Die Hochzeit fand 1938, einen Tag vor Washingtons Geburtstag, in Manhattan statt – und niemand reagierte erschreckt. Wolfgang Rüger beschreibt das Werk, den ungleichen Erfolg und das wechselvolle Eheleben des nicht heterosexuellen Schriftsteller-Paares Jane und Paul Bowles, das sich permanent auf Reisen befand.
Sex ist kein Muss in der Ehe. Der Bund für’s Leben sollte andere Fundamente haben: Freundschaft, Vertrauen, Respekt, Verlässlichkeit, Verantwortung. Paul und Jane Bowles haben 1938 geheiratet und blieben bis zu Janes Tod 1973 ein platonisches Liebespaar. Er war schwul, sie lesbisch. Für die damalige Zeit keine ungewöhnliche Paarkonstellation. Es war aber nicht nur die Wahrung einer bürgerlichen Scheinfassade, die beiden waren sich auch künstlerisch sehr zugetan. „Im Übrigen wäre es nett, wenn Du Deine Arbeit [The Sheltering Sky] nicht als Deinen ‚kleinen‘ Roman bezeichnen würdest, wie in Deinem Brief, denn ich bin überzeugt, er wird sehr stark und doppelt so gut wie meiner, und bestimmt auch erfolgreicher, genauso wie Dostojewski und Sartre.“
Jane Bowles‘ Buch „goNza magilla. Ein Leben in Briefen“ dokumentiert eine unwiederholbare Zeit und eine Philosophie der Libertinage. Wenn man diese teils sehr langen Briefe liest, wird einem klar, wie radikal sich die Kommunikationswege und Reisemöglichkeiten in den letzten 80 Jahren verändert haben. Das Ehepaar Bowles war sehr reisefreudig, vor allem Paul war ständig unterwegs, fast ausschließlich mit dem Schiff. Ausgetauscht haben sich die beiden per Brief und Telegramm. Heute unvorstellbar, dass man auf drängende Fragen manchmal Wochen auf die Antwort warten musste. Gleichzeitig faszinierend, dass die Post ihren Empfänger, wo immer er sich gerade aufhielt, doch erreicht hat. Jane und Paul hatten jahrelang keinen gemeinsamen festen Wohnsitz, zogen von einer billigen Absteige zur nächsten oder kamen kurzfristig bei Freunden unter.

Paul Bowles hatte auf Empfehlung von Gertrude Stein Tanger für sich entdeckt. Für kleines Geld kaufte er schließlich zusammen mit einem Freund ein Haus in der Kasbah von Tanger. Durch den Hauskauf wollte er die Hafenstadt zu einem Fixpunkt in seinem unsteten Leben machen. Die Vorstellung, nach Afrika umziehen zu müssen, begeisterte Jane überhaupt nicht. „Ich bin sicher, daß das arabische Nachtleben mich nicht im geringsten interessiert. Wie Du weißt, finde ich diese Rassen überhaupt nicht erotisch oder aufreizend…“ Bis Ende der vierziger Jahre fand sie vor allem auch erotische Gründe, die für sie gegen eine Übersiedelung sprachen. „Weiß der Himmel, wie mich der Mangel an irgendwelchen romantischen Möglichkeiten dort drüben beunruhigt …“
Der Wunsch, mit Paul zusammen zu wohnen, veranlaßte sie schließlich im Januar 1948 nach Marokko zu reisen und das Land kennenzulernen. Noch im gleichen Jahr begegnete sie zwei Marokkanerinnen, Tetum und Cherifa, mit denen sie sexuelle Affären einging. Bereits im Dezember 1948 hatte sich ihre Einstellung zu Afrika ins Gegenteil verkehrt. „Ich kann mir nicht mehr vorstellen, Marokko für längere Zeit zu verlassen …“ Sie verliebte sich nicht nur in die marokkanischen Frauen, sie machte sich auch die Renovierung von Pauls baufälliger Hütte zur Lebensaufgabe.
Beides sollten Herausforderungen der besonderen Art werden. Die zwei Marktfrauen waren gerissen genug, Janes Gefühle für sich auszunutzen. „Es macht mir überhaupt nichts aus, dass man mich nur wegen des Geldes mag.“ Großzügig beschenkte sie ihre maghrebinischen Geliebten, obwohl sie selbst auf Zuwendungen amerikanischer Gönnerinnen angewiesen war. Vor allem das Verhältnis zu Cherifa nahm Züge von totaler Abhängigkeit an. Testamentarisch verfügte Jane, dass Cherifa das Haus in der Kasbah erhalten solle. Diese und andere Begebenheiten schürten das Gerücht, Cherifa hätte Jane vergiftet oder verhext.
Die Liebe zwischen Paul und Jane war so groß, dass Paul 1956 tatsächlich sein Haus an Cherifa überschrieb, die er abgrundtief hasste.

Die frühen Briefe schildern ein Leben von der Hand in den Mund, Jane wohnt wechselweise bei Freundinnen und ist hauptsächlich damit beschäftigt, die New Yorker Wohnung von Paul unterzuvermieten. Während er in der Weltgeschichte unterwegs ist, hockt sie an der Ostküste und lamentiert über ihre Schreibschwierigkeiten. Im Gegensatz zu ihrem Mann hat sie bereits einen Roman publiziert, kommt aber mit ihrer „Karriere“ nicht recht voran. „Du hast mit wenigen Short stories schneller Karriere gemacht als ich, die ich einen ganzen Roman geschrieben habe. All die Zeit hat mich das nicht gekümmert, weil ich nicht wußte, daß Verleger ihren Autoren schreiben, aber jetzt geht mir auf, in welchem Ausmaß mein Werk professionell überhaupt nicht zur Kenntnis genommen wird“, schreibt sie im September 1947.
Paul, der eigentlich Komponist war, hatte mit seinem ersten Roman gleich Erfolg. Das Schreiben ging ihm leichter von der Hand als Jane. In ihren Briefen schildert sie anschaulich, mit was ihr Alltag angefüllt ist: Arabisch lernen, Brille reparieren lassen, Haus kaufen und renovieren, Geldtransfers organisieren, Freunde treffen, Trips durch Europa unternehmen, Reisepläne schmieden, Bandwurm bekämpfen, Freundinnen trösten, Intrigen abwehren, Liebeskummer unterdrücken, Dampf ablassen, niedergeschlagen sein, die Abtreibung einer Bekannten managen, einem Papagei das Sprechen beibringen. In ihren Briefen geht es um die Alltäglichkeiten, die sie vom Schreiben abhalten.
Im Gegensatz zu Paul erhält sie keine guten Kritiken und von ihrem Verlag keinerlei Rückenstärkung. Unbezahlte Rechnungen und Zukunftsängste demotivieren sie zusätzlich. „… weil es ein schreckliches Gefühl ist, mit dreißig Jahren unfähig zu sein, so viel zu verdienen, dass man sich um diese Dinge keine Sorgen machen muss. … Ich habe keine Angst, denn es ist nicht so, als stünde ich auf der Straße oder könnte niemanden um Geld bitten …. Es ist nur eine solche Erniedrigung.“

Trotz ihrer angespannten finanziellen Lage war das „dream-team der angelsächsischen Intellektuellen-Welt des 20. Jahrhunderts“ (Marko Martin) viele Jahre rastlos auf Achse. Oft in Begleitung von Freunden, die heute weltberühmt sind: Tennessee Williams, Gore Vidal, Peggy Guggenheim, Sybille Bedford. Im Dezember 1954 reisten beide nach Taprobane, einer winzigen Insel in Ceylon, die Paul 1952 gekauft hatte. Dort begannen Janes depressive und hysterischen Schübe, ihr fielen büschelweise die Haare aus und sie begann, unmäßig zu trinken. Ende April 1957 erlitt sie nach einem Streit mit Cherifa einen Schlaganfall und litt fortan an Dysphasie und einer rechtsseitigen Hemiplegie. Ab ihrem vierzigsten Lebensjahr war ihr Gesundheitszustand erbärmlich, beim Lesen und Schreiben war sie auf Hilfe angewiesen, ihre späten Briefe werden zu einem orthographischen Kauderwelsch.
Das vermutlich Aufregendste, was Tanger kulturell widerfahren ist, hat sie in ihren Briefen leider nicht festgehalten. In den Fünfzigern kamen die Protagonisten der Beat Generation zum Ficken, Kiffen und Arbeiten in „die Stadt am blauen Meer“, Paul Bowles war ihr Kristallisationspunkt. In den Briefen von Jane finden sie allerdings so gut wie keine Erwähnung, sie war mit ihren eigenen Techtelmechtels beschäftigt. Über die Exzesse der Homos verliert sie kein Wort.
Als sie sich gerade wieder in eine neue Frau verliebt hat, schreibt sie an ihre lebenslange Freundin und Mäzenin Libby Holman: „An manchen Tagen fühle ich mich elend, weil ich zwei gleichermaßen starke Schicksale zu spüren meine, und eins davon ist mit Paul zu leben. Natürlich vermisse ich ihn schrecklich.“ Und Paul wird nach ihrem Tod sagen: „Wir waren wie zwei Verschworene, aussergewöhnlich stark miteinander verbunden. Ihr Tod war ein furchtbarer Schlag für mich. Ich verlor die Hälfte meiner selbst.“
Ihre platonische Liebe war unverbrüchlich. Als Jane von einer europäischen Anstalt zur nächsten wechselte, immer wieder mit Elektroschocks malträtiert wurde, unternahm Paul alles, um ihr Leben so erträglich wie möglich zu gestalten. Er holte sie zeitweise nach Tanger zurück, aber das tat ihr nicht gut. Die letzten sechs Jahre ihres Lebens verbrachte sie in Spanien dauerhaft in psychiatrischen Kliniken. Ihr vorletzter Brief an Paul lautet: „Darling Paul [Ich frage mich ob und ich frage mich ob ausgestrichen] Ich weiß nicht was [mehrere Worte ausgestrichen] ich dich fragen wollte aber ich aber ich weiß ganz sicher daß ich dich [verzweifel ausgestrichen] vermisse [dich ausgestrichen] sehr und bitte komm und hol [mich ausgestrichen] her um mich zu sehen und mich abzuholen wenn das möglich ist. Ich möchte so schreklich gern nach hause.“
1973 fand das Leben einer Autorin, die bei Kollegen hohes Ansehen genoß, deren Collected Works aber nur knapp 500 Seiten umfassen, in der Clinica de Los Angeles in Malaga ein Ende. Jane Bowles führte ein Leben, das dafür sorgte, dass das große Versprechen ihrer Prosa nie eingelöst werden konnte.
Erstellungsdatum: 08.08.2026