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Die Figur Jesus steht seit einigen Jahren verstärkt im Rampenlicht. Etwa durch einen Präsidenten, der sich als Erlöser inszeniert oder wie jüngst durch einen israelischen Soldaten, der eine Jesusfigur zerschlägt. Dessen Handlung hängt für Leon Joskowitz mit einem „historischen Fehlurteil“ zusammen, das „seit zwei Jahrtausenden den Antijudaismus nährt“. Die Kreuzinschrift I.N.R.I. – das lateinische Akronym für Jesus von Nazaret, König der Juden – trug seiner Ansicht nach dazu bei, „Juden symbolisch mit Schuld und Verurteilung zu verknüpfen“.
Jesus erhitzt die Gemüter. Erst der Shrimp-Jesus als globales AI-Slop-Phänomen, dann Trump, der als Jesus inszeniert wird, und jetzt eine Jesusfigur, die von einem israelischen Soldaten mit einem Hammer zerschmettert wird. Warum? Was ist so aufregend an diesem jüdischen Wanderprediger aus Nazaret, der vor 2000 Jahren durch seinen Tod zum Christus wurde? Und warum bringt er einen jüdischen Soldaten in Rage?
Die Antwort auf die erste Frage ist bekannt: Jesus ist der Sohn Gottes. Er predigt Barmherzigkeit, vollbringt Wunder und stirbt. Dann steht er wieder auf, kehrt zurück in den Schoß Gottes und symbolisiert seitdem die Hoffnung auf Erlösung und ein Leben nach dem Tod. Die Auferstehung und der Glaube an ein ewiges Leben stehen im Zentrum des christlichen Dogmas. Jesus verkörpert diesen Glauben, und da wir nun einmal Zeugen einer Renaissance der Religion sind, ist und bleibt Jesus Christus nicht nur der berühmteste Mensch der Weltgeschichte, sondern auch der Superstar des christlichen Abendlandes.
Um jedoch die Rage des jüdischen Soldaten zu verstehen, muss man etwas genauer hinschauen. Natürlich weiß ich nicht, was diesen jungen Mann umgetrieben hat, aber ich will das verstörende Bild zum Anlass nehmen, um auf den Antijudaismus hinzuweisen, der der Darstellung Jesu am Kreuz und der Inschrift I.N.R.I. innewohnt. Über dem Kopf und der Dornenkrone Jesu stehen bekanntlich häufig die vier Buchstaben I.N.R.I. Das lateinische Akronym steht für Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum – Jesus von Nazaret, König der Juden. Dieser „Titel“ wurde einst über Jesus von Nazaret am Kreuz angebracht, weil es vor 2000 Jahren üblich war, die Todesurteile der Gekreuzigten an ihren Kreuzen festzuhalten. Wir lesen dort also: Hier hängt Jesus aus Nazaret, weil er sich als König der Juden ausgegeben hat. Jesus wurde zum Tode verurteilt und ans Kreuz geschlagen – so steht es in den Evangelien –, weil man ihm unterstellte, dass er sich als König der Juden ausgegeben habe.
Das Problem ist nur, dass wir in den alten Schriften keine Selbstbehauptung Jesu finden, die dies belegen würde. Die Stelle, auf die sich die Christen bis heute berufen, wenn sie versuchen, zu begründen, warum die Inschrift wichtig sei, finden wir in Markus 15. Dort sitzen sich der römische Statthalter Pontius Pilatus und Jesus gegenüber: „Und Pilatus fragte ihn: Bist du der König der Juden? Er antwortete aber und sprach zu ihm: Du sagst es.“
Es ist eine geniale Stelle. Wir werden Zeugen eines performativen Verwirrspiels, das sich tief in das Verhältnis von jüdischer und christlicher Religion eingegraben hat. Die Aussage von Jesus: „Du sagst es“, lässt sich sowohl als Bejahung als auch als Verneinung der Frage verstehen. Jesus lässt uns im Unklaren darüber, ob er sich selbst als König der Juden ansieht oder ob er Pontius Pilatus seine Worte zurückgibt und dabei das „Du“ betont: „DU sagst es.“
Es ist Zeit, anzuerkennen, dass das Todesurteil „König der Juden“ fragwürdig ist. Es kann nicht als gesichert gelten, dass Jesus von sich selbst als König der Juden gesprochen hat oder diesen Titel von anderen angenommen hätte. Daher gilt hier wie bei jedem fairen Verfahren: in dubio pro reo! Im Zweifel für den Angeklagten. Das Schuld- und Todesurteil „König der Juden“ ist ein Fehlurteil. Es muss revidiert werden, nicht zuletzt, weil die Folgen dramatisch waren und immer noch sind.
Bis heute sind Nacktheit und Tod in der Öffentlichkeit zumindest Tabu, wenn nicht sogar verboten. Die einzige Ausnahme: der sterbende Jesus Christus am Kreuz. Er hängt immer noch überall herum. Was man als aufgeklärter Mensch davon halten mag, dass Menschen sich gerade diese Leidensfigur als Sohn Gottes auserkoren haben, ist hier nicht das Thema. In Deutschland herrscht Religionsfreiheit, und jeder darf glauben, was er oder sie will. Aber dieser Glaube darf andere nicht diffamieren. Und genau dies ist mit der Inschrift I.N.R.I., die seit 2000 Jahren das Fehlurteil gegen Jesus durch die Geschichte transportiert, der Fall.
Am Kreuz hängt der Erlöser. Angebetet wird nicht der jüdische Jesus aus Nazaret, sondern der Mensch gewordene Gott, der Messias der Christen. Als Jesus Christus ist er nicht mehr der jüdische Junge aus Nazaret, sondern der Begründer einer eigenen Religion.
Die Inschrift I.N.R.I. ist also gleich doppelt fragwürdig. Erstens ist sie als Schuldspruch ein Fehlurteil, und zweitens beten die Christen ja nicht den jüdischen Wanderprediger Jesus an, sondern den zum Christus transformierten Jesus. Es stellt sich also die Frage, warum das Fehlurteil und der diffamierende Titel „König der Juden“ sich erhalten haben.
Wie immer es sich auch mit den streng theologischen Fragen verhalten mag, sei auf eine ausführlichere Debatte vertagt, aber als sicher darf gelten, dass ein historisches Fehlurteil vorliegt, das seit zwei Jahrtausenden den Antijudaismus nährt. Freilich ist dies kein Grund, mit einem Hammer auf eine Jesusfigur loszugehen, aber die Anerkennung der hier nur angerissenen Problematik hat weitreichende Folgen. Wer begreift, dass der sterbende Jesus seine jüdische Identität noch nicht ganz abgelegt hat, wird auch die beiden nun folgenden Forderungen nachvollziehen können.
Entweder man beharrt auf der jüdischen Identität von Jesus von Nazaret – dann fordere ich, dass man ihn vom Kreuz herunterholt und ordentlich beerdigt. Oder man beruft sich auf Jesus als Christus und Erlöser – und verzichtet in Zukunft auf die Inschrift I.N.R.I. Die Mindestforderung lautet also: die Entfernung der Inschrift, die Maximalforderung: ordentliche Beerdigung.
Ich habe über diese Fragen im Laufe der letzten Jahre mit verschiedenen Menschen gesprochen, die sich der christlichen Religion verbunden fühlen. Und ich musste zu meiner Erschütterung feststellen, dass sich kaum einer dessen bewusst ist. Dies mag an einem „Christentum light“ liegen, das heute in Deutschland häufig gepflegt wird. Aber es zeigt zugleich, dass die Diffamierung von Jesus als „König der Juden“ und das damit verbundene Todesurteil bis heute akzeptiert wird. Es ruft keine Abwehr, kein Unbehagen, keinen Widerstand hervor. Man akzeptiert das Todesurteil gegen den Juden.
Nichts davon rechtfertigt die Tat des wütenden Soldaten. Wie gesagt – ich weiß nicht, welchen Legenden und Erzählungen er aufsitzt und was seine Motive waren –, aber es ist mir wichtig, darauf hinzuweisen, dass die Inschrift I.N.R.I. in ihrer Wirkungsgeschichte dazu beigetragen hat, die Juden symbolisch mit Schuld und Verurteilung zu verknüpfen.
Ich fürchte, dass sich kaum jemand dieser Tatsache wirklich bewusst ist. Wollte man den Antisemitismus wirklich bei der Wurzel packen und die Sonderrolle der Juden ad adcta legen, so müsste man hier ansetzen.
Erstellungsdatum: 26.04.2026