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Einführung zu Thomas Bayrles Ausstellung „Fröhlich Sein!“

Weberei

Eva Claudia Scholtz


Thomas Bayrle. Fröhlich Sein!, 2026, Ausstellungsansicht, iPhone Pietà (2017) © Christina Chandris, Rom; Schirn Kunsthalle Frankfurt 2026, Foto: Norbert Miguletz

Die Bezeichnung „Kartenschlägerin“ hat nichts mit der Dame am Pokertisch zu tun, sondern mit einem Beruf, der nur von Frauen ausgeübt wurde: dem Lesen und Herstellen von Lochkarten, zunächst für den somit steuerbaren automatisierten Jacquard-Webstuhl. Claudia Scholtz, Geschäftsführerin der Hessischen Kulturstiftung in Wiesbaden, bezieht sich in ihrer Einführung zu Thomas Bayrles Ausstellung „Fröhlich Sein!“ auf dieses Gerät, das die mechanische Herstellung großflächiger Webmuster erlaubte, die zum Gestaltungsprinzip des gelernten Webers Bayrle wurden.

 

Haben Sie, verehrtes Publikum, je von hoher See heimgekehrte Fischer dabei beobachtet, wie sie an Land ihre Netze auslegen? Wie sie in stundenlanger Feinarbeit das Gewebe Faden für Faden aufdröseln – es aufknoten, ausbessern, erneut verknoten und auffädeln, auswaschen und zum Trocknen aufhängen? Alles mit großer Geduld und Hingabe.

Wenn Sie dabei Augenzeuge waren, dann haben Sie beinahe schon dem gelernten Weber Thomas Bayrle bei der Arbeit zugesehen:
Weben, Spinnen, Stricken, Knüpfen, Flechten.
Die archaischsten Bindekünste liegen Bayrles Œuvre zugrunde – bis hin zu seinen ins schier Grenzenlose ausgedehnten „Superformen“ aus gleichförmigen Modulen: Diesem Künstler ist das Bedürfnis nach Reihungen gleichsam angeboren. Er sucht die Anfänge, die Folge, die Serie, die Wiederholung, die Varianten: Vielleicht im verborgenen Wunsch, dass nichts, was er einmal angefasst, was er angefangen habe, je abreiße, jemals ende.

Von dem Wiener Karl Kraus stammt die Formel „Ursprung ist das Ziel“.
Als Motto könnte sie über dem „Weberei / Weaving“ (2010) betitelten Exponat dieser Ausstellung stehen. Hergestellt ist es aus dem gleichen Material wie Bayrles Autobahnen: in Streifen geschnittene Pappe, zu mehrfach verschlungenen, verdrehten und gewundenen Geweben geflochten. Als Bildträger weist das Relief programmatisch auf den Werdegang des Künstlers zurück.
In den 1950er Jahren absolvierte Bayrle die Ausbildung zum Weber. Damals schloss er Bekanntschaft mit dem automatisierten Jacquard-Webstuhl. In dem Maße, wie der die Textilienherstellung revolutioniertem, steht er am Anfang aller modernen Industrie.

Ausgerechnet der seit archaischen Zeiten bekannte Webstuhl wurde zum Vehikel aller Mechanisierung und Industrialisierung.
Überdies wurde er zum Geburtshelfer für das motorisch angetriebene Vehikel namens Automobil, das in der Folge sämtliche Verkehrswege seinen beschleunigten Bedürfnissen unterwarf: Den Straßen-, Post- und Warenverkehr. Glaubt man dem Schriftsteller John Steinbeck, wurden in den 1940/50er Jahren „die meisten Kinder im Ford T gezeugt“, einem der ersten Serienfahrzeuge in Massenproduktion.

Und so befahren auch winzige Modellautos aus Plastik die aus Karton gewirkten Straßen des Bildträgers von Bayrles „Weberei“.

Diesem für seinen Werdegang programmatischen Werk fügte er im Jahr darauf ein Pendant hinzu, das auf seine Herkunft aus einer Künstlerfamilie weist: Alf Bayrle, der Vater, ein wandernder Maler, hatte in den frühen 1930er Jahren zeichnend und fotografierend an den Expeditionen des Frankfurter Ethnologen Leo Frobenius teilgenommen. Auch der Knabe wurde bereits bekannt gemacht mit der riesigen Sammlung des vormals „Völkerkundemuseum“ genannten Hauses.

Bei seiner Wiedereröffnung 2011/12 als Weltkulturen-Museum unter der neuen Direktorin Clémentine Deliss waren Helke und Thomas Bayrle als Artists in Residence hinzu geladen: An der Seite von Kunstschaffenden aus Herkunftsländern der Sammlung wurde ethnographische Feldforschung in die Museumsmagazine selbst verlagert.
Das Laborieren mit ausgewählten Sammlungsstücken inspirierte zu eigenen Arbeiten.

So entstand Bayrles „Falle für dumme Autos“, ein Geflecht, gewirkt aus dem gleichen Material wie die „Weberei“.

Aus dem Studium der Beschaffenheit und Funktionalität von Reusen, wie sie seit alters von Papua- Neuguinea bis nach Ostfriesland im Fischfang gebräuchlich sind, entstand eine Mischform aus Fischfalle und überdimensioniertem Einkaufskorb.
Darin eingefangen, kreuzt ein zeitgenössisches Miniatur-Monster-Gefährt der Marke Hummer. Die Intention und den Witz an der Sache erläuterte Bayrle im Katalog:

„Geflochtene Taschen und Fallen sind eine Weiterentwicklung der ‚Autobahnfrage‘ (...) Diese fetten amerikanischen Hummer – riesige Kampfkarossen mit Allradantrieb – sind anscheinend nur noch für Hausfrauen da, um im Supermarkt einen Liter Milch zu holen.

Eins, zwei Nummern kleiner, betrachten wir die beiden Exponate mit den frommen Titeln „Rosary“ (2009) und „Rosaire“ (2012): Letzteres der isoliert freigelegte Motor eines Citroen 2CV bei andauernder Bewegung der Kolben; ersteres, ein auf ein einziges Fragment, nämlich den Scheibenwischer, zerlegte Ford Galaxy.
Als kinetische Skulpturen sind beide Werke in Endlosschleife mit dem tönenden Sound von Rosenkranz betenden Gläubigen unterlegt:
Mit den Worten des Künstlers kehrt darin der „Singsang der Maschine“ wieder – gemeint ist der gleichförmig ratternde Lärm der Jacquart-Webstühle: Wie ein Mantra versetzt er die Zuhörenden in eine meditative Trance.

Machen Sie darauf einen Test mit dem rund 22-minütigen Song „Fahr’n fahr’n fahr’n auf der Autobahn“ der Elektro-Pop-Gruppe Kraftwerk: Betrachten und belauschen Sie mit diesem Wurm im Ohr die endlosen Halbkreis-Loopings des einsamen Scheibenwischers jenes abgewrackten Ford Galaxy. Im Takt ewiger Wiederholung eines immergleichen Rituals bricht er stets von links unten her auf, um nach rechts hinüber zu wippen, bevor er dort aufprallt, um zum Ausgangspunkt zurückzukehren, ohne dass sich zwischenzeitlich etwas geändert hätte.

Bleibt die Frage, die Thomas Bayrle sich und uns implizit stellt: Ist es mit all unseren mechanisierten, motorisierten, industrialisierten, digitalisierten menschlichen Anfängen und Aufbrüchen nicht ganz ähnlich bestellt?

Weiter geht die Fahrt – in Worten Bayrles, die dem babylonisch anmutenden Gemurmel seiner Rosenkranzbeterinnen abgelauscht sein könnten – „sulla strada delle Mistakes. Strada delle Aventure“.

 

Kulturtipp: Ausstellung Thomas Bayrle 

Siehe auch:
Martin Lüdke: Thomas Bayrle in der Schirn

 

 

 

Erstellungsdatum: 24.02.2026