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Wenn man sich im Italienischen trifft, heißt das Wort dafür „incontrare“. Da schwingt noch das Konträre, das gegeneinander Gerichtete mit. Das Unvertraute des Aufeinandertreffens wird in Eldad Stobezkis Notizen aber im gemeinsamen Leid aufgelöst und mit selbstironischen Betrachtungen auf eine verbindliche Ebene geschickt. Daran will man sich erinnern.
Wir treffen uns immer wieder bei Lesungen, und ich weiß, wie sie heißt. Doch als wir uns nach langer Zeit in der U-Bahn begegnen, erinnere ich mich nur noch an ihren Nachnamen. Aber wir sind per Du. Was tun? Wir reden, und ich vermeide es, sie beim Namen zu nennen.
Einige Tage später fällt mir ihr Vorname wieder ein, und als sie mir zufällig auf der Straße entgegenkommt, benutze ich ihn gleich mehrmals. Sie soll ja nicht denken, ich wüsste nicht, wie sie heißt.
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Ich stehe vor dem Obststand auf dem Wochenmarkt. Neben mir eine Freundin, die ich seit Langem nicht gesehen habe. Ich begrüße sie und frage nach ihrem Befinden, weil ich weiß, dass sie gesundheitlich angeschlagen ist.
Sie ist leidenschaftliche Radfahrerin und hat bereits mehrere Stürze und sämtliche Brüche hinter sich.
„Ich kann schon wieder Fahrrad fahren“, sagt sie und erzählt von ihrem letzten Unfall. „Aber lange Touren, wie ich sie früher unternommen habe, schaffe ich nicht mehr. Ich muss mich neu orientieren. Wir sind jetzt alt, und es passt, dass du mich zuerst nach meiner Gesundheit gefragt hast.“ Ich antwortete: „Das ist doch selbstverständlich. Sollte ich mich etwa nach deinem Sexleben erkundigen?“
Von ihrem Lebenspartner hat sie sich schon vor Jahrzehnten getrennt. Sie lacht und sagt: „Das habe ich längst abgeschrieben. Das interessiert mich nicht mehr. Aber dass ich keine langen Fahrradtouren mehr machen kann, das macht mich traurig.
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Auf dem Heimweg treffe ich Jany in der U-Bahn.
„Wie geht es dir?“, frage ich.
„Gut“, sagt sie. „Und dir?“
„Danke, mir geht’s auch gut.“
Jany will wissen, woher ich gerade komme.
„Vom Zahnarzt.“
„Und du?“
„Vom Orthopäden.“
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Edwin, ein alter Bekannter, lädt mich zum Wildessen ein. Wir treffen uns in einem Gasthaus mitten im Wald. Es gibt Rehkeule mit Rotkohl und Kartoffelklößen. Früher hat er selbst gejagt. Jetzt zwingt ihn seine Polyneuropathie an den Rollator, doch er ist froh, dass er noch Auto fahren kann.
Er erzählt mir, dass er nachts oft wach liegt und nicht einschlafen kann. Dann schaut er sich die drei Webcams an, die in seinem früheren Jagdrevier im Spessart installiert sind. Wenn er Pech hat, sieht er nur Fledermäuse und Igel. Rehe, Hirsche und Wildschweine sind meist in der Dämmerung und nachts unterwegs.
Von Mitte Juni bis Mitte Juli sieht er oft Glühwürmchen und erinnert sich an seine erste Freundin – und daran, wie sie sich im Wald liebten.
„Die Bäume im Wald sind windschief; ich bin lebensschief“, sagt er. „Letzten Sonntag lief im Radio die Kantate Nr. 158 aus dem Bach-Werke-Verzeichnis. Sie heißt Welt, ade, ich bin dein müde. Ich bin aber noch nicht so weit. Ich lebe zwar aus der Erinnerungskiste, aber sie ist prallvoll. Ich bin noch klar bei Verstand und denke nicht daran, ein Ende zu finden. Außerdem wohne ich im Parterre.“
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Wir fallen, wir stehen auf, wir heilen die Brüche, wir fahren wieder Fahrrad, wir kriegen neue Zähne. Verschwunden ist das Wort „vulnerabel“, das in der Corona-Zeit so oft in den Medien kursierte.
Wir sind zäh.

Eldad Stobezki
Rutschfeste Badematten und koschere Mangos
Gebunden, 150 Seiten
ISBN 9783949671159
Edition-W, Frankfurt, Frankfurt 2024
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Erstellungsdatum: 05.02.2026