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Valery Tscheplanowas Roman „Ist es Liebe“

„Wie hatte das passieren können?“

Walter H. Krämer


Valery Tscheplanowa. Foto: Mathias Bothor

Die vielfach ausgezeichnete Schauspielerin Valery Tscheplanowa hat jetzt ihren zweiten Roman vorgelegt. Hier erzählt sie von einer Liebe, die Grenzen sprengt und trotz aller Widrigkeiten zu bestehen versucht. In der Beziehung zwischen einer aus bürgerlichen Verhältnissen stammenden Frau und einem aus Nairobi Geflüchteten ohne Aufenthaltserlaubnis prallen soziale, geografische und kulturelle Welten aufeinander. Beim Lesen des auch von Misstrauen und Vorverurteilung handelnden Buches hat sich Walter H. Krämer bei eigenen Vorurteilen ertappt.


Ist es Liebe: Ein Paar rauft sich zusammen – trotz aller Widerstände und kultureller Unterschiede. Valery Tscheplanowa wurde als Schauspielerin gefeiert – zuletzt 2023 in ihrer Rolle als Nathan der Weise in einer Inszenierung des gleichnamigen Stücks von Ulrich Rasche für die Salzburger Festspiele – und mehrfach ausgezeichnet. Unter anderen mit dem Alfred-Kerr-Darstellerpreis (2014), dem Bayerischen Kunstförderpreis (2015), als Schauspielerin des Jahres (2017) und dem Ulrich-Wildgruber-Preis (2018). Unvergessen auch ihre Buhlschaft im „Jedermann“ von 2019 oder ihr Gretchen in Frank Castorfs siebenstündiger Faust-Inszenierung von 2017 an der Berliner Volksbühne. Sie zeichnet sich durch eine unvergleichliche Bühnenpräsenz aus, Hingabe an die jeweilige Rolle und sprachliche Virtuosität. 
Leider ist sie kaum mehr auf der Bühne zu sehen. Hat sich dem Film zugewandt – zuletzt zu sehen in einer Folge der Serie „Die Verteidigerin“ – „Der Fall Belling“ (in der ARD-Mediathek noch bis Oktober 2026 abrufbar).

Valery Tscheplanowa ist neuerdings auch als Autorin tätig. Literaturkritiker:innen zeigten sich beeindruckt von ihrem 2023 erschienenen Romandebüt „Das Pferd im Brunnen“. Jetzt ist ihr zweiter Roman mit dem Titel „Ist es Liebe“ im Rowohlt-Verlag erschienen.

Die Autorin erzählt darin von einer Liebe, die Grenzen sprengt und trotz aller Widrigkeiten zu bestehen versucht. Sie wolle beschreiben, so erzählt Tscheplanowa, welches Gepäck Menschen in die Liebe ein- und mitbringen. Der Rausch der ersten Verliebtheit kann schnell vorübergehen und man stellt fest, dass der andere etwas aus seiner Vergangenheit mitgebracht hat, das die Beziehung belastet und dieses Mitgebrachte wolle sie in ihrem Roman porträtieren und damit auch zeigen, dass dies nicht unbedingt ein Hindernis sein muss, sondern eher als Herausforderung verstanden werden kann. Charles Aznavour liefert dazu das passende Vorwort: „Du musst lernen, vom Tisch aufzustehen, wenn keine Liebe mehr serviert wird“.


Die Frage „Ist es Liebe“ – der Buchtitel verzichtet bewusst auf das Fragzeichen – wird für Anne zur Zerreißprobe in der Beziehung zu Richard, einem Geflüchteten aus Nairobi und ohne Aufenthaltserlaubnis in der Stadt. Sie kommt aus gut bürgerlichem Hause und ist gerade dabei, eine Karriere als Schauspielerin zu starten. Sie wird auch noch ungewollt schwanger und der Alltag als Kleinfamilie ist bald eine Überforderung. Die gemeinsame Wohnung wird vom Liebesnest, zur Zelle. Hinzu kommen noch private Probleme – sie mit einer Essstörung, er mit Alkohol- und Drogenproblemen. „Wie hatte das passieren können? Der betrunkene Mann in meinem Bett und unser Kind, das kaum ein halbes Jahr alt ist und neben uns schläft“ ist ein Gedanke, der sich durch das Gehirn der Erzählerin gräbt. Nicht jedes Verhalten ist entschuldbar und Annes Schwester hat dafür folgende Worte: „Du kannst nicht alles mit seiner Herkunft relativieren. Ihr führt die Beziehung hier in Deutschland, unter den Gegebenheiten, die hier herrschen, und hier nutzt er dich aus." 
In dem Roman prallen unterschiedliche Welten – soziale, geografische und kulturelle – aufeinander und die Autorin stellt sich die Frage: Lässt sich das Fremde einfach ausblenden, nur weil man es nicht wahrnehmen / nicht wahrhaben will? Und lassen sich herkunftsbedingte Gräben, wie sie sich zwischen Anne und Richard auftun, überwinden?
Anne trifft auf Richard, ein Mensch aus einem anderen Land, einem anderen Kulturkreis. In dem Augenblick, in dem sie ihn in ihr Leben lässt, ist sie mit seiner Geschichte und der seines Landes konfrontiert und muss lernen, diese zu verstehen. Eine Voraussetzung dafür, dass ihre gemeinsame Liebe gelingt.
„Anne hatte sich in Richard verliebt, als er zum ersten Date das Brot mitbrachte, und Richard sich in Anne, als er ihr seine Duldungspapiere zeigte und sie ihn nicht im Stich ließ. Anne hatte sich wieder entliebt, als sie zitternd vor Wut auf dem Fußboden zusammensank und die WhatsApp-Nachrichten las, die ihm andere Frauen geschrieben hatten, und Richard hatte sich entliebt, als er merkte, dass er mit jeder Unverschämtheit durchkam. Richard verliebte sich wieder in Anne, als er die gelbe Jeans für sie zurückgab und ihr den Umschlag mit dem Geld auf den Küchentisch legte, und Anne verliebte sich das zweite Mal in Richard, als er wieder anfing, seinen Kopf schief zu legen, wenn sie an ihm vorbeiging.“

Es gibt ein ständiges Auf und Ab in der Beziehung. Richard zieht mehrmals aus der gemeinsamen Wohnung aus, dann wieder ein. Anne flieht aus der Enge ihrer Wohnung des Öfteren zu Ihrer Mutter. Doch die Abstände – ein Zeichen von Hoffnung! – zwischen den Katastrophen und endgültigen Abschieden werden immer länger, die Gespräche zwischen den beiden offener und das gegenseitige Vertrauen tiefer. So endet denn das Buch mit dem erneuten Einzug in eine gemeinsame Wohnung – diesmal in Frankfurt am Main. Während sie unter die Dusche geht, nimmt er den Sohn mit zum Einkaufen, lächelt sein Zahnlückenlächeln und wird ganz sicher das Spülmittel nicht vergessen.


Valery Tscheplanowa beschreibt in diesem Roman eine Paarbeziehung aus unterschiedlichen Perspektiven. Dabei gelingen einfühlsame Porträts von Freunden, Verwandten und einer Großmutter. Die Sprache ist poetisch mit manchmal starken humorvollen Bildern. Ihre Genauigkeit beim Sprechen auf der Bühne entspricht der Genauigkeit beim Schreiben, in dem sie die Worte sorgfältig wählt und so beim Lesen ein vielschichtiges Panorama menschlicher Beziehungen entsteht. Der Roman handelt auch von Misstrauen und Vorverurteilung gegenüber dem jeweils anderen und man ertappt sich beim Lesen vielleicht bei seinen eigenen. Eine Lektüre also, bei der die Lesefreude zum Nachdenken anregt.

 

 

 

Valery Tscheplanowa
Ist es Liebe
240 Seiten
Hardcover
ISBN: 978-3-7371-0221-6
Rowohlt Berlin 2025

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Erstellungsdatum: 05.01.2026